Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Eines, der wohl derzeit am häufigsten zitierten Grundrechte ist in Artikel 5 unseres Grundgesetzes verankert:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Vor dem Hintergrund der Debatte über Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechte und Satire im Falle Jan Böhmermanns steht auch das Thema Zensur im Raum. Während in der Türkei regierungskritische Journalisten mit Gefängnisstrafen rechnen müssen, regt sich die deutsche Öffentlichkeit bereits über gelöschte Videos in der ZDF Mediathek auf. Die Frage ist: Wo hört Pressefreiheit auf und wo beginnt die Zensur? Der Begriff geht weit über bloße Verbote mit strafrechtlichen Konsequenzen hinaus und bezieht viele Arten von Einschränkungen der schriftlichen und mündlichen Äußerung mit ein.

Das Sachbuch „Die Zensoren – Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat“ des Harvard-Professors Robert Darnton erschien Anfang März 2016 im Siedler Verlag und wirft einen historischen Blick auf das Thema Zensur. Anhand eines Rückblicks ins vorrevolutionäre Frankreich, in die Vorgänge in Britisch-Indien, bishin ins System der DDR versucht Darnton, die unterschiedlichen Definitionen etwas einzugrenzen. Denn:

„… wenn man Zensur überall wittert, läuft man Gefahr, dass man sie schließlich nirgends mehr ausmachen kann. [..] Zensur mit jeder Art Zwang gleichzusetzen, heißt, sie zu trivialisieren.“ (S. 12)

Die drei historischen Zeiträume, die Darnton für seine Betrachtung ausgewählt hat, zeigen einerseits, wie unterschiedlich die Unterdrückung von Meinungsäußerungen oder Informationsflüssen erfolgte. Andererseits wird klar, dass die Systeme, in denen Zensur stattfindet, oft weitaus komplexer sind, als man den beteiligten religiösen oder politischen Autoritäten zugetraut hätte.

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Robert Darnton: „Die Zensoren“
Siedler Verlag

Im bourbonischen Frankreich des 18. Jahrhunderts wurde von Druckprivilegien und Leseempfehlungen Gebrauch gemacht und die Sicherung der „Qualität“ als Zensurvorwand genutzt. Die Zensoren waren oft selbst Gelehrte, die die Gutachten für ihre Kollegen anfertigten und sie inhaltlich und stilistisch bei heiklen Themen berieten. Kirche und König waren solche delikaten Tabuthemen. Hier sieht Darnton durchaus positive, fördernde Aspekte – neben den Beschlagnahmungen ungenehmigter Schriften, sowie Gefängnisstrafen für die Beteiligten.
Dagegen wurde in der DDR der Literaturbetrieb zentral geplant und nach Parteivorgaben durch einen staatlichen Verwaltungsapparat kontrolliert. Hier haben die Lektoren mit den Autoren gemeinsam systemkonforme Manuskripte ausgearbeitet, die noch mit Hilfe detaillierter Gutachten für die Veröffentlichung genehmigt werden mussten. Während  manche DDR-Autoren ohne Genehmigung ihre unzensierten Manuskripte bei Verlagen in der BDR an die Öffentlichkeit bringen konnten, bestand immer die Gefahr von Berufsverbot und Gefängnisstrafen. Löste ein genehmigtes Buch allerdings im Nachhinein einen Skandal aus, wurden neben dem Urheber auch Gutachter und Lektoren hart bestraft.

Anhand einiger sehr konkreter Beispiele zeichnet Robert Darnton die juristischen Mühlen der Autoren in ihrer Zeit nach. Manchmal ermüdend kleinschrittig, aber in der Schlussfolgerung hochspannend, rekonstruiert Darnton die historischen Ausprägungen der Zensur. Neben den institutionellen Verhinderungs- und Kontrollmaßnahmen kommt Darnton in seinem Sachbuch auch auf sehr aktuelle Arten der Zensur zu sprechen: Die Zensur des Marktes, sowie die Selbstzensur als „Schere im Kopf“ werden ebenfalls anhand von Beispielen erläutert.

„Aber die Androhung von Gefängnishaft wirkt anders, als die Kräfte des Marktes es tun. Hinter deren Verhängung steht das Machtmonopol eines Staates, während ein Autor, dessen Manuskript von einem Verlag abgelehnt wird, noch auf einen anderen ausweichen kann. Wenn er ganz scheitert, mag er die Macht des kapitalistischen Literaturmarktes als Unterdrückung empfinden, hatte aber immerhin Alternativen“ (S. 280)

Auch wenn die von dem US-Amerikaner Robert Darnton ausgwählten Zeiträume und Schauplätze einen durchaus interessanten Überblick über den umstrittenen Zensurbegriff geben und bei 298 Seiten Inhalt kaum ein erschöpfender Rundumschlag gelingen kann, haben mir manche Aspekte gefehlt. Die Zensur in der NS-Zeit, oder Beispiele aus muslimisch gesprägten Ländern wären ebenfalls interessante Themengebiete, aus denen sich Erkenntnisse für die aktuelle Debatte ableiten ließen. Insgesamt kann ich aber „Die Zensoren“ aus dem Siedler Verlag als gelungenes Sachbuch empfehlen, das nicht nur informativ war, sondern auch für Laien auf dem Gebiet der Literaturgeschichte hervorragend zu lesen sein sollte.
Darntons Ausführungen sind somit eine verständliche theoretische Grundlage zur aktuellen Debatte über Satire, Beleidigung und Meinungsfreiheit. Die historische Moral lautet:

„Die Freiheit der Rede muss sich an widrige Zwänge anpassen, sich mitunter einen Weg durch eine raue Wirklichkeit bahnen und nach Möglichkeiten suchen, gegen deren Härten Protest zu erheben“ (S. 288)“

 

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