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Rezension: Immer wieder Neil Gaiman

Immer wenn ich Bücher von englischsprachigen Autoren in der Hand halte, stehe ich vor der gleichen Frage: Will ich die Übersetzung oder das Original lesen? Ein paar Jahre lang habe ich Romane englischer Autoren, die mir auf Deutsch gefallen haben, einfach nochmal auf Englisch gelesen. Das war interessant, wirklich einmal die Qualität von Übersetzungen zu vergleichen, aber wirtschaftlich äußerst strapaziös.
Und dann kam Neil Gaiman. Wenn ich ein Buch von ihm kaufe, bringe ich es nicht übers Herz es auf Deutsch zu lesen. Ich kann zwar die Übersetzungen nicht beurteilen, dafür aber die unmittelbare Qualität seiner Werke in Originalsprache – und bin jedes Mal verzaubert.

Die „Sandman“-Comics von Neil Gaiman waren meine Einstiegsdroge. In der zehnbändigen Comicbuch-Reihe erzählt Gaiman von sieben mächtigen Wesen, die älter sind als die Zeit. Die zentrale Figur ist Morpheus – der Sandmann, der Schlaf, der Herrscher des Traumreiches. Er hat viele Namen, viele Gestalten und ist keines Falls das moralisch erhabene Wesen, für das man so eine gottähnliche Erscheinung halten mag. Bisweilen experimentiert Dream mit dem Schicksal der Menschen, ist rachsüchtig und grausam, ein anderes Mal sucht er das Gleichgewicht, ist gnädig und weise. Gaiman verwebt mythologische Einflüsse mit dramatischen Ereignissen im abgründig schmutzig-kalten Setting der ausgehenden 80er Jahre amerikanischer Großstädte. Der düstere und explizite Zeichenstil der unterschiedlichen Künstler verbindet sich mit Gaimans kompakter und vielseitig inspirierter Erzählweise zu einem Meisterwerk, das sich auf Englisch unbedingt lohnt. Manche Dialekte in der wörtlichen Rede, viele Wortschöpfungen des Autors und Namen lassen sich nur schwer ins Deutsche übertragen. Die Comics sind auch optisch ein Meisterwerk – die Zeichner Dave McKean, Sam Kieth, Mike Dringenberg, Malcolm Jones III, Kelley Jones und weitere,  haben Gaimans Geschichten brillant in Szene gesetzt und vollenden die mystische Stimmung. Für mich sind die „Sandman“ Comics absolute Pflichtlektüre für alle, die Comics lieben. Natürlich in Originalsprache!

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Düster, magisch und abgründig ist auch Gaimans Roman „Der Ozean am Ende der Straße“. Das Buch wurde im Original 2013 veröffentlicht. Hier besucht der Protagonist den Ort, in dem er als Kind aufwuchs. Die schwachen Erinnerungen an seine Kindheit kommen nach und nach zu ihm zurück, als er das abgelegenen Haus außerhalb des Dorfes besucht, in dem seine Spielgefährtin Lettie Hempstock wohnte. Auf dem Hof des Hauses gibt es einen kleinen Teich, der in den Augen Letties immer ein Ozean war und eine große Bedeutung im Roman bekommt. Je weiter sich der Hauptheld in die Vergangenheit begiebt, desto mehr Erinnerungen drängen an die Oberfläche. Dabei steigert Gaiman die kindlich-magischen Erlebnisse zu einem bedrohlichen Abenteuer, das den Leser und die Hauptperson an den Rand seiner Fantasie bringt. Aus einer unschuldigen Kindheitsgeschichte wird eine dramatische Tragödie von dunkler Schönheit, in der es vor allem um Mut, Liebe, Schuld und Verantwortung geht. Dieses Buch würde ich mir am liebsten von Gaiman selbst vorlesen lassen, auf einer Bank an einem tiefen See. „Der Ozean am Ende der Straße“ ist ein kleines Buch, das sich durch seine Sogwirkung schnell liest. Doch wie bei dem kleinen Teich in der Geschichte, entwickelt sich Gaimans Buch zu einem Ozean – voll schöner englischer Wörter.

In den Kurzgeschichten und Erzählungen in „Trigger Warning – Short Ficition and Disturbances“ feuert Neil Gaiman ein wahres Feuerwerk von Sprachwitz, Beobachtungsgabe und Fantasie ab. Bereits das Vorwort bereitet Lesefreude und eröffnet nachfolgend einen wahren Schatz an vielseitiger Prosa. Der eigenwillige Titel des 2015 erschienenen Buchs entstammt einer Diskussion über „Trigger“ Warnungen im akademischen Bereich. Es sind Inhaltswarnungen, die traumatisierte Menschen warnen, dass in einem Text Themen oder Szenen beschrieben werden, die das Trauma wieder wachrufen können. Kritiker dieser „Trigger Warnings“ sprechen von einer Art Zensur, die eine unvoreingenommene Rezeption eines Textes verhindern kann. Neil Gaiman schreibt im Vorwort seines Buches:

„There are things in this book, as in life, that might upset you“

Gaiman „warnt“ dabei vor Grausamkeiten, Schmerz, Missbrauch und anderen schlimmen Dingen. Gleichzeitig stellt er aber auch Happy Ends und schöne Ereignisse in Aussicht – und er hält sein Versprechen: Sein Buch „Trigger Warnings“ enthält eine wunderbare Palette von Erzählungen unterschiedlicher Länge und Intensität.

Diese drei Werke von Neil Gaiman – Comics, Roman und Erzählungen – gehören zu meinen Lieblingsbüchern. Ich kann nur empfehlen, diesen charmanten Briten einmal in Original-Sprache zu lesen. Gaiman erschafft und zerstört mit wenigen Wörtern ganze Welten, während mich die Atmosphäre seiner Geschichten immer wieder fasziniert und fesselt. Und dieses Vergnügen sollte man sich ruhig auf Englisch zutrauen.

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