Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Die neue Science-Fiction Reihe der US-amerikanischen Autorin Ann Leckie ruft bei deutschen Lesern eher verhaltene Reaktionen hervor. Der Übersetzer Bernhard Kempen hat die Idee der Autorin von einer Sprache ohne Markierung des Geschlechts ins Deutsche übertragen und die Space Opera konsequent im generischen Femininum erzählt. Gerade dieser Aspekt scheint für die überwiegend männlichen Sci-Fi Leser ein Störfaktor zu sein. Für mich ist dieser sprachliche Kunstgriff zwar ein kreativer Clou, steht aber nicht im Vordergrund der spannenden Geschichte im Weltraum. Inzwischen stelle ich mir die Frage: Gefällt mir die Sci-Fi von Ann Leckie, weil ich ein Mädchen bin?

image

Die Reihe startete 2015 in Deutschland mit Band eins „Die Maschinen“ – ein Jahr nachdem Ann Leckie mit dem englischen Original unter dem Titel „Ancillary Justice“ die renommiertesten Preise des Science-Fiction Genre abgeräumt hatte. Im Februar 2016 erschien kürzlich Band zwei „Die Mission“ und setzt die Space Opera auf dem deutschen Buchmarkt fort. Vor lauter Neugier konnte ich es natürlich nicht abwarten und habe Band zwei und Band drei auf Englisch gelesen. Fazit: Ich bin Fan. Eine Recherche zu Reaktionen und Rezensionen anderer Leser war dagegen etwas ernüchternd, denn der preisgekrönte Buchimport scheint die zurückhaltende Sci-Fi Gemeinde zu spalten. Während einige Blogger den ersten Band durchaus loben, sprechen andere von Langeweile und „Genderwahn im All“. In der Rezension auf diezukunft.de ist trotz des Lobes ebenfalls von einer sperrigen „Gender-Geschichte“ die Rede.

Das Radchaai Imperium

Die Bücher

Die Kurzfassung ohne Spoiler lautet: Der Ort der Handlung ist das galaktische Imperium der Radchaai unter der Führung des Herrschers Anander Minaai. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Protagonistin Breq, die sich als letztes menschliches Segment einer künstlichen Intelligenz eines Raumschiffes namens Gerechtigkeit der Torren durchschlägt und ihre Freunde vor dem heraufziehenden Bürgerkrieg beschützen will.
Insgesamt ist der Inhalt des Buches nicht so leicht zusammenzufassen. Denn die Buchreihe von Ann Leckie ist stark Dialog-basiert und glänzt vor allem mit spannenden politischen und moralischen Verwicklungen der Hauptperson Breq. Dabei werden viele Themen zur Diskussion gestellt.

Künstliche Intelligenz
Als Informatikerin fand ich Ann Leckies Ideen bezüglich künstlicher Intelligenz unglaublich spannend. Denn in „Die Maschinen“ wird erklärt, dass Raumschiffe wie Gerechtigkeit der Torren durchaus auf Emotionen basieren, da komplexe Entscheidungen eine viel zu umfangreiche Berechnungszeit erfordern würden. Dabei schildert die Autorin eindrucksvoll die Gedankenwelt von Breq als Raumschiff, das seine Empfindungen und Informationen durch Implantate mit zahllosen menschlichen Körpern teilt. Da Breq als einzelnes Segment das Wesen des gesamten Schiffes beherbergt, ist sie als Hauptfigur zerrissen und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Identität
Nicht nur die künstliche Intelligenzen der Raumschiffe und Raumstationen, auch das Bewusstsein des Imperators Anander Minaai teilt sich durch Implantate auf zahhlose Klone seiner selbst auf. Damit ist der Herrscher der Radch unsterblich und kann die Geschicke seines Reichs zentral lenken. Diese Aufspaltung einer Identität birgt aber auch Gefahren, die auch die Galaxie an den Rand eines Krieges bringen. Was macht den Charakter einer Person aus? Welche Eigenschaften sind untrennbar mit einem Menschen verbunden? Diese Fragen stellt sich auch der Leser von Ann Leckies Büchern.

Zivilisation
In der Sprache der Radch, bedeutet „Radchaai“ so viel wie „zivilisiert“. Der Entwurf dieser Zivilisation erweist sich als sehr interessant und birgt viel Diskussionsstoff. Denn Unterscheidungen zwischen männlichen und weiblichen Personen gelten im Imperium als primitiv und unzivilisiert. Deshalb wird nicht nur auf äußerliche sondern auch auf sprachliche Markierungen von Geschlechtern verzichtet. Das setzt Leckie in der Originalsprache der Romane unauffälliger um, als es im Deutschen möglich ist: Da Bezeichnungen wie „Gouvernor“ oder „Captain“ auf Englisch bereits neutral sind, fällt lediglich auf, dass Leckie für alle Personen „she“ als weibliches Personalpronom verwendet. In der Übersetzung hat sich Bernhard Kempen für das generische Femininum entschieden und die Verwendung des weibliche Personalpronoms mit der konsequenten Verwendung der weiblichen Endung -in ergänzt. Eine mutige Entscheidung, durch die Ann Leckies Idee noch deutlicher hervorgehoben wird. Dieser Kunstgriff stört den Lesefluss überraschenderweise kaum. Im Gegenteil: Es birgt großes humoristisches Potenzial in Szenen, in denen Breq in fremden Kulturen verzweifelt versucht, das Geschlecht ihrer Gesprächspartner zu erraten. In den Liebesszenen zwischen den Hauptpersonen ist das Geschlecht ebenfalls revolutionär nachrrangig. Zur hektoliterweise Tee schlürfenden Zivilisation der Radch gehört aber auch das Selbstverständnis einer Grundsicherung für jeden Bürger und zahlreiche andere Aspekte. So auch die „Umerziehung“, falls kriminelle Bürger ihren Auftrag in der Gesellschaft nicht erfüllen wollen, oder die sorglose Unterwerfung „unzivilisierter“ Völker anderer Planeten.
Insgesamt gibt Ann Leckie Einblick in ein System, das nicht als durchweg dystopisch oder utopisch eingestuft werden kann, da die Grenzen zwischen „Tyrannei“ und „Lenkung zum Wohle der Menschheit“ verschwimmen.

Fazit

Die Space Opera von Ann Leckie ist kurzerhand auf meiner Liste der Lieblingsbücher gelandet. Großartig finde ich dieses durchdachte Zukunftsszenario im Weltraum ohne technische Nonsens-Vokabeln, die den Lesefluss stören. Dass die Action hier etwas zurücktritt und dafür geistreichen Wortwechseln und den Überlegungen der Hauptperson Platz machen, finde ich nicht nur mutig, sondern auch durchweg gelungen. Langeweile ist beim Lesen nicht aufgekommen. Im Gegenteil: Es gibt selten eine Buchreihe, bei der ich so flott weiterlesen will.
„Die Maschinen“ und „Die Mission“ auf eine Gender-Geschichte zu reduzieren und sich über das sprachliche Experiment aufzuregen, wird diesen tollen Romanen von Ann Leckie auf keinen Fall gerecht. Insgesamt sind die Bände des „Radchaai Imperiums“ kluge Sci-Fi für alle, denen Ideen wichtiger sind als Laser-Sperrfeuer aus allen Rohren. Die Autorin sprüht förmlich vor Einfällen und bringt brillante Überlegungen in die Handlung mit ein. Dabei hält die deutsche Übersetzung von Bernhard Kempen dem direkten Vergleich mit der englischen Vorlage stand und  erschafft eine ganz eigene Qualität von Roman.

Too long, didn’t read: Lesebefehl! 😉

Advertisements

Kommentare zu: "Rezension: „Radchaai Imperium“ von Ann Leckie" (4)

  1. Obwohl mich Science-Fiction ansonsten nicht wirklich hinterm Ofen herholt, bin ich doch von diesem Tipp sehr angetan! Auf meiner Wunschliste steht es schon, vielleicht begegnet mir der erste Band mal in einem Buchladen..

  2. Peter schrieb:

    Soeben Band 3 beendet. Schluß wirkt – vielleicht durch die doch stark nachgelassen habende Übersetzung – ganz leicht, beinahe zärtlich aufgesetzt, aber in sich schlüssig.

    Eins Esk Neunzehn der Gerechtigkeit der Torren – oder Breq – wird durch die Geschehnisse in der Trilogie zunehmend menschlicher.

    An dem generischen Femininum habe ich mich zu keiner Zeit gestört, das jeweilige Geschlecht der handelnden Personen wird – außer bei Anaander Mianaai – durchaus deutlich. Humor haben die Bücher auch, beim letzten Band musste ich teilweise lauthals lachen.

    Fazit: lohnt sich auf alle Fälle, auch der nicht ganz so zukunftsmäßige Bezug auf eine strengst hierarchische, totalüberwachte Gesellschaft.

    Lohnenswert auch die Beschreibung der Aktivierung von Hilfseinheiten in der ersten Hälfte des zweiten Bandes. Da wird einem richtig körperlich übel!

    • Danke für deine Rückmeldung! Dachte schon, die Bücher sind etwas untergangen, nach den verhaltenen Reaktionen.
      Der Humor hat mir auch gefallen. Ich glaube ich habe bei Sci-Fi noch nie laut gelacht und das war wirklich super platziert.
      Die Hilfseinheiten fand ich auch ein verstörendes Element, aber wieder ein spannendes Detail dieser Expasions und Ivasions-Politik.
      Ging es dir auch so: Ich habe seit dem Lesen meinen Teekonsum beachtlich gesteigert XD

      • Peter schrieb:

        Und ob! Ich bin zum echten Teefan geworden, ich habe mir soeben Pu-Erh geholt. Aber probiere mal den weißen Silbernadel-Tee – alleine die Form erinnert an Tochter der Fische…

        Woran man auch noch merkt, dass Breq zum Mensch (oder was auch immer sie nun ist, sie gibt ja u. a. vor, von der Gerentate zu kommen, eine Behauptung, das nie vollständig geklärt wird) wird, ist ihre kurzzeitige Rückkehr zur Standardnahrung der Hilfseinheiten – was sie kurioserweise dann auch sehr schnell wieder sein lässt 😉

Dein Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s