Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Beiträge mit Schlagwort ‘interview’

BlognTalk: Sachbuchautor Frank Behrendt im Interview

20161025_214146.jpg

Am Stand von Random House auf der Frankfurter Buchmesse war am Freitagnachmittag viel los: Zahlreiche Blogger sind der Einladung zum „BlognTalk“ gefolgt, um sich auszutauschen und auf Autoren zu treffen. Ich war eingeladen, Sachbuchautor Frank Behrendt zu interviewen, der im September sein Buch „Liebe dein Leben und nicht deinen Job“ veröffentlicht hat. Grundlage für den Ratgeber waren 10 Ratschläge für ein glückliches Leben, die er 2015 im Magazin „Clap“ vorgestellt hatte. Darin erklärte der erfolgreiche PR-Manager sein Grundprinzip zum vielbemühten Thema Work-Life-Balance mit einer Botschaft, die ihn in Zeitungen und Zeitschriften wie Bild, Stern und Spiegel gebracht hat. Er empfiehlt: Den Job nicht ernster nehmen als das Privatleben. Klingt ziemlich einfach. Dass seine Ratschläge in der Arbeitswelt so gefeiert werden, legt allerdings nah, dass es für viele Menschen doch nicht ganz so leicht ist, Privatleben und Karriere voneinander abzugrenzen.

20161025_214000.jpg

„Liebe dein Leben und nicht deinen Job“ erschien am 12. September 2016

Frage: Lieben Sie Ihren Job?

Frank Behrendt: Nein, man kann seinen Job nicht lieben.  Menschen, Freunde und Familie kann man lieben, aber nicht seine Arbeit. Ich mache meine Arbeit natürlich gern und der Titel meines Buches ist auch mit Absicht etwas provokant formuliert. Man sollte seinen Job nicht hassen, aber man sollte immer sein Privatleben an erste Stelle setzen. Denn das Leben dauert länger als ein Job. Wo man sich zwischen Geld und Liebe entscheiden muss, leiden Menschen und das gilt es, zu verhindern. Für mich ist die Familie das Allerwichtigste. Wenn ich Feierabend habe, bin ich für sie da. Endlose Überstunden, Abendessen mit Kunden und ständige Erreichbarkeit gibt es bei mir nicht.

Frage: Aber was, wenn der Chef größeres Pensum verlangt? Wenn im Unternehmen viel zu tun ist?

Frank Behrendt: Der Schlüssel ist das Wort ‚Nein‘. Das musste ich erst lernen, aber man muss klare Grenzen ziehen. Wenn mein Kunde auf den letzten Drücker ’schnell‘ einen Auftrag durchbringen will, muss ich ihm auch sagen, wo meine Möglichkeiten liegen. Und als Arbeitnehmer muss man auch dem Chef klare Kante zeigen, wenn er zu viel verlangt.

Frage: Nicht alle Arbeitgeber und Vorgesetzte können ein ‚Nein‘ akzeptieren.

Frank Behrendt: Das ist richtig. Aber da dürfen die Menschen eines nicht vergessen: Die schärfste Waffe eines Arbeitnehmers ist die Kündigung. Bist du unglücklich? Kündige!  Viele haben Angst davor, Entscheidungen zu treffen. Aber die will ich ihnen nehmen.

Frage: Wie bewerten sie dann die Entwicklung zum „Home Office“?

Frank Behrendt: Großartig! Es ist eine Frage der Haltung und der Konsequenz das richtig zu machen. So lange das Pensum am Ende stimmt und man sich feste Zeiten dafür einrichtet, ist das gut. Ich kann so zum Beispiel zum Training meiner Kinder fahren und ihnen beim Tanzen oder Fußballspielen zusehen, während ich arbeite. Herrlich! Für mich ist das ein Modell, das wir in der Zukunft hoffentlich noch viel häufiger erleben.

20161025_214114.jpg

Autor Frank Behrendt im Gespräch: Gut gelaunt und offen für jede Frage

Frage: In ihrem Buch geht es darum, glücklich zu sein und sein Leben zu genießen. Was bedeutet für Sie Glück?

Frank Behrendt: Zeit mit meiner Familie. Ein Ausflug an den See, ein Spieleabend oder einfach nur gemeinsam den Tag verbringen. Dabei muss das Handy ausgeschaltet sein. Denn das machen viele falsch: Wichtig ist es, sich ‚analog‘ miteinander zu beschäftigen. Keine Bildschirme, keine Smartphones.

Frage: Wie sind sie zu den Erkenntnissen gekommen, die Sie in ihrem Buch verarbeitet haben?

Frank Behrendt: Ich bin natürlich nicht als Guru auf die Welt gekommen. Meine erste Ehe ist gescheitert, weil ich zu viel gearbeitet habe. Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ich mit einem Freund auf einer Almwiese gesessen habe und er mich gefragt hat, was mir im Leben wichtig ist und was ich erreichen will. Ich konnte das nicht richtig beantworten. Mittlerweile sage ich mir: Nie wieder! Jetzt sind meine Frau und meine Kinder das wichtigste im Leben und kein Job der Welt wird jemals die Bedeutung für mich haben, die sie haben. Ich bin glücklich und meine Mitarbeiter haben mich noch nie schlecht gelaunt erlebt.

 

Weiterlesen:

Bloggerin Dagmar von daggis-welt.de hat ebenfalls ein interessantes Gespräch mit Frank Behrendt geführt und ihre Eindrücke vom BlognTalk in einem Beitrag geteilt.

Autoreninterview: Ivo Pala über „T4 – Die verlorenen Kinder“

Gerade ist „T4 – Die verlorenen Kinder“ im eBook erschienen. In der Geschichte ermittelt Staatsanwältin Inga Jäger und Kommissar Kai Gebert in einem schrecklichen Mordfall. Ein fehlendes Herz und eine Tatwaffe mit Verbindungen zu anderen Morden führen sie auf die Spur eines gnadenlosen Serienmörders. Aber in dem Buch steckt mehr, als nur ein düsterer Thriller und abgründiger Nervenkitzel – sondern auch ein Thema, das den Autor selbst bewegt.

Frage: Herr Pala, wieso ist T4 – nach Ihren eigenen Angaben – das wichtigste Buch, das Sie jemals geschrieben haben?

Ivo Pala: Obwohl T4 ein Roman ist – also ein fiktionales Werk – beruht das Buch auf wahren Begebenheiten. Auf schrecklichen Begebenheiten aus einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte: Der „Aktion T4“ – daher auch der Titel des Romans. „Aktion T4“ war der Name eines furchtbaren, kaum vorstellbaren Projekts der Nazis – sie wurde auch „Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“ genannt. Dieser Aktion sind deutschlandweit Hunderttausende hilfloser Menschen – darunter Tausende von Kindern – zum Opfer gefallen. Menschen und Kinder, die die Nazis in ihrem völlig kranken Weltbild, aufgrund von körperlichen oder geistigen Behinderungen, für lebensunwert hielten. Mein Buch will dafür sorgen, dass dieses Verbrechen nicht in Vergessenheit gerät … dass all die ermordeten Kinder nicht in Vergessenheit geraten. Das ist und bleibt wichtig – ganz besonders in einer Zeit, in der es – wie wir gerade am Beispiel der Flüchtlingsdiskussion erleben – perverserweise wieder zu einem erschreckenden Trend geworden ist, das Leben von Menschen in „mehr oder weniger wert“ zu unterteilen. Das darf nie wieder geschehen!

Pala_T4_Banner3

Frage: Sie sind selbst im Rheingau – dem Ort der Handlung des Romans – geboren und aufgewachsen. Findet in Ihrer alten Heimat auch heute noch eine Auseinandersetzung statt mit den schrecklichen Ereignissen von damals?

Ivo Pala: Ganz im Gegenteil! Tatsächlich habe ich selbst erst im Alter von Mitte Dreißig davon erfahren, was sich Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts nur wenige Kilometer von meiner Haustür entfernt abgespielt hat. Auch das war ein starker Impuls, darüber zu schreiben. Ich dachte: „Verflucht! Wenn nicht einmal wir hier vor Ort davon wissen, wer hat vielleicht noch alles nie davon gehört?“ Ich fühlte mich verpflichtet, die verlorenen Kinder ins Gedächtnis zurückzurufen.

Frage: Aber statt einen historischen Roman zu schreiben, haben Sie sich für einen Thriller entschieden, der in der Heutzeit spielt. Warum?

Ivo Pala: Aus verschiedenen Gründen: Zum einen wollte ich verdeutlichen, wie dieses Verbrechen sich in der Folge auch auf spätere Generationen ausgewirkt hat – die Hinterbliebenen der Opfer, aber auch die Hinterbliebenen der Täter.
Zum anderen wollte ich darüber hinaus auf etwas hinweisen, das fast ebenso wenig fassbar ist, wie die „Aktion T4“ selbst – nämlich die Tatsache, wie unverschämt glimpflich einige der Verbrecher von damals davongekommen sind.

t4

Ivo Pala und „T4 – Die verlorenen Kinder“. Es ist die Neuauflage des Thrillers „Ihr unschuldiges Herz“, den der Autor unter dem Pseudonym Richard Hagen veröffentlich hat.

Frage: Inwieweit unterscheidet sich T4 von Ihren Thrillern „H2O“ und „Gift“?

Ivo Pala: „H2O“ und „Gift“ sind Terror-Thriller. In der Hauptsache sind sie bei allem Ernst der Themen Unterhaltung. Es sind fiktionale Gedankenexperimente auf Basis aktueller politischer Gegebenheiten. „H2O“ beispielsweise beschreibt ein Szenario, in dem Terroristen sich den desolaten Zustand unserer Atommüll-Entsorgung zunutze machen. „Gift“ beleuchtet das wieder brandaktuell gewordene Spannungsfeld zwischen der NATO und Russland und den Einsatz von Terror als politisches und kriegerisches Mittel. Also in beiden Fällen erzähle ich von der Wirklichkeit ausgehend die möglichen Konsequenzen als Fiktion – eine künftig mögliche Katastrophe.
T4 jedoch geht im Grunde genommen genau anders herum vor: Hier führe ich über einen rein fiktionalen Kriminalfall hin zu einer Wirklichkeit, die stattgefunden hat – also eine reale furchtbare Katastrophe, die sich in unserer Vergangenheit tatsächlich so ereignet hat.
Entsprechend war die intensive Recherche zu T4 noch einmal um einiges erschreckender als schon die zu „H2O“ und „Gift“, und ich war einige Male kurz davor, die Arbeit an dem Manuskript abzubrechen.

Frage: Sie sagen, Sie haben erst Mitte Dreißig von den damaligen Ereignissen erfahren. Wie?

Ivo Pala: Ich bin in Rüdesheim am Rhein in ein altes Häuschen am Ortsrand gezogen – ein altes Holzhaus aus dem Jahr 1929 im Stil der Villa Kunterbunt aus Pippi Langstrumpf … allerdings dunkelbraun angemalt, so dass es eher wie die Villa von Norman Bates aus „Psycho“ wirkte. Die vorherige Eigentümerin war erst kurz zuvor im hohen Alter von Mitte 90 verstorben, und alles war noch in dem Haus, so wie sie es zurückgelassen hatte. Als allererstes fiel mir auf, dass in jedem Raum – wirklich in jedem der insgesamt sieben Zimmer – mindestens zwei Kruzifixe hingen und jede Menge Ölzweige … vor allem an den Türen und auch in den Fluren und im Treppenhaus. Was mich aber am meisten stutzig gemacht hat, war, dass auch in jedem einzelnen Keller Kruzifixe an den Türen und Ölzweige in den Ecken der Räume hingen – sogar auf dem Dachboden.
Ich habe mich gefragt, vor welchen Dämonen und Gespenstern sich die alte Frau wohl so stark gefürchtet haben muss, dass sie ihr Häuschen stärker geweiht hat als jede mittlere Dorfkirche. Zudem waren sowohl die Eingangs- als auch eine zum Garten führende Kellertür zusätzlich zum normalen Schloss mit jeweils drei starken Schieberiegeln aus Eisen gesichert. Wovor hatte sie Angst?
Mein erster Impuls war: „Das wird eine großartige Horror-Story!“ – ich hatte da ja noch keine Ahnung! Also begann ich – wie es ein Schriftsteller gerne mal tut – mit der Recherche zu dem Haus und der früheren Bewohnerin. Zu allererst fand ich heraus, dass ich der Frau selbst schon einmal begegnet war … etwa dreißig Jahre früher: Sie war, als ich klein war, Kinderamtsärztin im Rheingau. Jetzt erinnerte ich mich an sie – und daran, dass ich Angst vor ihr gehabt hatte: sie war groß und ruppig und erschien mir unbarmherzig – ein knallhartes Mannweib. Nun fragte ich mich erst recht, wovor eine derart harte Person im Alter denn so große Angst hatte. Es sollte nicht lange dauern, und ich fand es heraus: Sie war auch unter den Nazis bereits Kinderamtsärztin oder Gemeindeschwester gewesen – was nun genau, da waren die Aussagen der wenigen noch lebenden Zeugen unsicher. Auf jeden Fall aber spielte sie in jener Zeit eine zentrale Rolle bei der Einweisung körperlich oder geistig behinderter Kinder auf den „Eichberg“ – das ist noch heute eine psychiatrische Anstalt, nur ein paar Kilometer entfernt. Hier wurden diese Kinder dann – wie ich in der Folge in Erfahrung gebracht habe – zwangssterilisiert und/oder ermordet.
Jetzt wusste ich, wessen Geister es waren, vor denen die alte Frau so große Angst gehabt hatte, dass sie ihr gesamtes Haus vom Dachboden bis zum Keller mit Kruzifixen, Ölzweigen und Heiligenbildchen gesichert hatte.
Auf der Suche nach einer Gruselgeschichte bin ich also auf realen Horror gestoßen – auf ein Grauen, das jede Fiktion und das menschliche Fassungsvermögen um ein Tausendfaches übersteigt.
Und ich wusste, ich muss etwas tun, damit diese verlorenen Kinder – und die schrecklichen Verbrechen, die an ihnen begangen wurden – in Erinnerung bleiben.
Daraus ist mit T4 schließlich ein Roman entstanden, der ihrer gedenkt … und der sich darüber hinaus auseinandersetzt mit Schuld und Unschuld … Justiz und Selbstjustiz … Rache und Vergeltung.