Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

„Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ ist wirklich ein langer Titel für einen Roman. Aber was wäre ein passender Titel für das Buch gewesen? Die Journalistin und Autorin Antonia Baum erzählt darin die Kindheitsgeschichte von Protagonistin Romy und ihren Geschwistern, sowie ihrer Hassliebe zu ihrem Vater Theodor. Sie erzählt so umfassend, so kaputt, so schlimm-schön, dass es mir schwer fällt, eine Überschrift zu finden, die nicht zu viel falschen Pathos, Kitsch oder Drama auf die Ereignisse streuselt. Mit dem Titel ihres Debütromans „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“, lässt sich bei der Autorin allerdings eine Vorliebe für schräge Titel erahnen.

Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf...

In „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…“ von Antonia Baum berichtet Romy in Rückblenden von ihren Erinnerungen an den Vater, der Auto fährt wie ein Verrückter, nur ein Auge hat und nie über die verstorbene Mutter seiner Kinder redet. Dafür redet Theodor über die wilden Geschichten, in denen er sich als Junge ganz allein im Leben durchschlagen musste. Romy und ihre Geschwister bewundern den Vater, der sie mit auf seine Geschäftsreisen nimmt, der es mit jedem Gauner der Welt aufnehmen kann und kluge Worte benutzt, die keiner kennt.
Im gleichen Maße hassen sie ihn aber auch dafür, dass er trotz seines Jobs als Arzt so geizig ist, dass sie kein warmes Wasser oder die Heizung benutzen dürfen. Dafür, dass er ihnen keine neuen Sachen kauft und sich nicht so kümmert, wie sich normale Eltern um ihre Kinder kümmern. Aber was ist schon normal? Die Autorin lässt den Leser durch Romys Augen blicken und mit Sprachwitz an der Klarsicht eines Kindes teilhaben, das viel schneller erwachsen werden muss, als seine Altersgenossen. Theodor überlässt seine Kinder meistens sich selbst und wird erst aktiv, wenn mal wieder das Jugendamt wegen Vernachlässigungsmeldungen seitens der Lehrer auf der Matte steht. Kurzzeitig gibt es Freunde ihres Vaters, die bei ihnen wohnen und sich um Schule, Kleidung und „Familienliebe“ kümmern, meistens sind die drei aber auf sich allein gestellt.
Romy und ihr Zwillingsbruder fangen mit 11 Jahren an, ihren älteren Bruder bei Drogengeschäften zu unterstützen und haben endlich Geld, sich selbst frisches Essen zu kaufen und Kleidung, für die sie nicht ausgelacht werden.
Zwischen all den Katastrophen, dem Dreck und Chaos gibt es aber auch immer wieder vertraute Momente. Wenn der Vater nach Hause kommt und sich mit den Kindern in die Decken-Höhle legt, wenn er sie lobt, oder wieder etwas sehr Spektakuläres macht. Es gibt Menschen, denen geht es beschissener als Romy, das weiß sie. Und das letzte was sie will, ist Mitleid.

Antonia Baum beschreibt so gut die verzweifelte Wut, mit denen die Kinder ihre Kämpfe mit dem Vater austragen. Sie flehen ihn an, tricksen, klauen und beziehen nicht selten heftige Prügel von Theodor. Aber egal was sie tun: Mit Drogen dealen, später studieren und wegziehen. Sie können sich nicht von ihrem Vater lösen. Er bestimmt ihr Leben und hat ihre Art, die Welt zu sehen, geprägt. Romy und ihre Geschwister sind fraglos kaputt, haben aber die Schwäche zur Stärke erklärt und lassen sich von anderen Menschen nicht mehr die Butter vom Brot nehmen. Aus der achtjährigen Romy, die so gern ihr pinkes Kleid anzieht, von einer spießbürgerlichen Familie träumt und so viele Fragen über ihre Mutter stellen will, wird in wenigen Jahren eine harte Romy, die sich anzieht wie ein Junge, Schadensbegrenzung betreibt und die Fragen einfach heruntergeschluckt hat.

Ich mochte den Roman. Ich mochte, wie Romy das Wort „speziell“ vor Adjektive setzt, um sie zu betonen. Ich mochte die direkte Erzählweise und die Rotzigkeit. Ich mochte auch, wie die Geschichte ganz wunderlich meine eigene Kindheit berührt hat. Dabei ist „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…“ kein Trauma-Trostbuch. Und auch kein Roman mit moralischem Zeigefinger. Es erzählt von Zusammenhalt zwischen den Geschwistern, die sich zu dritt durch schwere Zeiten helfen. Sie sind ihr eigenes Lebenserhaltungssystem. Und trotz der Gewalt, der Drogen und der Streitigkeiten raufen sie sich immer wieder zusammen. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, ging mir beim Zuklappen des Buchdeckels durch den Kopf. Vielleicht wäre es ja auch ein guter Buchtitel. Zumindest ist er kürzer.

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Kommentare zu: "Rezension: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich" (3)

  1. Das hört sich interessant an, mal etwas anderes. Solche Bücher mag ich. Wurde auf meine Merkliste gesetzt, danke dafür 🙂

    • Oh, ich freue mich, dich darauf gebracht zu haben! Für mich ist es wirklich ein besonderes Buch, mit dem ich viel verbinde.

  2. […] und die große Liebe dreier Kinder zu ihrem verrückten Vater.Mehr über dieses Buch wissen Frau Pixel und […]

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