Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Der Koffer ist ausgepackt, die Bilder sortiert und die Eindrücke verarbeitet: Die Frankfurter Buchmesse war für mich dieses Jahr wieder ein großes Erlebnis. In Vorbereitung auf die aufregenden Tage hatte ich mir die Literatur des Ehrengasts Flandern und Niederlande ganz genau angesehen und in einem Beitrag Buchempfehlungen gegeben.

Alte Bekannte treffen, Blogger kennenlernen und neue Erfahrungen machen: Das ist für mich die größte Freude, wenn ich durch die Hallen bummele. Ich lade euch ein, mit mir über die Blogs der lieben Menschen zu wandern, die für mich die Messe zu einem Erlebnis gemacht haben:

Ich habe mich über ein Wiedersehen gefreut mit…

Und es war schön, euch endlich kennenzulernen…

Das Veranstaltungsangebot der Frankfurter Buchmesse war vollgepackt mit Lesungen, Vorträgen und Diskussionen. Zuverlässige Anlaufstelle für tolle Events war der  Orbanism Space. Die Fotoaktion der Buchentdecker und der Fotobulli aus Flandern haben den Austausch in den Sozialen Medien etwas bunter gemacht und witzige Schnappschüsse entstehen lassen. Im Lesezelt in der Agora der Messe gab es ein durchgängiges Programm mit bekannten Autoren. Die Fantasy-Runde mit Ivo Pala, Markus Heitz und Julia Lange war für mich einer der schönsten Programmpunkte der Messe.

Ein Highlight war aber auch das Bloggertreffen #BlognTalk, das vom Bloggerportal von Random House ausgerichtet wurde und in dessen Rahmen ich den Sachbuchautor und PR-Manager Frank Behrendt kennengelernt habe. Das entstandene Interview könnt ihr hier nachlesen.

Die dazugehörigen Partys der Messe habe ich dieses Jahr nicht ganz so exzessiv in Anspruch genommen. Die „Hanser Nacht“ habe ich mir allerdings nicht entgehen lassen, tolle Gespräche mit ehemaligen Kollegen, mit Freunden und Bloggern geführt und berühmte Autoren bestaunt. Die Party der Jungen Verlage habe ich diesmal ausfallen lassen und stattdessen in einer Frankfurter „Äppelwoiwirtschaft“ die Messe kulinarisch und alkoholisch ausklingen lassen.

Es gibt noch viele Menschen, die ich gern gesehen hätte und einige Veranstaltungen, die ich leider verpasst habe. Ich freue mich schon auf die nächste Messe und werde gespannt sein, wen ich da alles kennenlernen werde!

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Am Stand von Random House auf der Frankfurter Buchmesse war am Freitagnachmittag viel los: Zahlreiche Blogger sind der Einladung zum „BlognTalk“ gefolgt, um sich auszutauschen und auf Autoren zu treffen. Ich war eingeladen, Sachbuchautor Frank Behrendt zu interviewen, der im September sein Buch „Liebe dein Leben und nicht deinen Job“ veröffentlicht hat. Grundlage für den Ratgeber waren 10 Ratschläge für ein glückliches Leben, die er 2015 im Magazin „Clap“ vorgestellt hatte. Darin erklärte der erfolgreiche PR-Manager sein Grundprinzip zum vielbemühten Thema Work-Life-Balance mit einer Botschaft, die ihn in Zeitungen und Zeitschriften wie Bild, Stern und Spiegel gebracht hat. Er empfiehlt: Den Job nicht ernster nehmen als das Privatleben. Klingt ziemlich einfach. Dass seine Ratschläge in der Arbeitswelt so gefeiert werden, legt allerdings nah, dass es für viele Menschen doch nicht ganz so leicht ist, Privatleben und Karriere voneinander abzugrenzen.

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„Liebe dein Leben und nicht deinen Job“ erschien am 12. September 2016

Frage: Lieben Sie Ihren Job?

Frank Behrendt: Nein, man kann seinen Job nicht lieben.  Menschen, Freunde und Familie kann man lieben, aber nicht seine Arbeit. Ich mache meine Arbeit natürlich gern und der Titel meines Buches ist auch mit Absicht etwas provokant formuliert. Man sollte seinen Job nicht hassen, aber man sollte immer sein Privatleben an erste Stelle setzen. Denn das Leben dauert länger als ein Job. Wo man sich zwischen Geld und Liebe entscheiden muss, leiden Menschen und das gilt es, zu verhindern. Für mich ist die Familie das Allerwichtigste. Wenn ich Feierabend habe, bin ich für sie da. Endlose Überstunden, Abendessen mit Kunden und ständige Erreichbarkeit gibt es bei mir nicht.

Frage: Aber was, wenn der Chef größeres Pensum verlangt? Wenn im Unternehmen viel zu tun ist?

Frank Behrendt: Der Schlüssel ist das Wort ‚Nein‘. Das musste ich erst lernen, aber man muss klare Grenzen ziehen. Wenn mein Kunde auf den letzten Drücker ’schnell‘ einen Auftrag durchbringen will, muss ich ihm auch sagen, wo meine Möglichkeiten liegen. Und als Arbeitnehmer muss man auch dem Chef klare Kante zeigen, wenn er zu viel verlangt.

Frage: Nicht alle Arbeitgeber und Vorgesetzte können ein ‚Nein‘ akzeptieren.

Frank Behrendt: Das ist richtig. Aber da dürfen die Menschen eines nicht vergessen: Die schärfste Waffe eines Arbeitnehmers ist die Kündigung. Bist du unglücklich? Kündige!  Viele haben Angst davor, Entscheidungen zu treffen. Aber die will ich ihnen nehmen.

Frage: Wie bewerten sie dann die Entwicklung zum „Home Office“?

Frank Behrendt: Großartig! Es ist eine Frage der Haltung und der Konsequenz das richtig zu machen. So lange das Pensum am Ende stimmt und man sich feste Zeiten dafür einrichtet, ist das gut. Ich kann so zum Beispiel zum Training meiner Kinder fahren und ihnen beim Tanzen oder Fußballspielen zusehen, während ich arbeite. Herrlich! Für mich ist das ein Modell, das wir in der Zukunft hoffentlich noch viel häufiger erleben.

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Autor Frank Behrendt im Gespräch: Gut gelaunt und offen für jede Frage

Frage: In ihrem Buch geht es darum, glücklich zu sein und sein Leben zu genießen. Was bedeutet für Sie Glück?

Frank Behrendt: Zeit mit meiner Familie. Ein Ausflug an den See, ein Spieleabend oder einfach nur gemeinsam den Tag verbringen. Dabei muss das Handy ausgeschaltet sein. Denn das machen viele falsch: Wichtig ist es, sich ‚analog‘ miteinander zu beschäftigen. Keine Bildschirme, keine Smartphones.

Frage: Wie sind sie zu den Erkenntnissen gekommen, die Sie in ihrem Buch verarbeitet haben?

Frank Behrendt: Ich bin natürlich nicht als Guru auf die Welt gekommen. Meine erste Ehe ist gescheitert, weil ich zu viel gearbeitet habe. Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ich mit einem Freund auf einer Almwiese gesessen habe und er mich gefragt hat, was mir im Leben wichtig ist und was ich erreichen will. Ich konnte das nicht richtig beantworten. Mittlerweile sage ich mir: Nie wieder! Jetzt sind meine Frau und meine Kinder das wichtigste im Leben und kein Job der Welt wird jemals die Bedeutung für mich haben, die sie haben. Ich bin glücklich und meine Mitarbeiter haben mich noch nie schlecht gelaunt erlebt.

 

Weiterlesen:

Bloggerin Dagmar von daggis-welt.de hat ebenfalls ein interessantes Gespräch mit Frank Behrendt geführt und ihre Eindrücke vom BlognTalk in einem Beitrag geteilt.

Die Frankfurter Buchmesse ist mit der Auswahl ihres Ehrengastes immer eine tolle Gelegenheit, aktuelle Literatur von fremden Buchmärkten zu erkunden und dabei Geschichten anderer Kulturen zu entdecken. 2016 teilen sich Flandern und Niederlande die Ehre als Gastland der Frankfurter Buchmesse. Deren Motto lautet treffend „Dit is wat we delen“ (dt. = Das ist was wir teilen), denn Flandern im nördlichen Belgien teilt sich mit seinem Nachbarn die niederländische Sprache. Mit Deutschland und dem Rest von Europa teilen sie aber auch die Spuren der historischen Ereignisse, die gemeinsam verarbeitet werden. Die diesjährigen Neuerscheinungen und Neuauflagen spiegeln die Themenvielfalt, die die Ehrengäste Niederlande und Flandern mitbringen, wider.

Welche Neuentdeckungen können Leser in der großen Auswahl an Novitäten machen? Bei LovelyBooks  habe ich eine Liste anlegen dürfen, in der es zahlreiche Vorschläge gibt, über die ihr abstimmen könnt. Niederländische Autoren wie Harry Mulisch, Maarten ’t Hart und Cees Nooteboom gehören zur Weltliteratur und dürfen in keiner Aufzählung fehlen. Für die Buchmesse habe ich mir drei Neuerscheinungen ganz genau angeschaut und festgestellt: Es gibt neben diesen ehrwürdigen Herren auch großartige Literatur von ihren weiblichen Kollegen.

„Wäre mein Klavier doch ein Pferd“ ist bei editionfünf erschienen und enthält 15 Erzählungen aus den Niederlanden. Das Buch wurde ausschließlich mit Texten von Autorinnen zusammengestellt und ist ein literarischer Querschnitt, der unterschiedliche Themen und Zeiten darstellt. Die älteste Geschichte stammt aus dem Jahr 1956, die jüngste Geschichte wurde 2013 veröffentlicht. wp-1475748556378.jpg
Im hinteren Teil des Buches wurden kurze Biografien der Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen eingefügt, sodass der Leser die Erzählungen bei Bedarf besser einordnen und den Hintergrund der Handlung nachvollziehen kann. Denn neben Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg oder die Zeit danach, werden von anderen Autorinnen die Erfahrungen von Einwanderern aus den niederländischen Kolonien verarbeitet. Und auf einmal ist es passiert: Aus den kleinen Niederlanden wird vor den Augen des Lesers eine Verbindung von Schicksalen von Menschen aus der ganzen Welt. In diesem grünen Buch verstecken sich kraftvolle Momentaufnahmen von talentierten Autorinnen, die sich lohnen, gelesen zu werden!

„Boy“ von Wytske Versteeg  ist als deutsche Erstausgabe im Wagenbach Verlag in einer Taschenbuchreihe mit niederländischen Autoren erschienen. Der Roman erzählt von einer Mutter, deren adoptierter Sohn namens Boy gestorben ist. Die Ermittlungen der Polizei werden nach Hinweisen auf Selbstmord rasch eingestellt, doch seine Mutter kann sich damit nicht abfinden. Warum musste er sterben? Wer trägt die Schuld an der Tragödie? Sie stellt ihre Fragen Boys Mitschülern, seinen Lehrern und vor allem – sich selbst. wp-1475748562716.jpg
Sie konnte ihren Sohn mit afrikanischen Wurzeln nicht davor bewahren, von anderen ausgegrenzt zu werden und nicht helfen, sich selbst zu akzeptieren. In Rückblenden wird das komplizierte Verhältnis der unsicheren Mutter zu ihrem fremden Sohn rekonstruiert, während sie sich auf die Suche zu der einzigen Person macht, die ihre Fragen beantworten kann.
„Boy“ ist eine Geschichte von Trauer, Selbsthass, Schuld und Verantwortung. Wytske Versteeg erzählt ohne viel direkte Rede, als aufmerksame Beobachterin. Der Roman liest sich wie das düstere Tagebuch der wütenden Mutter, die keine Ruhe finden kann. Es ist ein kraftvolles Buch, das durch  seine ernste Geschichte mitreißend und berührend war.

„Ein Brautkleid aus Warschau“ ist das Romandebüt der Schriftstellerin Lot Vekemans. Die unspektakuläre, aber einfühlsame Geschichte dreht sich um das Schicksal der Polin Marlena, deren Leben durch die Beziehungen mit drei Männern maßgeblich beeinflusst wird.
Ein Amerikaner, ein Niederländer und ein Pole hinterlassen nacheinander ihre Spuren in Marlenas Biografie. Lot Vekemans erzählt melancholisch und klug von Liebe, der immer wieder das Leben dazwischen kommt. Das große Glück will sich bei keinem der handelnden Personen so richtig einstellen. Doch alle versuchen weiter, ihren Platz zu finden. „Meine Mutter hat immer gesagt, ein Mensch sei dafür geschaffen, weiterzumachen. Nicht, um sich umzuschauen“, heißt es am Ende.

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Mit diesen drei Büchern fühle ich mich nun bestens vorbereitet auf die Frankfurter Buchmesse und ihren Ehrengast. Habt ihr euch schon in die Literatur aus den Niederlanden und Flandern hineingelesen? Welche Bücher habt ihr neu entdeckt? Ich freue mich schon, einige von euch auf der Messe zu treffen!

Gerade ist „T4 – Die verlorenen Kinder“ im eBook erschienen. In der Geschichte ermittelt Staatsanwältin Inga Jäger und Kommissar Kai Gebert in einem schrecklichen Mordfall. Ein fehlendes Herz und eine Tatwaffe mit Verbindungen zu anderen Morden führen sie auf die Spur eines gnadenlosen Serienmörders. Aber in dem Buch steckt mehr, als nur ein düsterer Thriller und abgründiger Nervenkitzel – sondern auch ein Thema, das den Autor selbst bewegt.

Frage: Herr Pala, wieso ist T4 – nach Ihren eigenen Angaben – das wichtigste Buch, das Sie jemals geschrieben haben?

Ivo Pala: Obwohl T4 ein Roman ist – also ein fiktionales Werk – beruht das Buch auf wahren Begebenheiten. Auf schrecklichen Begebenheiten aus einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte: Der „Aktion T4“ – daher auch der Titel des Romans. „Aktion T4“ war der Name eines furchtbaren, kaum vorstellbaren Projekts der Nazis – sie wurde auch „Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“ genannt. Dieser Aktion sind deutschlandweit Hunderttausende hilfloser Menschen – darunter Tausende von Kindern – zum Opfer gefallen. Menschen und Kinder, die die Nazis in ihrem völlig kranken Weltbild, aufgrund von körperlichen oder geistigen Behinderungen, für lebensunwert hielten. Mein Buch will dafür sorgen, dass dieses Verbrechen nicht in Vergessenheit gerät … dass all die ermordeten Kinder nicht in Vergessenheit geraten. Das ist und bleibt wichtig – ganz besonders in einer Zeit, in der es – wie wir gerade am Beispiel der Flüchtlingsdiskussion erleben – perverserweise wieder zu einem erschreckenden Trend geworden ist, das Leben von Menschen in „mehr oder weniger wert“ zu unterteilen. Das darf nie wieder geschehen!

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Frage: Sie sind selbst im Rheingau – dem Ort der Handlung des Romans – geboren und aufgewachsen. Findet in Ihrer alten Heimat auch heute noch eine Auseinandersetzung statt mit den schrecklichen Ereignissen von damals?

Ivo Pala: Ganz im Gegenteil! Tatsächlich habe ich selbst erst im Alter von Mitte Dreißig davon erfahren, was sich Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts nur wenige Kilometer von meiner Haustür entfernt abgespielt hat. Auch das war ein starker Impuls, darüber zu schreiben. Ich dachte: „Verflucht! Wenn nicht einmal wir hier vor Ort davon wissen, wer hat vielleicht noch alles nie davon gehört?“ Ich fühlte mich verpflichtet, die verlorenen Kinder ins Gedächtnis zurückzurufen.

Frage: Aber statt einen historischen Roman zu schreiben, haben Sie sich für einen Thriller entschieden, der in der Heutzeit spielt. Warum?

Ivo Pala: Aus verschiedenen Gründen: Zum einen wollte ich verdeutlichen, wie dieses Verbrechen sich in der Folge auch auf spätere Generationen ausgewirkt hat – die Hinterbliebenen der Opfer, aber auch die Hinterbliebenen der Täter.
Zum anderen wollte ich darüber hinaus auf etwas hinweisen, das fast ebenso wenig fassbar ist, wie die „Aktion T4“ selbst – nämlich die Tatsache, wie unverschämt glimpflich einige der Verbrecher von damals davongekommen sind.

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Ivo Pala und „T4 – Die verlorenen Kinder“. Es ist die Neuauflage des Thrillers „Ihr unschuldiges Herz“, den der Autor unter dem Pseudonym Richard Hagen veröffentlich hat.

Frage: Inwieweit unterscheidet sich T4 von Ihren Thrillern „H2O“ und „Gift“?

Ivo Pala: „H2O“ und „Gift“ sind Terror-Thriller. In der Hauptsache sind sie bei allem Ernst der Themen Unterhaltung. Es sind fiktionale Gedankenexperimente auf Basis aktueller politischer Gegebenheiten. „H2O“ beispielsweise beschreibt ein Szenario, in dem Terroristen sich den desolaten Zustand unserer Atommüll-Entsorgung zunutze machen. „Gift“ beleuchtet das wieder brandaktuell gewordene Spannungsfeld zwischen der NATO und Russland und den Einsatz von Terror als politisches und kriegerisches Mittel. Also in beiden Fällen erzähle ich von der Wirklichkeit ausgehend die möglichen Konsequenzen als Fiktion – eine künftig mögliche Katastrophe.
T4 jedoch geht im Grunde genommen genau anders herum vor: Hier führe ich über einen rein fiktionalen Kriminalfall hin zu einer Wirklichkeit, die stattgefunden hat – also eine reale furchtbare Katastrophe, die sich in unserer Vergangenheit tatsächlich so ereignet hat.
Entsprechend war die intensive Recherche zu T4 noch einmal um einiges erschreckender als schon die zu „H2O“ und „Gift“, und ich war einige Male kurz davor, die Arbeit an dem Manuskript abzubrechen.

Frage: Sie sagen, Sie haben erst Mitte Dreißig von den damaligen Ereignissen erfahren. Wie?

Ivo Pala: Ich bin in Rüdesheim am Rhein in ein altes Häuschen am Ortsrand gezogen – ein altes Holzhaus aus dem Jahr 1929 im Stil der Villa Kunterbunt aus Pippi Langstrumpf … allerdings dunkelbraun angemalt, so dass es eher wie die Villa von Norman Bates aus „Psycho“ wirkte. Die vorherige Eigentümerin war erst kurz zuvor im hohen Alter von Mitte 90 verstorben, und alles war noch in dem Haus, so wie sie es zurückgelassen hatte. Als allererstes fiel mir auf, dass in jedem Raum – wirklich in jedem der insgesamt sieben Zimmer – mindestens zwei Kruzifixe hingen und jede Menge Ölzweige … vor allem an den Türen und auch in den Fluren und im Treppenhaus. Was mich aber am meisten stutzig gemacht hat, war, dass auch in jedem einzelnen Keller Kruzifixe an den Türen und Ölzweige in den Ecken der Räume hingen – sogar auf dem Dachboden.
Ich habe mich gefragt, vor welchen Dämonen und Gespenstern sich die alte Frau wohl so stark gefürchtet haben muss, dass sie ihr Häuschen stärker geweiht hat als jede mittlere Dorfkirche. Zudem waren sowohl die Eingangs- als auch eine zum Garten führende Kellertür zusätzlich zum normalen Schloss mit jeweils drei starken Schieberiegeln aus Eisen gesichert. Wovor hatte sie Angst?
Mein erster Impuls war: „Das wird eine großartige Horror-Story!“ – ich hatte da ja noch keine Ahnung! Also begann ich – wie es ein Schriftsteller gerne mal tut – mit der Recherche zu dem Haus und der früheren Bewohnerin. Zu allererst fand ich heraus, dass ich der Frau selbst schon einmal begegnet war … etwa dreißig Jahre früher: Sie war, als ich klein war, Kinderamtsärztin im Rheingau. Jetzt erinnerte ich mich an sie – und daran, dass ich Angst vor ihr gehabt hatte: sie war groß und ruppig und erschien mir unbarmherzig – ein knallhartes Mannweib. Nun fragte ich mich erst recht, wovor eine derart harte Person im Alter denn so große Angst hatte. Es sollte nicht lange dauern, und ich fand es heraus: Sie war auch unter den Nazis bereits Kinderamtsärztin oder Gemeindeschwester gewesen – was nun genau, da waren die Aussagen der wenigen noch lebenden Zeugen unsicher. Auf jeden Fall aber spielte sie in jener Zeit eine zentrale Rolle bei der Einweisung körperlich oder geistig behinderter Kinder auf den „Eichberg“ – das ist noch heute eine psychiatrische Anstalt, nur ein paar Kilometer entfernt. Hier wurden diese Kinder dann – wie ich in der Folge in Erfahrung gebracht habe – zwangssterilisiert und/oder ermordet.
Jetzt wusste ich, wessen Geister es waren, vor denen die alte Frau so große Angst gehabt hatte, dass sie ihr gesamtes Haus vom Dachboden bis zum Keller mit Kruzifixen, Ölzweigen und Heiligenbildchen gesichert hatte.
Auf der Suche nach einer Gruselgeschichte bin ich also auf realen Horror gestoßen – auf ein Grauen, das jede Fiktion und das menschliche Fassungsvermögen um ein Tausendfaches übersteigt.
Und ich wusste, ich muss etwas tun, damit diese verlorenen Kinder – und die schrecklichen Verbrechen, die an ihnen begangen wurden – in Erinnerung bleiben.
Daraus ist mit T4 schließlich ein Roman entstanden, der ihrer gedenkt … und der sich darüber hinaus auseinandersetzt mit Schuld und Unschuld … Justiz und Selbstjustiz … Rache und Vergeltung.

Ja, ich bin jetzt wohl Verlegerin. Es klingt noch etwas ungewohnt, aber ich habe ja einige Zeit, um in den Satz hineinzuwachsen. Ich habe in den letzten Monaten daran gearbeitet, mich selbstständig zu machen, mich beraten lassen, recherchiert und vorbereitet.

Das Ergebnis ist ein kleiner eBook-Verlag, der euch regelmäßig mit Lesestoff versorgen wird. Das Ziel ist, tolle Projekte mit Autoren zu machen und Leser gut zu unterhalten. In Zukunft werde ich euch auf dem Verlagsblog Ebooktipps.net über Veröffentlichungen informieren,  Beiträge zum Thema eReading teilen, Buchtipps geben und mit euch ins Gespräch kommen!

Ich möchte, dass Leser mit meinen eBooks kurzweilige Lesestunden verbringen und dabei entspannen oder mitfiebern können. „Gute Unterhaltung“ ist das Motto und deshalb werden die Bücher unter anderem aus den Genres Krimi, Thriller, Liebe, Phantastik kommen.

Jetzt ist die Aufregung groß, ob ich meinen Platz in der Buchwelt finden kann. Ich bin in guter Gesellschaft zu anderen eBook-Verlagen, die in den letzten Jahren tolle Bücher auf die Lesegeräte gebracht haben.

Weitere eBook-Verlage

Wie geht es jetzt weiter?

Ich wachse. Jeden Tagen ein kleines bisschen mehr mit neuen Aufgaben, größeren To-Do-Listen und Welteroberungsplänen. Ich mache einen Schritt nach dem anderen und werde mit jedem Tag stärker, klüger und besser – für die Autoren, die mir ihre Projekte anvertrauen und für meine Leser. Neuigkeiten und weitere Infos wird es in den kommenden Tagen auf Ebooktipps.net geben, sowie auf Twitter und Facebook. Das wird ein Abenteuer!

Manche Autoren schaffen es, in kurzen Geschichten so viel Leben hineinzuschreiben, wie manch andere Kollegen es kaum in einem Roman schaffen. Dabei öffnet sich für ihre Leser kurz ein Fenster in andere Schicksale und Gedankenwelten, die genauso fesseln können, wie lange Romane mit ausgefeiltem Spannungsbogen.

Obwohl Erzählungen sonst eher ein Nischendasein auf dem deutschen Buchmarkt fristen, ist 2016 ein Buch und sein Autor in aller Munde: „Fallensteller“ von Saša Stanišić erschien im Mai im Verlag Luchterhand und wurde kurz vor seiner Veröffentlichung im ZDF durch „Das Literarische Quartett“ sogar von Maxim Biller hoch gelobt:

„Er hat ja so viele verschiedene Figuren, so viele verschiedene Settings, so viele verschiedene Hintergründe […] Er beherrscht so viele Gegenden, so viele Sprachen, so viele Töne – fast wie ein erzählerisches Chamäleon. […] Und er kommt mir ein bisschen so vor […], wie ein Autor der als Nichtdeutscher nach Deutschland kommt, als Emigrant – das kenne ich von mir selbst – der sich vortastet zu einem eigenen Ton.“

So ein Lob von Biller, in dem er sich selbst mit dem jungen Autor wohlwollend vergleicht, hat mich auf die Idee gebracht, die Erzählbände der beiden Herren zu lesen. „Bernsteintage“ von Maxim Biller und „Fallensteller“ von Saša Stanišić haben mir sehr berührende, nachdenkliche und amüsante Lesestunden beschert – und einen interessanten Vergleich.

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 Saša Stanišić feuert in seinem Erzählband „Fallensteller“ ein Ideen-Feuerwerk ab. Hier treffen liebenswürdige Charaktere mit den unterschiedlichsten Schicksalen und Motivationen auf einen unbändigen Sprachwitz eines jungen Autors, der sich alles traut. Stanišić spielt mit Worten und findet in den Unschärfen der Sprache seine eigene Leichtigkeit. Diese fast kindliche Freude beim Erforschen täglicher Floskeln macht jede Erzählung zu einem Schatz. Dabei zeigt er seine Protagonisten von sehr intimen Seiten. Hoffnungen, Erwartungen und Geheimnisse werden mit dem Leser geteilt, wie mit guten Freunden. Wir werden zu Mitwissern der absichtlichen und versehentlichen Irreführungen, Notlügen, kleinen Betrügereien und krummen Tricks, die das Leben der durchschnittlichen Helden interessant machen.

Der Erzählband „Bernsteintage“ von Maxim Biller erschien im Jahr 2004. Auch hier transportieren die Geschichten etwas Unschuldiges und Kindliches. Hier verbinden sich aber die geschilderten Kindheitserinnerungen und Rückblenden in ferne schöne Tage mit einer eigentümlichen Melancholie. Schilderungen aus Gegenwart und Vergangenheit gibt der Erzähler eine neue Reihenfolge, wodurch bei jeder Biografie Pointen und besondere Wendepunkte herausgearbeitet werden. Das übergeordnete Thema der Erzählungen ist die Suche nach der Identität und oft sind die Hauptpersonen Kinder jüdischer Eltern, die als Erwachsene ratlos ihren kulturellen Wurzeln gegenüberstehen und ihren Platz in der deutschen Gesellschaft selbst nicht so recht gefunden zu haben scheinen. Sie fühlen sich anders, doch sind sie nur lose mit den Traditionen ihrer Familie verbunden.

Kein Wunder, dass Biller mit Stanišić eine Gemeinsamkeit entdeckt haben will. Auch im „Fallensteller“ finden sich Spuren des Kulturwechsels des Autors. Denn Stanišić  wurde in Bosnien-Herzegowina geboren und kam als Teenager nach Deutschland. Deshalb ist es wohl kaum ein Zufall, dass in jeder Erzählung osteuropäische Sprachen und Herkunftsländer auftauchen. Doch während Billers Erzählungen sich eng im Rahmen der deutschen Juden bewegen, öffnet Stanišić  den Blick für eine moderne Verflechtung der Kulturen. „Fallensteller“ ist nicht nur ein Beispiel lebendiger deutscher Literatur, sondern ein durch und durch europäisches Buch. Dabei wechselt Stanišić  spielerisch zwischen den Identitäten und hat das vollmundige Lob in Presse, Rundfunk und Fernsehen durchaus verdient, wie ich finde!

Wer mehr über den „Fallensteller“ wissen will: Eine weitere lesenswerte Rezension findet sich bei Nordbreze.

Eines, der wohl derzeit am häufigsten zitierten Grundrechte ist in Artikel 5 unseres Grundgesetzes verankert:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Vor dem Hintergrund der Debatte über Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechte und Satire im Falle Jan Böhmermanns steht auch das Thema Zensur im Raum. Während in der Türkei regierungskritische Journalisten mit Gefängnisstrafen rechnen müssen, regt sich die deutsche Öffentlichkeit bereits über gelöschte Videos in der ZDF Mediathek auf. Die Frage ist: Wo hört Pressefreiheit auf und wo beginnt die Zensur? Der Begriff geht weit über bloße Verbote mit strafrechtlichen Konsequenzen hinaus und bezieht viele Arten von Einschränkungen der schriftlichen und mündlichen Äußerung mit ein.

Das Sachbuch „Die Zensoren – Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat“ des Harvard-Professors Robert Darnton erschien Anfang März 2016 im Siedler Verlag und wirft einen historischen Blick auf das Thema Zensur. Anhand eines Rückblicks ins vorrevolutionäre Frankreich, in die Vorgänge in Britisch-Indien, bishin ins System der DDR versucht Darnton, die unterschiedlichen Definitionen etwas einzugrenzen. Denn:

„… wenn man Zensur überall wittert, läuft man Gefahr, dass man sie schließlich nirgends mehr ausmachen kann. [..] Zensur mit jeder Art Zwang gleichzusetzen, heißt, sie zu trivialisieren.“ (S. 12)

Die drei historischen Zeiträume, die Darnton für seine Betrachtung ausgewählt hat, zeigen einerseits, wie unterschiedlich die Unterdrückung von Meinungsäußerungen oder Informationsflüssen erfolgte. Andererseits wird klar, dass die Systeme, in denen Zensur stattfindet, oft weitaus komplexer sind, als man den beteiligten religiösen oder politischen Autoritäten zugetraut hätte.

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Robert Darnton: „Die Zensoren“
Siedler Verlag

Im bourbonischen Frankreich des 18. Jahrhunderts wurde von Druckprivilegien und Leseempfehlungen Gebrauch gemacht und die Sicherung der „Qualität“ als Zensurvorwand genutzt. Die Zensoren waren oft selbst Gelehrte, die die Gutachten für ihre Kollegen anfertigten und sie inhaltlich und stilistisch bei heiklen Themen berieten. Kirche und König waren solche delikaten Tabuthemen. Hier sieht Darnton durchaus positive, fördernde Aspekte – neben den Beschlagnahmungen ungenehmigter Schriften, sowie Gefängnisstrafen für die Beteiligten.
Dagegen wurde in der DDR der Literaturbetrieb zentral geplant und nach Parteivorgaben durch einen staatlichen Verwaltungsapparat kontrolliert. Hier haben die Lektoren mit den Autoren gemeinsam systemkonforme Manuskripte ausgearbeitet, die noch mit Hilfe detaillierter Gutachten für die Veröffentlichung genehmigt werden mussten. Während  manche DDR-Autoren ohne Genehmigung ihre unzensierten Manuskripte bei Verlagen in der BDR an die Öffentlichkeit bringen konnten, bestand immer die Gefahr von Berufsverbot und Gefängnisstrafen. Löste ein genehmigtes Buch allerdings im Nachhinein einen Skandal aus, wurden neben dem Urheber auch Gutachter und Lektoren hart bestraft.

Anhand einiger sehr konkreter Beispiele zeichnet Robert Darnton die juristischen Mühlen der Autoren in ihrer Zeit nach. Manchmal ermüdend kleinschrittig, aber in der Schlussfolgerung hochspannend, rekonstruiert Darnton die historischen Ausprägungen der Zensur. Neben den institutionellen Verhinderungs- und Kontrollmaßnahmen kommt Darnton in seinem Sachbuch auch auf sehr aktuelle Arten der Zensur zu sprechen: Die Zensur des Marktes, sowie die Selbstzensur als „Schere im Kopf“ werden ebenfalls anhand von Beispielen erläutert.

„Aber die Androhung von Gefängnishaft wirkt anders, als die Kräfte des Marktes es tun. Hinter deren Verhängung steht das Machtmonopol eines Staates, während ein Autor, dessen Manuskript von einem Verlag abgelehnt wird, noch auf einen anderen ausweichen kann. Wenn er ganz scheitert, mag er die Macht des kapitalistischen Literaturmarktes als Unterdrückung empfinden, hatte aber immerhin Alternativen“ (S. 280)

Auch wenn die von dem US-Amerikaner Robert Darnton ausgwählten Zeiträume und Schauplätze einen durchaus interessanten Überblick über den umstrittenen Zensurbegriff geben und bei 298 Seiten Inhalt kaum ein erschöpfender Rundumschlag gelingen kann, haben mir manche Aspekte gefehlt. Die Zensur in der NS-Zeit, oder Beispiele aus muslimisch gesprägten Ländern wären ebenfalls interessante Themengebiete, aus denen sich Erkenntnisse für die aktuelle Debatte ableiten ließen. Insgesamt kann ich aber „Die Zensoren“ aus dem Siedler Verlag als gelungenes Sachbuch empfehlen, das nicht nur informativ war, sondern auch für Laien auf dem Gebiet der Literaturgeschichte hervorragend zu lesen sein sollte.
Darntons Ausführungen sind somit eine verständliche theoretische Grundlage zur aktuellen Debatte über Satire, Beleidigung und Meinungsfreiheit. Die historische Moral lautet:

„Die Freiheit der Rede muss sich an widrige Zwänge anpassen, sich mitunter einen Weg durch eine raue Wirklichkeit bahnen und nach Möglichkeiten suchen, gegen deren Härten Protest zu erheben“ (S. 288)“

 

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lebt in Städten. Was auf dem Land übrig bleibt, ist Überalterung, Leerstand und geschwächte Infrastrukturen. Für mich ist das nicht nur Theorie, sondern in meiner Heimat eine beobachtbare Tatsache. Ich komme aus einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, die umringt ist von sterbenden Dörfern. Viele, die wie ich fortgehen, wissen, dass sie wahrscheinlich nicht mehr zurück kommen werden und können. Aber was bleibt vom Landleben, wenn wir gehen? Und wie geht es den Menschen auf dem Dorf?
Zwei aktuelle Romane erzählen vom Dorfleben zwischen den zurückbleibenden Alten und den Aussteigern aus der Stadt. Dörte Hansen widmet sich in ihrem Debütroman „Altes Land“ einer Familie in der Nähe von Hamburg und berichtet von Altlasten, Sorgen und Hoffnungen. Der Roman war 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert und hielt sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Die erfolgreiche Autorin und Kritikerin Juli Zeh veröffentlichte nun im März 2016 ihren Gesellschaftsroman „Unterleuten“ über die menschlichen Abgründe eines Dorfs in Brandenburg. Beide Bücher entstauben das Bild von der Idylle auf dem Dorf und entlarven den Traum von der Rückkehr zur Ursprünglichkeit als Illusion. Sie zeigen, wie sich Zukunft und Vergangenheit zu sensiblen Sollbruchstellen verknüpfen und wie die Umgebung die Bewohner prägt. Dennoch haben beide Autorinnen und beide Romane – natürlich – einen ganz eigenen Blickwinkel auf das Thema und sind neben ihren hervorragenden Geschichten menschlicher Schicksale auch eine Momentaufnahme des deutschen Landlebens in der Gegenwart.

Unterleuten von Juli Zeh

Juli Zeh „Unterleuten“ Luchterhand Verlag

Juli Zeh führt den Leser in ihrem neuen Roman ins brandenburgische Dorf Unterleuten, nach dem das umfangreiche Buch benannt ist. Ein geplanter Windpark versetzt hier die Einwohner in Aufregung und lässt alte Konflikte in der Dorfgemeinschaft wieder aufleben. Für die einen lockt dabei der große Profit, für die anderen sorgen die Pläne für Ängste vor der Zerstörung der gewohnten Landschaft. Wie damals, nach dem Untergang der DDR und der bevorstehenden Auflösung der LPG, wird die Dorfgemeinschaft von Unterleuten in verfeindete Lager gespalten. Vor diesem Hintergrund werden Fehden unter Nachbarn zu Intrigen, Unfälle zu Anschlägen und Gerüchte zur Wahrheiten. Vogelschützer, besorgte Mutter, Berliner Aussteiger, Dorfältester, Bürgermeister und Rückkehrer: Juli Zeh gibt jedem Bewohner von Unterleuten eine Stimme und lässt sie die Ereignisse erzählen.Juli Zehs neuer Roman „Unterleuten“ ist jedoch alles andere als eine trockene Chronik, sondern äußerst lebendig. Die Autorin zeigt Menschenkenntnis und einen realistischen Blick auf die Befindlichkeiten der ehemaligen DDR Bürger. Die 600 Seiten haben sich überraschend kurzweilig gelesen und ergeben einen empfehlenswerten Roman über die ungeahnte Dynamik einer Dorfgemeinschaft.

Altes Land von Doerte Hansen

Dörte Hansen
„Altes Land“
Knaus Verlag

Dörte Hansen erzählt in ihrem Roman „Altes Land“ von einer Frau, die als alleinerziehende Mutter dort Hilfe sucht, wo bereits ihre Oma als Flüchtling eine Bleibe fand. Auf dem verwahrlosten Obsthof im Alten Land bei Hamburg steht Anne und ihr kleiner Sohn vor der Tür der Tante Vera. Sie ist vor der Affäre ihres Mannes und den stummen Vorwürfen der übereifrigen Hamburger Mütter geflohen. Nun kommt sie bei einer Frau unter, die nach dem Krieg mit ihrer Mutter aus Ostpreußen geflohen ist. Dörte Hansen verbindet souverän die Geschichte des Dorfes im Alten Land mit den Schicksalen der Menschen an diesem Ort. Sie erzählt von Veras Trauma, vom Konflikt zwischen den Generationen, von der Last der Schuld, aber auch von Hoffnung auf ein besseres Morgen. Humorvoll und sensibel lässt Dörte Hansen Erwartung und Realität aufeinandertreffen und erzählt eine berührende Geschichte starker Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Am Ende müssen die Aussteiger einsehen, dass das Landleben härter ist, als die Lifestyle-Magazine es ihnen versprechen und die verbohrten Alteingesessenen müssen die Veränderungen im Dorf azeptieren.

Nach der Lektüre der Romane von Dörte Hansen und Juli Zeh komme ich zum Fazit: Die geschilderten Konflikte zwischen den Menschen beziehen sich nicht nur auf das Dorfleben, sondern erklären auch, waum wir in der Stadt nicht zufrieden sind. Auf ihren Beobachterpositionen lassen die beiden deutschen Autorinnen unsere Traumblase vom mühelosen harmonischen Zusammenleben platzen und lenken den Blick auf eine Lebensform, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint und von der wir trotzdem sehr viel über die Gegenwart lernen können.

Die neue Science-Fiction Reihe der US-amerikanischen Autorin Ann Leckie ruft bei deutschen Lesern eher verhaltene Reaktionen hervor. Der Übersetzer Bernhard Kempen hat die Idee der Autorin von einer Sprache ohne Markierung des Geschlechts ins Deutsche übertragen und die Space Opera konsequent im generischen Femininum erzählt. Gerade dieser Aspekt scheint für die überwiegend männlichen Sci-Fi Leser ein Störfaktor zu sein. Für mich ist dieser sprachliche Kunstgriff zwar ein kreativer Clou, steht aber nicht im Vordergrund der spannenden Geschichte im Weltraum. Inzwischen stelle ich mir die Frage: Gefällt mir die Sci-Fi von Ann Leckie, weil ich ein Mädchen bin?

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Die Reihe startete 2015 in Deutschland mit Band eins „Die Maschinen“ – ein Jahr nachdem Ann Leckie mit dem englischen Original unter dem Titel „Ancillary Justice“ die renommiertesten Preise des Science-Fiction Genre abgeräumt hatte. Im Februar 2016 erschien kürzlich Band zwei „Die Mission“ und setzt die Space Opera auf dem deutschen Buchmarkt fort. Vor lauter Neugier konnte ich es natürlich nicht abwarten und habe Band zwei und Band drei auf Englisch gelesen. Fazit: Ich bin Fan. Eine Recherche zu Reaktionen und Rezensionen anderer Leser war dagegen etwas ernüchternd, denn der preisgekrönte Buchimport scheint die zurückhaltende Sci-Fi Gemeinde zu spalten. Während einige Blogger den ersten Band durchaus loben, sprechen andere von Langeweile und „Genderwahn im All“. In der Rezension auf diezukunft.de ist trotz des Lobes ebenfalls von einer sperrigen „Gender-Geschichte“ die Rede.

Das Radchaai Imperium

Die Bücher

Die Kurzfassung ohne Spoiler lautet: Der Ort der Handlung ist das galaktische Imperium der Radchaai unter der Führung des Herrschers Anander Minaai. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Protagonistin Breq, die sich als letztes menschliches Segment einer künstlichen Intelligenz eines Raumschiffes namens Gerechtigkeit der Torren durchschlägt und ihre Freunde vor dem heraufziehenden Bürgerkrieg beschützen will.
Insgesamt ist der Inhalt des Buches nicht so leicht zusammenzufassen. Denn die Buchreihe von Ann Leckie ist stark Dialog-basiert und glänzt vor allem mit spannenden politischen und moralischen Verwicklungen der Hauptperson Breq. Dabei werden viele Themen zur Diskussion gestellt.

Künstliche Intelligenz
Als Informatikerin fand ich Ann Leckies Ideen bezüglich künstlicher Intelligenz unglaublich spannend. Denn in „Die Maschinen“ wird erklärt, dass Raumschiffe wie Gerechtigkeit der Torren durchaus auf Emotionen basieren, da komplexe Entscheidungen eine viel zu umfangreiche Berechnungszeit erfordern würden. Dabei schildert die Autorin eindrucksvoll die Gedankenwelt von Breq als Raumschiff, das seine Empfindungen und Informationen durch Implantate mit zahllosen menschlichen Körpern teilt. Da Breq als einzelnes Segment das Wesen des gesamten Schiffes beherbergt, ist sie als Hauptfigur zerrissen und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Identität
Nicht nur die künstliche Intelligenzen der Raumschiffe und Raumstationen, auch das Bewusstsein des Imperators Anander Minaai teilt sich durch Implantate auf zahhlose Klone seiner selbst auf. Damit ist der Herrscher der Radch unsterblich und kann die Geschicke seines Reichs zentral lenken. Diese Aufspaltung einer Identität birgt aber auch Gefahren, die auch die Galaxie an den Rand eines Krieges bringen. Was macht den Charakter einer Person aus? Welche Eigenschaften sind untrennbar mit einem Menschen verbunden? Diese Fragen stellt sich auch der Leser von Ann Leckies Büchern.

Zivilisation
In der Sprache der Radch, bedeutet „Radchaai“ so viel wie „zivilisiert“. Der Entwurf dieser Zivilisation erweist sich als sehr interessant und birgt viel Diskussionsstoff. Denn Unterscheidungen zwischen männlichen und weiblichen Personen gelten im Imperium als primitiv und unzivilisiert. Deshalb wird nicht nur auf äußerliche sondern auch auf sprachliche Markierungen von Geschlechtern verzichtet. Das setzt Leckie in der Originalsprache der Romane unauffälliger um, als es im Deutschen möglich ist: Da Bezeichnungen wie „Gouvernor“ oder „Captain“ auf Englisch bereits neutral sind, fällt lediglich auf, dass Leckie für alle Personen „she“ als weibliches Personalpronom verwendet. In der Übersetzung hat sich Bernhard Kempen für das generische Femininum entschieden und die Verwendung des weibliche Personalpronoms mit der konsequenten Verwendung der weiblichen Endung -in ergänzt. Eine mutige Entscheidung, durch die Ann Leckies Idee noch deutlicher hervorgehoben wird. Dieser Kunstgriff stört den Lesefluss überraschenderweise kaum. Im Gegenteil: Es birgt großes humoristisches Potenzial in Szenen, in denen Breq in fremden Kulturen verzweifelt versucht, das Geschlecht ihrer Gesprächspartner zu erraten. In den Liebesszenen zwischen den Hauptpersonen ist das Geschlecht ebenfalls revolutionär nachrrangig. Zur hektoliterweise Tee schlürfenden Zivilisation der Radch gehört aber auch das Selbstverständnis einer Grundsicherung für jeden Bürger und zahlreiche andere Aspekte. So auch die „Umerziehung“, falls kriminelle Bürger ihren Auftrag in der Gesellschaft nicht erfüllen wollen, oder die sorglose Unterwerfung „unzivilisierter“ Völker anderer Planeten.
Insgesamt gibt Ann Leckie Einblick in ein System, das nicht als durchweg dystopisch oder utopisch eingestuft werden kann, da die Grenzen zwischen „Tyrannei“ und „Lenkung zum Wohle der Menschheit“ verschwimmen.

Fazit

Die Space Opera von Ann Leckie ist kurzerhand auf meiner Liste der Lieblingsbücher gelandet. Großartig finde ich dieses durchdachte Zukunftsszenario im Weltraum ohne technische Nonsens-Vokabeln, die den Lesefluss stören. Dass die Action hier etwas zurücktritt und dafür geistreichen Wortwechseln und den Überlegungen der Hauptperson Platz machen, finde ich nicht nur mutig, sondern auch durchweg gelungen. Langeweile ist beim Lesen nicht aufgekommen. Im Gegenteil: Es gibt selten eine Buchreihe, bei der ich so flott weiterlesen will.
„Die Maschinen“ und „Die Mission“ auf eine Gender-Geschichte zu reduzieren und sich über das sprachliche Experiment aufzuregen, wird diesen tollen Romanen von Ann Leckie auf keinen Fall gerecht. Insgesamt sind die Bände des „Radchaai Imperiums“ kluge Sci-Fi für alle, denen Ideen wichtiger sind als Laser-Sperrfeuer aus allen Rohren. Die Autorin sprüht förmlich vor Einfällen und bringt brillante Überlegungen in die Handlung mit ein. Dabei hält die deutsche Übersetzung von Bernhard Kempen dem direkten Vergleich mit der englischen Vorlage stand und  erschafft eine ganz eigene Qualität von Roman.

Too long, didn’t read: Lesebefehl!😉

Habt ihr für 2016 gute Vorsätze gefasst? Zum Jahresende empfehle ich euch mit meinem letzten Blogbeitrag des Jahres in dieser Rezension nicht nur Bücher, sondern auch gleich den dazugehörigen guten Vorsatz für das neue Jahr: Lernt Programmieren! Es ist nicht nur sinnvoll, ein paar digitale Grundkenntnisse zu erwerben, sondern kann auch noch prima vom heimischen Sofa aus gelingen. Ich habe mir zwei Bücher angeschaut, die sich eigentlich an Kinder und Jugendliche richten, aber egentlich allen absoluten Anfängern einen motivierenden Einstieg bieten. Ich studiere Informatik im Nebenfach und weiß, welche Stolpersteine angehende Programmierer frustrieren können. Aber ich kann euch Mut machen: Mit diesen beiden Büchern könnt ihr ganz einfach in das Thema Computer einsteigen und euch neue Ideen holen.

Guter Vorsatz: Programmieren lernen

„Programmieren supereasy“ ist im Verlag Dorling Kindersley erschienen und für Kinder ab 10 Jahren empfohlen. Das großformatige Sachbuch erklärt mit vielen bunten Bildern, wie ein spielerischer Umgang mit Programmbausteinen ein erstes Verständnis für Algorithmen fördern kann.  Die Programmiersprachen Scratch und Python werden im Buch an einfachen Aufgaben erklärt und eignen sich sehr gut für einen intuitiven Zugang zur Arbeit mit Code. Auf den 224 Seiten wird mit ersten kleinen Programmen und Spielen an leicht verständlichen Beispielen gezeigt, wie Probleme aus unserer Welt in Computersprache übersetzt werden können. Dazu gehören aber auch Kapitel, die ganz grundlegende Fragen klären, die auch Erwachsene interessieren dürften: Wie funktioniert ein Computer? Und wie funktioniert das Internet? „Programmieren supereasy“ ist nicht nur ein elektronisches Bastelbuch für Kinder, sondern ist meine Empfehlung für alle, die endlich verstehen wollen, wie die Technik grundlegend funktioniert, die so ein wichtiger Teil unseres Alltags ist. Die einfachen Erklärungen sind ideal für Anfänger, die bei Null anfangen und Grundlagen brauchen.

Hier werden grundlegende Fragen ganz einfach beantwortet

Hier werden grundlegende Fragen ganz einfach beantwortet

„Hack’s selbst – Digitales Do It Yourself für Mädchen“ von Beltz & Gelberg richtet sich an Jugendliche ab 13 Jahren. Allein die Bonbon-farbene Covergestaltung und der Titel des Buches haben mich erst einmal misstrauisch gemacht, ob die stereotypische Ausrichtung überhaupt praktische Informationen abseits von Selfies und Online-Shopping zulässt. Da lag ich mit meinem Urteil allerdings deutlich daneben, denn dieses Sachbuch für Mädchen begeistert für unterschiedlichste Themen rund um Technik. Hier geht es neben Sicherheit und Verschlüsselung auch um Ideen aus den Bereichen Elektrotechnik, Informatik, Design und Netzpolitik. Wer sich online ausprobieren und die technischen Möglichkeiten von Computern besser verstehen will, findet in diesem Buch einfache Erklärungen für ganz konkrete Ideen. Mit der Programmiersprache Ruby werden ganz einfache Code-Beispiele erklärt, die einen guten Einstieg zum Programmieren Lernen sind. „Hack’s selbst“ macht richtig Lust aufs digitale Basteln und kann Mädchen tatsächlich motivieren, technische Probleme selbst anzupacken und sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Mit Ruby werden Grundlagen der Programmierung erklärt

Mit Ruby werden Grundlagen der Programmierung erklärt

 

Mein Fazit: Verschenkt diese Bücher an eure Kinder, Geschwister, Neffen und Nichten! Zu „Medienkompetenz“ gehört auch, die technischen Hintergrundprozesse in Grundzügen zu verstehen und die Möglichkeiten, die ein Computer bietet, zu kennen. Die beiden Sachbücher sind aber auch für Erwachsene geeignet, die sich endlich der Herausforderung stellen wollen und verständliche Erklärungen ohne technische Fachvokabeln brauchen. „Hack’s selbst“ empfehle ich vor allem neuen Bloggern, weil das Buch voller interessanter Anregungen steckt. Also: Lernt Programmieren! Mit diesen Büchern gibt es keine Ausrede mehr.
Und jetzt seid ihr dran: Welche Aufgaben habt ihr euch für 2016 vorgenommen? Was sind eure Erfahrungen beim Programmieren, auf welche Schwierigkeiten seid ihr gestoßen und welche Erfolgserlebnisse hattet ihr? Ich freue mich auf eure Kommentare und wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Womit verbringt ihr die Zeit auf eurem Arbeitsweg? Lesen? Schlafen? Handyspiele? Ich habe vor kurzem Maximilian kennengelernt, der seine Zeit auf dem Weg zur Arbeit damit verbracht hat, eine Internet-Seite zu programmieren. Am 4. Dezember 2015 ging sie still und heimlich online und der Grund, warum ich einen Blogbeitrag darüber schreibe, ist einfach: Dieses Projekt hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

kleineAnfragen.de

Worum geht es auf der Seite?

Es geht um die Homepage kleineAnfragen.de, hinter der sich ein kostenloser und freier Service für uns alle verbirgt. Bei den betreffenden „Kleinen Anfragen“ handelt es sich um die Fragen, die Parlamentsabgeordnete ihrer Landesregierung stellen dürfen und als Antwort auf ihre Frage Informationen zum betreffenden Thema erhalten. Diese Informationen sind theoretisch öffentlich zugänglich, versacken aber als PDF Dateien in den separaten Parlamentsdokumentationssystemen der einzelnen Länder und sind durch URLs, die ihre Gültigkeit nach Schließen des Browsers verlieren, nicht verlinkbar. Transparenz ist anders.

Was kann die Seite?

KleineAnfragen.de macht drei Dinge:

  1. Die einzelnen Parlamentsdokumentationssysteme werden auf einer Seite integriert
  2. Die Dokumente bekommen einen statischen Link, der z.B in sozialen Netzwerken geteilt werden kann
  3. Die PDFs werden durchsuchbar und können nach bestimmten Themen gefunden und aufgerufen werden

Warum ist die Seite so wichtig?

Wissen ist Macht. Die Fragen der Abgeordneten sind oft auch relevant für uns, während die Antworten wichtige Fakten enthalten, an die wir sonst nur durch die Medien gelangen. Informationen und Daten zu aktuellen Problemen in Deutschland können wir durch kleineAnfragen.de aus erster Hand abrufen und ähnliche Anfragen von Abgeordneten unterschiedlicher Bundesländer vergleichen. Im beruflichen Bereich können Journalisten das Tool nutzen, um für Artikel zu recherchieren.

Fazit

Maximilian hat in seiner Freizeit ein tolles Projekt aus dem Boden gestampft. Vielleicht bin ich da etwas euphorisch, aber ich finde die Seite wichtig für mehr Transparenz in unserem demokratischen System. Politische Sachverhalte sind durch eine schwierige Informationslage für Privatpersonen oft schwer zu durchschauen, während die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit der unterschiedlich sorgfältig recherchierten Medienberichte oft mit Vorsicht zu genießen sind. Die Antworten auf die Kleinen Anfragen unserer Abgeordneten liefern uns eine Grundlage zur eigenen Meinungsbildung und Recherche. Zu den begeisterten Unterstützern des Projekt gehören die Open Knowledge Foundation Deutschland und die Münchner IT-Firma headissue, die Maximilian bei der Arbeit unterstützt haben.
Für diese Seite solltet ihr euch auf alle Fälle ein Lesezeichen im Browser setzen. Was haltet ihr von der Homepage?

Am vergangenen Dienstag öffnete der Münchner Hanser Verlag seine Türen für ein BookUp in weihnachtlicher Atmosphäre. Zwei Wochen zuvor hatte Verleger Jo Lendle in einem Vortrag an der LMU über seine Arbeit als Balanceakt zwischen Traditionen und neuen Impulsen gesprochen. Der abendliche BookUp ließ die über fünfzig Teilnehmer hinter die Kulissen des Verlags blicken, der für seine preisgekrönten Autoren von großartigen Bücher bekannt ist und machte den Balanceakt zur gelungenen Kür. Nach dem Motto „Handy raus, statt Handy aus“ durfte fleißig auf allen Kanälen über die Veranstaltung geplaudert und die Eindrücke aus den Vorträgen der einzelnen Verlagsabteilungen geteilt werden. Dabei fiel vor allem auf, mit wie viel Begeisterung und Hingabe alle Hanser-Mitarbeiter durch den Abend führten. Eine lückenlose Abdeckung mit strapazierfähigem Wifi, liebevolle Weihnachtsdekoration, leckeres Essen und viele kleine Überraschungen rundeten den tollen Abend ab.

Die Idee für die digitalen Treffen in der Buchbranche kommt von der Bloggerin Stefanie Leo, die auf ihrem Blog auch eine „Bastelanleitung“ für BookUps veröffentlicht hat.

Dieser Abend zu Gast im Hanser Verlag war mein erster BookUp und eine tolle Erfahrung. Nicht nur der Einblick in dessen Tagesgeschäft, sondern auch der Spaß am Büchermachen, den alle Mitarbeiter vermittelten, haben mich begeistert. Es war außerdem eine tolle Gelegeheit zum Netzwerken und Kennenlernen. Allerdings war die Anforderung an die eigene Fähigkeit zum Multi-Tasking neu für mich: Zuhören, Fragenstellen und online Mitlesen erforderten einen wahren – jetzt muss ich bei Herrn Lendle das Wort ausborgen – Balanceakt. Am Ende war der Kopf voll mit neuen Eindrücken, der Handy-Akku war ausgebrannt und der Mund leergeredet. Was online alles passiert ist, lässt sich nur schwer zusammenfassen. Ich habe es wie die Nordbreze gemacht, und ein Storify mit meinen Lieblingsbeiträgen des Abends zusammengestellt. Der Rest ist Schweigen.

Es ist das Jahr der schlechten Aussichten: Flüchtlingskrise, Klimaprobleme und Ebola-Epidemie haben 2015 die Nachrichten bestimmt. Kein Wunder, dass die Literatur diese Themen aufnimmt und den Faden weiterspinnt: Wie lange hält unsere Gesellschaft das aus? Die Antwort liefern uns dystopische Romane, wie etwa die Bücher von Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ oder „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle. Beide Bücher sind im September 2015 erschienen und behandeln das selbstverschuldete Ende unserer Zivilisation.

wpid-img_20151021_092416.jpgEmily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ erzählt von einer verheerenden Pandemie aus unterschiedlichen Persepktiven. Das Schicksal der Hauptfiguren ist verbunden durch die Bekanntschaft mit dem Schauspieler Arthur, dem die Gnade zuteil wurde, am Vorabend der Apokalypse an einem Herzinfarkt zu sterben. Danach bricht über die Protagonisten das Ende der Welt herein: Die hochansteckende „Georgische Grippe“ verbreitet sich in unserer globalisierten Welt rasend schnell und löscht beinah die gesamte Menschheit aus. Die wenigen Überlebenden wühlen sich durch wertlos gewordene Autowracks, tote Elektrogeräte und übrig gebliebene Luxusgüter. Was in der neuen Welt zählt, sind Gewehre, Nahrung und gute Abwehrkräfte. Flugzeuge, die am Boden bleiben und Handys, die nie mehr klingeln, werden zum Symbol vergangener Zeiten.
Die kanadische Autorin Emily St. John Mandel philosophiert locker und leicht, während sie die Handlung mit Rückblenden in das Leben von Arthur vor der Pandemie entschleunigt und gleichzeitig anhand seiner Erlebnisse die Dekadenz und Selbstentfremdung der Menschen in unserer modernen Welt zeigt. „Das Licht der letzten Tage“ ist definitiv kein fesselndes Schreckensszenario und kein dystopischer-Thriller. Dafür ist Mandels Roman eine Studie über das Wesen der Menschen im Ausnahmezustand. Während auf der einen Seite das Hauen und Stechen um Ressourcen und Macht beginnt, gibt es andererseits eine fahrende Truppe Schauspieler, die nach dem Motto „Überleben allein ist unzureichend“ durch das Land zieht und die Menschen an das Schöne und Wahre erinnert. Auch wenn die Erinnerungen an die „alte Welt“ schwindet, gibt es am Ende eine Hoffnung auf den Wiederaufbau der Zivilisation.

„Eigentlich müssten wir tanzen“ liest sich im Vergleich dazu desillusionierter, härter und gefährlicher. Heinz Helle landete mit seinem Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. In der Geschichte verbringt eine Gruppe Männer ein heiteres Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurück kommen, in der Erwartung in ihre Jobs als Architekt, Mikrobiologen, Kaufmann oder Versicherungsvertreter zurückkehren zu müssen, ist allerdings die menschliche Zivilisation zerstört. wpid-20151029_180508.jpgWas ist passiert? Heinz Helle erschafft mit wenigen Worten und sprachlich dichten Sätzen ein Mosaik aus Erlebnissen vor – und nach der Katastrophe mit viel Spielraum für eigene Theorien. Die Männer werden zu einem Rudel wilder Tiere, einem „Wir“, das gemeinsam ums Überleben ringt. Aber wofür Weiterleben? Sie streifen durch Süddeutschland und finden verbrannte Städte und verbrannte Leichen. Unsere Zivilisation, so scheint es in Helles Roman, hat sich überhitzt und hat ihr Verfallsdatum einfach überschritten. Die Protagonisten sind nicht daran gestorben, aber vom „Glück“ zu Überleben spricht niemand. Sie leben von Resten aus Supermärkten, suchen Brennmaterial für ein bisschen Wärme und durchwühlen Schrott nach Brauchbarem, das auf ihrem endlosen Fußmarsch schließlich doch wertloser Ballst wird. Papiergeld taugt nur noch, um damit Feuer zu machen und die toten Smartphones sind Erinnerungsstücke an ein früheres Leben mit weichen Betten, Räuschen in Nachtclubs und Jobs mit nervigen Kunden. Besitz und Mitgefühl wirken im Abglanz der Zerstörung wie schlechte Angewohnheiten. Heinz Helles sprachlich ausgefeilte Dystopie ist ein Schlag in die Magengrube, aber ein intelligenter Roman zum Nachdenken.

Beide Bücher fördern Unmenschliches nach der Apokalypse zutage. In den Romanen „Das Licht der letzten Tage“ und „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist Menschlichkeit ein Luxus mit Halbwertzeit. Auch wenn der Stil und die Prognosen der Bücher von Emily St. John Mandel und Heinz Helle nicht miteinander zu vergleichen sind, haben doch beide Bücher eine Gemeinsamkeit: Es geht ihnen nicht darum, Nervenkitzel mit Spannungsbogen zu liefern, sondern sie zeigen die Selbstverständlichkeit unseres Komforts und wie fragil unsere moralischen Ansprüche im Ausnahmezustand sind. Aber egal wie wir untergehen, ich möchte es halten wie eine der Figuren aus „Das Licht der letzten Tage“. Am Ende möchte ich in den Spiegel blicken und sagen können: „Ich bereue nichts.“

Immer wenn ich Bücher von englischsprachigen Autoren in der Hand halte, stehe ich vor der gleichen Frage: Will ich die Übersetzung oder das Original lesen? Ein paar Jahre lang habe ich Romane englischer Autoren, die mir auf Deutsch gefallen haben, einfach nochmal auf Englisch gelesen. Das war interessant, wirklich einmal die Qualität von Übersetzungen zu vergleichen, aber wirtschaftlich äußerst strapaziös.
Und dann kam Neil Gaiman. Wenn ich ein Buch von ihm kaufe, bringe ich es nicht übers Herz es auf Deutsch zu lesen. Ich kann zwar die Übersetzungen nicht beurteilen, dafür aber die unmittelbare Qualität seiner Werke in Originalsprache – und bin jedes Mal verzaubert.

Die „Sandman“-Comics von Neil Gaiman waren meine Einstiegsdroge. In der zehnbändigen Comicbuch-Reihe erzählt Gaiman von sieben mächtigen Wesen, die älter sind als die Zeit. Die zentrale Figur ist Morpheus – der Sandmann, der Schlaf, der Herrscher des Traumreiches. Er hat viele Namen, viele Gestalten und ist keines Falls das moralisch erhabene Wesen, für das man so eine gottähnliche Erscheinung halten mag. Bisweilen experimentiert Dream mit dem Schicksal der Menschen, ist rachsüchtig und grausam, ein anderes Mal sucht er das Gleichgewicht, ist gnädig und weise. Gaiman verwebt mythologische Einflüsse mit dramatischen Ereignissen im abgründig schmutzig-kalten Setting der ausgehenden 80er Jahre amerikanischer Großstädte. Der düstere und explizite Zeichenstil der unterschiedlichen Künstler verbindet sich mit Gaimans kompakter und vielseitig inspirierter Erzählweise zu einem Meisterwerk, das sich auf Englisch unbedingt lohnt. Manche Dialekte in der wörtlichen Rede, viele Wortschöpfungen des Autors und Namen lassen sich nur schwer ins Deutsche übertragen. Die Comics sind auch optisch ein Meisterwerk – die Zeichner Dave McKean, Sam Kieth, Mike Dringenberg, Malcolm Jones III, Kelley Jones und weitere,  haben Gaimans Geschichten brillant in Szene gesetzt und vollenden die mystische Stimmung. Für mich sind die „Sandman“ Comics absolute Pflichtlektüre für alle, die Comics lieben. Natürlich in Originalsprache!

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Düster, magisch und abgründig ist auch Gaimans Roman „Der Ozean am Ende der Straße“. Das Buch wurde im Original 2013 veröffentlicht. Hier besucht der Protagonist den Ort, in dem er als Kind aufwuchs. Die schwachen Erinnerungen an seine Kindheit kommen nach und nach zu ihm zurück, als er das abgelegenen Haus außerhalb des Dorfes besucht, in dem seine Spielgefährtin Lettie Hempstock wohnte. Auf dem Hof des Hauses gibt es einen kleinen Teich, der in den Augen Letties immer ein Ozean war und eine große Bedeutung im Roman bekommt. Je weiter sich der Hauptheld in die Vergangenheit begiebt, desto mehr Erinnerungen drängen an die Oberfläche. Dabei steigert Gaiman die kindlich-magischen Erlebnisse zu einem bedrohlichen Abenteuer, das den Leser und die Hauptperson an den Rand seiner Fantasie bringt. Aus einer unschuldigen Kindheitsgeschichte wird eine dramatische Tragödie von dunkler Schönheit, in der es vor allem um Mut, Liebe, Schuld und Verantwortung geht. Dieses Buch würde ich mir am liebsten von Gaiman selbst vorlesen lassen, auf einer Bank an einem tiefen See. „Der Ozean am Ende der Straße“ ist ein kleines Buch, das sich durch seine Sogwirkung schnell liest. Doch wie bei dem kleinen Teich in der Geschichte, entwickelt sich Gaimans Buch zu einem Ozean – voll schöner englischer Wörter.

In den Kurzgeschichten und Erzählungen in „Trigger Warning – Short Ficition and Disturbances“ feuert Neil Gaiman ein wahres Feuerwerk von Sprachwitz, Beobachtungsgabe und Fantasie ab. Bereits das Vorwort bereitet Lesefreude und eröffnet nachfolgend einen wahren Schatz an vielseitiger Prosa. Der eigenwillige Titel des 2015 erschienenen Buchs entstammt einer Diskussion über „Trigger“ Warnungen im akademischen Bereich. Es sind Inhaltswarnungen, die traumatisierte Menschen warnen, dass in einem Text Themen oder Szenen beschrieben werden, die das Trauma wieder wachrufen können. Kritiker dieser „Trigger Warnings“ sprechen von einer Art Zensur, die eine unvoreingenommene Rezeption eines Textes verhindern kann. Neil Gaiman schreibt im Vorwort seines Buches:

„There are things in this book, as in life, that might upset you“

Gaiman „warnt“ dabei vor Grausamkeiten, Schmerz, Missbrauch und anderen schlimmen Dingen. Gleichzeitig stellt er aber auch Happy Ends und schöne Ereignisse in Aussicht – und er hält sein Versprechen: Sein Buch „Trigger Warnings“ enthält eine wunderbare Palette von Erzählungen unterschiedlicher Länge und Intensität.

Diese drei Werke von Neil Gaiman – Comics, Roman und Erzählungen – gehören zu meinen Lieblingsbüchern. Ich kann nur empfehlen, diesen charmanten Briten einmal in Original-Sprache zu lesen. Gaiman erschafft und zerstört mit wenigen Wörtern ganze Welten, während mich die Atmosphäre seiner Geschichten immer wieder fasziniert und fesselt. Und dieses Vergnügen sollte man sich ruhig auf Englisch zutrauen.

Es gibt Themen, die dürfen nicht ruhen. Der Zweite Weltkrieg ist so ein Thema, das mit jedem sterbenden Zeitzeugen weiter aus unserem Blickfeld gerät. Und sosehr wir uns gesättigt und informiert fühlen, gibt es doch immernoch Schicksale und Stimmen, die wir noch nicht gehört haben. Der deutsche Autor Ralf Rothman und der US-amerikanische Pulitzer-Preisträger Anthony Doerr haben in diesem Jahr sehr schöne Romane über den Zweiten Weltkrieg veröffentlicht, die sich lohnen gelesen zu werden.

„Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann ist im Suhrkamp Verlag erschienen und beruht teilweise auf den Kriegserzählungen von Rothmanns Vater. In dem Buch wird die Geschichte des jungen Melkers Walter und seinem Freund erzählt, die kurz vor Ende des Krieges zwangsrekrutiert werden. Die beiden jungen Männer werden unerwartet aus ihren Zukunftsträumen gerissen, von ihren Freundinnen getrennt und in den sicheren Tod geschickt. Der Klappentext und die sich überschlagenden Ankündigungen in der Presse haben mich allerdings einen typisch deutschen Kriegsroman befürchten lassen: sehr ernst, trocken und langatmig. wpid-wp-1441403542731.jpeg
Stattdessen erzählt Rothmann befreit, schlank und poetisch von den Erlebnissen der Hauptperson Walter. Ausschnitthaft erfährt der Leser von der Angst vor der Front, der Angst vor den grausamen Befehlen der Vorgesetzten und der Angst vor sich selbst. Dazwischen wird Walter als kluger junger Mann beschrieben, mit wachen Augen für die Schönheit der Welt und mit Lust aufs Leben. Ralf Rothman liefert mit „Im Frühling sterben“ einen lesenswerten Roman, der die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wachhält, ohne mit Vollständigkeitsanspruch oder mahnendem Zeigefinger zu ermüden. Durch das großartige Erzähltalent Rothmanns und seine starken Charaktere ermöglicht das Buch einen unmittelbaren Eindruck davon, wie es ist, sich als junger Mensch plötzlich im Krieg wiederzufinden und nicht zu wissen ob man ihn überleben wird, oder wie man danach weitermachen soll.

Anthony Doerr ist mit dem preisgekrönten Bestseller „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ein Roman gelungen, der den Krieg von zwei Seiten beleuchtet. Anhand der Geschichte der blinden Marie-Laure erfährt der Leser vom Leben im besetzten Frankreich und durch den Waisenjungen Werner wird die Perspektive der Deutschen erzählt. Beide Schicksale sind miteinander verbunden und wechseln sich kapitelweise ab. Anthony Doerr zeigt, wie eine Karriere bei der Wehrmacht für Werner die Rettung vor einer Zukunft in den Kohlegruben wird und wie ein blindes Mädchen einen Platz in einer Welt sucht, in deren Wirren selbst Erwachsene verloren sind. Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und bin begeistert von Anthony Doerrs Erzählweise.
Seine Beobachtungsgabe für Zwischenmenschliches und die Beschreibungen vielfältiger Sinneseindrücke und Empfindungen machen „Alles Licht, das wir nicht sehen“ zu einem grandiosen Buch unabhängig vom geschichtsträchtigen Thema. In Verbindung mit den dramatischen Ereignissen in Europa wird Doerrs Roman insgesamt zu einer fesselnden Lektüre. Werners Neugier und Marie-Laures Fantasie machen  die beiden Charaktere zu interessanten Hauptfiguren, denen ich gern durch die Geschichte gefolgt bin.

Egal wie viele Bücher vom Krieg wir gelesen haben und egal wie viel wir glauben, über den Krieg aus ihnen zu wissen: Es lohnt sich immer wieder, sich dem Thema zu nähern. Rothmann und Doerr haben das vielfältige Bild vom Zweiten Weltkrieg in der Literatur um zwei bermerkenswerte Mosaiksteinchen ergänzt. Beide Erzähler haben eine starke Stimme und einen ganz eigenen Anspruch an ihre Perspektive. Anthony Doerr hat für „Alles Licht, das wir nicht sehen“ bereits den Pulitzer Preis gewonnen. Ralf Rothmanns „Im Frühling sterben“ ist zwar preisverdächtig, aber auf Wunsch des Autors nicht im Rennen um den Deutschen Buchpreis. Das verleiht der Betrachtung der diesjährigen Longlist einen herben Beigeschmack: Egal wer den Preis dieses Jahr erhalten wird, wird – so unfair das auch sein mag- dem stummen Vergleich mit dem Kritikerliebling Rothmann standhalten müssen.

Wer sich ein bisschen für E-Books interessiert, ist bestimmt schon über XML gestolpert. Es ist ein wichtiger Baustein für die Herstellung digitaler Inhalte im heutigen Verlagswesen. In den Praxis-Seminaren der Buchwissenschaft an der LMU schwören die Dozenten einheitlich auf XML als wichtige Grundlage für moderne Verlagsarbeit.

Wer sich hingegen etwas mit Programmierung auskennt und auch schon mit JSON gearbeitet hat,  setzt seit dem Lesen des vorangegangenen Absatzes schon einen wütenden Leserbrief auf, um mir klar zu machen, dass das Wort „modern“ und der Begriff „XML“ seit zehn Jahren nicht mehr im gleichen Satz verwendet werden sollten. Euch sage ich: Besser nicht hinsehen, gleich ist es vorbei.
Ich habe in meinem Studium in beiden Sprachen herumgestümpert und ziehe einen kleinen Vergleich für interessierte Buchmenschen. Ist JSON ansteckend? Kann man XML essen? Ich versuche hier einen kleinen Einblick zu geben, damit ihr hinterher hoffentlich die richtigen Fragen stellen könnt. Die Informationen habe ich teilweise aus meinen Einschätzungen, meinen Vorlesungsaufzeichnungen und einer Linksammlung zusammengestellt, die ich unten beigefügt habe. Einige Aspekte habe ich ausgeklammert, um jemanden ohne Vorkenntnisse nicht zu verwirren.

Merkmale von XML

XML ist keine Programmiersprache im eigentlichen Sinn. Die Abkürzung steht für den Ausdruck „Extensible Markup Language“. Es ist eine Auszeichnungssprache, die Informationen maschinenlesbar erfasst, indem sie die Daten in einzelne Elemente aufteilt und hierarchisch strukturiert. Die Auszeichnungen erfolgen durch sogenannte „Tags“, die die Bezeichnung der Information in spitzen Klammern enthalten. Die Tags markieren den Anfang eines Elements, wenn sie vor der Information stehen und signalisieren das Ende eines Elements, wenn sie mit einem Schrägstrich vor dem Elementnamen einer Information nachgestellt sind. Dadurch entstehen sogenannte Knoten im XML Dokument. Die Bezeichner dürfen jedoch nur ebenentreu verschachtelt werden. Tags, die innerhalb eines anderen Elementes geöffnet werden, müssen auf der gleichen Ebene auch wieder geschlossen werden. Auf diese Weise wird jede Information streng logisch kategorisiert und benannt.

Zum Beispiel:

<student>

<matrikelnr>12345678</matrikelnr>

<vorname>Popita</vorname>

<nachname>Pixel</nachname>

</student>

Die genauen Regeln, wie die Informationen erfasst werden, legt ein vom Anwender vorher definiertes Schema fest, das genau bestimmt, welche Tags und Datentypen verwendet werden. Durch dieses definierte Schema als Blaupause für alle anzulegenden XML Dokumente können die Dokumente sehr gut validiert und auf Korrektheit geprüft werden.

Der Code von XML ist durch den Menschen im Vergleich zu anderen Programmiersprachen mit spezieller Syntax sehr gut lesbar. Primär wurde XML jedoch entwickelt um einen präzisen Datenaustausch zu ermöglichen und als Metasprache ohne Komplikationen von anderen Programmen benutzt werden zu können. Programmiersprachen wie C++, Java und Python haben eine Schnittstelle, um XML Dokumente zu lesen und zu verarbeiten. Sie müssen diese Dokumente jedoch erst einlesen und abspeichern. In der XML Familie gibt es zudem noch eine große Zahl anderer Sprachen, die mit den Daten eines XML Dokuments arbeiten können.

Die Verwendung von XML im Verlag

Ein wichtiger Anwendungsbereich liegt derzeit noch im Verlagswesen. XML ist ein wichtiger Pfeiler für die Erstellung für E-Books und die Speicherung von Metadaten, denn das E-Book Dateiformat „Epub“ basiert auf XML und seiner Unterform XHTML. Dabei wird der Buchinhalt in Kategorien wie Überschriften und Bereiche mit spezieller Schriftformatierung gekennzeichnet. Die eigentliche Formatierung übernehmen sogenannte CSS-Dateien, die in eigener Programmiersprache das „Aussehen“ der gekennzeichneten Bereiche beschreiben. Auf diese Weise können E-Reader, Lese-Apps oder andere Darstellungsprogramme durch die aufgesetzte Software die Bereiche identifizieren und die hinterlegte Formatierungsanweisung umsetzen. XML speichert die Daten also medienneutral ab und ermöglicht so eine vielfache Nutzung durch verschiedenste Software.
XML kann aber auch für Datenbanken eingesetzt werden, deren Ziel es ist, Dokumente abzuspeichern. Diese dokumentenorientierte Datenbanken ermöglichen durch die XML-basierte Abfragesprache „XQuery“, die Dokumente zu durchsuchen und bestimmte Informationen herauszufiltern. Da Verlage mit großen Datenbeständen arbeiten, ist die Wahl einer entsprechenden Speicherung ein wichtiger Aspekt der Arbeit mit diesen Daten. Wenn bereits Buchinhalte und Metadaten in XML vorliegen, bietet es sich an, über die Verwendung einer XML-basierten Datenbank nachzudenken.

Merkmale von JSON im Vergleich

JSON ist eine Abkürzung für „JavaScript Object Notation“ und ist ein textbasiertes Datenformat, das 2001 auf der Basis von JavaScript entwickelt wurde. Die Programmiersprache JavaScript ist Bestandteil der meisten Browser und wird von den meisten Homepages verwendet. Im Bereich Datenaustausch zwischen Server und Web-Applikationen hat JSON das veraltete XML zu großen Teilen verdrängt. Denn JSON-Dokumente sind gleichzeitig ein ausführbares JavaScript und können sehr einfach und schnell geparst werden. Trotzdem ist JSON unabhängig von der Programmiersprache einsatzfähig und kann auch von anderen Technologien sprachunabhängig effizient verarbeitet werden. Vergleichbar mit XML werden mit JSON Informationen maschinenlesbar erfasst. Dabei werden die Informationen Namen zugeordnet und so Name-Wert-Paare gebildet. Außerdem spielen geordnete Wert-Listen eine große Rolle für die Struktur von JSON.

Das vorherige Beispiel des XML Codes könnte in JSON so aussehen:

„student“: {

„matrikelnr“: „12345678“,

„vorname“: „Popita“,

„nachname“: „Pixel“

},

Die gleichen Informationen aus den vorherigen Beispielen werden hier mit deutlich weniger Syntax beschrieben. Auch hier werden Daten ihren Bezeichnungen zugeordnet. Doch die Start-Tags und End-Tags, die in XML Beginn und Ende eines Elements kennzeichnen, werden hier eingespart. In JSON ist der vorangestellte Bezeichner für die Information gültig, die in Anführungszeichen bis zum nächsten Komma folgt. Diese Einsparungen erhöhen nicht nur die Lesbarkeit für den Menschen, sondern verkleinern zum einen den Schreibaufwand für die gleiche Menge an Information und zum anderen wird der Speicherbedarf verringert. Man spricht bei XML vom sogenannten „Overhead“ der durch die Tags entsteht und das Dokument in die Länge zieht.

Die Verwendung von JSON im Verlag

Da viele Content-Management-Systeme mit Skriptsprachen arbeiten, ist die Wahl von JSON als Output-Format sinnvoll, wenn die Inhalte in Feed-Dienste oder über Programmschnittstellen in andere Technologien integriert werden soll. In Hinblick auf den Online-Bereich kann JSON verwendet werden, um die Daten auf den Homepages, Apps und anderen Diensten einzuspielen. Durch die Nähe zu JavaScript und dem geringeren Speicherbedarf ist es auf dieser Ebene ein effizientes und unkompliziertes Datenaustauschformat.
Während E-Books wie oben bereits beschrieben mit XML, XHTML und CSS erstellt werden, könnte ein E-Book auf Basis von JSON mit Hilfe von Skriptsprachen erstellt werden. Diese Praxis hat sich, meiner Kenntnis und Recherche nach, jedoch noch nicht durchgesetzt. JSON ist also für die Herstellung von E-Books derzeit irrelevant.

Fazit

Da sich viele heutige Standards auf der Basis von XML gebildet haben, ist die Verwendung von XML für die maschinenlesbare Erfassung von Daten noch immer von großer Bedeutung. Weil das Epub-Format den E-Book Markt neben Mobipocket und PDF dominiert, wird XML vorerst die wichtigste Basis für die Herstellung digitaler Inhalte bleiben. Die einfache Validierung zur Überprüfung der Korrektheit der Dokumente ist eines der vorteilhaftesten Features von XML.

Allerdings wurde XML von JSON als Datenaustauschformat online bereits verdrängt. Eine Ablösung durch modernere Formate ist auch in anderen Bereichen denkbar. Realistisch betrachtet ist JSON zwar kompakter und übersichtlicher als XML und wird von vielen anderen Programmiersprachen unterstützt, wird aber die historische Bedeutung von XML so schnell nicht brechen können. Trotzdem sollten Verlage nach den Jahren der Einführung von XML den Aufwand nicht scheuen, sich mit JSON vertraut zu machen.

 

Linksammlung

Die offizielle Homepage von JSON: json.org

In diesem Beitrag wird auch ein Vergleich gezogen, der zu ähnlichen Ergebnissen kommt, die aber qualifizierter dargestellt werden: http://www.predic8.de/xml-json-yaml.htm

Falls ihr wissen wollt, wie man genau ein E-Book mit JSON und PHP herstellt: http://www.sitepoint.com/building-epub-with-php-and-markdown/

Dramatische Szenen spielen sich heute ab: Leser, Autoren und Verlage rasten aus, Menschen stürmen in die Buchhandlungen und Bibliotheken, während die Buchblogger sich vor Aufregung in die Höschen machen. Schlagt eure Augen auf, werft einen Blick in eure Kalender – endlich ist er da! Der Welttag des Buches.
Heute dreht sich alles um Bücher. Und weil es heute schon genug Empfehlungen und Verlosungen gibt, möchte ich mich mit euch in eine ruhige Ecke setzen und ganz gemütlich Plaudern. Über Zimmerpflanzen und Altersvorsorge.

Haha, kleiner Spaß. Natürlich geht es hier ums Lesen. Ich will eure Geschichte: Wie seid ihr zur Literatur gekommen? Wie hat euch das Lesefieber gepackt? Was bedeutet euch das Lesen? Was war das erste Buch, das ihr abseits des Schulunterrichts allein gelesen habt? Am Welttag des Buches gibt es die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“.  Ich möchte die Freude am Lesen heute mit euch teilen und erzähle euch meine Lese-Geschichte:

Matilda

Mein Vorbild: „Matilda“ (1996 Sony Pictures Home Entertainment)

Mein erstes Buch hat mir meine Mutter vom Einkaufen mitgebracht. „Herr Ringelschwanz will Picknick machen“ habe ich in den ersten Sommerferien meines Lebens gelesen und mich ganz allein durch die Sätze unter der Bildergeschichte gequält. Ein Jahr später wurde „Matilda“ aus der Verfilmung des gleichnamigen Buches von Roald Dahl mein Vorbild, wie sie durchs Lesen ihrem traurigen Alltag entflieht und sich mit dem gesammelten Wissen das Leben erkämpft, von dem sie immer geträumt hat. Ich erinnere mich noch gut, wie mich lange Texte am Stück anfangs angestrengt haben. Aber die Geschichten haben mich jedesmal belohnt und je mehr ich las, desto einfacher wurde es.
Während „Jim Knopf“ noch etwas langsam voran ging, las ich mich durch „Momo“ in kurzer Zeit durch und meine Lesekarriere war nicht mehr aufzuhalten. Fantasy, Mangas, Teenager-Schnulzen, historische Romane landeten in meinem Regal. Und bald darauf fing ich an, mich an den Büchern meines Vaters zu vergreifen. Edgar Allan Poe, Wolfgang Koeppen, Robert Merle, Kurt Tucholsky öffneten mir den Weg zu einem ganz neuen Lesen. Seitdem lese ich alles kreuz und quer, befeuert von dem steten Nachschub durch meine Arbeit als Buchhändlerin. In der Buchhandlung habe ich auch gelernt, unterschiedliche Lesertypen und Kundenarten zu unterscheiden, denn jeder Kunde brachte seine eigene Motivation und seine Ansprüche ins Gespräch.

Immer wenn „Matilda“ im Fernsehen läuft, erinnere ich mich an meine ersten Bücher. Sie sind meine Heimat geworden. Heute fällt mir auf, dass ich das Buch von Roald Dahl nie gelesen habe. Hinterlasst mir eure Geschichte, ich stürme dann mal fix die nächste Buchhandlung.

„Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ ist wirklich ein langer Titel für einen Roman. Aber was wäre ein passender Titel für das Buch gewesen? Die Journalistin und Autorin Antonia Baum erzählt darin die Kindheitsgeschichte von Protagonistin Romy und ihren Geschwistern, sowie ihrer Hassliebe zu ihrem Vater Theodor. Sie erzählt so umfassend, so kaputt, so schlimm-schön, dass es mir schwer fällt, eine Überschrift zu finden, die nicht zu viel falschen Pathos, Kitsch oder Drama auf die Ereignisse streuselt. Mit dem Titel ihres Debütromans „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“, lässt sich bei der Autorin allerdings eine Vorliebe für schräge Titel erahnen.

Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf...

In „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…“ von Antonia Baum berichtet Romy in Rückblenden von ihren Erinnerungen an den Vater, der Auto fährt wie ein Verrückter, nur ein Auge hat und nie über die verstorbene Mutter seiner Kinder redet. Dafür redet Theodor über die wilden Geschichten, in denen er sich als Junge ganz allein im Leben durchschlagen musste. Romy und ihre Geschwister bewundern den Vater, der sie mit auf seine Geschäftsreisen nimmt, der es mit jedem Gauner der Welt aufnehmen kann und kluge Worte benutzt, die keiner kennt.
Im gleichen Maße hassen sie ihn aber auch dafür, dass er trotz seines Jobs als Arzt so geizig ist, dass sie kein warmes Wasser oder die Heizung benutzen dürfen. Dafür, dass er ihnen keine neuen Sachen kauft und sich nicht so kümmert, wie sich normale Eltern um ihre Kinder kümmern. Aber was ist schon normal? Die Autorin lässt den Leser durch Romys Augen blicken und mit Sprachwitz an der Klarsicht eines Kindes teilhaben, das viel schneller erwachsen werden muss, als seine Altersgenossen. Theodor überlässt seine Kinder meistens sich selbst und wird erst aktiv, wenn mal wieder das Jugendamt wegen Vernachlässigungsmeldungen seitens der Lehrer auf der Matte steht. Kurzzeitig gibt es Freunde ihres Vaters, die bei ihnen wohnen und sich um Schule, Kleidung und „Familienliebe“ kümmern, meistens sind die drei aber auf sich allein gestellt.
Romy und ihr Zwillingsbruder fangen mit 11 Jahren an, ihren älteren Bruder bei Drogengeschäften zu unterstützen und haben endlich Geld, sich selbst frisches Essen zu kaufen und Kleidung, für die sie nicht ausgelacht werden.
Zwischen all den Katastrophen, dem Dreck und Chaos gibt es aber auch immer wieder vertraute Momente. Wenn der Vater nach Hause kommt und sich mit den Kindern in die Decken-Höhle legt, wenn er sie lobt, oder wieder etwas sehr Spektakuläres macht. Es gibt Menschen, denen geht es beschissener als Romy, das weiß sie. Und das letzte was sie will, ist Mitleid.

Antonia Baum beschreibt so gut die verzweifelte Wut, mit denen die Kinder ihre Kämpfe mit dem Vater austragen. Sie flehen ihn an, tricksen, klauen und beziehen nicht selten heftige Prügel von Theodor. Aber egal was sie tun: Mit Drogen dealen, später studieren und wegziehen. Sie können sich nicht von ihrem Vater lösen. Er bestimmt ihr Leben und hat ihre Art, die Welt zu sehen, geprägt. Romy und ihre Geschwister sind fraglos kaputt, haben aber die Schwäche zur Stärke erklärt und lassen sich von anderen Menschen nicht mehr die Butter vom Brot nehmen. Aus der achtjährigen Romy, die so gern ihr pinkes Kleid anzieht, von einer spießbürgerlichen Familie träumt und so viele Fragen über ihre Mutter stellen will, wird in wenigen Jahren eine harte Romy, die sich anzieht wie ein Junge, Schadensbegrenzung betreibt und die Fragen einfach heruntergeschluckt hat.

Ich mochte den Roman. Ich mochte, wie Romy das Wort „speziell“ vor Adjektive setzt, um sie zu betonen. Ich mochte die direkte Erzählweise und die Rotzigkeit. Ich mochte auch, wie die Geschichte ganz wunderlich meine eigene Kindheit berührt hat. Dabei ist „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…“ kein Trauma-Trostbuch. Und auch kein Roman mit moralischem Zeigefinger. Es erzählt von Zusammenhalt zwischen den Geschwistern, die sich zu dritt durch schwere Zeiten helfen. Sie sind ihr eigenes Lebenserhaltungssystem. Und trotz der Gewalt, der Drogen und der Streitigkeiten raufen sie sich immer wieder zusammen. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, ging mir beim Zuklappen des Buchdeckels durch den Kopf. Vielleicht wäre es ja auch ein guter Buchtitel. Zumindest ist er kürzer.

Wenn ich auf andere Buchverrückte treffe, ist gleich nach „Was liest du?“ meine nächste Frage „Wie liest du?“. Die meisten Vielleser lassen sich schon längst nicht mehr auf die Entscheidung zwischen print oder digital einschränken. Allerdings bleibt offen, ob E-Reader, Smartphone oder Tablet die beste Wahl ist. Für mich ist mein Sony-Reader das einzige digitale Lesegerät gewesen. Bis jetzt.

A Story a Day

Screenshot: Die App ist ein Projekt des Voland und Quist Verlages.

Die Kurzgeschichten-App „A Story A Day“ vom jungen Verlag Voland & Quist hat mich erstmals zum Lesen ans Smartphone geholt. Der Dresdner Indie-Verlag hat unter anderem Lesebühnen-Autoren und Slam-Poeten wie Julius Fischer, Marc-Uwe Kling, Volker Strübing und Kirsten Fuchs im Programm. Mit der App „A Story A Day“ gibt es von diesen und weiteren Autoren, jeden Tag eine neue Geschichte aufs Handy. Der Download ist kostenlos, das Abonnement für die Geschichten kostet 3,95 Euro im Monat.

Vier Euro monatlich? Nein! – Doch! – Ah! Für jemanden wie mich, der Nachrichten für umme aus dem Internet schmarotzt, ist das ein Preis zum Grübeln. Es ist aber wohl kaum die Höhe des Preises, denn so viel kostet eine Halbe Bier in einer Münchener Kneipe oder ein Tagesticket für die U-Bahn. Es geht ums Prinzip. Es ist das Gefühl der monatlichen finanziellen Verbindlichkeit, das mir anfangs Unbehagen bereitet hat. Und trotzdem habe ich es probiert. Ich will lesen. Ich will Geschichten. Und wenn es ein interessantes Projekt von einem jungen Verlag mit tollen Autoren gibt, will ich es unterstützen.

Die App selbst ist leicht zu steuern: Auf dem Startbildschirm findet sich die Geschichte des Tages. Am Ende können Herzchen und Sternchen verteilt werden. Sie werden gespeichert und sind unter Autoren und Titeln später aufrufbar. „Die Favoriten“ zeigen die geherzten Geschichten, die sich zu einem übersichtlichen Best-of akkumulieren. Die Ladezeiten sind gering und der sanftgraue Hintergrund macht das Lesen angenehm am Smartphone-Bildschirm.

Favoriten

Screenshot: Die Lieblingsgeschichten werden gesammelt und übersichtlich angezeigt.

Das Wichtigste sind natürlich die Geschichten. Wer den Voland & Quist Verlag bereits kennt und liebt, dem muss ich wohl nicht mehr sagen außer: Großartigst! Es lohnt sich. Wem die Namen der Autoren erstmal nicht bekannt vorkommen, der bekommt mit den Geschichten einen Querschnitt von der Literatur abseits der großen Bestseller-Maschinen. Nachdenklich, kritisch, rotzig, experimentell, kurzweilig, ernst, klug und lustig kommen die Texte  daher.
Die Mischung ist abwechslungsreich, die Themen vielfältig. So beschreibt Kirsten Fuchs einen Elternabend im Kindergarten zum Kaputtlachen. Oder Jochen Schmidt parodiert in „Die Ideale Gutenachtgeschichte“ die große russische Literatur. Olja Savičević erzählt in „Straße, Pavillons“ von Liebe. Wenn an einem Tag kein großer Knaller dabei ist, ist am nächsten Tag die Neugier auf die neue Geschichte groß und auf der Homepage zur App findet sich ein Redaktionsplan mit den angekündigten Texten.

Wie lange ich das Abo laufen lasse, habe ich noch nicht festgelegt. Fürs erste sauge ich die Geschichten in mich auf und freue mich, dass es etwas Schönes auf meinem Smartphone zu lesen gibt. Wenn ich in der U-Bahn sitze oder in der Kneipe auf meine Verabredung warte, freue ich mich über die gut investierten vier Euro.

Die Nachrichten sind voll Trauer und Verlust: Flugzeugabsturz, Wohnhausexplosion, Bomben im Nahen Osten, der Tod des schwedischen Nobelpreisträgers Tranströmer. Wir stehen dem Leid mit Hilflosigkeit gegenüber. Was bleibt uns übrig, als uns mit einem Buch in eine Decke zu kuscheln und uns in die Welt unserer Lieblingsromane zu verkriechen? Buchliebhaber wussten es irgendwie schon immer, was im kürzlich veröffentlichten Artikel der FAZ beschrieben wurde: Bücher sind heilsam.

Die Bücher und Erzählungen von Banana Yoshimoto thematisieren nicht selten den Verlust von nahestehenden Personen. Mit ihrem neuen Roman „Moshi Moshi“ erzählt die japanische Autorin die Geschichte von Yotchan und ihrer Mutter, die nach dem rätselhaften Suizid des Vaters und Ehemanns vor den Scherben ihres bisher gutbürgerlichen Lebens stehen. Yohimotos Sprache – wie ich sie bereits liebe – ist reflektiert, poetisch und großartig in den leisen Tönen. Moshi Moshi
Sie erzählt von einem Neuanfang in kleinen Schritten, für den die beiden Frauen sich nicht nur selbst, sondern auch ihre Beziehung zueinander neu erfinden müssen. Yotchan findet Trost in einer neuen Wohnung, viel Arbeit und Antworten auf ihre offenen Fragen. Ihre Mutter legt allmählig ihre Rolle als gutsituierte Oberschichts-Hausfrau ab und sucht in den Straßen von Shimokitazawa nach sich selbst. Auch wenn ich es an der Hauptfigur nicht schätze, dass sie mit Männern schläft, die sie an ihren Vatern erinnert. Insgesamt ist „Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto dennoch ein sehr schönes Buch, das uns sanft in Erinnerung ruft, dass es bei aller Tragik nicht hilft, sich selbst aufzugeben.

Auch die Protagonistin im Thriller „Die Falle“ von Melanie Raabe hat auf schlimmste Art und Weise ein Familienmitglied verloren. Denn die Bestseller-Autorin Linda Conrads ist Zeugin am Mord ihrer Schwester vor zwölf Jahren. Doch der Mörder wird nicht gefunden und sie zieht sich mit ihrem Schmerz von der Welt zurück. In der Abgeschiedenheit ihres Hauses fühlt sie sich sicher, bis sie das „Monster“ im Fernsehen wiedererkennt: Ein Journalist, den die Einsiedlerin mit ihrem neuen Roman zu sich locken will. Die traumatisierte Linda nimmt ihren Mut zusammen, schreibt einen Krimi, der die Ereignisse von damals aufarbeitet und bereitet das Interview vor, in dem sie sich ein Geständnis von dem Mörder ihrer Schwester erhofft. Debütautorin Melanie Raabe entwickelt ein psychologisch aufreibendes Verwirrspiel darum, wer Täter und wer Opfer ist. Die Falle
Der Leser wird von Melanie Raabes sensiblen Sprachgefühl in seinen Bann geschlagen, tappt in ihre Falle und zweifelt schließlich an sich selbst. Spannung und Erzählkunst stehen hier in einem so ausgewogenen Verhältnis, dass kleine Klischees verzeihlich sind. (Wie etwa das „tollpatschige Frau lässt was fallen, will es aufheben und stößt mit dem Kopf ihres hilfsbereiten Traummannes zusammen“-Klischee)  Die ansonsten durchweg inspirierende Erzählweise ist eine Freude. Melanie Raabe ist mit „Die Falle“ ein tolles Buch gelungen, das die Hauptfigur und den Leser an seine Grenzen bringt. Sie schildert nicht nur den Schmerz und die Trauer der Protagonistin eindrücklich, sondern auch ihren Weg, um sich davon zu befreien.

Die Erzählungen und Essays in „Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan verströmen trotz der traurigen Hintergrundgeschichte Hoffnung, Lebenslust und Kraft.  Die junge US-amerikanische Autorin kam nämlich kurz nach ihrem Studienabschluss in einem Autounfall ums Leben. Ihre großartigen Texte wurden posthum veröffentlicht und sind auf dem besten Weg, ein Bestseller zu werden. Denn die Tragik und all die düsteren „Was wäre wenn…?“-Gedanken treten bei der Lektüre schnell in den Hintergrund. Marina Keegans Sprachtalent, ihre großartigen Dialoge und ihr Gespür für Zwischenmenschliches haben mich einfach begeistert. Das Gegenteil von Einsamkeit
Die Geschehnisse sind zum Großteil sehr alltäglich, doch mit brillanter Beobachtungsgabe erzählt. Wie groß muss der Schmerz der Eltern sein, ihre talentierte Tochter zu verlieren? Was für eine große Autorin ist der Welt verloren gegangen? Diese Fragen kann der Leser nicht beantworten. Aber das Buch ist ihr Vermächtnis an uns und hat mich direkt angesprochen: Die Welt steht uns offen. Oft macht uns das Leben einen Strich durch unsere Rechnung, aber es ist am Ende das einzige, das wir haben.