Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

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Rezension: „Die Zensoren“ von Robert Darnton

Eines, der wohl derzeit am häufigsten zitierten Grundrechte ist in Artikel 5 unseres Grundgesetzes verankert:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Vor dem Hintergrund der Debatte über Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechte und Satire im Falle Jan Böhmermanns steht auch das Thema Zensur im Raum. Während in der Türkei regierungskritische Journalisten mit Gefängnisstrafen rechnen müssen, regt sich die deutsche Öffentlichkeit bereits über gelöschte Videos in der ZDF Mediathek auf. Die Frage ist: Wo hört Pressefreiheit auf und wo beginnt die Zensur? Der Begriff geht weit über bloße Verbote mit strafrechtlichen Konsequenzen hinaus und bezieht viele Arten von Einschränkungen der schriftlichen und mündlichen Äußerung mit ein.

Das Sachbuch „Die Zensoren – Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat“ des Harvard-Professors Robert Darnton erschien Anfang März 2016 im Siedler Verlag und wirft einen historischen Blick auf das Thema Zensur. Anhand eines Rückblicks ins vorrevolutionäre Frankreich, in die Vorgänge in Britisch-Indien, bishin ins System der DDR versucht Darnton, die unterschiedlichen Definitionen etwas einzugrenzen. Denn:

„… wenn man Zensur überall wittert, läuft man Gefahr, dass man sie schließlich nirgends mehr ausmachen kann. [..] Zensur mit jeder Art Zwang gleichzusetzen, heißt, sie zu trivialisieren.“ (S. 12)

Die drei historischen Zeiträume, die Darnton für seine Betrachtung ausgewählt hat, zeigen einerseits, wie unterschiedlich die Unterdrückung von Meinungsäußerungen oder Informationsflüssen erfolgte. Andererseits wird klar, dass die Systeme, in denen Zensur stattfindet, oft weitaus komplexer sind, als man den beteiligten religiösen oder politischen Autoritäten zugetraut hätte.

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Robert Darnton: „Die Zensoren“
Siedler Verlag

Im bourbonischen Frankreich des 18. Jahrhunderts wurde von Druckprivilegien und Leseempfehlungen Gebrauch gemacht und die Sicherung der „Qualität“ als Zensurvorwand genutzt. Die Zensoren waren oft selbst Gelehrte, die die Gutachten für ihre Kollegen anfertigten und sie inhaltlich und stilistisch bei heiklen Themen berieten. Kirche und König waren solche delikaten Tabuthemen. Hier sieht Darnton durchaus positive, fördernde Aspekte – neben den Beschlagnahmungen ungenehmigter Schriften, sowie Gefängnisstrafen für die Beteiligten.
Dagegen wurde in der DDR der Literaturbetrieb zentral geplant und nach Parteivorgaben durch einen staatlichen Verwaltungsapparat kontrolliert. Hier haben die Lektoren mit den Autoren gemeinsam systemkonforme Manuskripte ausgearbeitet, die noch mit Hilfe detaillierter Gutachten für die Veröffentlichung genehmigt werden mussten. Während  manche DDR-Autoren ohne Genehmigung ihre unzensierten Manuskripte bei Verlagen in der BDR an die Öffentlichkeit bringen konnten, bestand immer die Gefahr von Berufsverbot und Gefängnisstrafen. Löste ein genehmigtes Buch allerdings im Nachhinein einen Skandal aus, wurden neben dem Urheber auch Gutachter und Lektoren hart bestraft.

Anhand einiger sehr konkreter Beispiele zeichnet Robert Darnton die juristischen Mühlen der Autoren in ihrer Zeit nach. Manchmal ermüdend kleinschrittig, aber in der Schlussfolgerung hochspannend, rekonstruiert Darnton die historischen Ausprägungen der Zensur. Neben den institutionellen Verhinderungs- und Kontrollmaßnahmen kommt Darnton in seinem Sachbuch auch auf sehr aktuelle Arten der Zensur zu sprechen: Die Zensur des Marktes, sowie die Selbstzensur als „Schere im Kopf“ werden ebenfalls anhand von Beispielen erläutert.

„Aber die Androhung von Gefängnishaft wirkt anders, als die Kräfte des Marktes es tun. Hinter deren Verhängung steht das Machtmonopol eines Staates, während ein Autor, dessen Manuskript von einem Verlag abgelehnt wird, noch auf einen anderen ausweichen kann. Wenn er ganz scheitert, mag er die Macht des kapitalistischen Literaturmarktes als Unterdrückung empfinden, hatte aber immerhin Alternativen“ (S. 280)

Auch wenn die von dem US-Amerikaner Robert Darnton ausgwählten Zeiträume und Schauplätze einen durchaus interessanten Überblick über den umstrittenen Zensurbegriff geben und bei 298 Seiten Inhalt kaum ein erschöpfender Rundumschlag gelingen kann, haben mir manche Aspekte gefehlt. Die Zensur in der NS-Zeit, oder Beispiele aus muslimisch gesprägten Ländern wären ebenfalls interessante Themengebiete, aus denen sich Erkenntnisse für die aktuelle Debatte ableiten ließen. Insgesamt kann ich aber „Die Zensoren“ aus dem Siedler Verlag als gelungenes Sachbuch empfehlen, das nicht nur informativ war, sondern auch für Laien auf dem Gebiet der Literaturgeschichte hervorragend zu lesen sein sollte.
Darntons Ausführungen sind somit eine verständliche theoretische Grundlage zur aktuellen Debatte über Satire, Beleidigung und Meinungsfreiheit. Die historische Moral lautet:

„Die Freiheit der Rede muss sich an widrige Zwänge anpassen, sich mitunter einen Weg durch eine raue Wirklichkeit bahnen und nach Möglichkeiten suchen, gegen deren Härten Protest zu erheben“ (S. 288)“

 

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Rezension: Juli Zeh, Dörte Hansen und der Traum vom Dorf

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lebt in Städten. Was auf dem Land übrig bleibt, ist Überalterung, Leerstand und geschwächte Infrastrukturen. Für mich ist das nicht nur Theorie, sondern in meiner Heimat eine beobachtbare Tatsache. Ich komme aus einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, die umringt ist von sterbenden Dörfern. Viele, die wie ich fortgehen, wissen, dass sie wahrscheinlich nicht mehr zurück kommen werden und können. Aber was bleibt vom Landleben, wenn wir gehen? Und wie geht es den Menschen auf dem Dorf?
Zwei aktuelle Romane erzählen vom Dorfleben zwischen den zurückbleibenden Alten und den Aussteigern aus der Stadt. Dörte Hansen widmet sich in ihrem Debütroman „Altes Land“ einer Familie in der Nähe von Hamburg und berichtet von Altlasten, Sorgen und Hoffnungen. Der Roman war 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert und hielt sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Die erfolgreiche Autorin und Kritikerin Juli Zeh veröffentlichte nun im März 2016 ihren Gesellschaftsroman „Unterleuten“ über die menschlichen Abgründe eines Dorfs in Brandenburg. Beide Bücher entstauben das Bild von der Idylle auf dem Dorf und entlarven den Traum von der Rückkehr zur Ursprünglichkeit als Illusion. Sie zeigen, wie sich Zukunft und Vergangenheit zu sensiblen Sollbruchstellen verknüpfen und wie die Umgebung die Bewohner prägt. Dennoch haben beide Autorinnen und beide Romane – natürlich – einen ganz eigenen Blickwinkel auf das Thema und sind neben ihren hervorragenden Geschichten menschlicher Schicksale auch eine Momentaufnahme des deutschen Landlebens in der Gegenwart.

Unterleuten von Juli Zeh

Juli Zeh „Unterleuten“ Luchterhand Verlag

Juli Zeh führt den Leser in ihrem neuen Roman ins brandenburgische Dorf Unterleuten, nach dem das umfangreiche Buch benannt ist. Ein geplanter Windpark versetzt hier die Einwohner in Aufregung und lässt alte Konflikte in der Dorfgemeinschaft wieder aufleben. Für die einen lockt dabei der große Profit, für die anderen sorgen die Pläne für Ängste vor der Zerstörung der gewohnten Landschaft. Wie damals, nach dem Untergang der DDR und der bevorstehenden Auflösung der LPG, wird die Dorfgemeinschaft von Unterleuten in verfeindete Lager gespalten. Vor diesem Hintergrund werden Fehden unter Nachbarn zu Intrigen, Unfälle zu Anschlägen und Gerüchte zur Wahrheiten. Vogelschützer, besorgte Mutter, Berliner Aussteiger, Dorfältester, Bürgermeister und Rückkehrer: Juli Zeh gibt jedem Bewohner von Unterleuten eine Stimme und lässt sie die Ereignisse erzählen.Juli Zehs neuer Roman „Unterleuten“ ist jedoch alles andere als eine trockene Chronik, sondern äußerst lebendig. Die Autorin zeigt Menschenkenntnis und einen realistischen Blick auf die Befindlichkeiten der ehemaligen DDR Bürger. Die 600 Seiten haben sich überraschend kurzweilig gelesen und ergeben einen empfehlenswerten Roman über die ungeahnte Dynamik einer Dorfgemeinschaft.

Altes Land von Doerte Hansen

Dörte Hansen
„Altes Land“
Knaus Verlag

Dörte Hansen erzählt in ihrem Roman „Altes Land“ von einer Frau, die als alleinerziehende Mutter dort Hilfe sucht, wo bereits ihre Oma als Flüchtling eine Bleibe fand. Auf dem verwahrlosten Obsthof im Alten Land bei Hamburg steht Anne und ihr kleiner Sohn vor der Tür der Tante Vera. Sie ist vor der Affäre ihres Mannes und den stummen Vorwürfen der übereifrigen Hamburger Mütter geflohen. Nun kommt sie bei einer Frau unter, die nach dem Krieg mit ihrer Mutter aus Ostpreußen geflohen ist. Dörte Hansen verbindet souverän die Geschichte des Dorfes im Alten Land mit den Schicksalen der Menschen an diesem Ort. Sie erzählt von Veras Trauma, vom Konflikt zwischen den Generationen, von der Last der Schuld, aber auch von Hoffnung auf ein besseres Morgen. Humorvoll und sensibel lässt Dörte Hansen Erwartung und Realität aufeinandertreffen und erzählt eine berührende Geschichte starker Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Am Ende müssen die Aussteiger einsehen, dass das Landleben härter ist, als die Lifestyle-Magazine es ihnen versprechen und die verbohrten Alteingesessenen müssen die Veränderungen im Dorf azeptieren.

Nach der Lektüre der Romane von Dörte Hansen und Juli Zeh komme ich zum Fazit: Die geschilderten Konflikte zwischen den Menschen beziehen sich nicht nur auf das Dorfleben, sondern erklären auch, waum wir in der Stadt nicht zufrieden sind. Auf ihren Beobachterpositionen lassen die beiden deutschen Autorinnen unsere Traumblase vom mühelosen harmonischen Zusammenleben platzen und lenken den Blick auf eine Lebensform, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint und von der wir trotzdem sehr viel über die Gegenwart lernen können.

Rezension: „Radchaai Imperium“ von Ann Leckie

Die neue Science-Fiction Reihe der US-amerikanischen Autorin Ann Leckie ruft bei deutschen Lesern eher verhaltene Reaktionen hervor. Der Übersetzer Bernhard Kempen hat die Idee der Autorin von einer Sprache ohne Markierung des Geschlechts ins Deutsche übertragen und die Space Opera konsequent im generischen Femininum erzählt. Gerade dieser Aspekt scheint für die überwiegend männlichen Sci-Fi Leser ein Störfaktor zu sein. Für mich ist dieser sprachliche Kunstgriff zwar ein kreativer Clou, steht aber nicht im Vordergrund der spannenden Geschichte im Weltraum. Inzwischen stelle ich mir die Frage: Gefällt mir die Sci-Fi von Ann Leckie, weil ich ein Mädchen bin?

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Die Reihe startete 2015 in Deutschland mit Band eins „Die Maschinen“ – ein Jahr nachdem Ann Leckie mit dem englischen Original unter dem Titel „Ancillary Justice“ die renommiertesten Preise des Science-Fiction Genre abgeräumt hatte. Im Februar 2016 erschien kürzlich Band zwei „Die Mission“ und setzt die Space Opera auf dem deutschen Buchmarkt fort. Vor lauter Neugier konnte ich es natürlich nicht abwarten und habe Band zwei und Band drei auf Englisch gelesen. Fazit: Ich bin Fan. Eine Recherche zu Reaktionen und Rezensionen anderer Leser war dagegen etwas ernüchternd, denn der preisgekrönte Buchimport scheint die zurückhaltende Sci-Fi Gemeinde zu spalten. Während einige Blogger den ersten Band durchaus loben, sprechen andere von Langeweile und „Genderwahn im All“. In der Rezension auf diezukunft.de ist trotz des Lobes ebenfalls von einer sperrigen „Gender-Geschichte“ die Rede.

Das Radchaai Imperium

Die Bücher

Die Kurzfassung ohne Spoiler lautet: Der Ort der Handlung ist das galaktische Imperium der Radchaai unter der Führung des Herrschers Anander Minaai. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Protagonistin Breq, die sich als letztes menschliches Segment einer künstlichen Intelligenz eines Raumschiffes namens Gerechtigkeit der Torren durchschlägt und ihre Freunde vor dem heraufziehenden Bürgerkrieg beschützen will.
Insgesamt ist der Inhalt des Buches nicht so leicht zusammenzufassen. Denn die Buchreihe von Ann Leckie ist stark Dialog-basiert und glänzt vor allem mit spannenden politischen und moralischen Verwicklungen der Hauptperson Breq. Dabei werden viele Themen zur Diskussion gestellt.

Künstliche Intelligenz
Als Informatikerin fand ich Ann Leckies Ideen bezüglich künstlicher Intelligenz unglaublich spannend. Denn in „Die Maschinen“ wird erklärt, dass Raumschiffe wie Gerechtigkeit der Torren durchaus auf Emotionen basieren, da komplexe Entscheidungen eine viel zu umfangreiche Berechnungszeit erfordern würden. Dabei schildert die Autorin eindrucksvoll die Gedankenwelt von Breq als Raumschiff, das seine Empfindungen und Informationen durch Implantate mit zahllosen menschlichen Körpern teilt. Da Breq als einzelnes Segment das Wesen des gesamten Schiffes beherbergt, ist sie als Hauptfigur zerrissen und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Identität
Nicht nur die künstliche Intelligenzen der Raumschiffe und Raumstationen, auch das Bewusstsein des Imperators Anander Minaai teilt sich durch Implantate auf zahhlose Klone seiner selbst auf. Damit ist der Herrscher der Radch unsterblich und kann die Geschicke seines Reichs zentral lenken. Diese Aufspaltung einer Identität birgt aber auch Gefahren, die auch die Galaxie an den Rand eines Krieges bringen. Was macht den Charakter einer Person aus? Welche Eigenschaften sind untrennbar mit einem Menschen verbunden? Diese Fragen stellt sich auch der Leser von Ann Leckies Büchern.

Zivilisation
In der Sprache der Radch, bedeutet „Radchaai“ so viel wie „zivilisiert“. Der Entwurf dieser Zivilisation erweist sich als sehr interessant und birgt viel Diskussionsstoff. Denn Unterscheidungen zwischen männlichen und weiblichen Personen gelten im Imperium als primitiv und unzivilisiert. Deshalb wird nicht nur auf äußerliche sondern auch auf sprachliche Markierungen von Geschlechtern verzichtet. Das setzt Leckie in der Originalsprache der Romane unauffälliger um, als es im Deutschen möglich ist: Da Bezeichnungen wie „Gouvernor“ oder „Captain“ auf Englisch bereits neutral sind, fällt lediglich auf, dass Leckie für alle Personen „she“ als weibliches Personalpronom verwendet. In der Übersetzung hat sich Bernhard Kempen für das generische Femininum entschieden und die Verwendung des weibliche Personalpronoms mit der konsequenten Verwendung der weiblichen Endung -in ergänzt. Eine mutige Entscheidung, durch die Ann Leckies Idee noch deutlicher hervorgehoben wird. Dieser Kunstgriff stört den Lesefluss überraschenderweise kaum. Im Gegenteil: Es birgt großes humoristisches Potenzial in Szenen, in denen Breq in fremden Kulturen verzweifelt versucht, das Geschlecht ihrer Gesprächspartner zu erraten. In den Liebesszenen zwischen den Hauptpersonen ist das Geschlecht ebenfalls revolutionär nachrrangig. Zur hektoliterweise Tee schlürfenden Zivilisation der Radch gehört aber auch das Selbstverständnis einer Grundsicherung für jeden Bürger und zahlreiche andere Aspekte. So auch die „Umerziehung“, falls kriminelle Bürger ihren Auftrag in der Gesellschaft nicht erfüllen wollen, oder die sorglose Unterwerfung „unzivilisierter“ Völker anderer Planeten.
Insgesamt gibt Ann Leckie Einblick in ein System, das nicht als durchweg dystopisch oder utopisch eingestuft werden kann, da die Grenzen zwischen „Tyrannei“ und „Lenkung zum Wohle der Menschheit“ verschwimmen.

Fazit

Die Space Opera von Ann Leckie ist kurzerhand auf meiner Liste der Lieblingsbücher gelandet. Großartig finde ich dieses durchdachte Zukunftsszenario im Weltraum ohne technische Nonsens-Vokabeln, die den Lesefluss stören. Dass die Action hier etwas zurücktritt und dafür geistreichen Wortwechseln und den Überlegungen der Hauptperson Platz machen, finde ich nicht nur mutig, sondern auch durchweg gelungen. Langeweile ist beim Lesen nicht aufgekommen. Im Gegenteil: Es gibt selten eine Buchreihe, bei der ich so flott weiterlesen will.
„Die Maschinen“ und „Die Mission“ auf eine Gender-Geschichte zu reduzieren und sich über das sprachliche Experiment aufzuregen, wird diesen tollen Romanen von Ann Leckie auf keinen Fall gerecht. Insgesamt sind die Bände des „Radchaai Imperiums“ kluge Sci-Fi für alle, denen Ideen wichtiger sind als Laser-Sperrfeuer aus allen Rohren. Die Autorin sprüht förmlich vor Einfällen und bringt brillante Überlegungen in die Handlung mit ein. Dabei hält die deutsche Übersetzung von Bernhard Kempen dem direkten Vergleich mit der englischen Vorlage stand und  erschafft eine ganz eigene Qualität von Roman.

Too long, didn’t read: Lesebefehl! 😉

Rezension: Programmieren lernen – Bücher für Anfänger

Habt ihr für 2016 gute Vorsätze gefasst? Zum Jahresende empfehle ich euch mit meinem letzten Blogbeitrag des Jahres in dieser Rezension nicht nur Bücher, sondern auch gleich den dazugehörigen guten Vorsatz für das neue Jahr: Lernt Programmieren! Es ist nicht nur sinnvoll, ein paar digitale Grundkenntnisse zu erwerben, sondern kann auch noch prima vom heimischen Sofa aus gelingen. Ich habe mir zwei Bücher angeschaut, die sich eigentlich an Kinder und Jugendliche richten, aber egentlich allen absoluten Anfängern einen motivierenden Einstieg bieten. Ich studiere Informatik im Nebenfach und weiß, welche Stolpersteine angehende Programmierer frustrieren können. Aber ich kann euch Mut machen: Mit diesen beiden Büchern könnt ihr ganz einfach in das Thema Computer einsteigen und euch neue Ideen holen.

Guter Vorsatz: Programmieren lernen

„Programmieren supereasy“ ist im Verlag Dorling Kindersley erschienen und für Kinder ab 10 Jahren empfohlen. Das großformatige Sachbuch erklärt mit vielen bunten Bildern, wie ein spielerischer Umgang mit Programmbausteinen ein erstes Verständnis für Algorithmen fördern kann.  Die Programmiersprachen Scratch und Python werden im Buch an einfachen Aufgaben erklärt und eignen sich sehr gut für einen intuitiven Zugang zur Arbeit mit Code. Auf den 224 Seiten wird mit ersten kleinen Programmen und Spielen an leicht verständlichen Beispielen gezeigt, wie Probleme aus unserer Welt in Computersprache übersetzt werden können. Dazu gehören aber auch Kapitel, die ganz grundlegende Fragen klären, die auch Erwachsene interessieren dürften: Wie funktioniert ein Computer? Und wie funktioniert das Internet? „Programmieren supereasy“ ist nicht nur ein elektronisches Bastelbuch für Kinder, sondern ist meine Empfehlung für alle, die endlich verstehen wollen, wie die Technik grundlegend funktioniert, die so ein wichtiger Teil unseres Alltags ist. Die einfachen Erklärungen sind ideal für Anfänger, die bei Null anfangen und Grundlagen brauchen.

Hier werden grundlegende Fragen ganz einfach beantwortet

Hier werden grundlegende Fragen ganz einfach beantwortet

„Hack’s selbst – Digitales Do It Yourself für Mädchen“ von Beltz & Gelberg richtet sich an Jugendliche ab 13 Jahren. Allein die Bonbon-farbene Covergestaltung und der Titel des Buches haben mich erst einmal misstrauisch gemacht, ob die stereotypische Ausrichtung überhaupt praktische Informationen abseits von Selfies und Online-Shopping zulässt. Da lag ich mit meinem Urteil allerdings deutlich daneben, denn dieses Sachbuch für Mädchen begeistert für unterschiedlichste Themen rund um Technik. Hier geht es neben Sicherheit und Verschlüsselung auch um Ideen aus den Bereichen Elektrotechnik, Informatik, Design und Netzpolitik. Wer sich online ausprobieren und die technischen Möglichkeiten von Computern besser verstehen will, findet in diesem Buch einfache Erklärungen für ganz konkrete Ideen. Mit der Programmiersprache Ruby werden ganz einfache Code-Beispiele erklärt, die einen guten Einstieg zum Programmieren Lernen sind. „Hack’s selbst“ macht richtig Lust aufs digitale Basteln und kann Mädchen tatsächlich motivieren, technische Probleme selbst anzupacken und sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Mit Ruby werden Grundlagen der Programmierung erklärt

Mit Ruby werden Grundlagen der Programmierung erklärt

 

Mein Fazit: Verschenkt diese Bücher an eure Kinder, Geschwister, Neffen und Nichten! Zu „Medienkompetenz“ gehört auch, die technischen Hintergrundprozesse in Grundzügen zu verstehen und die Möglichkeiten, die ein Computer bietet, zu kennen. Die beiden Sachbücher sind aber auch für Erwachsene geeignet, die sich endlich der Herausforderung stellen wollen und verständliche Erklärungen ohne technische Fachvokabeln brauchen. „Hack’s selbst“ empfehle ich vor allem neuen Bloggern, weil das Buch voller interessanter Anregungen steckt. Also: Lernt Programmieren! Mit diesen Büchern gibt es keine Ausrede mehr.
Und jetzt seid ihr dran: Welche Aufgaben habt ihr euch für 2016 vorgenommen? Was sind eure Erfahrungen beim Programmieren, auf welche Schwierigkeiten seid ihr gestoßen und welche Erfolgserlebnisse hattet ihr? Ich freue mich auf eure Kommentare und wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr!

#BookUpDE im Hanser Verlag

Am vergangenen Dienstag öffnete der Münchner Hanser Verlag seine Türen für ein BookUp in weihnachtlicher Atmosphäre. Zwei Wochen zuvor hatte Verleger Jo Lendle in einem Vortrag an der LMU über seine Arbeit als Balanceakt zwischen Traditionen und neuen Impulsen gesprochen. Der abendliche BookUp ließ die über fünfzig Teilnehmer hinter die Kulissen des Verlags blicken, der für seine preisgekrönten Autoren von großartigen Bücher bekannt ist und machte den Balanceakt zur gelungenen Kür. Nach dem Motto „Handy raus, statt Handy aus“ durfte fleißig auf allen Kanälen über die Veranstaltung geplaudert und die Eindrücke aus den Vorträgen der einzelnen Verlagsabteilungen geteilt werden. Dabei fiel vor allem auf, mit wie viel Begeisterung und Hingabe alle Hanser-Mitarbeiter durch den Abend führten. Eine lückenlose Abdeckung mit strapazierfähigem Wifi, liebevolle Weihnachtsdekoration, leckeres Essen und viele kleine Überraschungen rundeten den tollen Abend ab.

Die Idee für die digitalen Treffen in der Buchbranche kommt von der Bloggerin Stefanie Leo, die auf ihrem Blog auch eine „Bastelanleitung“ für BookUps veröffentlicht hat.

Dieser Abend zu Gast im Hanser Verlag war mein erster BookUp und eine tolle Erfahrung. Nicht nur der Einblick in dessen Tagesgeschäft, sondern auch der Spaß am Büchermachen, den alle Mitarbeiter vermittelten, haben mich begeistert. Es war außerdem eine tolle Gelegeheit zum Netzwerken und Kennenlernen. Allerdings war die Anforderung an die eigene Fähigkeit zum Multi-Tasking neu für mich: Zuhören, Fragenstellen und online Mitlesen erforderten einen wahren – jetzt muss ich bei Herrn Lendle das Wort ausborgen – Balanceakt. Am Ende war der Kopf voll mit neuen Eindrücken, der Handy-Akku war ausgebrannt und der Mund leergeredet. Was online alles passiert ist, lässt sich nur schwer zusammenfassen. Ich habe es wie die Nordbreze gemacht, und ein Storify mit meinen Lieblingsbeiträgen des Abends zusammengestellt. Der Rest ist Schweigen.

Rezension: Euphorie und Dystopie

Es ist das Jahr der schlechten Aussichten: Flüchtlingskrise, Klimaprobleme und Ebola-Epidemie haben 2015 die Nachrichten bestimmt. Kein Wunder, dass die Literatur diese Themen aufnimmt und den Faden weiterspinnt: Wie lange hält unsere Gesellschaft das aus? Die Antwort liefern uns dystopische Romane, wie etwa die Bücher von Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ oder „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle. Beide Bücher sind im September 2015 erschienen und behandeln das selbstverschuldete Ende unserer Zivilisation.

wpid-img_20151021_092416.jpgEmily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ erzählt von einer verheerenden Pandemie aus unterschiedlichen Persepktiven. Das Schicksal der Hauptfiguren ist verbunden durch die Bekanntschaft mit dem Schauspieler Arthur, dem die Gnade zuteil wurde, am Vorabend der Apokalypse an einem Herzinfarkt zu sterben. Danach bricht über die Protagonisten das Ende der Welt herein: Die hochansteckende „Georgische Grippe“ verbreitet sich in unserer globalisierten Welt rasend schnell und löscht beinah die gesamte Menschheit aus. Die wenigen Überlebenden wühlen sich durch wertlos gewordene Autowracks, tote Elektrogeräte und übrig gebliebene Luxusgüter. Was in der neuen Welt zählt, sind Gewehre, Nahrung und gute Abwehrkräfte. Flugzeuge, die am Boden bleiben und Handys, die nie mehr klingeln, werden zum Symbol vergangener Zeiten.
Die kanadische Autorin Emily St. John Mandel philosophiert locker und leicht, während sie die Handlung mit Rückblenden in das Leben von Arthur vor der Pandemie entschleunigt und gleichzeitig anhand seiner Erlebnisse die Dekadenz und Selbstentfremdung der Menschen in unserer modernen Welt zeigt. „Das Licht der letzten Tage“ ist definitiv kein fesselndes Schreckensszenario und kein dystopischer-Thriller. Dafür ist Mandels Roman eine Studie über das Wesen der Menschen im Ausnahmezustand. Während auf der einen Seite das Hauen und Stechen um Ressourcen und Macht beginnt, gibt es andererseits eine fahrende Truppe Schauspieler, die nach dem Motto „Überleben allein ist unzureichend“ durch das Land zieht und die Menschen an das Schöne und Wahre erinnert. Auch wenn die Erinnerungen an die „alte Welt“ schwindet, gibt es am Ende eine Hoffnung auf den Wiederaufbau der Zivilisation.

„Eigentlich müssten wir tanzen“ liest sich im Vergleich dazu desillusionierter, härter und gefährlicher. Heinz Helle landete mit seinem Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. In der Geschichte verbringt eine Gruppe Männer ein heiteres Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurück kommen, in der Erwartung in ihre Jobs als Architekt, Mikrobiologen, Kaufmann oder Versicherungsvertreter zurückkehren zu müssen, ist allerdings die menschliche Zivilisation zerstört. wpid-20151029_180508.jpgWas ist passiert? Heinz Helle erschafft mit wenigen Worten und sprachlich dichten Sätzen ein Mosaik aus Erlebnissen vor – und nach der Katastrophe mit viel Spielraum für eigene Theorien. Die Männer werden zu einem Rudel wilder Tiere, einem „Wir“, das gemeinsam ums Überleben ringt. Aber wofür Weiterleben? Sie streifen durch Süddeutschland und finden verbrannte Städte und verbrannte Leichen. Unsere Zivilisation, so scheint es in Helles Roman, hat sich überhitzt und hat ihr Verfallsdatum einfach überschritten. Die Protagonisten sind nicht daran gestorben, aber vom „Glück“ zu Überleben spricht niemand. Sie leben von Resten aus Supermärkten, suchen Brennmaterial für ein bisschen Wärme und durchwühlen Schrott nach Brauchbarem, das auf ihrem endlosen Fußmarsch schließlich doch wertloser Ballst wird. Papiergeld taugt nur noch, um damit Feuer zu machen und die toten Smartphones sind Erinnerungsstücke an ein früheres Leben mit weichen Betten, Räuschen in Nachtclubs und Jobs mit nervigen Kunden. Besitz und Mitgefühl wirken im Abglanz der Zerstörung wie schlechte Angewohnheiten. Heinz Helles sprachlich ausgefeilte Dystopie ist ein Schlag in die Magengrube, aber ein intelligenter Roman zum Nachdenken.

Beide Bücher fördern Unmenschliches nach der Apokalypse zutage. In den Romanen „Das Licht der letzten Tage“ und „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist Menschlichkeit ein Luxus mit Halbwertzeit. Auch wenn der Stil und die Prognosen der Bücher von Emily St. John Mandel und Heinz Helle nicht miteinander zu vergleichen sind, haben doch beide Bücher eine Gemeinsamkeit: Es geht ihnen nicht darum, Nervenkitzel mit Spannungsbogen zu liefern, sondern sie zeigen die Selbstverständlichkeit unseres Komforts und wie fragil unsere moralischen Ansprüche im Ausnahmezustand sind. Aber egal wie wir untergehen, ich möchte es halten wie eine der Figuren aus „Das Licht der letzten Tage“. Am Ende möchte ich in den Spiegel blicken und sagen können: „Ich bereue nichts.“

Rezension: Immer wieder Neil Gaiman

Immer wenn ich Bücher von englischsprachigen Autoren in der Hand halte, stehe ich vor der gleichen Frage: Will ich die Übersetzung oder das Original lesen? Ein paar Jahre lang habe ich Romane englischer Autoren, die mir auf Deutsch gefallen haben, einfach nochmal auf Englisch gelesen. Das war interessant, wirklich einmal die Qualität von Übersetzungen zu vergleichen, aber wirtschaftlich äußerst strapaziös.
Und dann kam Neil Gaiman. Wenn ich ein Buch von ihm kaufe, bringe ich es nicht übers Herz es auf Deutsch zu lesen. Ich kann zwar die Übersetzungen nicht beurteilen, dafür aber die unmittelbare Qualität seiner Werke in Originalsprache – und bin jedes Mal verzaubert.

Die „Sandman“-Comics von Neil Gaiman waren meine Einstiegsdroge. In der zehnbändigen Comicbuch-Reihe erzählt Gaiman von sieben mächtigen Wesen, die älter sind als die Zeit. Die zentrale Figur ist Morpheus – der Sandmann, der Schlaf, der Herrscher des Traumreiches. Er hat viele Namen, viele Gestalten und ist keines Falls das moralisch erhabene Wesen, für das man so eine gottähnliche Erscheinung halten mag. Bisweilen experimentiert Dream mit dem Schicksal der Menschen, ist rachsüchtig und grausam, ein anderes Mal sucht er das Gleichgewicht, ist gnädig und weise. Gaiman verwebt mythologische Einflüsse mit dramatischen Ereignissen im abgründig schmutzig-kalten Setting der ausgehenden 80er Jahre amerikanischer Großstädte. Der düstere und explizite Zeichenstil der unterschiedlichen Künstler verbindet sich mit Gaimans kompakter und vielseitig inspirierter Erzählweise zu einem Meisterwerk, das sich auf Englisch unbedingt lohnt. Manche Dialekte in der wörtlichen Rede, viele Wortschöpfungen des Autors und Namen lassen sich nur schwer ins Deutsche übertragen. Die Comics sind auch optisch ein Meisterwerk – die Zeichner Dave McKean, Sam Kieth, Mike Dringenberg, Malcolm Jones III, Kelley Jones und weitere,  haben Gaimans Geschichten brillant in Szene gesetzt und vollenden die mystische Stimmung. Für mich sind die „Sandman“ Comics absolute Pflichtlektüre für alle, die Comics lieben. Natürlich in Originalsprache!

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Düster, magisch und abgründig ist auch Gaimans Roman „Der Ozean am Ende der Straße“. Das Buch wurde im Original 2013 veröffentlicht. Hier besucht der Protagonist den Ort, in dem er als Kind aufwuchs. Die schwachen Erinnerungen an seine Kindheit kommen nach und nach zu ihm zurück, als er das abgelegenen Haus außerhalb des Dorfes besucht, in dem seine Spielgefährtin Lettie Hempstock wohnte. Auf dem Hof des Hauses gibt es einen kleinen Teich, der in den Augen Letties immer ein Ozean war und eine große Bedeutung im Roman bekommt. Je weiter sich der Hauptheld in die Vergangenheit begiebt, desto mehr Erinnerungen drängen an die Oberfläche. Dabei steigert Gaiman die kindlich-magischen Erlebnisse zu einem bedrohlichen Abenteuer, das den Leser und die Hauptperson an den Rand seiner Fantasie bringt. Aus einer unschuldigen Kindheitsgeschichte wird eine dramatische Tragödie von dunkler Schönheit, in der es vor allem um Mut, Liebe, Schuld und Verantwortung geht. Dieses Buch würde ich mir am liebsten von Gaiman selbst vorlesen lassen, auf einer Bank an einem tiefen See. „Der Ozean am Ende der Straße“ ist ein kleines Buch, das sich durch seine Sogwirkung schnell liest. Doch wie bei dem kleinen Teich in der Geschichte, entwickelt sich Gaimans Buch zu einem Ozean – voll schöner englischer Wörter.

In den Kurzgeschichten und Erzählungen in „Trigger Warning – Short Ficition and Disturbances“ feuert Neil Gaiman ein wahres Feuerwerk von Sprachwitz, Beobachtungsgabe und Fantasie ab. Bereits das Vorwort bereitet Lesefreude und eröffnet nachfolgend einen wahren Schatz an vielseitiger Prosa. Der eigenwillige Titel des 2015 erschienenen Buchs entstammt einer Diskussion über „Trigger“ Warnungen im akademischen Bereich. Es sind Inhaltswarnungen, die traumatisierte Menschen warnen, dass in einem Text Themen oder Szenen beschrieben werden, die das Trauma wieder wachrufen können. Kritiker dieser „Trigger Warnings“ sprechen von einer Art Zensur, die eine unvoreingenommene Rezeption eines Textes verhindern kann. Neil Gaiman schreibt im Vorwort seines Buches:

„There are things in this book, as in life, that might upset you“

Gaiman „warnt“ dabei vor Grausamkeiten, Schmerz, Missbrauch und anderen schlimmen Dingen. Gleichzeitig stellt er aber auch Happy Ends und schöne Ereignisse in Aussicht – und er hält sein Versprechen: Sein Buch „Trigger Warnings“ enthält eine wunderbare Palette von Erzählungen unterschiedlicher Länge und Intensität.

Diese drei Werke von Neil Gaiman – Comics, Roman und Erzählungen – gehören zu meinen Lieblingsbüchern. Ich kann nur empfehlen, diesen charmanten Briten einmal in Original-Sprache zu lesen. Gaiman erschafft und zerstört mit wenigen Wörtern ganze Welten, während mich die Atmosphäre seiner Geschichten immer wieder fasziniert und fesselt. Und dieses Vergnügen sollte man sich ruhig auf Englisch zutrauen.

Update zum Welttag des Buches: Danke Matilda!

Dramatische Szenen spielen sich heute ab: Leser, Autoren und Verlage rasten aus, Menschen stürmen in die Buchhandlungen und Bibliotheken, während die Buchblogger sich vor Aufregung in die Höschen machen. Schlagt eure Augen auf, werft einen Blick in eure Kalender – endlich ist er da! Der Welttag des Buches.
Heute dreht sich alles um Bücher. Und weil es heute schon genug Empfehlungen und Verlosungen gibt, möchte ich mich mit euch in eine ruhige Ecke setzen und ganz gemütlich Plaudern. Über Zimmerpflanzen und Altersvorsorge.

Haha, kleiner Spaß. Natürlich geht es hier ums Lesen. Ich will eure Geschichte: Wie seid ihr zur Literatur gekommen? Wie hat euch das Lesefieber gepackt? Was bedeutet euch das Lesen? Was war das erste Buch, das ihr abseits des Schulunterrichts allein gelesen habt? Am Welttag des Buches gibt es die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“.  Ich möchte die Freude am Lesen heute mit euch teilen und erzähle euch meine Lese-Geschichte:

Matilda

Mein Vorbild: „Matilda“ (1996 Sony Pictures Home Entertainment)

Mein erstes Buch hat mir meine Mutter vom Einkaufen mitgebracht. „Herr Ringelschwanz will Picknick machen“ habe ich in den ersten Sommerferien meines Lebens gelesen und mich ganz allein durch die Sätze unter der Bildergeschichte gequält. Ein Jahr später wurde „Matilda“ aus der Verfilmung des gleichnamigen Buches von Roald Dahl mein Vorbild, wie sie durchs Lesen ihrem traurigen Alltag entflieht und sich mit dem gesammelten Wissen das Leben erkämpft, von dem sie immer geträumt hat. Ich erinnere mich noch gut, wie mich lange Texte am Stück anfangs angestrengt haben. Aber die Geschichten haben mich jedesmal belohnt und je mehr ich las, desto einfacher wurde es.
Während „Jim Knopf“ noch etwas langsam voran ging, las ich mich durch „Momo“ in kurzer Zeit durch und meine Lesekarriere war nicht mehr aufzuhalten. Fantasy, Mangas, Teenager-Schnulzen, historische Romane landeten in meinem Regal. Und bald darauf fing ich an, mich an den Büchern meines Vaters zu vergreifen. Edgar Allan Poe, Wolfgang Koeppen, Robert Merle, Kurt Tucholsky öffneten mir den Weg zu einem ganz neuen Lesen. Seitdem lese ich alles kreuz und quer, befeuert von dem steten Nachschub durch meine Arbeit als Buchhändlerin. In der Buchhandlung habe ich auch gelernt, unterschiedliche Lesertypen und Kundenarten zu unterscheiden, denn jeder Kunde brachte seine eigene Motivation und seine Ansprüche ins Gespräch.

Immer wenn „Matilda“ im Fernsehen läuft, erinnere ich mich an meine ersten Bücher. Sie sind meine Heimat geworden. Heute fällt mir auf, dass ich das Buch von Roald Dahl nie gelesen habe. Hinterlasst mir eure Geschichte, ich stürme dann mal fix die nächste Buchhandlung.

Rezension: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich

„Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ ist wirklich ein langer Titel für einen Roman. Aber was wäre ein passender Titel für das Buch gewesen? Die Journalistin und Autorin Antonia Baum erzählt darin die Kindheitsgeschichte von Protagonistin Romy und ihren Geschwistern, sowie ihrer Hassliebe zu ihrem Vater Theodor. Sie erzählt so umfassend, so kaputt, so schlimm-schön, dass es mir schwer fällt, eine Überschrift zu finden, die nicht zu viel falschen Pathos, Kitsch oder Drama auf die Ereignisse streuselt. Mit dem Titel ihres Debütromans „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“, lässt sich bei der Autorin allerdings eine Vorliebe für schräge Titel erahnen.

Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf...

In „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…“ von Antonia Baum berichtet Romy in Rückblenden von ihren Erinnerungen an den Vater, der Auto fährt wie ein Verrückter, nur ein Auge hat und nie über die verstorbene Mutter seiner Kinder redet. Dafür redet Theodor über die wilden Geschichten, in denen er sich als Junge ganz allein im Leben durchschlagen musste. Romy und ihre Geschwister bewundern den Vater, der sie mit auf seine Geschäftsreisen nimmt, der es mit jedem Gauner der Welt aufnehmen kann und kluge Worte benutzt, die keiner kennt.
Im gleichen Maße hassen sie ihn aber auch dafür, dass er trotz seines Jobs als Arzt so geizig ist, dass sie kein warmes Wasser oder die Heizung benutzen dürfen. Dafür, dass er ihnen keine neuen Sachen kauft und sich nicht so kümmert, wie sich normale Eltern um ihre Kinder kümmern. Aber was ist schon normal? Die Autorin lässt den Leser durch Romys Augen blicken und mit Sprachwitz an der Klarsicht eines Kindes teilhaben, das viel schneller erwachsen werden muss, als seine Altersgenossen. Theodor überlässt seine Kinder meistens sich selbst und wird erst aktiv, wenn mal wieder das Jugendamt wegen Vernachlässigungsmeldungen seitens der Lehrer auf der Matte steht. Kurzzeitig gibt es Freunde ihres Vaters, die bei ihnen wohnen und sich um Schule, Kleidung und „Familienliebe“ kümmern, meistens sind die drei aber auf sich allein gestellt.
Romy und ihr Zwillingsbruder fangen mit 11 Jahren an, ihren älteren Bruder bei Drogengeschäften zu unterstützen und haben endlich Geld, sich selbst frisches Essen zu kaufen und Kleidung, für die sie nicht ausgelacht werden.
Zwischen all den Katastrophen, dem Dreck und Chaos gibt es aber auch immer wieder vertraute Momente. Wenn der Vater nach Hause kommt und sich mit den Kindern in die Decken-Höhle legt, wenn er sie lobt, oder wieder etwas sehr Spektakuläres macht. Es gibt Menschen, denen geht es beschissener als Romy, das weiß sie. Und das letzte was sie will, ist Mitleid.

Antonia Baum beschreibt so gut die verzweifelte Wut, mit denen die Kinder ihre Kämpfe mit dem Vater austragen. Sie flehen ihn an, tricksen, klauen und beziehen nicht selten heftige Prügel von Theodor. Aber egal was sie tun: Mit Drogen dealen, später studieren und wegziehen. Sie können sich nicht von ihrem Vater lösen. Er bestimmt ihr Leben und hat ihre Art, die Welt zu sehen, geprägt. Romy und ihre Geschwister sind fraglos kaputt, haben aber die Schwäche zur Stärke erklärt und lassen sich von anderen Menschen nicht mehr die Butter vom Brot nehmen. Aus der achtjährigen Romy, die so gern ihr pinkes Kleid anzieht, von einer spießbürgerlichen Familie träumt und so viele Fragen über ihre Mutter stellen will, wird in wenigen Jahren eine harte Romy, die sich anzieht wie ein Junge, Schadensbegrenzung betreibt und die Fragen einfach heruntergeschluckt hat.

Ich mochte den Roman. Ich mochte, wie Romy das Wort „speziell“ vor Adjektive setzt, um sie zu betonen. Ich mochte die direkte Erzählweise und die Rotzigkeit. Ich mochte auch, wie die Geschichte ganz wunderlich meine eigene Kindheit berührt hat. Dabei ist „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…“ kein Trauma-Trostbuch. Und auch kein Roman mit moralischem Zeigefinger. Es erzählt von Zusammenhalt zwischen den Geschwistern, die sich zu dritt durch schwere Zeiten helfen. Sie sind ihr eigenes Lebenserhaltungssystem. Und trotz der Gewalt, der Drogen und der Streitigkeiten raufen sie sich immer wieder zusammen. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, ging mir beim Zuklappen des Buchdeckels durch den Kopf. Vielleicht wäre es ja auch ein guter Buchtitel. Zumindest ist er kürzer.

Rezension: Von Verlust und Stärke

Die Nachrichten sind voll Trauer und Verlust: Flugzeugabsturz, Wohnhausexplosion, Bomben im Nahen Osten, der Tod des schwedischen Nobelpreisträgers Tranströmer. Wir stehen dem Leid mit Hilflosigkeit gegenüber. Was bleibt uns übrig, als uns mit einem Buch in eine Decke zu kuscheln und uns in die Welt unserer Lieblingsromane zu verkriechen? Buchliebhaber wussten es irgendwie schon immer, was im kürzlich veröffentlichten Artikel der FAZ beschrieben wurde: Bücher sind heilsam.

Die Bücher und Erzählungen von Banana Yoshimoto thematisieren nicht selten den Verlust von nahestehenden Personen. Mit ihrem neuen Roman „Moshi Moshi“ erzählt die japanische Autorin die Geschichte von Yotchan und ihrer Mutter, die nach dem rätselhaften Suizid des Vaters und Ehemanns vor den Scherben ihres bisher gutbürgerlichen Lebens stehen. Yohimotos Sprache – wie ich sie bereits liebe – ist reflektiert, poetisch und großartig in den leisen Tönen. Moshi Moshi
Sie erzählt von einem Neuanfang in kleinen Schritten, für den die beiden Frauen sich nicht nur selbst, sondern auch ihre Beziehung zueinander neu erfinden müssen. Yotchan findet Trost in einer neuen Wohnung, viel Arbeit und Antworten auf ihre offenen Fragen. Ihre Mutter legt allmählig ihre Rolle als gutsituierte Oberschichts-Hausfrau ab und sucht in den Straßen von Shimokitazawa nach sich selbst. Auch wenn ich es an der Hauptfigur nicht schätze, dass sie mit Männern schläft, die sie an ihren Vatern erinnert. Insgesamt ist „Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto dennoch ein sehr schönes Buch, das uns sanft in Erinnerung ruft, dass es bei aller Tragik nicht hilft, sich selbst aufzugeben.

Auch die Protagonistin im Thriller „Die Falle“ von Melanie Raabe hat auf schlimmste Art und Weise ein Familienmitglied verloren. Denn die Bestseller-Autorin Linda Conrads ist Zeugin am Mord ihrer Schwester vor zwölf Jahren. Doch der Mörder wird nicht gefunden und sie zieht sich mit ihrem Schmerz von der Welt zurück. In der Abgeschiedenheit ihres Hauses fühlt sie sich sicher, bis sie das „Monster“ im Fernsehen wiedererkennt: Ein Journalist, den die Einsiedlerin mit ihrem neuen Roman zu sich locken will. Die traumatisierte Linda nimmt ihren Mut zusammen, schreibt einen Krimi, der die Ereignisse von damals aufarbeitet und bereitet das Interview vor, in dem sie sich ein Geständnis von dem Mörder ihrer Schwester erhofft. Debütautorin Melanie Raabe entwickelt ein psychologisch aufreibendes Verwirrspiel darum, wer Täter und wer Opfer ist. Die Falle
Der Leser wird von Melanie Raabes sensiblen Sprachgefühl in seinen Bann geschlagen, tappt in ihre Falle und zweifelt schließlich an sich selbst. Spannung und Erzählkunst stehen hier in einem so ausgewogenen Verhältnis, dass kleine Klischees verzeihlich sind. (Wie etwa das „tollpatschige Frau lässt was fallen, will es aufheben und stößt mit dem Kopf ihres hilfsbereiten Traummannes zusammen“-Klischee)  Die ansonsten durchweg inspirierende Erzählweise ist eine Freude. Melanie Raabe ist mit „Die Falle“ ein tolles Buch gelungen, das die Hauptfigur und den Leser an seine Grenzen bringt. Sie schildert nicht nur den Schmerz und die Trauer der Protagonistin eindrücklich, sondern auch ihren Weg, um sich davon zu befreien.

Die Erzählungen und Essays in „Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan verströmen trotz der traurigen Hintergrundgeschichte Hoffnung, Lebenslust und Kraft.  Die junge US-amerikanische Autorin kam nämlich kurz nach ihrem Studienabschluss in einem Autounfall ums Leben. Ihre großartigen Texte wurden posthum veröffentlicht und sind auf dem besten Weg, ein Bestseller zu werden. Denn die Tragik und all die düsteren „Was wäre wenn…?“-Gedanken treten bei der Lektüre schnell in den Hintergrund. Marina Keegans Sprachtalent, ihre großartigen Dialoge und ihr Gespür für Zwischenmenschliches haben mich einfach begeistert. Das Gegenteil von Einsamkeit
Die Geschehnisse sind zum Großteil sehr alltäglich, doch mit brillanter Beobachtungsgabe erzählt. Wie groß muss der Schmerz der Eltern sein, ihre talentierte Tochter zu verlieren? Was für eine große Autorin ist der Welt verloren gegangen? Diese Fragen kann der Leser nicht beantworten. Aber das Buch ist ihr Vermächtnis an uns und hat mich direkt angesprochen: Die Welt steht uns offen. Oft macht uns das Leben einen Strich durch unsere Rechnung, aber es ist am Ende das einzige, das wir haben.

LBM15: Die Leipziger Buchmesse in Mitbringseln

Die Leipziger Buchmesse 2015 ist am Sonntag zu Ende gegangen. Von Donnerstag bis Samstag war ich dabei und habe neben schönen Erlebnissen, Entdeckungen und Begegnungen auch einige Mitbringsel nach Hause gebracht.
Mir fällt es schwer, die Messe mit denen, aus den vergangenen Jahren zu vergleichen, weil ich sie immer unterschiedlich erlebe. Mal war ich Fachbesucher, mal Austeller und in diesem Jahr zu allerersten Mal – Blogger.
Doch manche Dinge bleiben in jedem Jahr gleich: Der Koffer, der auf der Heimreise deutlich schwerer ist, als zuvor. Die schmerzenden Füße. Der Spaß, sich beim Auspacken über jedes neue Buch zu freuen. Und die Verwunderung, wie um alles in der Welt sich die ganzen Broschüren, Visitenkarten, Postkarten und Tüten angesammelt haben.

Beim Durchstreifen der Stände in den fünf Messehallen stehen natürlich Bücher und ihre Macher im Vordergrund. Neben Verlagen, die sich mit prall gefüllten Regalen und hübscher Deko präsentieren, stellen die Autoren höchst persönlich ihre Werke in Lesungen und Signierstunden vor. Die Buchmesse ist für mich immer die beste Gelegenheit, Autogramme zu ergattern und ein schüchternes Wörtchen mit den Schriftstellern zu wechseln. Autogramme
Ich konnte mir in diesem Jahr den Thriller „Die Falle“ von Melanie Raabe, „Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig“  von Kirsten Fuchs signieren lassen und dabei die sympathischen Autorinnen kennenlernen.

Bei rund 90.000 Neuerscheinungen im Jahr ist die Buchmesse auch ein guter Ort, um auf Entdecker-Tour zu gehen und die Wunschliste zu verlängern. Während man „Oh, wie interessant, das habe ich noch gar nicht gesehen“, murmelnd an den Regalen stöbert, wandern im Lauf der Zeit so manche der Leseproben und Verlagsvorschauen zu Recherchezwecken in die Tasche. Fast reflexartig greife ich auch schon nach Magazinen und Zeitschriften, die den Besuchern täglich kostenlos entgegen gestreckt werden. Zum „ZEIT“ Magazin oder zur Wirtschaftszeitschrift „brand eins“ konnte ich diesmal nicht Nein sagen. Am Ende des Tages hat sich ein beachtlicher Haufen Papier angesammelt, der sich beim Auspacken über das ganze Zimmer verteilt.

Papierkram

Die Leipziger Buchmesse hat mich außerdem wieder mit neuen Büchern versorgt. Beim Leser- und Bloggertreffen der Online-Plattform LovelyBooks und beim Bloggertreffen von buchhandel.de gab es großartige Goodiebags für die Teilnehmer mit Büchern und anderen schönen Kleinigkeiten. Der neue Lesestoff lohnt die anstrengende Schlepperei zum Glück bisher immer.

Meine größten Messehighlights sind aber vor allem die Veranstaltungen und Menschen. Beim Bloggertreffen, das die liebe Simone von Papiergeflüster in der neuen Bloggerlounge der Messe organisiert hat, habe ich zum ersten Mal die Gesichter hinter den Accounts kennengelernt und tolle Gespräche geführt. Beim LovelyBooks Usertreffen gab es einen Tag später Gelegenheit, nach der interessanten Podiumsdiskussion daran anzuknüpfen und einige bekannte Gesichter zu entdecken. Neuer Lesestoff
Viel mitgenommen habe ich auch aus dem Vortrag der jungen Verlagsmenschen, die ihre Umfrageergebnisse zur Situation des Branchennachwuchses präsentiert haben. Und auch wenn die Beine am Ende jedes Tages müde waren, hat sich das Durchhalten vor allem am Messe-Freitag gelohnt: Die Verlagsparty „Tanz Atlantik“ vom Atlantik Verlag im Leipziger „Telegraph“ hat mich mit sehr tanzbarer Musik und gemütlicher Location begeistert.

Schön, voll und bunt war die Leipziger Buchmesse 2015. Ein Ort, an dem Fachleute, Familien und schrill kostümierte Convention-Teilnehmer in einer Schlange für Cola und Pommes anstehen und sich vier Tage lang alles nur um eins dreht: Buchmenschen und Literatur. Die Mitbringsel werden ausgepackt und verstaut, die Erlebnisse im Kopf abgespeichert.
Ich möchte mich bei allen Kollegen, Freunden, Bloggern und bei der Leipziger Messe für die schöne Zeit bedanken und freue mich schon auf das nächste Jahr.

Rezension: Der Klassiker, das Kultbuch und der Neue

Stellt eure Faser auf Betäubung und begebt euch in eine aufrechte Position: Das ist das Science-Fiction Triple Feature. Mit Aldous Huxleys Klassiker „Schöne neue Welt“, dem Kultbuch „Metro 2033“ von Dimitry Glukhovsky und Leif Randts Neuling „Planet Magnon“ habe ich mich in den letzten Wochen in die Zukunft begeben und einen Querschnitt durch das Genre gewagt.

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„Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley erschien bereits 1932 und zählt noch immer zu den Standardwerken der Zukunftsromane. In diesem Szenario reproduzieren sich die Menschen, statt sich fortzupflanzen und werden auf ihre soziale Stellung und Arbeit genetisch genormt. Alter, Krankheit und Unzufriedenheit sind im System nicht vorgesehen, in dem die Familie abgeschafft wurde und ein Weltaufsichtsrat die Geschicke der Menschheit im Namen des Gottes des Kapitalismus lenkt.
Das faszinierende an dem kurzweiligen Roman ist, dass am Ende wirklich nicht klar ist, ob die Prognose eine düstere ist. Denn tatsächlich funktioniert das System. Dank Genetik, Drogen und effektiver Indoktrinierung im Schlaf ist es in dieser Zukunft einfach nicht mehr möglich, unglücklich zu sein.

„Metro 2033“ von Dimitry Glukhovsky erschien 2007 und spielt in einer Zukunft, in der ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht hat und die Überlebenden sich in den strahlensicheren Schächten der Moskauer Metro verschanzt haben. Der russische Autor schreibt in dem Roman, der als Vorlage für ein Computerspiel diente, von einer Gesellschaft im Untergrund, die nichts aus den Fehlern der alten Zivilisation gelernt hat. Ideologien wie Kommunismus, Faschismus und religiöser Fanatismus, sowie die damit verbundenen Konflikte spielen sich hier auf viel engerem Raum ab. Protagonist Artjom irrt mit seinem schicksalshaften Auftrag durch die verfeindeten Stationen, um seine Heimatstation vor einer unheimlichen Bedrohung zu bewahren. Glukhovsky schafft es dabei, dem Leser die beklemmende Dunkelheit der Tunnel bis in die Knochen kriechen zu lassen und die allzu glücklichen Fügungen für den Haupthelden in eine trotzdem mystisch-packende Romanhandlung zu gießen.

Leif Randt hat in diesem Jahr mit „Planet Magnon“ einen ganz neuen Sci-Fi Roman bei Kiepenheuer&Witsch veröffentlicht. In seinem Buch leben die Menschen in einem friedlichen Sonnensystem, in dem Kollektive das gesellschaftliche und intellektuelle Leben beeinflussen. Gelenkt wird die Bevölkerung der Planeten durch eine Technologie namens „ActualSanity“, die aufgrund statistischer Daten und Prognosen, die Politik und Wirtschaft des Sonnensystems steuert. Die „AS“ ist eine allmächtige und beinahe gottgleiche Macht, deren Entscheidungen die Planetenbewohner nicht immer nachvollziehen können, aber auf die alle vertrauen. Der Roman liest sich dabei flüssig und spannend. Hier stehen mehr Ideen und Überzeugungen im Mittelpunkt, als seitenlange Beschreibungen neuer Erfindungen. Besonders interessant ist dabei die Droge „Magnon“: Während in „Schöne neue Welt“ die Droge „Soma“ Sorgen und Zweifel der Menschen betäubt, fördert Magnon in Leif Randts Roman ein geschärftes, unabhängiges Denken.

Auch wenn die drei Romane nicht direkt miteinander vergleichbar sind, finden sich in ihnen gemeinsame Fragestellungen. Was macht das Menschsein aus? Und: Was ist Freiheit? Die Antworten fallen unterschiedlich aus, aber sind in den spannenden Geschichten zwischen den Zeilen verwoben. Alle drei Romane bieten Sätze, die sich im Kopf festsetzen und Romanhandlungen, die den Leser fesseln.
Es lohnt sich, den Blick in die Zukunft zu wagen. Nach dem Zuklappen der Buchdeckel ist zum Glück alles wieder beim Alten.

Preisverleihung: Adelbert-von-Chamisso-Preis 2015

An Literaturpreisen mangelt es auf dem deutschen Buchmarkt nicht. Der Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung gehört vielleicht nicht zu den bekanntesten, dafür aber zu den wichtigsten und interessantesten Förderpreisen. Er ist eine Auszeichnung für Autoren, die selbst oder in zweiter Generation aus anderen Kulturen kommen, aber ihre Werke auf Deutsch verfassen und die deutsche Nationalliteratur mit ihren Einflüssen bereichern.
Gestern wurde der Adelbert-von-Chamisso-Preis zum 31. Mal verliehen und ich hatte die seltene Gelegenheit, dem Festakt 2015 in der Münchener Allerheiligen-Hofkirche beizuwohnen. wpid-wp-1425595648166.jpeg

In diesem Jahr durften die drei Autoren Martin Kordić, Olga Grjasnowa und Sherko Fatah die hoch dotierten Preise für ihre Romane entgegennehmen. Das eindrucksvoll ausgeleuchtete Gemäuer der Backsteinkirche bot eine perfekte Kulisse für die Präsentation und Würdigung der Romane, aus denen vor der jeweiligen Laudatio eine kurze Passage als Kostprobe vorgelesen wurde.

In „Wie ich mir das Glück vorstelle“ von Martin Kordić wird die Geschichte vom behinderten Viktor erzählt, der im ehemaligen Jugoslawien seine Lebensgeschichte in einem Heft verewigt und von seinen Begegnungen und Erinnerungen in der, vom Krieg geprägten Region im Präsens erzählt. Fünf Jahre arbeitete Kordić, dessen Familie aus Bosnien-Herzegowina kommt, an seinem Debüt.

Olga Grjasnowa wurde für ihren zweiten Roman ausgezeichnet. Nach ihrem gefeierten Erstling „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, erzählt sie in „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ die Geschichte von Leyla und Altay, die wie die Autorin, aus Aserbaidschan stammen und als Homosexuelle in einer Zweck-Ehe in Berlin leben.wpid-wp-1425595609973.jpeg

Preisträger Sherko Fatah wuchs als Sohn seines irakisch-kurdischen Vaters und seiner deutschen Mutter in der DDR auf. Den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2015 wurde ihm nun für sein Lebenswerk und seinen aktuellen Roman „Der letzte Ort“ verliehen. Sein literarisches Schaffen bekommt vor den jüngsten Ereignissen im Nahen Osten eine tragische Aktualität: In Fatahs fünftem Roman werden der Archäologe Albert und sein Übersetzer Osama im Irak entführt.

Die Autoren gaben in kurzen Filmen Einblick in ihr Schreiben und stellten sich auf der Bühne den Fragen der Moderatorin. So gab es beim Ausklang der Veranstaltung mit Wein und spanischen Häppchen reichlich Gesprächsstoff.
Ich freue mich außerdem über ein persönlich signiertes Exemplar von „Wie ich mir das Glück vorstelle“ und eine kurze Begegnung mit Hanser-Verleger Jo Lendle. Für mich war es das erste Mal, dass ich bei so einer Veranstaltung von diesem Format dabei sein durfte.
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Eine Preisverleihung würdigt die Bedeutung der Bücher viel eindrücklicher als die kleinen Sticker, die einen Roman in der Buchhandlung als Preisträger für den Leser erkenntlich machen. Der Adelbert-von-Chamisso-Preis 2015 war ein tolles Fest, bei dem nicht nur gute Romane im Mittelpunkt standen, sondern auch die interessanten Menschen, die hinter den Geschichten stehen.

Buchreport aus Warschau – Zweiter Streich

Es gibt viele Geschichten darüber, wie Polens Hauptstadt zu ihrem Namen kam. Meine Lieblingsgeschichte handelt von der Nixe Sawa, die von Fischern an Jahrmarkthändler verkauft werden sollte, weil sie zu deren Missfallen Fische aus ihren Fangkörben freiließ. Doch ein junger Mann namens Wars verliebte sich in die schöne Meerjungfrau und befreite sie. Aus den Namen der beiden Verliebten soll „Warszawa“ abgeleitet sein. Das ist vielleicht keine realistische Version, aber in gut erzählten Geschichten spielt die Wahrheit manchmal eine kleinere Rolle.

Wer Geschichten und Bücher liebt, findet sie in Warschau zuhauf: Auf dem Weg zur Uni, unterwegs in den Supermarkt, oder in der Mittagspause in der Stadt stolpere ich immer wieder über die vielen Buchhandlungen. In Ermangelung ausreichender polnischer Sprachkenntnisse ist eine amerikanisch-englische Buchhandlung natürlich ein verlässlicher Versorgungspunkt. Neil Gaiman „The Ocean at the End of the Lane“ und Jeffrey Eugenides „Middlesex“ sind als Schnäppchen durchgegangen und haben mir die Tramfahrten zu meiner Fakultät in Ochota verkürzt.

Auf meiner ersten Buchsafari ist mir bereits der Filialist „matras“ aufgefallen. In Sachen Größe der Buchstapel und Anzahl der Filialen scheint die Kette „empik“ mit 190 Filialen laut Homepage ebenfalls ein Riese auf dem polnischen Buchmarkt zu sein. Sehr interessant finde ich das Konzept der Internetbuchhandlung „Bonito.pl“, deren kleine stationäre Abhol-Filialen platzsparend und unscheinbar in der Innenstadt verteilt sind. Ein Blick auf die Umsatzstatistik lässt die Augen allerdings groß werden: Der Umsatz des polnischen Online-Händlers ist in den letzten beiden Jahren sprunghaft angestiegen.

Buchsafari

Links oben: Die Amerikanisch-Englische Buchhandlung im Arkadia. Großes Sortiment und online gut aufgestellt: empik und Bonito.pl

Zum Glück gibt es daneben auch noch die Romantiker unter den Buchhändlern: Antiquariate, Straßenverkäufe und der kleine Laden um die Ecke  – mit Büchern zum Antatschen, Wieder-Weglegen und Dann-doch-Bezahlen-und-Mitnehmen. An einem antiquarischen Bücherstand im Foyer der Uni-Bibliothek hat mir ein leidenschaftlicher Buchhändler einen Gedichtband der polnischen Lyrikerin Halina Poswiatowska verkauft. Ein Ehrgeizprojekt, sobald ich „Die kleine Raupe Nimmersatt“ auf Polnisch endlich gemeistert habe. Als Lyrikfan muss ein literarisches Andenken an mein Auslandssemester unbedingt sein.

Buchsafari

Die Mischung macht’s: Straßenverkäufe und Buchhandlungen mit Herz dürfen nicht fehlen.

Und schaut mal was ich hier gefunden habe: Bei einer WG-Party einer polnischen Freundin sind mir übersetzte Ausgaben von Cornelia Funkes „Herr der Diebe“ auf Polnisch und Katharina Hagenas „Der Geschmack von Apfelkernen“ auf Französisch in die Hände gefallen. Das war mir auf jeden Fall einen heimlichen Schnappschuss wert.

Übersetzungen

Fundstücke: Perlen aus dem Regal meiner Gastgeberin.

Im Februar geht es wieder zurück nach Deutschland. Das halbe Jahr war gut gefüllt mit neuen Erfahrungen im fremdsprachigen Uni-Alltag, neuen Freunden und Entdeckungen. Jetzt stecke ich mitten in der Prüfungszeit, die in Anforderungen, Terminstress und Gejammer den deutschen Klausurenphasen in nichts nachsteht.
Schön war es auf jeden Fall und Warschau ist meine neue Herzstadt.

Das Lesejahr 2015: Berechtigte Vorfreude

Wenn dem Dezember die Tage ausgehen und das Jahr von den ersten Jahresrückblick-Shows im Fernsehen verabschiedet wird, wird es für mich Zeit, die Verlagsvorschauen für das kommende Jahr durchzublättern. Manche gießen Blei, lesen Horoskope oder orakeln mit Haribo um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Ich schaue mir die angekündigten Bücher an, um zu wissen, wie das neue Jahr wird. Deshalb weiß ich jetzt schon: 2015 wird ein gutes Jahr!

Planet Magnon

Erscheint im Februar 2015
Leif Randt
„Planet Magnon“
KiepenheuerWitsch

Das Gegenteil von EInsamkeit

Erscheint im März 2015
Marina Keegan
„Das Gegenteil von Einsamkeit“
S.Fischer

Die Musik der Stille

Erscheint im Februar 2015
Patrick Rothfuss
„Die Musik der Stille“
Klett-Cotta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Die Musik der Stille“, die Nebengeschichte zu den „Königsmörder-Chroniken“ von Patrick Rothfuss erscheint im Februar. Ich hatte gehofft, es handelt sich dabei um den lang erwarteten dritten Teil. Aber als bekennender Fan nehme ich alles was ich kriegen kann, um mir die Wartezeit auf den letzten Band zu verkürzen! (Der liebe tinius hat mich auf meinen Irrtum hingewiesen. Danke!)

„Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan hat mich neugierig gemacht. Die Geschichte der Autorin ist tragisch: Wenige Tage nach ihrem Abschluss an der Universität, stirbt sie im Alter von 22 Jahren in einem Autounfall. Ihre Erzählungen sollen im März erscheinen.

Science-Fiction liegt derzeit im Kino aber auch auf dem Buchmarkt im Trend. „Planet Magnon“ von Leif Randt habe ich mir vorgemerkt, weil mir der Klappext sehr gut gefallen hat. Das wird ein Kracher!

Alles wird hell

Erscheint Februar 2015
Julia Jessen
„Alles wird hell“
Kunstmann 

Kleiner Versager

Erscheint im Juli 2015
Gary Shteyngart
„Kleiner Versager“
Rowohlt 

Moshi Moshi

Erscheint im Februar 2015
Banana Yoshimoto
„Moshi Moshi“
Diogenes 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Alles wird hell“ von Julia Jessen und „Kleiner Versager“ von Gary Shteyngart versprechen, großartige Lebenserzählungen zu werden. Ich hoffe auf hinreißende Charaktere und großes Lesevergnügen.

Banana Yoshimoto „Moshi Moshi“ ist für mich ein Muss. In meiner Buchhändler-Ausbildung wurde mir die japanische Autorin von einer Kollegin empfohlen. Es war Liebe auf der ersten Seite.

Literarische Reise durch Europa

Erscheint im Mai 2015
Thomas Geiger
“Luftsprünge”
DTV Premium

Durchzug eines Regenbandes

Erscheint im Februar 2015
Ulrich Zieger
„Durchzug eines Regenbandes“
S. Fischer

Gift

Erscheint im April 2015
IvoPala
„Gift – Der Tod kommt lautlos“
Blanvalet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei DTV Premium halte ich immer nach besonderen Perlen Ausschau. „Luftsprünge – Eine literarische Reise durch Europa“ von Thomas Geiger ist hoffentlich so eine Perle und erweist sich als kurzweilige und interessante Lektüre. Im Mai 2015 soll das Buch erscheinen, ich bin gespannt.

„Durchzug eines Regenbandes“ von Ulrich Zieger scheint dem Cover nach etwas für Bibliophile zu sein. Der Klappentext schreibt: „Drei Märchen der Brüder Grimm verwandelt Ulrich Zieger in ein Gesellschaftspanorama des ausgehenden 20. Jahrhunderts.“ Klingt wunderbar, finde ich. Ein Thriller darf nicht fehlen.

Ivo Pala „Gift – Der Tod kommt lautlos“ steht, nachdem mir der Vorgänger „H2O“ so gut gefallen hat, schon auf meiner Merkliste.

Ich denke, das hier ist nur die Spitze des Eisberges. Was sind eure Favoriten? Eine schwierige Entscheidung steht noch aus: Welches soll später in meinem Regal stehen, welches kann ich mir ausleihen und welches Buch lese ich lieber auf meinem Reader? Aber das sind Fragen, die mein Zukunfts-Ich im neuen Jahr beantworten muss. Mein Gegenwarts-Ich darf die reine Vorfreude genießen.

Rezension: Verbrecher, Atommüll und Feminismus

Bevor ich mich wortreich für so eine reißerische Überschrift rechtfertige, hoffe ich auf das Vertrauen meiner Leser und komme gleich zur Sache: Mit Ivo Palas Thriller „H2O – Das Sterben beginnt“ und dem Krimi „Ihr unschuldiges Herz“ (unter seinem Pseudonym „Richard Hagen“ veröffentlicht), habe ich seit langem Kriminalliteratur wieder für mich entdeckt. Ein guter Grund, öfter Romane abseits der gewohnten Genres zu lesen – vor allem wenn sie zeitgeschichtlich relevante Themen und aktuelle Diskussionen so spielerisch und spannend in die Handlung mit einbringen.

H2OIhr Unschuldiges Herz

Zu den Büchern: Großes Kopfkino! Wie schon bei der Elbenthal-Saga, läuft beim Lesen von Ivo Palas Büchern ein richtiger Film im Kopf mit. „Unvermittelter Einstieg“ ist wohl die liebste Disziplin des Autors. Das erste Kapitel von „Ihr unschuldiges Herz“ ist nichts für Zartbesaitete, wenn die letzten Minuten des Mordopfers beschrieben werden, wegen dessen brutaler Hinrichtung mitten im idyllischen Rheingau Staatsanwältin Inga Jäger und Polizist Kai Gebert einem Verbrechen auf die Spur kommen, das nicht nur lang in die Vergangenheit zurückreicht, sondern auch den Leser emotional an seine Grenzen bringt. „H2O“ ist von der ersten Seite an ein richtiger Action-Thriller mit politischen Machtspielen und einem erschreckenden Szenario, bei dem jedoch eine sehr reale Befürchtung zurückbleibt: Kann das alles stimmen? Die Antwort lautet: Ja.
Ivo Pala unterfüttert seine Romane mit ausführlicher Recherche. Egal ob geschichtliches Thema, wie die Verbrechen an der Menschheit durch die Nazis, oder aktuell diskutierte Ereignisse, wie Sicherheitslücken in Atommüll-Lagern – nach dem Umblättern der letzten Seite und Zuschlagen des Buches bleibt etwas hängen.
Aber Pala ist kein Moralapostel, der seinen Lesern Migräne bereitet. Die Themen sind Hintergrund für die flüssige Handlung und die authentischen Charaktere. Denn bei aller Relevanz, muss ein Roman meiner Meinung nach vor allem eins: unterhalten.

Besonders interessant an Palas Büchern, egal ob Fantasy, Thriller oder Krimi, finde ich die Art, mit Genre-Elementen zu spielen und sich vom üblichen Schwarz-Weiß von Gut und Böse zu trennen. Am Ende sind die Beweggründe der Täter plötzlich so etwas wie verständlich, auch wenn der Zweck die Mittel nicht heiligt. Oder doch? Ist es vertretbar in einer Notsituation das Wohl des Einzelnen zum Wohl der Mehrheit zu opfern? Wie viel Moral können wir uns leisten, wenn das ganze Land von Terroristen bedroht wird? Nach „Ihr unschuldiges Herz“ und „H2O“ muss der Leser sich die Antwort selbst geben.
Einen Bonuspunkt muss ich vor allem für die starken weiblichen Figuren in Palas Büchern geben. Hier sind die Frauen inspirierend moralisch integer, durchsetzungsstark und können sich von der grauen Masse von Stereotypen der Genreliteratur abheben. Aber auch hier ist die Balance zwischen Stärken und Schwächen ausgeglichen und an der Reibungsfläche der unterschiedlichen moralischen Standpunkte entwickelt der Leser sein eigenes Urteil.

Zum Glück gibt es zu beiden Teilen eine Fortsetzung, denn Ivo Palas Romane schreien nach ‚mehr‘. Richard Hagens „Bluthatz“, als zweiter Fall für Inga Jäger und Kai Gebert, ist bereits erschienen. Die Fortsetzung von „H2O“ ist für April 2015 unter dem Titel „Gift“ angekündigt.

Montagsupdate: Mein Lesestoff

Krimiherbst

Ich habe den Krimiherbst ausgerufen! Die Tage werden kürzer und das heißt, dass es nicht nur endlich kalt genug für den Lieblingspulli ist, sondern sich auch die richtige Stimmung für Mord und Totschlag zwischen den Buchdeckeln eingestellt hat. „Unendlicher Spaß“ hat erstmal Pause, während ich mich in „H20 – Das sterben beginnt“ von Ivo Pala vertiefe. Ich habe nun länger keine Krimis mehr gelesen und jetzt erst wird mir klar, was mir entgangen ist! Bisher liest es sich flott weg und der Hauptermittler ist ein richtig harter Hund. Vor ein paar Tagen habe ich den erschütternden Krimi „Ihr unschuldiges Herz“ zuendegelesen, der unter dem Pseudonym Richard Hagen erschienen ist. Ich sage nur soviel: Hartes Thema, packend erzählt! Habt ihr gerade ein paar interessante Krimis am Start?

Buchsafari in Warschau

Dzien dobry i pozdrawiam z Warszawie! Guten Tag und viele Grüße aus Warschau!

Die Präsentation meiner spärlichen Polnischkenntnisse soll dazu dienen, dem geneigten Leser zu verdeutlichen, dass ich nunmehr in Warschau wohne und als Erasmus-Studentin ein ganzes Semester in Polens schöner Hauptstadt verbringen werde. Mein Ziel: Informatik-Kurse belegen, die ich mir anrechnen lassen kann, die Landessprache lernen und Warschau erleben.
Jetzt sind die ersten zwei Wochen herum und die Organisationslawine beruhigt sich langsam. Die Stadt erlebt hier gerade einen sehr goldenen und warmen Herbst, den man in den vielen Parks oder am Weichselstrand genießen kann. In der Sommersaison werden am Chopin-Denkmal im Łazienki-Park Open-Air Klavierkonzerte gegeben. Einen Tag nach meiner Ankunft hatte ich das Glück, das letzte Konzert in diesem Jahr zu erwischen.

Polen-Lektüre

Meine wichtigsten Begleiter

Polnisch ist insgesamt eine sehr melodische Sprache, auch wenn sie für ungeübte Ohren erstmal etwas von Klingonisch hat. Mit Sprachkurs und Wörterbuch von Langenscheidt konnte ich mich bisher immer erfolgreich mit den Einheimischen verständigen. Es war beim Kofferpacken nicht leicht, sich für eine begrenzte Auswahl an Romanen vom SuB zu entscheiden, wenn schon Reiseliteratur und Sprachführer so viel Platz benötigen.

Beim Sightseeing durch die Stadt habe ich – selbstverständlich –  die Augen nach Buchhandlungen offen gehalten. Sobald das Wort „Księgarnia“ über einem Geschäft zu lesen war, bin ich auf Erkundungstour gegangen. In meinen ersten Tagen habe ich die polnische Version von „Die kleine Raupe Nimmersatt“ mit nach Hause genommen. Wenn kleine Kinder mit dem Buch ihre ersten Wörter üben können, dann wird das ja auch für eine Deutsche funktionieren, die nicht erheblich mehr als „Guten Tag“ auf Polnisch sagen kann.

Buchsafari

Best of Buchsafari in Warschau

Die süße Kinderbuchhandlung namens „Kalimba Kofifi“ hat mich auf dem Heimweg in einer Seitenstraße im familienfreundlichen Stadtteil Zoliborz mit seiner bunten Fassade angelockt. In Einkaufszentren und der Innenstadt sind oft Buchhandlungen der Kette „matras“ zu finden. Mich zieht es allerdings dann doch in die Cafés, in denen alte Bücher in dunklen Holzregalen stehen.

Meine Lieblingsbuchhandlung in Warschau habe ich allerdings durch Zufall und auf Empfehlung von meinem Mitbewohner aus Frankreich entdeckt. Nach einem Spaziergang auf dem Dachgarten der Uni-Bibliothek sind wir in einer Buchhandlung mit Kaffee gelandet, die nicht nur unheimlich gemütlich ist (Rote Ohrensessel! Rote. Ohrensessel. ‚Duh! ) und eine verdammt gute Karte hat (Snickers Tartelettes! Schoko-Kuchen! Quiche! ). Soweit ich das einschätzen konnte, hat mir das Sortiment genauso gut gefallen. Einige englische Bücher waren auch dabei und eine großartige Auswahl von Kunstbildbänden. Ich bin verliebt!

Lieblingsplatz

Meine Lieblingsbuchhandlung in Warschau

Bisher ist die Bilanz sehr positiv: Ich habe sehr offene und interessante Menschen kennengelernt, fühle mich in meinem kleinen Zimmer mit Blick auf einen schönen kleinen Garten sehr wohl und bin sehr optimistisch, das Chaos mit meinen Kursen und Dokumenten zu bändigen. Ich versuche einigermaßen regelmäßig Reisejournal zu führen und habe beim Sightseeing bereits einige Souvenirs und Postkarten eingesammelt.

Aber es gibt noch einige interessante Buch-Schaufenster, für die ich noch keine Zeit hatte. Die nächste Buchsafari kommt also ganz bestimmt.

Souvenirs

Souvenir-Collage mit Reisejournal

Rezension: „Gadget“ von Jaron Lanier

Am 12. Oktober ist es soweit, dann wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Jaron Lanier in einem offiziellen Festakt vergeben. Bis vor kurzem hatte ich keine Ahnung, wer das eigentlich ist und habe mich in einem Blogbeitrag im vergangenen Juni dem ungewöhnlichen Herren mit den Dreadlocks angenähert. Seine Thesen sind umstritten, seine Mahnungen zu den Gefahren des Internets polarisieren die Fachwelt. Sein Buch „Gadget“ aus dem Suhrkamp Verlag bietet einige Einsichten in die Gedankenwelt des Künstlers, Musikers und Informatikers.

In „Gadget“ stellt Jaron Lanier die Frage, ob auf die Schwarmintelligenz und die große Cloud wirklich Verlass ist. Statt Prozesse der Kreativität und Innovation anzukurbeln, wird Quantität zum neuen Maßstab für Qualität und die Bedeutung des Individuums wird gemindert. Lanier zeigt anhand einiger Beispiele, wie die von Menschen erschaffene Technik und Software uns selbst gefangen hält. Angefangen bei Dateiformaten, die – da sie sich als Standard durchgesetzt haben – statt durch zeitgemäßere Formate ausgetauscht werden, uns dazu bringen, uns diesen veralteten Formaten anzupassen, argumentiert er weiter mit Plattformen wie Facebook, die uns durch gleichförmige Profile und Kategorien zu „Multiple-Choice Identitäten“ machen. Die Open Culture betrachtet er ebenfalls kritisch und sucht nach Modellen, in denen Künstler durch das Internet tatsächlich eine Existenz aufbauen können.

Gadget

Jaron Lanier
„Gadget“
Suhrkamp Verlag

An dieser Stelle wird das Buch hochinteressant. Während er anfangs in kalenderspruchartigen Thesen vor Verlust von Individualität, Unabhängigkeit und Menschlichkeit warnt, geht Lanier im hinteren Teil des Buches auf konkrete Entwicklungen ein, untersucht bestehende Ideen und erklärt seine Vorschläge für ein Internet, in dem von Menschen gemachter Inhalt auch etwas Wert ist.

Ich bin sehr skeptisch an das Buch herangegangen. Etiketten wie „Mahner der Gefahren des Internets“ und „Kritiker der Open Source Bewegung“ machen keinen Menschen sympathisch. Darauf hat Lanier allerdings auch etwas zu erwidern:

„Manche vergleichen Zweifler wie mich mit den verrunzelten Kirchenoberen aus dem Mittelalter, die gegen die Druckerpresse des armen Johannes Gutenberg kämpften. […] Diese Kritiker übersehen jedoch, dass die Druckerpresse selbst noch keine Garantie für eine aufgeklärte Zukunft bot. Nicht Maschinen machten die Renaissance, sondern Menschen. […] Das Netz konstruiert sich nicht selbst. Wir konstruieren es.“

Mit dieser Klarstellung hat Lanier, so streitbar seine Ideen manch einer finden möchte, Respekt verdient. Er stellt seine Lösungsvorschläge nicht als absolut dar, sondern will zum Umdenken anregen. Stellenweise führt er seine Argumentation jedoch etwas zu oberflächlich. Was womöglich dem Zweck dienen soll, zu viel Fachjargon zu vermeiden, wirkt nachlässig und zu vereinfacht. Plakative Begriffe wie „Ideologie der Schwarmintelligenz“ und „Computationalismus“ tauchen nach meinem Geschmack etwas zu häufig auf und werden Laniers klugen Gedankengängen nicht gerecht.

Trotzdem ist „Gadget“ meine große Leseempfehlung für den Herbst. Hier werden wichtige Entwicklungen, die das Internet zu dem machen was es ist, reflektiert. Laniers zentrale Botschaft scheint simpel, doch kann nicht oft genug betont werden: Wir sollten uns nicht selbst dehumanisieren und die Verantwortung für die Gestaltung eines Internets übernehmen, in dem Platz für Individualität ist und Kunstschaffende von ihrer Kreativität leben können.
Dass der Friedenpreis des Deutschen Buchhandels nun Laniers Ideen würdigt, ist ein guter Anstoß für die Buchbranche, endlich mit dem jammern aufzuhören und sich endlich – bis auf den kleinsten und alteingesessensten Buchhändler an der Ecke – mit solchen Themen auseinander zu setzen.

Rezension: Zukunftsromane von Jirgl und Klein

Reinhard Jirgl und Georg Klein haben beide im gleichen Jahr zwei Romane veröffentlicht, die sich mit der Zukunft der Menschheit beschäftigen. Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ und Kleins „Die Zukunft des Mars“ erschienen 2013 und erzählen beide auf ihre Weise wie eine Zukunft aussieht, in der die Marsbesiedlung Realität geworden ist.  „Juhu, Marsbesiedlung“, dachte ich. „Juhu, Jirgl und Klein“, dachte ich. Also habe ich angefangen zu lesen.

In Reinhard Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ kehren die Menschen, die seit mehreren Generationen auf dem Mars leben zurück auf die Erde, denn das Terra-Forming Projekt muss nachgebessert werden. In ihrer Abwesenheit hat sich die Gesellschaft der Menschen jedoch stark verändert. Die Ländergemeinschaften sind isoliert voneinander, jegliche Art von Konflikt ist beigelegt, die menschliche Natur ist durch einen Eingriff in das Erbgut völlig frei von Aggressionen, sexuellen Bedürfnissen und der Notwendigkeit von emotionalen Bindungen. wpid-img_20140726_090633.jpg
Die Marsmenschen sind hingegen den heutigen Menschen in Sprache, Denkweisen und Temperament ähnlich geblieben. Sie reißen die Macht auf der Erde an sich, „korrigieren“ das veränderte Erbgut der schlaffen Erdenmenschen und verpflichten Zwangsarbeiter.
Jirgl erzählt sehr verdichtet, lyrisch und technisch vom großen Universum, in dessen Maßstab von Zeit und Raum der Mensch nur eine kleine Anomalie ist.

In Georg Kleins „Die Zukunft des Mars“ haben die Menschen ebenfalls versucht, den Mars zu besiedeln. Dieses Vorhaben wird jedoch als gescheitert betrachtet, da der Kontakt zu den Kolonisten nach einem schweren Unglück abbrach. Doch der Leser erfährt von einer Gesellschaft auf dem Mars, die sich ohne Kontakt zu den Vorvätern auf der Erde, eigenständig und mit zäher Ausdauer weiterentwickelt. Wechselnd erzählt Klein von dem entbehrungsreichen Leben auf dem Mars und dem Leben auf der Erde, das von Krieg, Mangel und Krankheiten gekennzeichnet ist. wpid-img_20140824_173405.jpg
Während der junge Hilfsarzt Porrporr in seinen heimlichen Aufzeichnungen Einblick in die Kultur auf dem Mars gibt, wird auf der Erde die Geschichte der Lehrerin Elussa und ihrer Tochter Alide erzählt. Georg Klein liefert einen spannenden Zukunftsroman, der ohne langatmige wissenschaftliche Ausführungen auskommt und dem Leser trotzdem ein geschlossenes Zukunftsbild zeichnet.

Brüder im Geiste: Georg Kleins und Reinhard Jirgl haben sich einem ganz ähnlichen Thema gewidmet. Schafft es der Mensch, den Mars zu kolonisieren? Was passiert mit den Menschen auf der Erde?
Jirgl beantwortet diese Fragen fast schon wissenschaftlich. Basierend auf heutigen Prognosen und Technologien extrapoliert er ein Zukunftsszenario, das teilweise denkbar aber nicht sehr reizvoll ist. Der Grundtenor ist ein alter Bekannter: Der Mensch richtet sich selbst zugrunde. Und: Geschichte wiederholt sich. Sein Hauptheld fügt sich in sein wechselhaftes Schicksal und steuert unaufhaltsam mit dem Rest der Menschheit auf die große Katastrophe zu. Dabei seziert Jirgl mit seiner verdichteten Sprache und seiner eigenwilligen Interpunktion unsere Kultur und Denkmuster. Entstanden durch einen unwiederholbaren Zufall, hinterlässt der Mensch eine Schneise der Zerstörung hinter sich und verschwindet schließlich von der Bildfläche.
Auch bei Klein ist die Zukunft keine goldene: Der Mensch verschenkt die Chancen der von ihm entwickelten Technologien, die Marsmission geht über Kriege und Konflikte in Vergessenheit. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass die Erdengesellschaft in Kleins Roman durch Krankheit, Krieg und Katastrophe sogar in die Vergangenheit zurückgeworfen wurde. Kleins Roman liest sich flüssiger als der kopflastige Roman von Jirgl. Er erzählt eine Zukunftsgeschichte mit sympathischen Haupthelden, überraschenden Wendungen und Happy-End, der Leser kann sich vollständig in der Atmosphäre des Romans verlieren. Beide Autoren sind hervorragende Erzähler. Jirgls Stil und Sprachgewalt überfordern den Leser auf angenehm anregende Weise.

Die Lektüre von Jirgls Buch hat allederdings weit mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich für ein Buch gleicher Stärke gewohnt war. „Juhuu“, habe ich erst wieder gedacht als ich es endlich durchgelesen hatte.