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Rezension: Ralf Rothmann, Anthony Doerr und der Zweite Weltkrieg

Es gibt Themen, die dürfen nicht ruhen. Der Zweite Weltkrieg ist so ein Thema, das mit jedem sterbenden Zeitzeugen weiter aus unserem Blickfeld gerät. Und sosehr wir uns gesättigt und informiert fühlen, gibt es doch immernoch Schicksale und Stimmen, die wir noch nicht gehört haben. Der deutsche Autor Ralf Rothman und der US-amerikanische Pulitzer-Preisträger Anthony Doerr haben in diesem Jahr sehr schöne Romane über den Zweiten Weltkrieg veröffentlicht, die sich lohnen gelesen zu werden.

„Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann ist im Suhrkamp Verlag erschienen und beruht teilweise auf den Kriegserzählungen von Rothmanns Vater. In dem Buch wird die Geschichte des jungen Melkers Walter und seinem Freund erzählt, die kurz vor Ende des Krieges zwangsrekrutiert werden. Die beiden jungen Männer werden unerwartet aus ihren Zukunftsträumen gerissen, von ihren Freundinnen getrennt und in den sicheren Tod geschickt. Der Klappentext und die sich überschlagenden Ankündigungen in der Presse haben mich allerdings einen typisch deutschen Kriegsroman befürchten lassen: sehr ernst, trocken und langatmig. wpid-wp-1441403542731.jpeg
Stattdessen erzählt Rothmann befreit, schlank und poetisch von den Erlebnissen der Hauptperson Walter. Ausschnitthaft erfährt der Leser von der Angst vor der Front, der Angst vor den grausamen Befehlen der Vorgesetzten und der Angst vor sich selbst. Dazwischen wird Walter als kluger junger Mann beschrieben, mit wachen Augen für die Schönheit der Welt und mit Lust aufs Leben. Ralf Rothman liefert mit „Im Frühling sterben“ einen lesenswerten Roman, der die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wachhält, ohne mit Vollständigkeitsanspruch oder mahnendem Zeigefinger zu ermüden. Durch das großartige Erzähltalent Rothmanns und seine starken Charaktere ermöglicht das Buch einen unmittelbaren Eindruck davon, wie es ist, sich als junger Mensch plötzlich im Krieg wiederzufinden und nicht zu wissen ob man ihn überleben wird, oder wie man danach weitermachen soll.

Anthony Doerr ist mit dem preisgekrönten Bestseller „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ein Roman gelungen, der den Krieg von zwei Seiten beleuchtet. Anhand der Geschichte der blinden Marie-Laure erfährt der Leser vom Leben im besetzten Frankreich und durch den Waisenjungen Werner wird die Perspektive der Deutschen erzählt. Beide Schicksale sind miteinander verbunden und wechseln sich kapitelweise ab. Anthony Doerr zeigt, wie eine Karriere bei der Wehrmacht für Werner die Rettung vor einer Zukunft in den Kohlegruben wird und wie ein blindes Mädchen einen Platz in einer Welt sucht, in deren Wirren selbst Erwachsene verloren sind. Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und bin begeistert von Anthony Doerrs Erzählweise.
Seine Beobachtungsgabe für Zwischenmenschliches und die Beschreibungen vielfältiger Sinneseindrücke und Empfindungen machen „Alles Licht, das wir nicht sehen“ zu einem grandiosen Buch unabhängig vom geschichtsträchtigen Thema. In Verbindung mit den dramatischen Ereignissen in Europa wird Doerrs Roman insgesamt zu einer fesselnden Lektüre. Werners Neugier und Marie-Laures Fantasie machen  die beiden Charaktere zu interessanten Hauptfiguren, denen ich gern durch die Geschichte gefolgt bin.

Egal wie viele Bücher vom Krieg wir gelesen haben und egal wie viel wir glauben, über den Krieg aus ihnen zu wissen: Es lohnt sich immer wieder, sich dem Thema zu nähern. Rothmann und Doerr haben das vielfältige Bild vom Zweiten Weltkrieg in der Literatur um zwei bermerkenswerte Mosaiksteinchen ergänzt. Beide Erzähler haben eine starke Stimme und einen ganz eigenen Anspruch an ihre Perspektive. Anthony Doerr hat für „Alles Licht, das wir nicht sehen“ bereits den Pulitzer Preis gewonnen. Ralf Rothmanns „Im Frühling sterben“ ist zwar preisverdächtig, aber auf Wunsch des Autors nicht im Rennen um den Deutschen Buchpreis. Das verleiht der Betrachtung der diesjährigen Longlist einen herben Beigeschmack: Egal wer den Preis dieses Jahr erhalten wird, wird – so unfair das auch sein mag- dem stummen Vergleich mit dem Kritikerliebling Rothmann standhalten müssen.

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