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Rezension: Herr Stanišić und Herr Biller

Manche Autoren schaffen es, in kurzen Geschichten so viel Leben hineinzuschreiben, wie manch andere Kollegen es kaum in einem Roman schaffen. Dabei öffnet sich für ihre Leser kurz ein Fenster in andere Schicksale und Gedankenwelten, die genauso fesseln können, wie lange Romane mit ausgefeiltem Spannungsbogen.

Obwohl Erzählungen sonst eher ein Nischendasein auf dem deutschen Buchmarkt fristen, ist 2016 ein Buch und sein Autor in aller Munde: „Fallensteller“ von Saša Stanišić erschien im Mai im Verlag Luchterhand und wurde kurz vor seiner Veröffentlichung im ZDF durch „Das Literarische Quartett“ sogar von Maxim Biller hoch gelobt:

„Er hat ja so viele verschiedene Figuren, so viele verschiedene Settings, so viele verschiedene Hintergründe […] Er beherrscht so viele Gegenden, so viele Sprachen, so viele Töne – fast wie ein erzählerisches Chamäleon. […] Und er kommt mir ein bisschen so vor […], wie ein Autor der als Nichtdeutscher nach Deutschland kommt, als Emigrant – das kenne ich von mir selbst – der sich vortastet zu einem eigenen Ton.“

So ein Lob von Biller, in dem er sich selbst mit dem jungen Autor wohlwollend vergleicht, hat mich auf die Idee gebracht, die Erzählbände der beiden Herren zu lesen. „Bernsteintage“ von Maxim Biller und „Fallensteller“ von Saša Stanišić haben mir sehr berührende, nachdenkliche und amüsante Lesestunden beschert – und einen interessanten Vergleich.

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 Saša Stanišić feuert in seinem Erzählband „Fallensteller“ ein Ideen-Feuerwerk ab. Hier treffen liebenswürdige Charaktere mit den unterschiedlichsten Schicksalen und Motivationen auf einen unbändigen Sprachwitz eines jungen Autors, der sich alles traut. Stanišić spielt mit Worten und findet in den Unschärfen der Sprache seine eigene Leichtigkeit. Diese fast kindliche Freude beim Erforschen täglicher Floskeln macht jede Erzählung zu einem Schatz. Dabei zeigt er seine Protagonisten von sehr intimen Seiten. Hoffnungen, Erwartungen und Geheimnisse werden mit dem Leser geteilt, wie mit guten Freunden. Wir werden zu Mitwissern der absichtlichen und versehentlichen Irreführungen, Notlügen, kleinen Betrügereien und krummen Tricks, die das Leben der durchschnittlichen Helden interessant machen.

Der Erzählband „Bernsteintage“ von Maxim Biller erschien im Jahr 2004. Auch hier transportieren die Geschichten etwas Unschuldiges und Kindliches. Hier verbinden sich aber die geschilderten Kindheitserinnerungen und Rückblenden in ferne schöne Tage mit einer eigentümlichen Melancholie. Schilderungen aus Gegenwart und Vergangenheit gibt der Erzähler eine neue Reihenfolge, wodurch bei jeder Biografie Pointen und besondere Wendepunkte herausgearbeitet werden. Das übergeordnete Thema der Erzählungen ist die Suche nach der Identität und oft sind die Hauptpersonen Kinder jüdischer Eltern, die als Erwachsene ratlos ihren kulturellen Wurzeln gegenüberstehen und ihren Platz in der deutschen Gesellschaft selbst nicht so recht gefunden zu haben scheinen. Sie fühlen sich anders, doch sind sie nur lose mit den Traditionen ihrer Familie verbunden.

Kein Wunder, dass Biller mit Stanišić eine Gemeinsamkeit entdeckt haben will. Auch im „Fallensteller“ finden sich Spuren des Kulturwechsels des Autors. Denn Stanišić  wurde in Bosnien-Herzegowina geboren und kam als Teenager nach Deutschland. Deshalb ist es wohl kaum ein Zufall, dass in jeder Erzählung osteuropäische Sprachen und Herkunftsländer auftauchen. Doch während Billers Erzählungen sich eng im Rahmen der deutschen Juden bewegen, öffnet Stanišić  den Blick für eine moderne Verflechtung der Kulturen. „Fallensteller“ ist nicht nur ein Beispiel lebendiger deutscher Literatur, sondern ein durch und durch europäisches Buch. Dabei wechselt Stanišić  spielerisch zwischen den Identitäten und hat das vollmundige Lob in Presse, Rundfunk und Fernsehen durchaus verdient, wie ich finde!

Wer mehr über den „Fallensteller“ wissen will: Eine weitere lesenswerte Rezension findet sich bei Nordbreze.

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Montagsupdate: Mein Lesestoff

Krimiherbst

Ich habe den Krimiherbst ausgerufen! Die Tage werden kürzer und das heißt, dass es nicht nur endlich kalt genug für den Lieblingspulli ist, sondern sich auch die richtige Stimmung für Mord und Totschlag zwischen den Buchdeckeln eingestellt hat. „Unendlicher Spaß“ hat erstmal Pause, während ich mich in „H20 – Das sterben beginnt“ von Ivo Pala vertiefe. Ich habe nun länger keine Krimis mehr gelesen und jetzt erst wird mir klar, was mir entgangen ist! Bisher liest es sich flott weg und der Hauptermittler ist ein richtig harter Hund. Vor ein paar Tagen habe ich den erschütternden Krimi „Ihr unschuldiges Herz“ zuendegelesen, der unter dem Pseudonym Richard Hagen erschienen ist. Ich sage nur soviel: Hartes Thema, packend erzählt! Habt ihr gerade ein paar interessante Krimis am Start?

Update zum Wochenende: Mein Lesestoff

Lesestoff

Ein Filet-Stück aus meinem SuB: Reinhard Jirgl „Nichts von euch auf Erden“ nimmt mich seit einer Woche ganz gefangen. Durch seine ungewöhnliche Interpunktion und seine unheimlich verdichte Sprache lese ich mich im Genießer-Tempo durch die Handlung: schön langsam. Ich bin hell begeistert. Eine Rezension folgt bald!

Rezension: Die Elbenthal-Saga

Eins vorweg: Ich bin ein sehr seltener Fantasy-Leser. Im Alter zwischen 14 und 18 habe ich eine Zeit lang ausschließlich in fremden Welten gelesen, doch dann hatte ich plötzlich die Nase voll von den ganzen Trilo-, Quadro-, und sonstigen -logien. Magische Wesen kreuzten seitdem nur noch in ausgewählten Fällen meinen Weg. Nachdem mich aber Patrick Rothfuss‘ „Der Name des Windes“ schier weggepustet hatte, habe ich mich mit dem Genre wieder versöhnt.

Jetzt habe ich in einem Rutsch die „Elbenthal-Saga“ hinter mir und bin wieder beeindruckt. Ivo Pala zeigt sich hier als hervorragender Handwerker und füllt die starren Schablonen der Genres – Ein/e Auserwählte/r, die Queste, Gut-gegen-Böse, die Liebe wider jeglicher Vernunft und blutige Schlachten- mit unkonventionellen Elementen, Wortwitz und tief recherchierten Verbindungen zur deutschen Mythologie. Wenn man alle drei Bände hintereinander liest, kann der Leser nicht nur den vollen Spannungsbogen auskosten, sondern auch eine ganz andere Beobachtung machen: Während der erste Band eher als Urban-Fantasy beginnt, führt Pala seine Leser kapitelweise immer tiefer in die fremden Welten, bis man sich auf einmal in epischen Schlachten klassischer High-Fantasy wiederfindet. Während der Schauplatz anfänglich noch vermehrt in Dresden liegt, wo die Elben ihre Stellung mit Handfeuerwaffen, Hubschraubern und modernster Technik verteidigen, verlegt Pala die Handlung immer weiter in eine andere Welt voller mächtiger Zauber und Artefakte. Wie auch die anfangs völlig ahnungslose Hauptheldin Svenya setzt sich für den Leser erst nach und nach das Gesamtbild einer facettenreichen und umfangreichen Fantasiewelt mit Jahrtausende alter Geschichte zusammen.

Die Elbenthal-Saga

Band 1 „Die Hüterin Midgards“ – Band 2 „Der schwarze Prinz“ – Band 3 „Die eisige Göttin“

Die Elbenthal-Saga von Ivo Pala dreht sich um das Schicksal der jungen Svenya aus Dresden, die in der Nacht ihres 17. Geburtstages von einer ganz neuen Welt erfährt. Die elternlose Svenya ist aus dem Heim ausgerissen und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs in Dresden durch. Nach einer folgenschweren Nacht, in der sie zuerst in die Fänge des düsteren Prinzen der Dunkelelben Laurin gerät und gleich darauf von den Lichtelben Hagen und Raik befreit wird, wacht sie in Elbenthal auf – einem geheimen alten Reich unterhalb Dresdens. Dort erfährt sie: Svenya ist ein Schicksal als „Hüterin Midgards“ vorbestimmt. Durch einen Fluch ist es ihr verwehrt, sich weder an ihre wahre Identität zu erinnern, noch fragen zu dürfen, wer sie ist und woher sie kommt. Alles was sie erfährt: Sie ist die Anführerin der Lichtelben, die die Menschen im Verborgenen seit Jahrhunderten vor der Bedrohung aus anderen Welten bewahren.

Die Reihe

Im ersten Band „Die Hüterin Midgards“ wird Svenya ihr Schicksal enthüllt, das sie nur widerstrebend annimmt. Sie wird hart trainiert, doch ihr fällt es schwer, sich in ihre bedeutungsvolle Rolle einzufügen. Als sie versucht zu fliehen, gerät sie in die Hände von Laurin, der sie benutzen will, um ein Tor in seine Heimatwelt zu erschaffen und mit Verstärkung die Lichtelben und die Menschenwelt zu unterwefen.

In Band zwei „Der schwarze Prinz“ erhält die Geschichte, die bis hier mit rasanten Verfolgungsjagden und erbitterten Zweikämpfen gespickt ist, mehr Futter. Hier erfährt die Hauptheldin und der Leser mehr über die Geschichte der Elben, die sich stellenweise mit der germanischen Götterwelt und den Nibelungen kreuzt. Svenya muss verhindern, dass mit der Macht legendärer Schwerter ein neues Portal geöffnet wird und es kommt zu einer großen Schlacht. Das Ende hält einen fiesen Cliffhanger bereit.

Band drei „Die eisige Göttin“ ist das kämpferische Finale der Reihe. Hier rollen Köpfe, fließt Blut, aber auch die einzelnen Handlungsstränge werden wieder zusammengeführt. Die Hintergrundgeschichte wird noch einmal spannend und Geheimnisse werden aufgedeckt.

Pluspunkte

  • Die Verbindung zur nordischen Götterwelt und deutschen Mythologie fügt sich sehr gut ein und gibt dem ganzen mehr Tiefe. Der Autor hat hier intensive Recherchearbeit investiert und auch eine eigene elbische Sprache entwickelt.
  • Auch wenn mir die Hauptheldin anfänglich wenig sympathisch war, musste ich ihr von Anfang an eine starke moralische Integrität zugestehen. In der ganzen Reihe wird viel gekämpft und getötet, doch Svenya widerspricht jeglicher unnötiger Gewalt. Selbst ihren ärgsten Feinden gewährt sie Gnade und verabscheut jegliche Art von Mord, während ihre Mitstreiter aus Rache töten, oder diesen mit der Vergeltung schlechter Taten rechtfertigen.
  • Die Kampfszenen sind hervorragend durchchoreografiert. Beim Lesen läuft ein wahrer Actionfilm im Kopf ab und auch die strategischen Schachzüge der großen Schlachten dürften Liebhaber ausgefeilter Kampfkunst begeistern.

Wermutstropfen

  •  Die Andeutungen von Missbrauch im Heim im ersten Band der Reihe: Es ist zwar ein wichtiges Thema und einer der wenigen Anhaltspunkte, die der Hauptheldin einen Hauch von Vorgeschichte verleihen, trotzdem hat es sich für mich beim Lesen nicht optimal eingefügt, weil sich hier eine zu große und schwierige Thematik auftut.

Mein Fazit

Es lohnt sich! Der Leser darf sich über eine sorgfältig ausgestaltete Fantasy-Welt und eine Geschichte freuen, die sich steigert. Ivo Pala glänzt als überzeugender Erzähler mit viel Ideenreichtum, liebevollen Details und Sinn für Humor. Die wechselvolle Geschichte treibt regelmäßig den Puls hoch und macht Spaß.

Rezension: MaddAddam Trilogie

madaddam

Band 1 „Oryx und Crake“ – Band 2 „Das Jahr der Flut“ – Band 3 „Die Geschichte von Zeb“

Die kanadische Autorin Margaret Atwood erzählt in ihrer MaddAddam Trilogie von einer Zukunft in der staatliche Regierungen durch Pharma-Konzerne abgelöst wurden. Deren Mitarbeiter leben abgeriegelt und keimfrei in großen konzerneigenen Komplexen, während die Menschen draußen im „Plebsland“ ums Überleben kämpfen. Neuartige Krankheiten, Naturkatastrophen und Rohstoffknappheit bestimmen den Alltag außerhalb der schützenden Mauern. Das Szenario wird ergänzt durch die Vorstellung, dass Wissenschaftler die menschliche DNA vollkommen entschlüsselt haben und Pflanzen und Tiere beliebig manipulieren und kreuzen können.

Diese Trilogie ist jedoch alles andere als eine dreibändige Gardinenpredigt darüber, wie wir unseren Planeten behandeln. Atwood erzählt eine spannende Geschichte und zeigt die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven, sodass sich am Ende ein vielschichtiges und keineswegs ausschließlich düsteres Zukunftsbild zeichnet. Galgenhumor und Wahnsinn sind ein ständiger Begleiter der Geschichte und machen alle drei Bände kurzweilig und lesenswert. Schließlich stellt sich – wie so oft – die Frage, was die menschliche Natur ausmacht. Neben Zerstörungswut und Eigennutz ist es am Ende auch immer die Fähigkeit zu Hoffen.

Die Reihe

Im ersten Band „Oryx und Crake“ begegnet der Leser Hauptfigur Jimmy, der nach einer Pandemie scheinbar allein mit einer neuen Menschen-Spezies aus dem Labor überlebt hat. Er erzählt in Rückblenden von seinem Leben in der Konzernwelt und wie er dorthin gekommen ist, wo er ist.
Im zweiten Band „Das Jahr der Flut“ werden Nebenfiguren aus dem ersten Band zu Hauptfiguren. Dabei konzentriert sich die Handlung auf die Geschehnisse im Plebsland. Hier hat sich eine Gruppe von christlichen Ökoaktivisten unter dem Namen „Gottesgärtner“ zusammengetan und begonnen, eine eigene Parallel-Gesellschaft aufzubauen. Unter ihnen Toby, die schnell merkt, dass die Gottesgärtner mehr und mehr zum Sammelbecken für Rebellen werden.
Der dritte Band „Die Geschichte von Zeb“ setzt am Endpunkt der beiden vorhergehenden Bände ein: Es sind nur noch wenige Menschen übrig, die sich zusammentun und versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Unter ihnen die neue Menschen-Spezies, die Toby nach den Eigenheiten der menschlichen Zivilisation befragt. Angefangen bei Fragen wie „Wozu braucht man Schuhe?“ bis hin zu fast philosophischen Fragen wie „Was ist Dankbarkeit?“ muss Toby den „Crakern“ alles beibringen, wovor sie abgeschirmt waren. So erzählt sie ihnen auch die Geschichte von Mad Adam: Zeb. Er ist fast von Anfang an bei den Gottesgärtnern gewesen, die von seinem Bruder Adam geführt werden. Nach dem ersten Band in der Komplexwelt und dem zweiten Band bei den Ökoaktivisten ist der dritte Band etwas stärker auf die Technik und die Überwachung durch die Konzerne fokussiert.

Mein Fazit

Ich habe die drei Bücher hintereinander in einem Monat gelesen. Besonders stark waren die ersten beiden Bände, die sich durch die Überschneidung der Erzählung sehr gut ergänzt haben. Band drei war noch einmal eine Zusammenführung und abschließende Betrachtung, angefangen bei Stunde Null. Hier habe ich ein paar Seiten gebraucht, um reinzukommen. Insgesamt lohnen sich alle drei Bände für Fans von Zukunftsszenarien mit Hintergrund. Die korrupten Pharma-Riesen, die kurzlebige Konsumgesellschaft und der wissenschaftliche Background zum Thema Genmanipulation sind Analogien zur heutigen Zeit und eine treffende Kritik.
Ich warne davor, die MadAddam Trilogie mit den zahllosen Dystopien über einen Kamm zu scheren, die im Moment den Markt überschwemmen. Der erste Band erschien bereits 2003 und Atwood bedient hier kein Genre-Schema. Hier gibt es keine Auserwählte, keine romantische Liebe in Zeiten von Unterdrückung und keine rasanten Verfolgungsjagden. Hier ist vielmehr ein Survival-Handbuch mit einem Gesellschaftsszenario gekreuzt und mit gleichermaßen witzigen und tragischen Charakteren besetzt worden. Einige Namen der Figuren wurden nach Spenden von Stiftungen vergeben. Ein besonderes Highlight: Die neue Menschen-Spezies: Die „Craker“.

Kurz gefasst

Klug, spannend, facettenreich und – lesenswert!

Update zum Welttag des Buches: Mein Lesestoff

Welttag des Buches 2014

Und was lest ihr gerade? Ich habe derzeit den ersten Band einer Trilogie vor der Nase. Fantasy ist eher selten meine Baustelle, aber die „Elbenthal-Saga“ von Ivo Pala hört sich vielversprechend an. Ich habe gerade erst eine dreibändige Dystopie hinter mir und freue mich schon auf das Kontrastprogramm. Eine Rezension folgt bald!