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Rezension: „Gadget“ von Jaron Lanier

Am 12. Oktober ist es soweit, dann wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Jaron Lanier in einem offiziellen Festakt vergeben. Bis vor kurzem hatte ich keine Ahnung, wer das eigentlich ist und habe mich in einem Blogbeitrag im vergangenen Juni dem ungewöhnlichen Herren mit den Dreadlocks angenähert. Seine Thesen sind umstritten, seine Mahnungen zu den Gefahren des Internets polarisieren die Fachwelt. Sein Buch „Gadget“ aus dem Suhrkamp Verlag bietet einige Einsichten in die Gedankenwelt des Künstlers, Musikers und Informatikers.

In „Gadget“ stellt Jaron Lanier die Frage, ob auf die Schwarmintelligenz und die große Cloud wirklich Verlass ist. Statt Prozesse der Kreativität und Innovation anzukurbeln, wird Quantität zum neuen Maßstab für Qualität und die Bedeutung des Individuums wird gemindert. Lanier zeigt anhand einiger Beispiele, wie die von Menschen erschaffene Technik und Software uns selbst gefangen hält. Angefangen bei Dateiformaten, die – da sie sich als Standard durchgesetzt haben – statt durch zeitgemäßere Formate ausgetauscht werden, uns dazu bringen, uns diesen veralteten Formaten anzupassen, argumentiert er weiter mit Plattformen wie Facebook, die uns durch gleichförmige Profile und Kategorien zu „Multiple-Choice Identitäten“ machen. Die Open Culture betrachtet er ebenfalls kritisch und sucht nach Modellen, in denen Künstler durch das Internet tatsächlich eine Existenz aufbauen können.

Gadget

Jaron Lanier
„Gadget“
Suhrkamp Verlag

An dieser Stelle wird das Buch hochinteressant. Während er anfangs in kalenderspruchartigen Thesen vor Verlust von Individualität, Unabhängigkeit und Menschlichkeit warnt, geht Lanier im hinteren Teil des Buches auf konkrete Entwicklungen ein, untersucht bestehende Ideen und erklärt seine Vorschläge für ein Internet, in dem von Menschen gemachter Inhalt auch etwas Wert ist.

Ich bin sehr skeptisch an das Buch herangegangen. Etiketten wie „Mahner der Gefahren des Internets“ und „Kritiker der Open Source Bewegung“ machen keinen Menschen sympathisch. Darauf hat Lanier allerdings auch etwas zu erwidern:

„Manche vergleichen Zweifler wie mich mit den verrunzelten Kirchenoberen aus dem Mittelalter, die gegen die Druckerpresse des armen Johannes Gutenberg kämpften. […] Diese Kritiker übersehen jedoch, dass die Druckerpresse selbst noch keine Garantie für eine aufgeklärte Zukunft bot. Nicht Maschinen machten die Renaissance, sondern Menschen. […] Das Netz konstruiert sich nicht selbst. Wir konstruieren es.“

Mit dieser Klarstellung hat Lanier, so streitbar seine Ideen manch einer finden möchte, Respekt verdient. Er stellt seine Lösungsvorschläge nicht als absolut dar, sondern will zum Umdenken anregen. Stellenweise führt er seine Argumentation jedoch etwas zu oberflächlich. Was womöglich dem Zweck dienen soll, zu viel Fachjargon zu vermeiden, wirkt nachlässig und zu vereinfacht. Plakative Begriffe wie „Ideologie der Schwarmintelligenz“ und „Computationalismus“ tauchen nach meinem Geschmack etwas zu häufig auf und werden Laniers klugen Gedankengängen nicht gerecht.

Trotzdem ist „Gadget“ meine große Leseempfehlung für den Herbst. Hier werden wichtige Entwicklungen, die das Internet zu dem machen was es ist, reflektiert. Laniers zentrale Botschaft scheint simpel, doch kann nicht oft genug betont werden: Wir sollten uns nicht selbst dehumanisieren und die Verantwortung für die Gestaltung eines Internets übernehmen, in dem Platz für Individualität ist und Kunstschaffende von ihrer Kreativität leben können.
Dass der Friedenpreis des Deutschen Buchhandels nun Laniers Ideen würdigt, ist ein guter Anstoß für die Buchbranche, endlich mit dem jammern aufzuhören und sich endlich – bis auf den kleinsten und alteingesessensten Buchhändler an der Ecke – mit solchen Themen auseinander zu setzen.

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I google you: Friedenspreisträger Jaron Lanier

Immer das gleiche. Wenn die Preisträger von diversen Nobel- oder (wie nun kürzlich) des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ausgerufen werden, sagen mir die Namen und Gesichter in den meisten Fällen – nichts. Ich Banause habe dann vom großen Beitrag zu unserer Gesellschaft und Kultur nichts geahnt. Aber wie singt schon Amanda Palmer: „I google you / When I’m alone in my room and I’ve got nothing to do“ Also nehme ich den Finger aus der Nase und setze mich an den Computer.

Ich google den diesjährigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Jaron Lanier und werde fündig – mit einem Beitrag über Google. Zur Debatte rund um das Internet-Thema „Ein Recht auf Vergessenwerden“ ist in der FAZ am 01. Juni ein interessanter Beitrag unter dem Titel „Die bittere Pille Demokratie“ in der Übersetzung von Michael Bischoff erschienen. Jaron Lanier stellt darin eine wichtige Frage:

Möchten wir, dass die Menschen sich online ehrlich äußern, oder möchten wir, dass sie aus diesem Beispiel lernen und lieber vorsichtig und unehrlich sind?

Wem gehört die Zukunft?

Jaron Lanier
„Wem gehört die Zukunft?“
Hoffmann und Campe Verlag

Lanier ist Informatiker, Autor, Musiker, Künstler und seines Zeichens Internetkritiker finde ich später heraus. Dass er überall als „Mahner für die Gefahren des Internets“ beschrieben wird, macht mich gleichermaßen misstrauisch und neugierig. Grusel grusel, böses Internet? In einem anderen Beitrag ist er mit Brille und erhobenen Zeigefinger zu sehen und wenig später lese ich, dass er in seinem Buch „You are Not a Gadget“ die Open Source-Bewegung kritisiert. Klingt nicht sehr sympathisch. Aber Gegenstimmen sind wichtig und auch wenn ich auf den ersten Blick nicht alle Thesen unterstützen würde, geht es natürlich darum, deren Bedeutung für unsere Gesellschaft zu diskutieren. Ich nehme mir vor: Ich sollte seine Bücher lesen, bevor ich vorschnell urteile. Im FAZ Beitrag heißt es abschließend:

Die Gesellschaft sollte ein Interesse an der Förderung eines echten, unparteiischen Internet haben, aber im Augenblick geschieht fast genau das Gegenteil. […] Und wenn wir zulassen, dass gigantische Unternehmen zur Clearingstelle für unser aller Identität werden, dann ist das eine Form zentralisierter Macht.
[…]
Deshalb ist Demokratie für manche idealistischen Nerds eine bittere Pille. Aber in der Demokratie geht es darum, dass Menschen mit anderen Menschen auskommen. Wenn wir nicht einmal die eher leichte Last tragen können, anderen Menschen Raum zur Selbstbestimmung zu geben, disqualifizieren wir uns für die Teilhabe an der Demokratie.

Jaron Laniers Thesen bekommen vor dem Hintergrund seines Lebenslaufes noch einen ganz anderen Aspekt. David Hugendick nennt ihn in der „Zeit“ einen der „Evangelisten des Silicon Valley“. Jaron Lanier kritisiert also Zustände, in deren Entstehungsprozess er eine zeitlang mitgewirkt hat. Als ehemaliger Insider hat er ganz andere Einblicke in die komplexe Thematik als viele andere. Was ihm auf der einen Seite Autorität verleiht, bringt ihm andererseits misstrauische Fragen der Netzgemeinde ein. Er polarisiert also und befeuert wichtige Debatten. Das wiederum finde ich hochsympathisch. Das aktuelle Buch „Wem gehört die Zukunft?“ steht schonmal auf meiner Leseliste. Dann google ich gleichmal ein paar Rezensionen.