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Rezension: „Durch Mauern gehen“ von Marina Abramović

Mauern sind die unerbittlichste Form von Grenzen. Sie trennen Menschen voneinander und schließen alles Fremde aus. Sie fordern uns heraus. Aber sie können auch überwunden werden.

Wer dafür eine Dosis Mut und Zuversicht braucht, dem empfehle ich die Lebenserzählungen von inspirierenden Frauen. Ich habe hier für euch drei aktuelle Biografien von Frauen, die Vorbilder für mich geworden sind. Eine Künstlerin, eine Schauspielerin und eine Musikerin beschreiben darin ihre Erfahrungen.

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„Durch Mauern gehen“ lautet der Titel der Autobiografie der weltberühmten Perfomance Künstlerin Marina Abramović. Das 475 Seiten starke Werk ist im November 2016 auf dem deutschen Buchmarkt erschienen und enthält neben den Lebenserzählungen auch zahlreiche Fotos. Marina Abramović erzählt fließend und klar von ihren Erinnerungen in einem unaufhaltsamen Strom. Beim Lesen kommt man ihr ganz nah, hört ihre Stimme und durchlebt mit ihr alle prägenden Erfahrungen, die sie zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Von ihrer Kindheit im kommunistischen Jugoslawien schreibt sie: „Es mangelte an allem, alles war grau.“ Und Jahre später bereist sie als Nomadin mit ihrem Lebensgefährten Ulay für ihre gemeinsamen Kunstprojekte die Welt.

Natürlich war sie nicht von Anfang an die mutige Künstlerin, die sich nackt zeigt und vor Publikum in gefährlichen Performances an ihre Grenzen geht.

„Tiefe Scham, extreme Selbstzweifel. Als junges Mädchen war es mir fast unmöglich, mit Menschen zu sprechen. Heute kann ich […] vor Menschen treten, ihnen in die Augen sehen und vollkommen frei reden.
Was war passiert?
Kunst ist passiert.“

Ablehnung und Entrüstung spornten sie an. Sie löst sich nicht nur in einem langen Prozess von ihrer strengen und prüden Mutter, sondern auch nach und nach von gesellschaftlichen Konventionen. In ihrer Autobiografie erklärt sie die Motivation hinter ihren viel diskutierten Aktionen. Und sie offenbart ihre Verwandlung. Während ihre Perfomances lange Zeit von Schmerz, Blut und Gefahr geprägt sind, sind ihre späteren Projekte leise und konzentriert. Akribische Vorbereitung, kompromisslose Ausführung sind ihr Markenzeichen. Selbstzerstörung wird Kunst.

„Wenn man erst einmal in das mental körperliche Konzept eingesteigen ist, wie man es geplant hat, stehen die Regeln fest, und das war’s – man selbst ist der Letzte, der daran etwas ändern darf“

Beeindruckend, ihre Aktion „The Artist Is Present“ im Jahr 2010, bei der sie acht Stunden am Tag, ohne zu sprechen fremden Menschen in die Augen sieht. Ihr Theaterstück „Life and Death of Marina Abramovic“,  das in Zusammenarbeit mit Bob Wilson entstanden ist, gehört zu den beeindruckendsten Aufführungen, die ich je gesehen habe.

 

 

Sich über Grenzen hinweg setzen. Selbstaufopferung für das Ziel. Dafür ist auch Amanda Palmer bekannt. In ihrem Buch „The Art of Asking“ offenbart die US-amerikanische Musikerin sich selbst. Sie erklärt, wie sie gelernt hat, um Hilfe zu bitten und sie anzunehmen. Mit Einblick in intime Momente und ihre Lebensgeschichte zeigt sie aber auch wie sie zu einer einflussreichen Künstlerin mit der erfolgreichsten Musik-Crowdfunding-Kampagne aller Zeiten wurde. Für mich ist sie seit den Tagen als „The Dresden Dolls“ Frontfrau eine Ikone. Mein Vorbild. Jeder ihrer Auftritte ist ein Happening, bei dem sie ihren Fans so viel Energie zurückgibt, wie sie kann.

 

 

Ihr Buch liest sich wie eine Liebeserklärung an das Leben, an die Liebe und an die Menschen. „The Art of Asking“ strahlt vor Herzenswärme und macht Mut, die Dinge anzupacken. Wer sein Ziel vor Augen hat, kann es erreichen. Man muss sich nur trauen, um Hilfe zu bitten und hart arbeiten. Wer sich seinen Mitmenschen öffnet und Liebe zeigt, geht manchmal ein Risiko ein. Aber es lohnt sich.

Ganz anders liest sich „The Princess Diarist“ von Carrie Fisher. In der Kombination aus Tagebuch und Lebenserzählung erinnert sich die verstorbene Schauspielerin daran, wie die Rolle der Prinzessin Leia aus den „Star Wars“-Filmen sie verändert hat. Vor allem die lang verheimlichte Affäre mit Harrison Ford ist hier das zentrale Thema. Die Beziehung zum verheirateten Co-Star hat ihr nachträglich viel Kritik eingebracht. Und sicherlich: Sie ist eine Frau die Fehler gemacht hat.

 

 

Inspirierend ist sie für mich deshalb, weil ihr egal sein konnte, was andere denken. Sie ist zu einer unsterblichen Figur der Filmgeschichte geworden. Sie hat sich aber auch getraut, die Branche zu kritisieren. Sie war unbequem und hat die Traumfabrik ein Stück weit entzaubert, menschlich gemacht. Sie ist an ihre Grenzen gegangen. Aber sie hat ihr Leben gelebt. Ihr letztes Buch ist nicht mehr als ein Fragment. Aber ihr Scheitern macht Mut: Es ist nicht schlimm, schlechte Entscheidungen zu treffen, wenn man ab und zu etwas richtig macht.

 

#FBM16 – Dit is wat we delen: Starke Autorinnen und lesenswerte Bücher

Die Frankfurter Buchmesse ist mit der Auswahl ihres Ehrengastes immer eine tolle Gelegenheit, aktuelle Literatur von fremden Buchmärkten zu erkunden und dabei Geschichten anderer Kulturen zu entdecken. 2016 teilen sich Flandern und Niederlande die Ehre als Gastland der Frankfurter Buchmesse. Deren Motto lautet treffend „Dit is wat we delen“ (dt. = Das ist was wir teilen), denn Flandern im nördlichen Belgien teilt sich mit seinem Nachbarn die niederländische Sprache. Mit Deutschland und dem Rest von Europa teilen sie aber auch die Spuren der historischen Ereignisse, die gemeinsam verarbeitet werden. Die diesjährigen Neuerscheinungen und Neuauflagen spiegeln die Themenvielfalt, die die Ehrengäste Niederlande und Flandern mitbringen, wider.

Welche Neuentdeckungen können Leser in der großen Auswahl an Novitäten machen? Bei LovelyBooks  habe ich eine Liste anlegen dürfen, in der es zahlreiche Vorschläge gibt, über die ihr abstimmen könnt. Niederländische Autoren wie Harry Mulisch, Maarten ’t Hart und Cees Nooteboom gehören zur Weltliteratur und dürfen in keiner Aufzählung fehlen. Für die Buchmesse habe ich mir drei Neuerscheinungen ganz genau angeschaut und festgestellt: Es gibt neben diesen ehrwürdigen Herren auch großartige Literatur von ihren weiblichen Kollegen.

„Wäre mein Klavier doch ein Pferd“ ist bei editionfünf erschienen und enthält 15 Erzählungen aus den Niederlanden. Das Buch wurde ausschließlich mit Texten von Autorinnen zusammengestellt und ist ein literarischer Querschnitt, der unterschiedliche Themen und Zeiten darstellt. Die älteste Geschichte stammt aus dem Jahr 1956, die jüngste Geschichte wurde 2013 veröffentlicht. wp-1475748556378.jpg
Im hinteren Teil des Buches wurden kurze Biografien der Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen eingefügt, sodass der Leser die Erzählungen bei Bedarf besser einordnen und den Hintergrund der Handlung nachvollziehen kann. Denn neben Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg oder die Zeit danach, werden von anderen Autorinnen die Erfahrungen von Einwanderern aus den niederländischen Kolonien verarbeitet. Und auf einmal ist es passiert: Aus den kleinen Niederlanden wird vor den Augen des Lesers eine Verbindung von Schicksalen von Menschen aus der ganzen Welt. In diesem grünen Buch verstecken sich kraftvolle Momentaufnahmen von talentierten Autorinnen, die sich lohnen, gelesen zu werden!

„Boy“ von Wytske Versteeg  ist als deutsche Erstausgabe im Wagenbach Verlag in einer Taschenbuchreihe mit niederländischen Autoren erschienen. Der Roman erzählt von einer Mutter, deren adoptierter Sohn namens Boy gestorben ist. Die Ermittlungen der Polizei werden nach Hinweisen auf Selbstmord rasch eingestellt, doch seine Mutter kann sich damit nicht abfinden. Warum musste er sterben? Wer trägt die Schuld an der Tragödie? Sie stellt ihre Fragen Boys Mitschülern, seinen Lehrern und vor allem – sich selbst. wp-1475748562716.jpg
Sie konnte ihren Sohn mit afrikanischen Wurzeln nicht davor bewahren, von anderen ausgegrenzt zu werden und nicht helfen, sich selbst zu akzeptieren. In Rückblenden wird das komplizierte Verhältnis der unsicheren Mutter zu ihrem fremden Sohn rekonstruiert, während sie sich auf die Suche zu der einzigen Person macht, die ihre Fragen beantworten kann.
„Boy“ ist eine Geschichte von Trauer, Selbsthass, Schuld und Verantwortung. Wytske Versteeg erzählt ohne viel direkte Rede, als aufmerksame Beobachterin. Der Roman liest sich wie das düstere Tagebuch der wütenden Mutter, die keine Ruhe finden kann. Es ist ein kraftvolles Buch, das durch  seine ernste Geschichte mitreißend und berührend war.

„Ein Brautkleid aus Warschau“ ist das Romandebüt der Schriftstellerin Lot Vekemans. Die unspektakuläre, aber einfühlsame Geschichte dreht sich um das Schicksal der Polin Marlena, deren Leben durch die Beziehungen mit drei Männern maßgeblich beeinflusst wird.
Ein Amerikaner, ein Niederländer und ein Pole hinterlassen nacheinander ihre Spuren in Marlenas Biografie. Lot Vekemans erzählt melancholisch und klug von Liebe, der immer wieder das Leben dazwischen kommt. Das große Glück will sich bei keinem der handelnden Personen so richtig einstellen. Doch alle versuchen weiter, ihren Platz zu finden. „Meine Mutter hat immer gesagt, ein Mensch sei dafür geschaffen, weiterzumachen. Nicht, um sich umzuschauen“, heißt es am Ende.

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Mit diesen drei Büchern fühle ich mich nun bestens vorbereitet auf die Frankfurter Buchmesse und ihren Ehrengast. Habt ihr euch schon in die Literatur aus den Niederlanden und Flandern hineingelesen? Welche Bücher habt ihr neu entdeckt? Ich freue mich schon, einige von euch auf der Messe zu treffen!

Rezension: Herr Stanišić und Herr Biller

Manche Autoren schaffen es, in kurzen Geschichten so viel Leben hineinzuschreiben, wie manch andere Kollegen es kaum in einem Roman schaffen. Dabei öffnet sich für ihre Leser kurz ein Fenster in andere Schicksale und Gedankenwelten, die genauso fesseln können, wie lange Romane mit ausgefeiltem Spannungsbogen.

Obwohl Erzählungen sonst eher ein Nischendasein auf dem deutschen Buchmarkt fristen, ist 2016 ein Buch und sein Autor in aller Munde: „Fallensteller“ von Saša Stanišić erschien im Mai im Verlag Luchterhand und wurde kurz vor seiner Veröffentlichung im ZDF durch „Das Literarische Quartett“ sogar von Maxim Biller hoch gelobt:

„Er hat ja so viele verschiedene Figuren, so viele verschiedene Settings, so viele verschiedene Hintergründe […] Er beherrscht so viele Gegenden, so viele Sprachen, so viele Töne – fast wie ein erzählerisches Chamäleon. […] Und er kommt mir ein bisschen so vor […], wie ein Autor der als Nichtdeutscher nach Deutschland kommt, als Emigrant – das kenne ich von mir selbst – der sich vortastet zu einem eigenen Ton.“

So ein Lob von Biller, in dem er sich selbst mit dem jungen Autor wohlwollend vergleicht, hat mich auf die Idee gebracht, die Erzählbände der beiden Herren zu lesen. „Bernsteintage“ von Maxim Biller und „Fallensteller“ von Saša Stanišić haben mir sehr berührende, nachdenkliche und amüsante Lesestunden beschert – und einen interessanten Vergleich.

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 Saša Stanišić feuert in seinem Erzählband „Fallensteller“ ein Ideen-Feuerwerk ab. Hier treffen liebenswürdige Charaktere mit den unterschiedlichsten Schicksalen und Motivationen auf einen unbändigen Sprachwitz eines jungen Autors, der sich alles traut. Stanišić spielt mit Worten und findet in den Unschärfen der Sprache seine eigene Leichtigkeit. Diese fast kindliche Freude beim Erforschen täglicher Floskeln macht jede Erzählung zu einem Schatz. Dabei zeigt er seine Protagonisten von sehr intimen Seiten. Hoffnungen, Erwartungen und Geheimnisse werden mit dem Leser geteilt, wie mit guten Freunden. Wir werden zu Mitwissern der absichtlichen und versehentlichen Irreführungen, Notlügen, kleinen Betrügereien und krummen Tricks, die das Leben der durchschnittlichen Helden interessant machen.

Der Erzählband „Bernsteintage“ von Maxim Biller erschien im Jahr 2004. Auch hier transportieren die Geschichten etwas Unschuldiges und Kindliches. Hier verbinden sich aber die geschilderten Kindheitserinnerungen und Rückblenden in ferne schöne Tage mit einer eigentümlichen Melancholie. Schilderungen aus Gegenwart und Vergangenheit gibt der Erzähler eine neue Reihenfolge, wodurch bei jeder Biografie Pointen und besondere Wendepunkte herausgearbeitet werden. Das übergeordnete Thema der Erzählungen ist die Suche nach der Identität und oft sind die Hauptpersonen Kinder jüdischer Eltern, die als Erwachsene ratlos ihren kulturellen Wurzeln gegenüberstehen und ihren Platz in der deutschen Gesellschaft selbst nicht so recht gefunden zu haben scheinen. Sie fühlen sich anders, doch sind sie nur lose mit den Traditionen ihrer Familie verbunden.

Kein Wunder, dass Biller mit Stanišić eine Gemeinsamkeit entdeckt haben will. Auch im „Fallensteller“ finden sich Spuren des Kulturwechsels des Autors. Denn Stanišić  wurde in Bosnien-Herzegowina geboren und kam als Teenager nach Deutschland. Deshalb ist es wohl kaum ein Zufall, dass in jeder Erzählung osteuropäische Sprachen und Herkunftsländer auftauchen. Doch während Billers Erzählungen sich eng im Rahmen der deutschen Juden bewegen, öffnet Stanišić  den Blick für eine moderne Verflechtung der Kulturen. „Fallensteller“ ist nicht nur ein Beispiel lebendiger deutscher Literatur, sondern ein durch und durch europäisches Buch. Dabei wechselt Stanišić  spielerisch zwischen den Identitäten und hat das vollmundige Lob in Presse, Rundfunk und Fernsehen durchaus verdient, wie ich finde!

Wer mehr über den „Fallensteller“ wissen will: Eine weitere lesenswerte Rezension findet sich bei Nordbreze.

Rezension: „Die Zensoren“ von Robert Darnton

Eines, der wohl derzeit am häufigsten zitierten Grundrechte ist in Artikel 5 unseres Grundgesetzes verankert:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Vor dem Hintergrund der Debatte über Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechte und Satire im Falle Jan Böhmermanns steht auch das Thema Zensur im Raum. Während in der Türkei regierungskritische Journalisten mit Gefängnisstrafen rechnen müssen, regt sich die deutsche Öffentlichkeit bereits über gelöschte Videos in der ZDF Mediathek auf. Die Frage ist: Wo hört Pressefreiheit auf und wo beginnt die Zensur? Der Begriff geht weit über bloße Verbote mit strafrechtlichen Konsequenzen hinaus und bezieht viele Arten von Einschränkungen der schriftlichen und mündlichen Äußerung mit ein.

Das Sachbuch „Die Zensoren – Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat“ des Harvard-Professors Robert Darnton erschien Anfang März 2016 im Siedler Verlag und wirft einen historischen Blick auf das Thema Zensur. Anhand eines Rückblicks ins vorrevolutionäre Frankreich, in die Vorgänge in Britisch-Indien, bishin ins System der DDR versucht Darnton, die unterschiedlichen Definitionen etwas einzugrenzen. Denn:

„… wenn man Zensur überall wittert, läuft man Gefahr, dass man sie schließlich nirgends mehr ausmachen kann. [..] Zensur mit jeder Art Zwang gleichzusetzen, heißt, sie zu trivialisieren.“ (S. 12)

Die drei historischen Zeiträume, die Darnton für seine Betrachtung ausgewählt hat, zeigen einerseits, wie unterschiedlich die Unterdrückung von Meinungsäußerungen oder Informationsflüssen erfolgte. Andererseits wird klar, dass die Systeme, in denen Zensur stattfindet, oft weitaus komplexer sind, als man den beteiligten religiösen oder politischen Autoritäten zugetraut hätte.

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Robert Darnton: „Die Zensoren“
Siedler Verlag

Im bourbonischen Frankreich des 18. Jahrhunderts wurde von Druckprivilegien und Leseempfehlungen Gebrauch gemacht und die Sicherung der „Qualität“ als Zensurvorwand genutzt. Die Zensoren waren oft selbst Gelehrte, die die Gutachten für ihre Kollegen anfertigten und sie inhaltlich und stilistisch bei heiklen Themen berieten. Kirche und König waren solche delikaten Tabuthemen. Hier sieht Darnton durchaus positive, fördernde Aspekte – neben den Beschlagnahmungen ungenehmigter Schriften, sowie Gefängnisstrafen für die Beteiligten.
Dagegen wurde in der DDR der Literaturbetrieb zentral geplant und nach Parteivorgaben durch einen staatlichen Verwaltungsapparat kontrolliert. Hier haben die Lektoren mit den Autoren gemeinsam systemkonforme Manuskripte ausgearbeitet, die noch mit Hilfe detaillierter Gutachten für die Veröffentlichung genehmigt werden mussten. Während  manche DDR-Autoren ohne Genehmigung ihre unzensierten Manuskripte bei Verlagen in der BDR an die Öffentlichkeit bringen konnten, bestand immer die Gefahr von Berufsverbot und Gefängnisstrafen. Löste ein genehmigtes Buch allerdings im Nachhinein einen Skandal aus, wurden neben dem Urheber auch Gutachter und Lektoren hart bestraft.

Anhand einiger sehr konkreter Beispiele zeichnet Robert Darnton die juristischen Mühlen der Autoren in ihrer Zeit nach. Manchmal ermüdend kleinschrittig, aber in der Schlussfolgerung hochspannend, rekonstruiert Darnton die historischen Ausprägungen der Zensur. Neben den institutionellen Verhinderungs- und Kontrollmaßnahmen kommt Darnton in seinem Sachbuch auch auf sehr aktuelle Arten der Zensur zu sprechen: Die Zensur des Marktes, sowie die Selbstzensur als „Schere im Kopf“ werden ebenfalls anhand von Beispielen erläutert.

„Aber die Androhung von Gefängnishaft wirkt anders, als die Kräfte des Marktes es tun. Hinter deren Verhängung steht das Machtmonopol eines Staates, während ein Autor, dessen Manuskript von einem Verlag abgelehnt wird, noch auf einen anderen ausweichen kann. Wenn er ganz scheitert, mag er die Macht des kapitalistischen Literaturmarktes als Unterdrückung empfinden, hatte aber immerhin Alternativen“ (S. 280)

Auch wenn die von dem US-Amerikaner Robert Darnton ausgwählten Zeiträume und Schauplätze einen durchaus interessanten Überblick über den umstrittenen Zensurbegriff geben und bei 298 Seiten Inhalt kaum ein erschöpfender Rundumschlag gelingen kann, haben mir manche Aspekte gefehlt. Die Zensur in der NS-Zeit, oder Beispiele aus muslimisch gesprägten Ländern wären ebenfalls interessante Themengebiete, aus denen sich Erkenntnisse für die aktuelle Debatte ableiten ließen. Insgesamt kann ich aber „Die Zensoren“ aus dem Siedler Verlag als gelungenes Sachbuch empfehlen, das nicht nur informativ war, sondern auch für Laien auf dem Gebiet der Literaturgeschichte hervorragend zu lesen sein sollte.
Darntons Ausführungen sind somit eine verständliche theoretische Grundlage zur aktuellen Debatte über Satire, Beleidigung und Meinungsfreiheit. Die historische Moral lautet:

„Die Freiheit der Rede muss sich an widrige Zwänge anpassen, sich mitunter einen Weg durch eine raue Wirklichkeit bahnen und nach Möglichkeiten suchen, gegen deren Härten Protest zu erheben“ (S. 288)“

 

Rezension: Juli Zeh, Dörte Hansen und der Traum vom Dorf

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lebt in Städten. Was auf dem Land übrig bleibt, ist Überalterung, Leerstand und geschwächte Infrastrukturen. Für mich ist das nicht nur Theorie, sondern in meiner Heimat eine beobachtbare Tatsache. Ich komme aus einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, die umringt ist von sterbenden Dörfern. Viele, die wie ich fortgehen, wissen, dass sie wahrscheinlich nicht mehr zurück kommen werden und können. Aber was bleibt vom Landleben, wenn wir gehen? Und wie geht es den Menschen auf dem Dorf?
Zwei aktuelle Romane erzählen vom Dorfleben zwischen den zurückbleibenden Alten und den Aussteigern aus der Stadt. Dörte Hansen widmet sich in ihrem Debütroman „Altes Land“ einer Familie in der Nähe von Hamburg und berichtet von Altlasten, Sorgen und Hoffnungen. Der Roman war 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert und hielt sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Die erfolgreiche Autorin und Kritikerin Juli Zeh veröffentlichte nun im März 2016 ihren Gesellschaftsroman „Unterleuten“ über die menschlichen Abgründe eines Dorfs in Brandenburg. Beide Bücher entstauben das Bild von der Idylle auf dem Dorf und entlarven den Traum von der Rückkehr zur Ursprünglichkeit als Illusion. Sie zeigen, wie sich Zukunft und Vergangenheit zu sensiblen Sollbruchstellen verknüpfen und wie die Umgebung die Bewohner prägt. Dennoch haben beide Autorinnen und beide Romane – natürlich – einen ganz eigenen Blickwinkel auf das Thema und sind neben ihren hervorragenden Geschichten menschlicher Schicksale auch eine Momentaufnahme des deutschen Landlebens in der Gegenwart.

Unterleuten von Juli Zeh

Juli Zeh „Unterleuten“ Luchterhand Verlag

Juli Zeh führt den Leser in ihrem neuen Roman ins brandenburgische Dorf Unterleuten, nach dem das umfangreiche Buch benannt ist. Ein geplanter Windpark versetzt hier die Einwohner in Aufregung und lässt alte Konflikte in der Dorfgemeinschaft wieder aufleben. Für die einen lockt dabei der große Profit, für die anderen sorgen die Pläne für Ängste vor der Zerstörung der gewohnten Landschaft. Wie damals, nach dem Untergang der DDR und der bevorstehenden Auflösung der LPG, wird die Dorfgemeinschaft von Unterleuten in verfeindete Lager gespalten. Vor diesem Hintergrund werden Fehden unter Nachbarn zu Intrigen, Unfälle zu Anschlägen und Gerüchte zur Wahrheiten. Vogelschützer, besorgte Mutter, Berliner Aussteiger, Dorfältester, Bürgermeister und Rückkehrer: Juli Zeh gibt jedem Bewohner von Unterleuten eine Stimme und lässt sie die Ereignisse erzählen.Juli Zehs neuer Roman „Unterleuten“ ist jedoch alles andere als eine trockene Chronik, sondern äußerst lebendig. Die Autorin zeigt Menschenkenntnis und einen realistischen Blick auf die Befindlichkeiten der ehemaligen DDR Bürger. Die 600 Seiten haben sich überraschend kurzweilig gelesen und ergeben einen empfehlenswerten Roman über die ungeahnte Dynamik einer Dorfgemeinschaft.

Altes Land von Doerte Hansen

Dörte Hansen
„Altes Land“
Knaus Verlag

Dörte Hansen erzählt in ihrem Roman „Altes Land“ von einer Frau, die als alleinerziehende Mutter dort Hilfe sucht, wo bereits ihre Oma als Flüchtling eine Bleibe fand. Auf dem verwahrlosten Obsthof im Alten Land bei Hamburg steht Anne und ihr kleiner Sohn vor der Tür der Tante Vera. Sie ist vor der Affäre ihres Mannes und den stummen Vorwürfen der übereifrigen Hamburger Mütter geflohen. Nun kommt sie bei einer Frau unter, die nach dem Krieg mit ihrer Mutter aus Ostpreußen geflohen ist. Dörte Hansen verbindet souverän die Geschichte des Dorfes im Alten Land mit den Schicksalen der Menschen an diesem Ort. Sie erzählt von Veras Trauma, vom Konflikt zwischen den Generationen, von der Last der Schuld, aber auch von Hoffnung auf ein besseres Morgen. Humorvoll und sensibel lässt Dörte Hansen Erwartung und Realität aufeinandertreffen und erzählt eine berührende Geschichte starker Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Am Ende müssen die Aussteiger einsehen, dass das Landleben härter ist, als die Lifestyle-Magazine es ihnen versprechen und die verbohrten Alteingesessenen müssen die Veränderungen im Dorf azeptieren.

Nach der Lektüre der Romane von Dörte Hansen und Juli Zeh komme ich zum Fazit: Die geschilderten Konflikte zwischen den Menschen beziehen sich nicht nur auf das Dorfleben, sondern erklären auch, waum wir in der Stadt nicht zufrieden sind. Auf ihren Beobachterpositionen lassen die beiden deutschen Autorinnen unsere Traumblase vom mühelosen harmonischen Zusammenleben platzen und lenken den Blick auf eine Lebensform, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint und von der wir trotzdem sehr viel über die Gegenwart lernen können.

Rezension: „Radchaai Imperium“ von Ann Leckie

Die neue Science-Fiction Reihe der US-amerikanischen Autorin Ann Leckie ruft bei deutschen Lesern eher verhaltene Reaktionen hervor. Der Übersetzer Bernhard Kempen hat die Idee der Autorin von einer Sprache ohne Markierung des Geschlechts ins Deutsche übertragen und die Space Opera konsequent im generischen Femininum erzählt. Gerade dieser Aspekt scheint für die überwiegend männlichen Sci-Fi Leser ein Störfaktor zu sein. Für mich ist dieser sprachliche Kunstgriff zwar ein kreativer Clou, steht aber nicht im Vordergrund der spannenden Geschichte im Weltraum. Inzwischen stelle ich mir die Frage: Gefällt mir die Sci-Fi von Ann Leckie, weil ich ein Mädchen bin?

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Die Reihe startete 2015 in Deutschland mit Band eins „Die Maschinen“ – ein Jahr nachdem Ann Leckie mit dem englischen Original unter dem Titel „Ancillary Justice“ die renommiertesten Preise des Science-Fiction Genre abgeräumt hatte. Im Februar 2016 erschien kürzlich Band zwei „Die Mission“ und setzt die Space Opera auf dem deutschen Buchmarkt fort. Vor lauter Neugier konnte ich es natürlich nicht abwarten und habe Band zwei und Band drei auf Englisch gelesen. Fazit: Ich bin Fan. Eine Recherche zu Reaktionen und Rezensionen anderer Leser war dagegen etwas ernüchternd, denn der preisgekrönte Buchimport scheint die zurückhaltende Sci-Fi Gemeinde zu spalten. Während einige Blogger den ersten Band durchaus loben, sprechen andere von Langeweile und „Genderwahn im All“. In der Rezension auf diezukunft.de ist trotz des Lobes ebenfalls von einer sperrigen „Gender-Geschichte“ die Rede.

Das Radchaai Imperium

Die Bücher

Die Kurzfassung ohne Spoiler lautet: Der Ort der Handlung ist das galaktische Imperium der Radchaai unter der Führung des Herrschers Anander Minaai. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Protagonistin Breq, die sich als letztes menschliches Segment einer künstlichen Intelligenz eines Raumschiffes namens Gerechtigkeit der Torren durchschlägt und ihre Freunde vor dem heraufziehenden Bürgerkrieg beschützen will.
Insgesamt ist der Inhalt des Buches nicht so leicht zusammenzufassen. Denn die Buchreihe von Ann Leckie ist stark Dialog-basiert und glänzt vor allem mit spannenden politischen und moralischen Verwicklungen der Hauptperson Breq. Dabei werden viele Themen zur Diskussion gestellt.

Künstliche Intelligenz
Als Informatikerin fand ich Ann Leckies Ideen bezüglich künstlicher Intelligenz unglaublich spannend. Denn in „Die Maschinen“ wird erklärt, dass Raumschiffe wie Gerechtigkeit der Torren durchaus auf Emotionen basieren, da komplexe Entscheidungen eine viel zu umfangreiche Berechnungszeit erfordern würden. Dabei schildert die Autorin eindrucksvoll die Gedankenwelt von Breq als Raumschiff, das seine Empfindungen und Informationen durch Implantate mit zahllosen menschlichen Körpern teilt. Da Breq als einzelnes Segment das Wesen des gesamten Schiffes beherbergt, ist sie als Hauptfigur zerrissen und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Identität
Nicht nur die künstliche Intelligenzen der Raumschiffe und Raumstationen, auch das Bewusstsein des Imperators Anander Minaai teilt sich durch Implantate auf zahhlose Klone seiner selbst auf. Damit ist der Herrscher der Radch unsterblich und kann die Geschicke seines Reichs zentral lenken. Diese Aufspaltung einer Identität birgt aber auch Gefahren, die auch die Galaxie an den Rand eines Krieges bringen. Was macht den Charakter einer Person aus? Welche Eigenschaften sind untrennbar mit einem Menschen verbunden? Diese Fragen stellt sich auch der Leser von Ann Leckies Büchern.

Zivilisation
In der Sprache der Radch, bedeutet „Radchaai“ so viel wie „zivilisiert“. Der Entwurf dieser Zivilisation erweist sich als sehr interessant und birgt viel Diskussionsstoff. Denn Unterscheidungen zwischen männlichen und weiblichen Personen gelten im Imperium als primitiv und unzivilisiert. Deshalb wird nicht nur auf äußerliche sondern auch auf sprachliche Markierungen von Geschlechtern verzichtet. Das setzt Leckie in der Originalsprache der Romane unauffälliger um, als es im Deutschen möglich ist: Da Bezeichnungen wie „Gouvernor“ oder „Captain“ auf Englisch bereits neutral sind, fällt lediglich auf, dass Leckie für alle Personen „she“ als weibliches Personalpronom verwendet. In der Übersetzung hat sich Bernhard Kempen für das generische Femininum entschieden und die Verwendung des weibliche Personalpronoms mit der konsequenten Verwendung der weiblichen Endung -in ergänzt. Eine mutige Entscheidung, durch die Ann Leckies Idee noch deutlicher hervorgehoben wird. Dieser Kunstgriff stört den Lesefluss überraschenderweise kaum. Im Gegenteil: Es birgt großes humoristisches Potenzial in Szenen, in denen Breq in fremden Kulturen verzweifelt versucht, das Geschlecht ihrer Gesprächspartner zu erraten. In den Liebesszenen zwischen den Hauptpersonen ist das Geschlecht ebenfalls revolutionär nachrrangig. Zur hektoliterweise Tee schlürfenden Zivilisation der Radch gehört aber auch das Selbstverständnis einer Grundsicherung für jeden Bürger und zahlreiche andere Aspekte. So auch die „Umerziehung“, falls kriminelle Bürger ihren Auftrag in der Gesellschaft nicht erfüllen wollen, oder die sorglose Unterwerfung „unzivilisierter“ Völker anderer Planeten.
Insgesamt gibt Ann Leckie Einblick in ein System, das nicht als durchweg dystopisch oder utopisch eingestuft werden kann, da die Grenzen zwischen „Tyrannei“ und „Lenkung zum Wohle der Menschheit“ verschwimmen.

Fazit

Die Space Opera von Ann Leckie ist kurzerhand auf meiner Liste der Lieblingsbücher gelandet. Großartig finde ich dieses durchdachte Zukunftsszenario im Weltraum ohne technische Nonsens-Vokabeln, die den Lesefluss stören. Dass die Action hier etwas zurücktritt und dafür geistreichen Wortwechseln und den Überlegungen der Hauptperson Platz machen, finde ich nicht nur mutig, sondern auch durchweg gelungen. Langeweile ist beim Lesen nicht aufgekommen. Im Gegenteil: Es gibt selten eine Buchreihe, bei der ich so flott weiterlesen will.
„Die Maschinen“ und „Die Mission“ auf eine Gender-Geschichte zu reduzieren und sich über das sprachliche Experiment aufzuregen, wird diesen tollen Romanen von Ann Leckie auf keinen Fall gerecht. Insgesamt sind die Bände des „Radchaai Imperiums“ kluge Sci-Fi für alle, denen Ideen wichtiger sind als Laser-Sperrfeuer aus allen Rohren. Die Autorin sprüht förmlich vor Einfällen und bringt brillante Überlegungen in die Handlung mit ein. Dabei hält die deutsche Übersetzung von Bernhard Kempen dem direkten Vergleich mit der englischen Vorlage stand und  erschafft eine ganz eigene Qualität von Roman.

Too long, didn’t read: Lesebefehl! 😉

Rezension: Euphorie und Dystopie

Es ist das Jahr der schlechten Aussichten: Flüchtlingskrise, Klimaprobleme und Ebola-Epidemie haben 2015 die Nachrichten bestimmt. Kein Wunder, dass die Literatur diese Themen aufnimmt und den Faden weiterspinnt: Wie lange hält unsere Gesellschaft das aus? Die Antwort liefern uns dystopische Romane, wie etwa die Bücher von Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ oder „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle. Beide Bücher sind im September 2015 erschienen und behandeln das selbstverschuldete Ende unserer Zivilisation.

wpid-img_20151021_092416.jpgEmily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ erzählt von einer verheerenden Pandemie aus unterschiedlichen Persepktiven. Das Schicksal der Hauptfiguren ist verbunden durch die Bekanntschaft mit dem Schauspieler Arthur, dem die Gnade zuteil wurde, am Vorabend der Apokalypse an einem Herzinfarkt zu sterben. Danach bricht über die Protagonisten das Ende der Welt herein: Die hochansteckende „Georgische Grippe“ verbreitet sich in unserer globalisierten Welt rasend schnell und löscht beinah die gesamte Menschheit aus. Die wenigen Überlebenden wühlen sich durch wertlos gewordene Autowracks, tote Elektrogeräte und übrig gebliebene Luxusgüter. Was in der neuen Welt zählt, sind Gewehre, Nahrung und gute Abwehrkräfte. Flugzeuge, die am Boden bleiben und Handys, die nie mehr klingeln, werden zum Symbol vergangener Zeiten.
Die kanadische Autorin Emily St. John Mandel philosophiert locker und leicht, während sie die Handlung mit Rückblenden in das Leben von Arthur vor der Pandemie entschleunigt und gleichzeitig anhand seiner Erlebnisse die Dekadenz und Selbstentfremdung der Menschen in unserer modernen Welt zeigt. „Das Licht der letzten Tage“ ist definitiv kein fesselndes Schreckensszenario und kein dystopischer-Thriller. Dafür ist Mandels Roman eine Studie über das Wesen der Menschen im Ausnahmezustand. Während auf der einen Seite das Hauen und Stechen um Ressourcen und Macht beginnt, gibt es andererseits eine fahrende Truppe Schauspieler, die nach dem Motto „Überleben allein ist unzureichend“ durch das Land zieht und die Menschen an das Schöne und Wahre erinnert. Auch wenn die Erinnerungen an die „alte Welt“ schwindet, gibt es am Ende eine Hoffnung auf den Wiederaufbau der Zivilisation.

„Eigentlich müssten wir tanzen“ liest sich im Vergleich dazu desillusionierter, härter und gefährlicher. Heinz Helle landete mit seinem Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. In der Geschichte verbringt eine Gruppe Männer ein heiteres Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurück kommen, in der Erwartung in ihre Jobs als Architekt, Mikrobiologen, Kaufmann oder Versicherungsvertreter zurückkehren zu müssen, ist allerdings die menschliche Zivilisation zerstört. wpid-20151029_180508.jpgWas ist passiert? Heinz Helle erschafft mit wenigen Worten und sprachlich dichten Sätzen ein Mosaik aus Erlebnissen vor – und nach der Katastrophe mit viel Spielraum für eigene Theorien. Die Männer werden zu einem Rudel wilder Tiere, einem „Wir“, das gemeinsam ums Überleben ringt. Aber wofür Weiterleben? Sie streifen durch Süddeutschland und finden verbrannte Städte und verbrannte Leichen. Unsere Zivilisation, so scheint es in Helles Roman, hat sich überhitzt und hat ihr Verfallsdatum einfach überschritten. Die Protagonisten sind nicht daran gestorben, aber vom „Glück“ zu Überleben spricht niemand. Sie leben von Resten aus Supermärkten, suchen Brennmaterial für ein bisschen Wärme und durchwühlen Schrott nach Brauchbarem, das auf ihrem endlosen Fußmarsch schließlich doch wertloser Ballst wird. Papiergeld taugt nur noch, um damit Feuer zu machen und die toten Smartphones sind Erinnerungsstücke an ein früheres Leben mit weichen Betten, Räuschen in Nachtclubs und Jobs mit nervigen Kunden. Besitz und Mitgefühl wirken im Abglanz der Zerstörung wie schlechte Angewohnheiten. Heinz Helles sprachlich ausgefeilte Dystopie ist ein Schlag in die Magengrube, aber ein intelligenter Roman zum Nachdenken.

Beide Bücher fördern Unmenschliches nach der Apokalypse zutage. In den Romanen „Das Licht der letzten Tage“ und „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist Menschlichkeit ein Luxus mit Halbwertzeit. Auch wenn der Stil und die Prognosen der Bücher von Emily St. John Mandel und Heinz Helle nicht miteinander zu vergleichen sind, haben doch beide Bücher eine Gemeinsamkeit: Es geht ihnen nicht darum, Nervenkitzel mit Spannungsbogen zu liefern, sondern sie zeigen die Selbstverständlichkeit unseres Komforts und wie fragil unsere moralischen Ansprüche im Ausnahmezustand sind. Aber egal wie wir untergehen, ich möchte es halten wie eine der Figuren aus „Das Licht der letzten Tage“. Am Ende möchte ich in den Spiegel blicken und sagen können: „Ich bereue nichts.“

Rezension: Immer wieder Neil Gaiman

Immer wenn ich Bücher von englischsprachigen Autoren in der Hand halte, stehe ich vor der gleichen Frage: Will ich die Übersetzung oder das Original lesen? Ein paar Jahre lang habe ich Romane englischer Autoren, die mir auf Deutsch gefallen haben, einfach nochmal auf Englisch gelesen. Das war interessant, wirklich einmal die Qualität von Übersetzungen zu vergleichen, aber wirtschaftlich äußerst strapaziös.
Und dann kam Neil Gaiman. Wenn ich ein Buch von ihm kaufe, bringe ich es nicht übers Herz es auf Deutsch zu lesen. Ich kann zwar die Übersetzungen nicht beurteilen, dafür aber die unmittelbare Qualität seiner Werke in Originalsprache – und bin jedes Mal verzaubert.

Die „Sandman“-Comics von Neil Gaiman waren meine Einstiegsdroge. In der zehnbändigen Comicbuch-Reihe erzählt Gaiman von sieben mächtigen Wesen, die älter sind als die Zeit. Die zentrale Figur ist Morpheus – der Sandmann, der Schlaf, der Herrscher des Traumreiches. Er hat viele Namen, viele Gestalten und ist keines Falls das moralisch erhabene Wesen, für das man so eine gottähnliche Erscheinung halten mag. Bisweilen experimentiert Dream mit dem Schicksal der Menschen, ist rachsüchtig und grausam, ein anderes Mal sucht er das Gleichgewicht, ist gnädig und weise. Gaiman verwebt mythologische Einflüsse mit dramatischen Ereignissen im abgründig schmutzig-kalten Setting der ausgehenden 80er Jahre amerikanischer Großstädte. Der düstere und explizite Zeichenstil der unterschiedlichen Künstler verbindet sich mit Gaimans kompakter und vielseitig inspirierter Erzählweise zu einem Meisterwerk, das sich auf Englisch unbedingt lohnt. Manche Dialekte in der wörtlichen Rede, viele Wortschöpfungen des Autors und Namen lassen sich nur schwer ins Deutsche übertragen. Die Comics sind auch optisch ein Meisterwerk – die Zeichner Dave McKean, Sam Kieth, Mike Dringenberg, Malcolm Jones III, Kelley Jones und weitere,  haben Gaimans Geschichten brillant in Szene gesetzt und vollenden die mystische Stimmung. Für mich sind die „Sandman“ Comics absolute Pflichtlektüre für alle, die Comics lieben. Natürlich in Originalsprache!

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Düster, magisch und abgründig ist auch Gaimans Roman „Der Ozean am Ende der Straße“. Das Buch wurde im Original 2013 veröffentlicht. Hier besucht der Protagonist den Ort, in dem er als Kind aufwuchs. Die schwachen Erinnerungen an seine Kindheit kommen nach und nach zu ihm zurück, als er das abgelegenen Haus außerhalb des Dorfes besucht, in dem seine Spielgefährtin Lettie Hempstock wohnte. Auf dem Hof des Hauses gibt es einen kleinen Teich, der in den Augen Letties immer ein Ozean war und eine große Bedeutung im Roman bekommt. Je weiter sich der Hauptheld in die Vergangenheit begiebt, desto mehr Erinnerungen drängen an die Oberfläche. Dabei steigert Gaiman die kindlich-magischen Erlebnisse zu einem bedrohlichen Abenteuer, das den Leser und die Hauptperson an den Rand seiner Fantasie bringt. Aus einer unschuldigen Kindheitsgeschichte wird eine dramatische Tragödie von dunkler Schönheit, in der es vor allem um Mut, Liebe, Schuld und Verantwortung geht. Dieses Buch würde ich mir am liebsten von Gaiman selbst vorlesen lassen, auf einer Bank an einem tiefen See. „Der Ozean am Ende der Straße“ ist ein kleines Buch, das sich durch seine Sogwirkung schnell liest. Doch wie bei dem kleinen Teich in der Geschichte, entwickelt sich Gaimans Buch zu einem Ozean – voll schöner englischer Wörter.

In den Kurzgeschichten und Erzählungen in „Trigger Warning – Short Ficition and Disturbances“ feuert Neil Gaiman ein wahres Feuerwerk von Sprachwitz, Beobachtungsgabe und Fantasie ab. Bereits das Vorwort bereitet Lesefreude und eröffnet nachfolgend einen wahren Schatz an vielseitiger Prosa. Der eigenwillige Titel des 2015 erschienenen Buchs entstammt einer Diskussion über „Trigger“ Warnungen im akademischen Bereich. Es sind Inhaltswarnungen, die traumatisierte Menschen warnen, dass in einem Text Themen oder Szenen beschrieben werden, die das Trauma wieder wachrufen können. Kritiker dieser „Trigger Warnings“ sprechen von einer Art Zensur, die eine unvoreingenommene Rezeption eines Textes verhindern kann. Neil Gaiman schreibt im Vorwort seines Buches:

„There are things in this book, as in life, that might upset you“

Gaiman „warnt“ dabei vor Grausamkeiten, Schmerz, Missbrauch und anderen schlimmen Dingen. Gleichzeitig stellt er aber auch Happy Ends und schöne Ereignisse in Aussicht – und er hält sein Versprechen: Sein Buch „Trigger Warnings“ enthält eine wunderbare Palette von Erzählungen unterschiedlicher Länge und Intensität.

Diese drei Werke von Neil Gaiman – Comics, Roman und Erzählungen – gehören zu meinen Lieblingsbüchern. Ich kann nur empfehlen, diesen charmanten Briten einmal in Original-Sprache zu lesen. Gaiman erschafft und zerstört mit wenigen Wörtern ganze Welten, während mich die Atmosphäre seiner Geschichten immer wieder fasziniert und fesselt. Und dieses Vergnügen sollte man sich ruhig auf Englisch zutrauen.

Rezension: Ralf Rothmann, Anthony Doerr und der Zweite Weltkrieg

Es gibt Themen, die dürfen nicht ruhen. Der Zweite Weltkrieg ist so ein Thema, das mit jedem sterbenden Zeitzeugen weiter aus unserem Blickfeld gerät. Und sosehr wir uns gesättigt und informiert fühlen, gibt es doch immernoch Schicksale und Stimmen, die wir noch nicht gehört haben. Der deutsche Autor Ralf Rothman und der US-amerikanische Pulitzer-Preisträger Anthony Doerr haben in diesem Jahr sehr schöne Romane über den Zweiten Weltkrieg veröffentlicht, die sich lohnen gelesen zu werden.

„Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann ist im Suhrkamp Verlag erschienen und beruht teilweise auf den Kriegserzählungen von Rothmanns Vater. In dem Buch wird die Geschichte des jungen Melkers Walter und seinem Freund erzählt, die kurz vor Ende des Krieges zwangsrekrutiert werden. Die beiden jungen Männer werden unerwartet aus ihren Zukunftsträumen gerissen, von ihren Freundinnen getrennt und in den sicheren Tod geschickt. Der Klappentext und die sich überschlagenden Ankündigungen in der Presse haben mich allerdings einen typisch deutschen Kriegsroman befürchten lassen: sehr ernst, trocken und langatmig. wpid-wp-1441403542731.jpeg
Stattdessen erzählt Rothmann befreit, schlank und poetisch von den Erlebnissen der Hauptperson Walter. Ausschnitthaft erfährt der Leser von der Angst vor der Front, der Angst vor den grausamen Befehlen der Vorgesetzten und der Angst vor sich selbst. Dazwischen wird Walter als kluger junger Mann beschrieben, mit wachen Augen für die Schönheit der Welt und mit Lust aufs Leben. Ralf Rothman liefert mit „Im Frühling sterben“ einen lesenswerten Roman, der die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wachhält, ohne mit Vollständigkeitsanspruch oder mahnendem Zeigefinger zu ermüden. Durch das großartige Erzähltalent Rothmanns und seine starken Charaktere ermöglicht das Buch einen unmittelbaren Eindruck davon, wie es ist, sich als junger Mensch plötzlich im Krieg wiederzufinden und nicht zu wissen ob man ihn überleben wird, oder wie man danach weitermachen soll.

Anthony Doerr ist mit dem preisgekrönten Bestseller „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ein Roman gelungen, der den Krieg von zwei Seiten beleuchtet. Anhand der Geschichte der blinden Marie-Laure erfährt der Leser vom Leben im besetzten Frankreich und durch den Waisenjungen Werner wird die Perspektive der Deutschen erzählt. Beide Schicksale sind miteinander verbunden und wechseln sich kapitelweise ab. Anthony Doerr zeigt, wie eine Karriere bei der Wehrmacht für Werner die Rettung vor einer Zukunft in den Kohlegruben wird und wie ein blindes Mädchen einen Platz in einer Welt sucht, in deren Wirren selbst Erwachsene verloren sind. Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und bin begeistert von Anthony Doerrs Erzählweise.
Seine Beobachtungsgabe für Zwischenmenschliches und die Beschreibungen vielfältiger Sinneseindrücke und Empfindungen machen „Alles Licht, das wir nicht sehen“ zu einem grandiosen Buch unabhängig vom geschichtsträchtigen Thema. In Verbindung mit den dramatischen Ereignissen in Europa wird Doerrs Roman insgesamt zu einer fesselnden Lektüre. Werners Neugier und Marie-Laures Fantasie machen  die beiden Charaktere zu interessanten Hauptfiguren, denen ich gern durch die Geschichte gefolgt bin.

Egal wie viele Bücher vom Krieg wir gelesen haben und egal wie viel wir glauben, über den Krieg aus ihnen zu wissen: Es lohnt sich immer wieder, sich dem Thema zu nähern. Rothmann und Doerr haben das vielfältige Bild vom Zweiten Weltkrieg in der Literatur um zwei bermerkenswerte Mosaiksteinchen ergänzt. Beide Erzähler haben eine starke Stimme und einen ganz eigenen Anspruch an ihre Perspektive. Anthony Doerr hat für „Alles Licht, das wir nicht sehen“ bereits den Pulitzer Preis gewonnen. Ralf Rothmanns „Im Frühling sterben“ ist zwar preisverdächtig, aber auf Wunsch des Autors nicht im Rennen um den Deutschen Buchpreis. Das verleiht der Betrachtung der diesjährigen Longlist einen herben Beigeschmack: Egal wer den Preis dieses Jahr erhalten wird, wird – so unfair das auch sein mag- dem stummen Vergleich mit dem Kritikerliebling Rothmann standhalten müssen.

Rezension: Von Verlust und Stärke

Die Nachrichten sind voll Trauer und Verlust: Flugzeugabsturz, Wohnhausexplosion, Bomben im Nahen Osten, der Tod des schwedischen Nobelpreisträgers Tranströmer. Wir stehen dem Leid mit Hilflosigkeit gegenüber. Was bleibt uns übrig, als uns mit einem Buch in eine Decke zu kuscheln und uns in die Welt unserer Lieblingsromane zu verkriechen? Buchliebhaber wussten es irgendwie schon immer, was im kürzlich veröffentlichten Artikel der FAZ beschrieben wurde: Bücher sind heilsam.

Die Bücher und Erzählungen von Banana Yoshimoto thematisieren nicht selten den Verlust von nahestehenden Personen. Mit ihrem neuen Roman „Moshi Moshi“ erzählt die japanische Autorin die Geschichte von Yotchan und ihrer Mutter, die nach dem rätselhaften Suizid des Vaters und Ehemanns vor den Scherben ihres bisher gutbürgerlichen Lebens stehen. Yohimotos Sprache – wie ich sie bereits liebe – ist reflektiert, poetisch und großartig in den leisen Tönen. Moshi Moshi
Sie erzählt von einem Neuanfang in kleinen Schritten, für den die beiden Frauen sich nicht nur selbst, sondern auch ihre Beziehung zueinander neu erfinden müssen. Yotchan findet Trost in einer neuen Wohnung, viel Arbeit und Antworten auf ihre offenen Fragen. Ihre Mutter legt allmählig ihre Rolle als gutsituierte Oberschichts-Hausfrau ab und sucht in den Straßen von Shimokitazawa nach sich selbst. Auch wenn ich es an der Hauptfigur nicht schätze, dass sie mit Männern schläft, die sie an ihren Vatern erinnert. Insgesamt ist „Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto dennoch ein sehr schönes Buch, das uns sanft in Erinnerung ruft, dass es bei aller Tragik nicht hilft, sich selbst aufzugeben.

Auch die Protagonistin im Thriller „Die Falle“ von Melanie Raabe hat auf schlimmste Art und Weise ein Familienmitglied verloren. Denn die Bestseller-Autorin Linda Conrads ist Zeugin am Mord ihrer Schwester vor zwölf Jahren. Doch der Mörder wird nicht gefunden und sie zieht sich mit ihrem Schmerz von der Welt zurück. In der Abgeschiedenheit ihres Hauses fühlt sie sich sicher, bis sie das „Monster“ im Fernsehen wiedererkennt: Ein Journalist, den die Einsiedlerin mit ihrem neuen Roman zu sich locken will. Die traumatisierte Linda nimmt ihren Mut zusammen, schreibt einen Krimi, der die Ereignisse von damals aufarbeitet und bereitet das Interview vor, in dem sie sich ein Geständnis von dem Mörder ihrer Schwester erhofft. Debütautorin Melanie Raabe entwickelt ein psychologisch aufreibendes Verwirrspiel darum, wer Täter und wer Opfer ist. Die Falle
Der Leser wird von Melanie Raabes sensiblen Sprachgefühl in seinen Bann geschlagen, tappt in ihre Falle und zweifelt schließlich an sich selbst. Spannung und Erzählkunst stehen hier in einem so ausgewogenen Verhältnis, dass kleine Klischees verzeihlich sind. (Wie etwa das „tollpatschige Frau lässt was fallen, will es aufheben und stößt mit dem Kopf ihres hilfsbereiten Traummannes zusammen“-Klischee)  Die ansonsten durchweg inspirierende Erzählweise ist eine Freude. Melanie Raabe ist mit „Die Falle“ ein tolles Buch gelungen, das die Hauptfigur und den Leser an seine Grenzen bringt. Sie schildert nicht nur den Schmerz und die Trauer der Protagonistin eindrücklich, sondern auch ihren Weg, um sich davon zu befreien.

Die Erzählungen und Essays in „Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan verströmen trotz der traurigen Hintergrundgeschichte Hoffnung, Lebenslust und Kraft.  Die junge US-amerikanische Autorin kam nämlich kurz nach ihrem Studienabschluss in einem Autounfall ums Leben. Ihre großartigen Texte wurden posthum veröffentlicht und sind auf dem besten Weg, ein Bestseller zu werden. Denn die Tragik und all die düsteren „Was wäre wenn…?“-Gedanken treten bei der Lektüre schnell in den Hintergrund. Marina Keegans Sprachtalent, ihre großartigen Dialoge und ihr Gespür für Zwischenmenschliches haben mich einfach begeistert. Das Gegenteil von Einsamkeit
Die Geschehnisse sind zum Großteil sehr alltäglich, doch mit brillanter Beobachtungsgabe erzählt. Wie groß muss der Schmerz der Eltern sein, ihre talentierte Tochter zu verlieren? Was für eine große Autorin ist der Welt verloren gegangen? Diese Fragen kann der Leser nicht beantworten. Aber das Buch ist ihr Vermächtnis an uns und hat mich direkt angesprochen: Die Welt steht uns offen. Oft macht uns das Leben einen Strich durch unsere Rechnung, aber es ist am Ende das einzige, das wir haben.

Rezension: Der Klassiker, das Kultbuch und der Neue

Stellt eure Faser auf Betäubung und begebt euch in eine aufrechte Position: Das ist das Science-Fiction Triple Feature. Mit Aldous Huxleys Klassiker „Schöne neue Welt“, dem Kultbuch „Metro 2033“ von Dimitry Glukhovsky und Leif Randts Neuling „Planet Magnon“ habe ich mich in den letzten Wochen in die Zukunft begeben und einen Querschnitt durch das Genre gewagt.

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„Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley erschien bereits 1932 und zählt noch immer zu den Standardwerken der Zukunftsromane. In diesem Szenario reproduzieren sich die Menschen, statt sich fortzupflanzen und werden auf ihre soziale Stellung und Arbeit genetisch genormt. Alter, Krankheit und Unzufriedenheit sind im System nicht vorgesehen, in dem die Familie abgeschafft wurde und ein Weltaufsichtsrat die Geschicke der Menschheit im Namen des Gottes des Kapitalismus lenkt.
Das faszinierende an dem kurzweiligen Roman ist, dass am Ende wirklich nicht klar ist, ob die Prognose eine düstere ist. Denn tatsächlich funktioniert das System. Dank Genetik, Drogen und effektiver Indoktrinierung im Schlaf ist es in dieser Zukunft einfach nicht mehr möglich, unglücklich zu sein.

„Metro 2033“ von Dimitry Glukhovsky erschien 2007 und spielt in einer Zukunft, in der ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht hat und die Überlebenden sich in den strahlensicheren Schächten der Moskauer Metro verschanzt haben. Der russische Autor schreibt in dem Roman, der als Vorlage für ein Computerspiel diente, von einer Gesellschaft im Untergrund, die nichts aus den Fehlern der alten Zivilisation gelernt hat. Ideologien wie Kommunismus, Faschismus und religiöser Fanatismus, sowie die damit verbundenen Konflikte spielen sich hier auf viel engerem Raum ab. Protagonist Artjom irrt mit seinem schicksalshaften Auftrag durch die verfeindeten Stationen, um seine Heimatstation vor einer unheimlichen Bedrohung zu bewahren. Glukhovsky schafft es dabei, dem Leser die beklemmende Dunkelheit der Tunnel bis in die Knochen kriechen zu lassen und die allzu glücklichen Fügungen für den Haupthelden in eine trotzdem mystisch-packende Romanhandlung zu gießen.

Leif Randt hat in diesem Jahr mit „Planet Magnon“ einen ganz neuen Sci-Fi Roman bei Kiepenheuer&Witsch veröffentlicht. In seinem Buch leben die Menschen in einem friedlichen Sonnensystem, in dem Kollektive das gesellschaftliche und intellektuelle Leben beeinflussen. Gelenkt wird die Bevölkerung der Planeten durch eine Technologie namens „ActualSanity“, die aufgrund statistischer Daten und Prognosen, die Politik und Wirtschaft des Sonnensystems steuert. Die „AS“ ist eine allmächtige und beinahe gottgleiche Macht, deren Entscheidungen die Planetenbewohner nicht immer nachvollziehen können, aber auf die alle vertrauen. Der Roman liest sich dabei flüssig und spannend. Hier stehen mehr Ideen und Überzeugungen im Mittelpunkt, als seitenlange Beschreibungen neuer Erfindungen. Besonders interessant ist dabei die Droge „Magnon“: Während in „Schöne neue Welt“ die Droge „Soma“ Sorgen und Zweifel der Menschen betäubt, fördert Magnon in Leif Randts Roman ein geschärftes, unabhängiges Denken.

Auch wenn die drei Romane nicht direkt miteinander vergleichbar sind, finden sich in ihnen gemeinsame Fragestellungen. Was macht das Menschsein aus? Und: Was ist Freiheit? Die Antworten fallen unterschiedlich aus, aber sind in den spannenden Geschichten zwischen den Zeilen verwoben. Alle drei Romane bieten Sätze, die sich im Kopf festsetzen und Romanhandlungen, die den Leser fesseln.
Es lohnt sich, den Blick in die Zukunft zu wagen. Nach dem Zuklappen der Buchdeckel ist zum Glück alles wieder beim Alten.

Rezension: Meine Woche mit Michel Houellebecq

Der neue Roman des französischen Autors Michel Houellebecq „Unterwerfung“ bekommt derzeit viel Aufmerksamkeit. Ich bin ein großer Fan seiner Gedichte, hatte aber noch „Karte und Gebiet“ auf der Wunschliste. Meine Befürchtung: Wenn ich zuerst die umstrittene Neuerscheinung lese, versaue ich mir einen ungetrübten Blick auf den Rest seiner Romane. Mein Plan: Chronologisch vorgehen, denn sicher ist sicher. Das Ergebnis war ein kleiner Houellebecq-Sprint. In der Tram auf dem Weg zu Uni habe ich innerhalb einer Woche beide Romane durchgelesen und bin sehr zufrieden.

„Karte und Gebiet“ erzählt die Geschichte eines Künstlers in Paris und porträtiert damit nicht nur die Pariser Kunstszene, sondern liefert gleichzeitig einen kleinen Krimi indem der Autor Michel Houellebecq höchstpersönlich das Mordopfer ist. Aber es steckt noch viel mehr in diesem tollen Roman: Jed Martin ist ein schüchterner Eigenbrötler und verdient sich den Ruhm der Kunstwelt mit Ehrgeiz und Fleiß. Während er sich in seiner künstlerischen Arbeit stetig weiterentwickelt, bleibt er in seiner persönlichen Entwicklung allerdings völlig stehen. Theorie und Praxis in zwischenmenschlichen Dingen passen bei dem Protagonisten nicht zusammen. Die Bindung zwischen Eltern und Sohn, die Beziehung zu einer Frau oder Freundschaft unter Männern sind unstete Zwischenspiele. Er verewigt sich durch seine Arbeit im kollektiven Gedächtnis der Menschen, statt Sinn und Erfüllung für sein Leben im konventionellen Muster Frau-Kind-Haus zu suchen, das viel zu fragil und dessen Glück, wenn überhaupt, nur von kurzer Dauer ist.

„Unterwerfung“ ist ein Zukunfts-Szenario und dreht sich anfangs stark um den frustrierten Protagonisten: Einen in die Jahre gekommenen Junggesellen in Paris, der seiner einzigen nennenswerten Beziehung und seiner schwindenen Libido hinterher trauert. Außerhalb der Universität an der er Literaturwissenschaft lehrt, interessiert ihn Politik zunächst kaum. Doch die Wahlen im Jahr 2022 verändern die Gesellschaft von Frankreich grundlegend. Eine islamische Partei schafft es an die Spitze der Regierung und lässt Front National, sowie die identitäre Bewegung hinter sich. Der politische Führer ist ein moderner Muslim, der andere Religionen respektiert und versucht, sich von der Kontrolle der Öl-Staaten loszusagen. Allerdings setzt er mit seiner Partei schrittweise Neuerungen durch, die das Ende des Zeitalter des christlichen Abendlandes einläuten: Der Großteil der Bildungseinrichtungen wird muslimisch geprägt, die Rechte der Frauen eingeschränkt, Polygamie wird legalisiert.
Grusel, grusel. Das ist der Stoff aus dem die Träume von Verschwörungstheoretikern gemacht sind.

Die Unterwerfung

Michel Houellebecq
„Unterwerfung“
Dumont Verlag

Houellebecq beschreibt diese Entwicklung aber sehr natürlich. Der Protagonist wird Zeuge der Entwicklungen und macht dabei seine eigene Entwicklung durch. Er beginnt, sich mit gesellschaftlichen Vorgängen auseinanderzusetzen und sucht nach seinem Platz in der Welt. Dabei beschäftigt er sich auch mit dem Katholizismus, der ihm jedoch nichts mehr bieten kann. Am Ende, ACHTUNG SPOILER, fügt er sich schließlich ein, konvertiert zum Islam und wird Teil der neuen Gesellschaft mit muslimischer Prägung. Und mit ihm hängen die renommiertesten männlichen Akademiker ihr Fähnlein in den Wind.

So richtig begeistert bin ich von Houellebecqs neuestem Roman noch nicht. Der Hang zum jammernden Protagonisten, der die Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit des Lebens betrauert, ist besorgniserregend. In beiden Büchern werden die Hauptpersonen von ihrer einzigen Liebe verlassen und können sich für eine neue Beziehung nicht so recht begeistern. Der sexuell frustrierte Akademiker in „Unterwerfung“ wünscht sich doch „nur“ eine Frau, die gut kochen kann und eine Granate im Bett ist. Am Ende lockt die Polygamie mit genug Frauen um alle Bedürfnisse abzudecken – wie praktisch. In „Karte und Gebiet“ wirkt der Mangel an erotischer Leidenschaft allerdings wie eine Stärke, um sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu lösen.

Fest steht, dass Michel Houellebecq ein brillanter Erzähler ist. Es fällt schwer, die Romane auf ein einziges Thema festzunageln, wenn der Autor so vieles zur Sprache bringt – und allein das ist ein Genuss. Witz, Beobachtungsgabe und ein scharfer Verstand stehen hinter diesen Büchern, die den Leser an den Rand der Sinnkrise bringen: Es läuft alles auf Verfall, Verlust und Vergessen hinaus und die kurze Zeit, die wir haben, lassen wir uns von Konventionen und schlechter Politik versauen. Wo die Geschichten von Houellebecq aufhören, fängt das Nachdenken an. Über das Leben, über unsere eigene Passivität und über eine Zukunft, die so nicht eintreten muss – über die wir uns dennoch selbst klar werden müssen, wo wir stehen und wie wir miteinander umgehen.

Rezension: Verbrecher, Atommüll und Feminismus

Bevor ich mich wortreich für so eine reißerische Überschrift rechtfertige, hoffe ich auf das Vertrauen meiner Leser und komme gleich zur Sache: Mit Ivo Palas Thriller „H2O – Das Sterben beginnt“ und dem Krimi „Ihr unschuldiges Herz“ (unter seinem Pseudonym „Richard Hagen“ veröffentlicht), habe ich seit langem Kriminalliteratur wieder für mich entdeckt. Ein guter Grund, öfter Romane abseits der gewohnten Genres zu lesen – vor allem wenn sie zeitgeschichtlich relevante Themen und aktuelle Diskussionen so spielerisch und spannend in die Handlung mit einbringen.

H2OIhr Unschuldiges Herz

Zu den Büchern: Großes Kopfkino! Wie schon bei der Elbenthal-Saga, läuft beim Lesen von Ivo Palas Büchern ein richtiger Film im Kopf mit. „Unvermittelter Einstieg“ ist wohl die liebste Disziplin des Autors. Das erste Kapitel von „Ihr unschuldiges Herz“ ist nichts für Zartbesaitete, wenn die letzten Minuten des Mordopfers beschrieben werden, wegen dessen brutaler Hinrichtung mitten im idyllischen Rheingau Staatsanwältin Inga Jäger und Polizist Kai Gebert einem Verbrechen auf die Spur kommen, das nicht nur lang in die Vergangenheit zurückreicht, sondern auch den Leser emotional an seine Grenzen bringt. „H2O“ ist von der ersten Seite an ein richtiger Action-Thriller mit politischen Machtspielen und einem erschreckenden Szenario, bei dem jedoch eine sehr reale Befürchtung zurückbleibt: Kann das alles stimmen? Die Antwort lautet: Ja.
Ivo Pala unterfüttert seine Romane mit ausführlicher Recherche. Egal ob geschichtliches Thema, wie die Verbrechen an der Menschheit durch die Nazis, oder aktuell diskutierte Ereignisse, wie Sicherheitslücken in Atommüll-Lagern – nach dem Umblättern der letzten Seite und Zuschlagen des Buches bleibt etwas hängen.
Aber Pala ist kein Moralapostel, der seinen Lesern Migräne bereitet. Die Themen sind Hintergrund für die flüssige Handlung und die authentischen Charaktere. Denn bei aller Relevanz, muss ein Roman meiner Meinung nach vor allem eins: unterhalten.

Besonders interessant an Palas Büchern, egal ob Fantasy, Thriller oder Krimi, finde ich die Art, mit Genre-Elementen zu spielen und sich vom üblichen Schwarz-Weiß von Gut und Böse zu trennen. Am Ende sind die Beweggründe der Täter plötzlich so etwas wie verständlich, auch wenn der Zweck die Mittel nicht heiligt. Oder doch? Ist es vertretbar in einer Notsituation das Wohl des Einzelnen zum Wohl der Mehrheit zu opfern? Wie viel Moral können wir uns leisten, wenn das ganze Land von Terroristen bedroht wird? Nach „Ihr unschuldiges Herz“ und „H2O“ muss der Leser sich die Antwort selbst geben.
Einen Bonuspunkt muss ich vor allem für die starken weiblichen Figuren in Palas Büchern geben. Hier sind die Frauen inspirierend moralisch integer, durchsetzungsstark und können sich von der grauen Masse von Stereotypen der Genreliteratur abheben. Aber auch hier ist die Balance zwischen Stärken und Schwächen ausgeglichen und an der Reibungsfläche der unterschiedlichen moralischen Standpunkte entwickelt der Leser sein eigenes Urteil.

Zum Glück gibt es zu beiden Teilen eine Fortsetzung, denn Ivo Palas Romane schreien nach ‚mehr‘. Richard Hagens „Bluthatz“, als zweiter Fall für Inga Jäger und Kai Gebert, ist bereits erschienen. Die Fortsetzung von „H2O“ ist für April 2015 unter dem Titel „Gift“ angekündigt.

Rezension: „Gadget“ von Jaron Lanier

Am 12. Oktober ist es soweit, dann wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Jaron Lanier in einem offiziellen Festakt vergeben. Bis vor kurzem hatte ich keine Ahnung, wer das eigentlich ist und habe mich in einem Blogbeitrag im vergangenen Juni dem ungewöhnlichen Herren mit den Dreadlocks angenähert. Seine Thesen sind umstritten, seine Mahnungen zu den Gefahren des Internets polarisieren die Fachwelt. Sein Buch „Gadget“ aus dem Suhrkamp Verlag bietet einige Einsichten in die Gedankenwelt des Künstlers, Musikers und Informatikers.

In „Gadget“ stellt Jaron Lanier die Frage, ob auf die Schwarmintelligenz und die große Cloud wirklich Verlass ist. Statt Prozesse der Kreativität und Innovation anzukurbeln, wird Quantität zum neuen Maßstab für Qualität und die Bedeutung des Individuums wird gemindert. Lanier zeigt anhand einiger Beispiele, wie die von Menschen erschaffene Technik und Software uns selbst gefangen hält. Angefangen bei Dateiformaten, die – da sie sich als Standard durchgesetzt haben – statt durch zeitgemäßere Formate ausgetauscht werden, uns dazu bringen, uns diesen veralteten Formaten anzupassen, argumentiert er weiter mit Plattformen wie Facebook, die uns durch gleichförmige Profile und Kategorien zu „Multiple-Choice Identitäten“ machen. Die Open Culture betrachtet er ebenfalls kritisch und sucht nach Modellen, in denen Künstler durch das Internet tatsächlich eine Existenz aufbauen können.

Gadget

Jaron Lanier
„Gadget“
Suhrkamp Verlag

An dieser Stelle wird das Buch hochinteressant. Während er anfangs in kalenderspruchartigen Thesen vor Verlust von Individualität, Unabhängigkeit und Menschlichkeit warnt, geht Lanier im hinteren Teil des Buches auf konkrete Entwicklungen ein, untersucht bestehende Ideen und erklärt seine Vorschläge für ein Internet, in dem von Menschen gemachter Inhalt auch etwas Wert ist.

Ich bin sehr skeptisch an das Buch herangegangen. Etiketten wie „Mahner der Gefahren des Internets“ und „Kritiker der Open Source Bewegung“ machen keinen Menschen sympathisch. Darauf hat Lanier allerdings auch etwas zu erwidern:

„Manche vergleichen Zweifler wie mich mit den verrunzelten Kirchenoberen aus dem Mittelalter, die gegen die Druckerpresse des armen Johannes Gutenberg kämpften. […] Diese Kritiker übersehen jedoch, dass die Druckerpresse selbst noch keine Garantie für eine aufgeklärte Zukunft bot. Nicht Maschinen machten die Renaissance, sondern Menschen. […] Das Netz konstruiert sich nicht selbst. Wir konstruieren es.“

Mit dieser Klarstellung hat Lanier, so streitbar seine Ideen manch einer finden möchte, Respekt verdient. Er stellt seine Lösungsvorschläge nicht als absolut dar, sondern will zum Umdenken anregen. Stellenweise führt er seine Argumentation jedoch etwas zu oberflächlich. Was womöglich dem Zweck dienen soll, zu viel Fachjargon zu vermeiden, wirkt nachlässig und zu vereinfacht. Plakative Begriffe wie „Ideologie der Schwarmintelligenz“ und „Computationalismus“ tauchen nach meinem Geschmack etwas zu häufig auf und werden Laniers klugen Gedankengängen nicht gerecht.

Trotzdem ist „Gadget“ meine große Leseempfehlung für den Herbst. Hier werden wichtige Entwicklungen, die das Internet zu dem machen was es ist, reflektiert. Laniers zentrale Botschaft scheint simpel, doch kann nicht oft genug betont werden: Wir sollten uns nicht selbst dehumanisieren und die Verantwortung für die Gestaltung eines Internets übernehmen, in dem Platz für Individualität ist und Kunstschaffende von ihrer Kreativität leben können.
Dass der Friedenpreis des Deutschen Buchhandels nun Laniers Ideen würdigt, ist ein guter Anstoß für die Buchbranche, endlich mit dem jammern aufzuhören und sich endlich – bis auf den kleinsten und alteingesessensten Buchhändler an der Ecke – mit solchen Themen auseinander zu setzen.

Rezension: Zukunftsromane von Jirgl und Klein

Reinhard Jirgl und Georg Klein haben beide im gleichen Jahr zwei Romane veröffentlicht, die sich mit der Zukunft der Menschheit beschäftigen. Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ und Kleins „Die Zukunft des Mars“ erschienen 2013 und erzählen beide auf ihre Weise wie eine Zukunft aussieht, in der die Marsbesiedlung Realität geworden ist.  „Juhu, Marsbesiedlung“, dachte ich. „Juhu, Jirgl und Klein“, dachte ich. Also habe ich angefangen zu lesen.

In Reinhard Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ kehren die Menschen, die seit mehreren Generationen auf dem Mars leben zurück auf die Erde, denn das Terra-Forming Projekt muss nachgebessert werden. In ihrer Abwesenheit hat sich die Gesellschaft der Menschen jedoch stark verändert. Die Ländergemeinschaften sind isoliert voneinander, jegliche Art von Konflikt ist beigelegt, die menschliche Natur ist durch einen Eingriff in das Erbgut völlig frei von Aggressionen, sexuellen Bedürfnissen und der Notwendigkeit von emotionalen Bindungen. wpid-img_20140726_090633.jpg
Die Marsmenschen sind hingegen den heutigen Menschen in Sprache, Denkweisen und Temperament ähnlich geblieben. Sie reißen die Macht auf der Erde an sich, „korrigieren“ das veränderte Erbgut der schlaffen Erdenmenschen und verpflichten Zwangsarbeiter.
Jirgl erzählt sehr verdichtet, lyrisch und technisch vom großen Universum, in dessen Maßstab von Zeit und Raum der Mensch nur eine kleine Anomalie ist.

In Georg Kleins „Die Zukunft des Mars“ haben die Menschen ebenfalls versucht, den Mars zu besiedeln. Dieses Vorhaben wird jedoch als gescheitert betrachtet, da der Kontakt zu den Kolonisten nach einem schweren Unglück abbrach. Doch der Leser erfährt von einer Gesellschaft auf dem Mars, die sich ohne Kontakt zu den Vorvätern auf der Erde, eigenständig und mit zäher Ausdauer weiterentwickelt. Wechselnd erzählt Klein von dem entbehrungsreichen Leben auf dem Mars und dem Leben auf der Erde, das von Krieg, Mangel und Krankheiten gekennzeichnet ist. wpid-img_20140824_173405.jpg
Während der junge Hilfsarzt Porrporr in seinen heimlichen Aufzeichnungen Einblick in die Kultur auf dem Mars gibt, wird auf der Erde die Geschichte der Lehrerin Elussa und ihrer Tochter Alide erzählt. Georg Klein liefert einen spannenden Zukunftsroman, der ohne langatmige wissenschaftliche Ausführungen auskommt und dem Leser trotzdem ein geschlossenes Zukunftsbild zeichnet.

Brüder im Geiste: Georg Kleins und Reinhard Jirgl haben sich einem ganz ähnlichen Thema gewidmet. Schafft es der Mensch, den Mars zu kolonisieren? Was passiert mit den Menschen auf der Erde?
Jirgl beantwortet diese Fragen fast schon wissenschaftlich. Basierend auf heutigen Prognosen und Technologien extrapoliert er ein Zukunftsszenario, das teilweise denkbar aber nicht sehr reizvoll ist. Der Grundtenor ist ein alter Bekannter: Der Mensch richtet sich selbst zugrunde. Und: Geschichte wiederholt sich. Sein Hauptheld fügt sich in sein wechselhaftes Schicksal und steuert unaufhaltsam mit dem Rest der Menschheit auf die große Katastrophe zu. Dabei seziert Jirgl mit seiner verdichteten Sprache und seiner eigenwilligen Interpunktion unsere Kultur und Denkmuster. Entstanden durch einen unwiederholbaren Zufall, hinterlässt der Mensch eine Schneise der Zerstörung hinter sich und verschwindet schließlich von der Bildfläche.
Auch bei Klein ist die Zukunft keine goldene: Der Mensch verschenkt die Chancen der von ihm entwickelten Technologien, die Marsmission geht über Kriege und Konflikte in Vergessenheit. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass die Erdengesellschaft in Kleins Roman durch Krankheit, Krieg und Katastrophe sogar in die Vergangenheit zurückgeworfen wurde. Kleins Roman liest sich flüssiger als der kopflastige Roman von Jirgl. Er erzählt eine Zukunftsgeschichte mit sympathischen Haupthelden, überraschenden Wendungen und Happy-End, der Leser kann sich vollständig in der Atmosphäre des Romans verlieren. Beide Autoren sind hervorragende Erzähler. Jirgls Stil und Sprachgewalt überfordern den Leser auf angenehm anregende Weise.

Die Lektüre von Jirgls Buch hat allederdings weit mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich für ein Buch gleicher Stärke gewohnt war. „Juhuu“, habe ich erst wieder gedacht als ich es endlich durchgelesen hatte.

Rezension: Gestalt des letzten Ufers

Eigentlich ist es ziemlich ärgerlich, festzustellen, dass ich
immer noch imstande bin zu hoffen.

Gestalt des letzten Ufers

Michel Houellebecq „Gestalt des letzten Ufers“ Dumont Verlag

Der Mensch: Ein vergängliches, einfältiges Wesen im großen, kalten Universum. Der französische Autor Michel Houellebecq vermittelt in seinem Gedichtband „Gestalt des letzten Ufers“ das Gefühl von gleichzeitiger zynischer Klarheit und Verlorenheit. Er fängt Alltäglichkeiten in einem Kaleidoskop aus Vergänglichkeit, Körperlichkeit und Sehnsucht ein und verdichtet seine Gedanken zu schwerelos und greifbar wirkenden Versen.
Die beiden Übersetzer Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel haben im Deutschen den Sound des Dichters getroffen und darauf verzichtet, die französischen Reime auf Biegen und Brechen zu übernehmen. Da die Gedichte zweisprachig abgedruckt sind, kann der Leser selbst den Vergleich ziehen und zum einen die stimmigen Verse flüssig auf Deutsch lesen, zum anderen kann er mit ein wenig Französischkenntnissen ein eigenes Bild von Houellebecqs Sprachgefühl bekommen.

Gedicht

Mein Fazit

Ich bin ganz begeistert von meinem neuesten Zuwachs für mein Lyrik-Regal! Stilistisch würde ich Houellebecqs Gedichte zwischen der Lyrik von Bert Brecht, Charles Bukowski und Michael Lentz verorten. Wer sich gern einmal an moderne Lyrik heranwagen will und sich nicht gleich auf abgefahrene Sprachexperimente einlassen möchte, sollte sich diesen Band vornehmen. Ich lese Gedichtbände nie linear von vorn bis hinten. Ich nehme sie meistens abends zur Hand, lese ein bis drei Gedichte, lege sie wieder beiseite, schlage später an anderer Stelle auf, merke mir Lieblings-Passagen. In der wunderbaren Ausstattung von „Gestalt des letzten Ufers“ gibt es zum Glück neben einem Lesebändchen auch eine Klappe, mit der Lieblingsstellen eingemerkt werden können.
Auch ohne Vorkenntnis der Romane des Autors kann man mit diesen Gedichten Houellebecq-Fan werden. Zwischen den Zeilen hängt eine ganz besondere Melancholie, die nicht beschwert, sondern den Blick frei macht. Manchmal düster ohne Bitterkeit, manchmal radikal ohne viel Lärm – volle Punktzahl für „Gestalt des letzten Ufers“!

(ein moment der kosmologie)

Wenn die Nacht sich zerteilt zu verlangsamten Vögeln
Und die Tage keinerlei Alternative mehr bieten
Muss man aufhören zu leben, ohne Verzug und ohne Lärm
Das Nichts bietet uns relativen Frieden

Es sei denn, man stellte sich vor, dass wir weiterleben
Weiterleben ohne Bewusstsein, dass unsere idiotischen Atome
Redundant und rund wie Kugeln beim Lotto
Sich neu zusammensetzen wie die Seiten eines Buches

Das ein Arschloch schreibt
Und Schwachköpfe lesen

Rezension: Die Elbenthal-Saga

Eins vorweg: Ich bin ein sehr seltener Fantasy-Leser. Im Alter zwischen 14 und 18 habe ich eine Zeit lang ausschließlich in fremden Welten gelesen, doch dann hatte ich plötzlich die Nase voll von den ganzen Trilo-, Quadro-, und sonstigen -logien. Magische Wesen kreuzten seitdem nur noch in ausgewählten Fällen meinen Weg. Nachdem mich aber Patrick Rothfuss‘ „Der Name des Windes“ schier weggepustet hatte, habe ich mich mit dem Genre wieder versöhnt.

Jetzt habe ich in einem Rutsch die „Elbenthal-Saga“ hinter mir und bin wieder beeindruckt. Ivo Pala zeigt sich hier als hervorragender Handwerker und füllt die starren Schablonen der Genres – Ein/e Auserwählte/r, die Queste, Gut-gegen-Böse, die Liebe wider jeglicher Vernunft und blutige Schlachten- mit unkonventionellen Elementen, Wortwitz und tief recherchierten Verbindungen zur deutschen Mythologie. Wenn man alle drei Bände hintereinander liest, kann der Leser nicht nur den vollen Spannungsbogen auskosten, sondern auch eine ganz andere Beobachtung machen: Während der erste Band eher als Urban-Fantasy beginnt, führt Pala seine Leser kapitelweise immer tiefer in die fremden Welten, bis man sich auf einmal in epischen Schlachten klassischer High-Fantasy wiederfindet. Während der Schauplatz anfänglich noch vermehrt in Dresden liegt, wo die Elben ihre Stellung mit Handfeuerwaffen, Hubschraubern und modernster Technik verteidigen, verlegt Pala die Handlung immer weiter in eine andere Welt voller mächtiger Zauber und Artefakte. Wie auch die anfangs völlig ahnungslose Hauptheldin Svenya setzt sich für den Leser erst nach und nach das Gesamtbild einer facettenreichen und umfangreichen Fantasiewelt mit Jahrtausende alter Geschichte zusammen.

Die Elbenthal-Saga

Band 1 „Die Hüterin Midgards“ – Band 2 „Der schwarze Prinz“ – Band 3 „Die eisige Göttin“

Die Elbenthal-Saga von Ivo Pala dreht sich um das Schicksal der jungen Svenya aus Dresden, die in der Nacht ihres 17. Geburtstages von einer ganz neuen Welt erfährt. Die elternlose Svenya ist aus dem Heim ausgerissen und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs in Dresden durch. Nach einer folgenschweren Nacht, in der sie zuerst in die Fänge des düsteren Prinzen der Dunkelelben Laurin gerät und gleich darauf von den Lichtelben Hagen und Raik befreit wird, wacht sie in Elbenthal auf – einem geheimen alten Reich unterhalb Dresdens. Dort erfährt sie: Svenya ist ein Schicksal als „Hüterin Midgards“ vorbestimmt. Durch einen Fluch ist es ihr verwehrt, sich weder an ihre wahre Identität zu erinnern, noch fragen zu dürfen, wer sie ist und woher sie kommt. Alles was sie erfährt: Sie ist die Anführerin der Lichtelben, die die Menschen im Verborgenen seit Jahrhunderten vor der Bedrohung aus anderen Welten bewahren.

Die Reihe

Im ersten Band „Die Hüterin Midgards“ wird Svenya ihr Schicksal enthüllt, das sie nur widerstrebend annimmt. Sie wird hart trainiert, doch ihr fällt es schwer, sich in ihre bedeutungsvolle Rolle einzufügen. Als sie versucht zu fliehen, gerät sie in die Hände von Laurin, der sie benutzen will, um ein Tor in seine Heimatwelt zu erschaffen und mit Verstärkung die Lichtelben und die Menschenwelt zu unterwefen.

In Band zwei „Der schwarze Prinz“ erhält die Geschichte, die bis hier mit rasanten Verfolgungsjagden und erbitterten Zweikämpfen gespickt ist, mehr Futter. Hier erfährt die Hauptheldin und der Leser mehr über die Geschichte der Elben, die sich stellenweise mit der germanischen Götterwelt und den Nibelungen kreuzt. Svenya muss verhindern, dass mit der Macht legendärer Schwerter ein neues Portal geöffnet wird und es kommt zu einer großen Schlacht. Das Ende hält einen fiesen Cliffhanger bereit.

Band drei „Die eisige Göttin“ ist das kämpferische Finale der Reihe. Hier rollen Köpfe, fließt Blut, aber auch die einzelnen Handlungsstränge werden wieder zusammengeführt. Die Hintergrundgeschichte wird noch einmal spannend und Geheimnisse werden aufgedeckt.

Pluspunkte

  • Die Verbindung zur nordischen Götterwelt und deutschen Mythologie fügt sich sehr gut ein und gibt dem ganzen mehr Tiefe. Der Autor hat hier intensive Recherchearbeit investiert und auch eine eigene elbische Sprache entwickelt.
  • Auch wenn mir die Hauptheldin anfänglich wenig sympathisch war, musste ich ihr von Anfang an eine starke moralische Integrität zugestehen. In der ganzen Reihe wird viel gekämpft und getötet, doch Svenya widerspricht jeglicher unnötiger Gewalt. Selbst ihren ärgsten Feinden gewährt sie Gnade und verabscheut jegliche Art von Mord, während ihre Mitstreiter aus Rache töten, oder diesen mit der Vergeltung schlechter Taten rechtfertigen.
  • Die Kampfszenen sind hervorragend durchchoreografiert. Beim Lesen läuft ein wahrer Actionfilm im Kopf ab und auch die strategischen Schachzüge der großen Schlachten dürften Liebhaber ausgefeilter Kampfkunst begeistern.

Wermutstropfen

  •  Die Andeutungen von Missbrauch im Heim im ersten Band der Reihe: Es ist zwar ein wichtiges Thema und einer der wenigen Anhaltspunkte, die der Hauptheldin einen Hauch von Vorgeschichte verleihen, trotzdem hat es sich für mich beim Lesen nicht optimal eingefügt, weil sich hier eine zu große und schwierige Thematik auftut.

Mein Fazit

Es lohnt sich! Der Leser darf sich über eine sorgfältig ausgestaltete Fantasy-Welt und eine Geschichte freuen, die sich steigert. Ivo Pala glänzt als überzeugender Erzähler mit viel Ideenreichtum, liebevollen Details und Sinn für Humor. Die wechselvolle Geschichte treibt regelmäßig den Puls hoch und macht Spaß.

Rezension: MaddAddam Trilogie

madaddam

Band 1 „Oryx und Crake“ – Band 2 „Das Jahr der Flut“ – Band 3 „Die Geschichte von Zeb“

Die kanadische Autorin Margaret Atwood erzählt in ihrer MaddAddam Trilogie von einer Zukunft in der staatliche Regierungen durch Pharma-Konzerne abgelöst wurden. Deren Mitarbeiter leben abgeriegelt und keimfrei in großen konzerneigenen Komplexen, während die Menschen draußen im „Plebsland“ ums Überleben kämpfen. Neuartige Krankheiten, Naturkatastrophen und Rohstoffknappheit bestimmen den Alltag außerhalb der schützenden Mauern. Das Szenario wird ergänzt durch die Vorstellung, dass Wissenschaftler die menschliche DNA vollkommen entschlüsselt haben und Pflanzen und Tiere beliebig manipulieren und kreuzen können.

Diese Trilogie ist jedoch alles andere als eine dreibändige Gardinenpredigt darüber, wie wir unseren Planeten behandeln. Atwood erzählt eine spannende Geschichte und zeigt die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven, sodass sich am Ende ein vielschichtiges und keineswegs ausschließlich düsteres Zukunftsbild zeichnet. Galgenhumor und Wahnsinn sind ein ständiger Begleiter der Geschichte und machen alle drei Bände kurzweilig und lesenswert. Schließlich stellt sich – wie so oft – die Frage, was die menschliche Natur ausmacht. Neben Zerstörungswut und Eigennutz ist es am Ende auch immer die Fähigkeit zu Hoffen.

Die Reihe

Im ersten Band „Oryx und Crake“ begegnet der Leser Hauptfigur Jimmy, der nach einer Pandemie scheinbar allein mit einer neuen Menschen-Spezies aus dem Labor überlebt hat. Er erzählt in Rückblenden von seinem Leben in der Konzernwelt und wie er dorthin gekommen ist, wo er ist.
Im zweiten Band „Das Jahr der Flut“ werden Nebenfiguren aus dem ersten Band zu Hauptfiguren. Dabei konzentriert sich die Handlung auf die Geschehnisse im Plebsland. Hier hat sich eine Gruppe von christlichen Ökoaktivisten unter dem Namen „Gottesgärtner“ zusammengetan und begonnen, eine eigene Parallel-Gesellschaft aufzubauen. Unter ihnen Toby, die schnell merkt, dass die Gottesgärtner mehr und mehr zum Sammelbecken für Rebellen werden.
Der dritte Band „Die Geschichte von Zeb“ setzt am Endpunkt der beiden vorhergehenden Bände ein: Es sind nur noch wenige Menschen übrig, die sich zusammentun und versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Unter ihnen die neue Menschen-Spezies, die Toby nach den Eigenheiten der menschlichen Zivilisation befragt. Angefangen bei Fragen wie „Wozu braucht man Schuhe?“ bis hin zu fast philosophischen Fragen wie „Was ist Dankbarkeit?“ muss Toby den „Crakern“ alles beibringen, wovor sie abgeschirmt waren. So erzählt sie ihnen auch die Geschichte von Mad Adam: Zeb. Er ist fast von Anfang an bei den Gottesgärtnern gewesen, die von seinem Bruder Adam geführt werden. Nach dem ersten Band in der Komplexwelt und dem zweiten Band bei den Ökoaktivisten ist der dritte Band etwas stärker auf die Technik und die Überwachung durch die Konzerne fokussiert.

Mein Fazit

Ich habe die drei Bücher hintereinander in einem Monat gelesen. Besonders stark waren die ersten beiden Bände, die sich durch die Überschneidung der Erzählung sehr gut ergänzt haben. Band drei war noch einmal eine Zusammenführung und abschließende Betrachtung, angefangen bei Stunde Null. Hier habe ich ein paar Seiten gebraucht, um reinzukommen. Insgesamt lohnen sich alle drei Bände für Fans von Zukunftsszenarien mit Hintergrund. Die korrupten Pharma-Riesen, die kurzlebige Konsumgesellschaft und der wissenschaftliche Background zum Thema Genmanipulation sind Analogien zur heutigen Zeit und eine treffende Kritik.
Ich warne davor, die MadAddam Trilogie mit den zahllosen Dystopien über einen Kamm zu scheren, die im Moment den Markt überschwemmen. Der erste Band erschien bereits 2003 und Atwood bedient hier kein Genre-Schema. Hier gibt es keine Auserwählte, keine romantische Liebe in Zeiten von Unterdrückung und keine rasanten Verfolgungsjagden. Hier ist vielmehr ein Survival-Handbuch mit einem Gesellschaftsszenario gekreuzt und mit gleichermaßen witzigen und tragischen Charakteren besetzt worden. Einige Namen der Figuren wurden nach Spenden von Stiftungen vergeben. Ein besonderes Highlight: Die neue Menschen-Spezies: Die „Craker“.

Kurz gefasst

Klug, spannend, facettenreich und – lesenswert!