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#FBM16 – Dit is wat we delen: Starke Autorinnen und lesenswerte Bücher

Die Frankfurter Buchmesse ist mit der Auswahl ihres Ehrengastes immer eine tolle Gelegenheit, aktuelle Literatur von fremden Buchmärkten zu erkunden und dabei Geschichten anderer Kulturen zu entdecken. 2016 teilen sich Flandern und Niederlande die Ehre als Gastland der Frankfurter Buchmesse. Deren Motto lautet treffend „Dit is wat we delen“ (dt. = Das ist was wir teilen), denn Flandern im nördlichen Belgien teilt sich mit seinem Nachbarn die niederländische Sprache. Mit Deutschland und dem Rest von Europa teilen sie aber auch die Spuren der historischen Ereignisse, die gemeinsam verarbeitet werden. Die diesjährigen Neuerscheinungen und Neuauflagen spiegeln die Themenvielfalt, die die Ehrengäste Niederlande und Flandern mitbringen, wider.

Welche Neuentdeckungen können Leser in der großen Auswahl an Novitäten machen? Bei LovelyBooks  habe ich eine Liste anlegen dürfen, in der es zahlreiche Vorschläge gibt, über die ihr abstimmen könnt. Niederländische Autoren wie Harry Mulisch, Maarten ’t Hart und Cees Nooteboom gehören zur Weltliteratur und dürfen in keiner Aufzählung fehlen. Für die Buchmesse habe ich mir drei Neuerscheinungen ganz genau angeschaut und festgestellt: Es gibt neben diesen ehrwürdigen Herren auch großartige Literatur von ihren weiblichen Kollegen.

„Wäre mein Klavier doch ein Pferd“ ist bei editionfünf erschienen und enthält 15 Erzählungen aus den Niederlanden. Das Buch wurde ausschließlich mit Texten von Autorinnen zusammengestellt und ist ein literarischer Querschnitt, der unterschiedliche Themen und Zeiten darstellt. Die älteste Geschichte stammt aus dem Jahr 1956, die jüngste Geschichte wurde 2013 veröffentlicht. wp-1475748556378.jpg
Im hinteren Teil des Buches wurden kurze Biografien der Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen eingefügt, sodass der Leser die Erzählungen bei Bedarf besser einordnen und den Hintergrund der Handlung nachvollziehen kann. Denn neben Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg oder die Zeit danach, werden von anderen Autorinnen die Erfahrungen von Einwanderern aus den niederländischen Kolonien verarbeitet. Und auf einmal ist es passiert: Aus den kleinen Niederlanden wird vor den Augen des Lesers eine Verbindung von Schicksalen von Menschen aus der ganzen Welt. In diesem grünen Buch verstecken sich kraftvolle Momentaufnahmen von talentierten Autorinnen, die sich lohnen, gelesen zu werden!

„Boy“ von Wytske Versteeg  ist als deutsche Erstausgabe im Wagenbach Verlag in einer Taschenbuchreihe mit niederländischen Autoren erschienen. Der Roman erzählt von einer Mutter, deren adoptierter Sohn namens Boy gestorben ist. Die Ermittlungen der Polizei werden nach Hinweisen auf Selbstmord rasch eingestellt, doch seine Mutter kann sich damit nicht abfinden. Warum musste er sterben? Wer trägt die Schuld an der Tragödie? Sie stellt ihre Fragen Boys Mitschülern, seinen Lehrern und vor allem – sich selbst. wp-1475748562716.jpg
Sie konnte ihren Sohn mit afrikanischen Wurzeln nicht davor bewahren, von anderen ausgegrenzt zu werden und nicht helfen, sich selbst zu akzeptieren. In Rückblenden wird das komplizierte Verhältnis der unsicheren Mutter zu ihrem fremden Sohn rekonstruiert, während sie sich auf die Suche zu der einzigen Person macht, die ihre Fragen beantworten kann.
„Boy“ ist eine Geschichte von Trauer, Selbsthass, Schuld und Verantwortung. Wytske Versteeg erzählt ohne viel direkte Rede, als aufmerksame Beobachterin. Der Roman liest sich wie das düstere Tagebuch der wütenden Mutter, die keine Ruhe finden kann. Es ist ein kraftvolles Buch, das durch  seine ernste Geschichte mitreißend und berührend war.

„Ein Brautkleid aus Warschau“ ist das Romandebüt der Schriftstellerin Lot Vekemans. Die unspektakuläre, aber einfühlsame Geschichte dreht sich um das Schicksal der Polin Marlena, deren Leben durch die Beziehungen mit drei Männern maßgeblich beeinflusst wird.
Ein Amerikaner, ein Niederländer und ein Pole hinterlassen nacheinander ihre Spuren in Marlenas Biografie. Lot Vekemans erzählt melancholisch und klug von Liebe, der immer wieder das Leben dazwischen kommt. Das große Glück will sich bei keinem der handelnden Personen so richtig einstellen. Doch alle versuchen weiter, ihren Platz zu finden. „Meine Mutter hat immer gesagt, ein Mensch sei dafür geschaffen, weiterzumachen. Nicht, um sich umzuschauen“, heißt es am Ende.

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Mit diesen drei Büchern fühle ich mich nun bestens vorbereitet auf die Frankfurter Buchmesse und ihren Ehrengast. Habt ihr euch schon in die Literatur aus den Niederlanden und Flandern hineingelesen? Welche Bücher habt ihr neu entdeckt? Ich freue mich schon, einige von euch auf der Messe zu treffen!