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Rezension: „Radchaai Imperium“ von Ann Leckie

Die neue Science-Fiction Reihe der US-amerikanischen Autorin Ann Leckie ruft bei deutschen Lesern eher verhaltene Reaktionen hervor. Der Übersetzer Bernhard Kempen hat die Idee der Autorin von einer Sprache ohne Markierung des Geschlechts ins Deutsche übertragen und die Space Opera konsequent im generischen Femininum erzählt. Gerade dieser Aspekt scheint für die überwiegend männlichen Sci-Fi Leser ein Störfaktor zu sein. Für mich ist dieser sprachliche Kunstgriff zwar ein kreativer Clou, steht aber nicht im Vordergrund der spannenden Geschichte im Weltraum. Inzwischen stelle ich mir die Frage: Gefällt mir die Sci-Fi von Ann Leckie, weil ich ein Mädchen bin?

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Die Reihe startete 2015 in Deutschland mit Band eins „Die Maschinen“ – ein Jahr nachdem Ann Leckie mit dem englischen Original unter dem Titel „Ancillary Justice“ die renommiertesten Preise des Science-Fiction Genre abgeräumt hatte. Im Februar 2016 erschien kürzlich Band zwei „Die Mission“ und setzt die Space Opera auf dem deutschen Buchmarkt fort. Vor lauter Neugier konnte ich es natürlich nicht abwarten und habe Band zwei und Band drei auf Englisch gelesen. Fazit: Ich bin Fan. Eine Recherche zu Reaktionen und Rezensionen anderer Leser war dagegen etwas ernüchternd, denn der preisgekrönte Buchimport scheint die zurückhaltende Sci-Fi Gemeinde zu spalten. Während einige Blogger den ersten Band durchaus loben, sprechen andere von Langeweile und „Genderwahn im All“. In der Rezension auf diezukunft.de ist trotz des Lobes ebenfalls von einer sperrigen „Gender-Geschichte“ die Rede.

Das Radchaai Imperium

Die Bücher

Die Kurzfassung ohne Spoiler lautet: Der Ort der Handlung ist das galaktische Imperium der Radchaai unter der Führung des Herrschers Anander Minaai. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Protagonistin Breq, die sich als letztes menschliches Segment einer künstlichen Intelligenz eines Raumschiffes namens Gerechtigkeit der Torren durchschlägt und ihre Freunde vor dem heraufziehenden Bürgerkrieg beschützen will.
Insgesamt ist der Inhalt des Buches nicht so leicht zusammenzufassen. Denn die Buchreihe von Ann Leckie ist stark Dialog-basiert und glänzt vor allem mit spannenden politischen und moralischen Verwicklungen der Hauptperson Breq. Dabei werden viele Themen zur Diskussion gestellt.

Künstliche Intelligenz
Als Informatikerin fand ich Ann Leckies Ideen bezüglich künstlicher Intelligenz unglaublich spannend. Denn in „Die Maschinen“ wird erklärt, dass Raumschiffe wie Gerechtigkeit der Torren durchaus auf Emotionen basieren, da komplexe Entscheidungen eine viel zu umfangreiche Berechnungszeit erfordern würden. Dabei schildert die Autorin eindrucksvoll die Gedankenwelt von Breq als Raumschiff, das seine Empfindungen und Informationen durch Implantate mit zahllosen menschlichen Körpern teilt. Da Breq als einzelnes Segment das Wesen des gesamten Schiffes beherbergt, ist sie als Hauptfigur zerrissen und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Identität
Nicht nur die künstliche Intelligenzen der Raumschiffe und Raumstationen, auch das Bewusstsein des Imperators Anander Minaai teilt sich durch Implantate auf zahhlose Klone seiner selbst auf. Damit ist der Herrscher der Radch unsterblich und kann die Geschicke seines Reichs zentral lenken. Diese Aufspaltung einer Identität birgt aber auch Gefahren, die auch die Galaxie an den Rand eines Krieges bringen. Was macht den Charakter einer Person aus? Welche Eigenschaften sind untrennbar mit einem Menschen verbunden? Diese Fragen stellt sich auch der Leser von Ann Leckies Büchern.

Zivilisation
In der Sprache der Radch, bedeutet „Radchaai“ so viel wie „zivilisiert“. Der Entwurf dieser Zivilisation erweist sich als sehr interessant und birgt viel Diskussionsstoff. Denn Unterscheidungen zwischen männlichen und weiblichen Personen gelten im Imperium als primitiv und unzivilisiert. Deshalb wird nicht nur auf äußerliche sondern auch auf sprachliche Markierungen von Geschlechtern verzichtet. Das setzt Leckie in der Originalsprache der Romane unauffälliger um, als es im Deutschen möglich ist: Da Bezeichnungen wie „Gouvernor“ oder „Captain“ auf Englisch bereits neutral sind, fällt lediglich auf, dass Leckie für alle Personen „she“ als weibliches Personalpronom verwendet. In der Übersetzung hat sich Bernhard Kempen für das generische Femininum entschieden und die Verwendung des weibliche Personalpronoms mit der konsequenten Verwendung der weiblichen Endung -in ergänzt. Eine mutige Entscheidung, durch die Ann Leckies Idee noch deutlicher hervorgehoben wird. Dieser Kunstgriff stört den Lesefluss überraschenderweise kaum. Im Gegenteil: Es birgt großes humoristisches Potenzial in Szenen, in denen Breq in fremden Kulturen verzweifelt versucht, das Geschlecht ihrer Gesprächspartner zu erraten. In den Liebesszenen zwischen den Hauptpersonen ist das Geschlecht ebenfalls revolutionär nachrrangig. Zur hektoliterweise Tee schlürfenden Zivilisation der Radch gehört aber auch das Selbstverständnis einer Grundsicherung für jeden Bürger und zahlreiche andere Aspekte. So auch die „Umerziehung“, falls kriminelle Bürger ihren Auftrag in der Gesellschaft nicht erfüllen wollen, oder die sorglose Unterwerfung „unzivilisierter“ Völker anderer Planeten.
Insgesamt gibt Ann Leckie Einblick in ein System, das nicht als durchweg dystopisch oder utopisch eingestuft werden kann, da die Grenzen zwischen „Tyrannei“ und „Lenkung zum Wohle der Menschheit“ verschwimmen.

Fazit

Die Space Opera von Ann Leckie ist kurzerhand auf meiner Liste der Lieblingsbücher gelandet. Großartig finde ich dieses durchdachte Zukunftsszenario im Weltraum ohne technische Nonsens-Vokabeln, die den Lesefluss stören. Dass die Action hier etwas zurücktritt und dafür geistreichen Wortwechseln und den Überlegungen der Hauptperson Platz machen, finde ich nicht nur mutig, sondern auch durchweg gelungen. Langeweile ist beim Lesen nicht aufgekommen. Im Gegenteil: Es gibt selten eine Buchreihe, bei der ich so flott weiterlesen will.
„Die Maschinen“ und „Die Mission“ auf eine Gender-Geschichte zu reduzieren und sich über das sprachliche Experiment aufzuregen, wird diesen tollen Romanen von Ann Leckie auf keinen Fall gerecht. Insgesamt sind die Bände des „Radchaai Imperiums“ kluge Sci-Fi für alle, denen Ideen wichtiger sind als Laser-Sperrfeuer aus allen Rohren. Die Autorin sprüht förmlich vor Einfällen und bringt brillante Überlegungen in die Handlung mit ein. Dabei hält die deutsche Übersetzung von Bernhard Kempen dem direkten Vergleich mit der englischen Vorlage stand und  erschafft eine ganz eigene Qualität von Roman.

Too long, didn’t read: Lesebefehl! 😉

Rezension: Euphorie und Dystopie

Es ist das Jahr der schlechten Aussichten: Flüchtlingskrise, Klimaprobleme und Ebola-Epidemie haben 2015 die Nachrichten bestimmt. Kein Wunder, dass die Literatur diese Themen aufnimmt und den Faden weiterspinnt: Wie lange hält unsere Gesellschaft das aus? Die Antwort liefern uns dystopische Romane, wie etwa die Bücher von Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ oder „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle. Beide Bücher sind im September 2015 erschienen und behandeln das selbstverschuldete Ende unserer Zivilisation.

wpid-img_20151021_092416.jpgEmily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ erzählt von einer verheerenden Pandemie aus unterschiedlichen Persepktiven. Das Schicksal der Hauptfiguren ist verbunden durch die Bekanntschaft mit dem Schauspieler Arthur, dem die Gnade zuteil wurde, am Vorabend der Apokalypse an einem Herzinfarkt zu sterben. Danach bricht über die Protagonisten das Ende der Welt herein: Die hochansteckende „Georgische Grippe“ verbreitet sich in unserer globalisierten Welt rasend schnell und löscht beinah die gesamte Menschheit aus. Die wenigen Überlebenden wühlen sich durch wertlos gewordene Autowracks, tote Elektrogeräte und übrig gebliebene Luxusgüter. Was in der neuen Welt zählt, sind Gewehre, Nahrung und gute Abwehrkräfte. Flugzeuge, die am Boden bleiben und Handys, die nie mehr klingeln, werden zum Symbol vergangener Zeiten.
Die kanadische Autorin Emily St. John Mandel philosophiert locker und leicht, während sie die Handlung mit Rückblenden in das Leben von Arthur vor der Pandemie entschleunigt und gleichzeitig anhand seiner Erlebnisse die Dekadenz und Selbstentfremdung der Menschen in unserer modernen Welt zeigt. „Das Licht der letzten Tage“ ist definitiv kein fesselndes Schreckensszenario und kein dystopischer-Thriller. Dafür ist Mandels Roman eine Studie über das Wesen der Menschen im Ausnahmezustand. Während auf der einen Seite das Hauen und Stechen um Ressourcen und Macht beginnt, gibt es andererseits eine fahrende Truppe Schauspieler, die nach dem Motto „Überleben allein ist unzureichend“ durch das Land zieht und die Menschen an das Schöne und Wahre erinnert. Auch wenn die Erinnerungen an die „alte Welt“ schwindet, gibt es am Ende eine Hoffnung auf den Wiederaufbau der Zivilisation.

„Eigentlich müssten wir tanzen“ liest sich im Vergleich dazu desillusionierter, härter und gefährlicher. Heinz Helle landete mit seinem Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. In der Geschichte verbringt eine Gruppe Männer ein heiteres Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurück kommen, in der Erwartung in ihre Jobs als Architekt, Mikrobiologen, Kaufmann oder Versicherungsvertreter zurückkehren zu müssen, ist allerdings die menschliche Zivilisation zerstört. wpid-20151029_180508.jpgWas ist passiert? Heinz Helle erschafft mit wenigen Worten und sprachlich dichten Sätzen ein Mosaik aus Erlebnissen vor – und nach der Katastrophe mit viel Spielraum für eigene Theorien. Die Männer werden zu einem Rudel wilder Tiere, einem „Wir“, das gemeinsam ums Überleben ringt. Aber wofür Weiterleben? Sie streifen durch Süddeutschland und finden verbrannte Städte und verbrannte Leichen. Unsere Zivilisation, so scheint es in Helles Roman, hat sich überhitzt und hat ihr Verfallsdatum einfach überschritten. Die Protagonisten sind nicht daran gestorben, aber vom „Glück“ zu Überleben spricht niemand. Sie leben von Resten aus Supermärkten, suchen Brennmaterial für ein bisschen Wärme und durchwühlen Schrott nach Brauchbarem, das auf ihrem endlosen Fußmarsch schließlich doch wertloser Ballst wird. Papiergeld taugt nur noch, um damit Feuer zu machen und die toten Smartphones sind Erinnerungsstücke an ein früheres Leben mit weichen Betten, Räuschen in Nachtclubs und Jobs mit nervigen Kunden. Besitz und Mitgefühl wirken im Abglanz der Zerstörung wie schlechte Angewohnheiten. Heinz Helles sprachlich ausgefeilte Dystopie ist ein Schlag in die Magengrube, aber ein intelligenter Roman zum Nachdenken.

Beide Bücher fördern Unmenschliches nach der Apokalypse zutage. In den Romanen „Das Licht der letzten Tage“ und „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist Menschlichkeit ein Luxus mit Halbwertzeit. Auch wenn der Stil und die Prognosen der Bücher von Emily St. John Mandel und Heinz Helle nicht miteinander zu vergleichen sind, haben doch beide Bücher eine Gemeinsamkeit: Es geht ihnen nicht darum, Nervenkitzel mit Spannungsbogen zu liefern, sondern sie zeigen die Selbstverständlichkeit unseres Komforts und wie fragil unsere moralischen Ansprüche im Ausnahmezustand sind. Aber egal wie wir untergehen, ich möchte es halten wie eine der Figuren aus „Das Licht der letzten Tage“. Am Ende möchte ich in den Spiegel blicken und sagen können: „Ich bereue nichts.“

Rezension: Der Klassiker, das Kultbuch und der Neue

Stellt eure Faser auf Betäubung und begebt euch in eine aufrechte Position: Das ist das Science-Fiction Triple Feature. Mit Aldous Huxleys Klassiker „Schöne neue Welt“, dem Kultbuch „Metro 2033“ von Dimitry Glukhovsky und Leif Randts Neuling „Planet Magnon“ habe ich mich in den letzten Wochen in die Zukunft begeben und einen Querschnitt durch das Genre gewagt.

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„Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley erschien bereits 1932 und zählt noch immer zu den Standardwerken der Zukunftsromane. In diesem Szenario reproduzieren sich die Menschen, statt sich fortzupflanzen und werden auf ihre soziale Stellung und Arbeit genetisch genormt. Alter, Krankheit und Unzufriedenheit sind im System nicht vorgesehen, in dem die Familie abgeschafft wurde und ein Weltaufsichtsrat die Geschicke der Menschheit im Namen des Gottes des Kapitalismus lenkt.
Das faszinierende an dem kurzweiligen Roman ist, dass am Ende wirklich nicht klar ist, ob die Prognose eine düstere ist. Denn tatsächlich funktioniert das System. Dank Genetik, Drogen und effektiver Indoktrinierung im Schlaf ist es in dieser Zukunft einfach nicht mehr möglich, unglücklich zu sein.

„Metro 2033“ von Dimitry Glukhovsky erschien 2007 und spielt in einer Zukunft, in der ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht hat und die Überlebenden sich in den strahlensicheren Schächten der Moskauer Metro verschanzt haben. Der russische Autor schreibt in dem Roman, der als Vorlage für ein Computerspiel diente, von einer Gesellschaft im Untergrund, die nichts aus den Fehlern der alten Zivilisation gelernt hat. Ideologien wie Kommunismus, Faschismus und religiöser Fanatismus, sowie die damit verbundenen Konflikte spielen sich hier auf viel engerem Raum ab. Protagonist Artjom irrt mit seinem schicksalshaften Auftrag durch die verfeindeten Stationen, um seine Heimatstation vor einer unheimlichen Bedrohung zu bewahren. Glukhovsky schafft es dabei, dem Leser die beklemmende Dunkelheit der Tunnel bis in die Knochen kriechen zu lassen und die allzu glücklichen Fügungen für den Haupthelden in eine trotzdem mystisch-packende Romanhandlung zu gießen.

Leif Randt hat in diesem Jahr mit „Planet Magnon“ einen ganz neuen Sci-Fi Roman bei Kiepenheuer&Witsch veröffentlicht. In seinem Buch leben die Menschen in einem friedlichen Sonnensystem, in dem Kollektive das gesellschaftliche und intellektuelle Leben beeinflussen. Gelenkt wird die Bevölkerung der Planeten durch eine Technologie namens „ActualSanity“, die aufgrund statistischer Daten und Prognosen, die Politik und Wirtschaft des Sonnensystems steuert. Die „AS“ ist eine allmächtige und beinahe gottgleiche Macht, deren Entscheidungen die Planetenbewohner nicht immer nachvollziehen können, aber auf die alle vertrauen. Der Roman liest sich dabei flüssig und spannend. Hier stehen mehr Ideen und Überzeugungen im Mittelpunkt, als seitenlange Beschreibungen neuer Erfindungen. Besonders interessant ist dabei die Droge „Magnon“: Während in „Schöne neue Welt“ die Droge „Soma“ Sorgen und Zweifel der Menschen betäubt, fördert Magnon in Leif Randts Roman ein geschärftes, unabhängiges Denken.

Auch wenn die drei Romane nicht direkt miteinander vergleichbar sind, finden sich in ihnen gemeinsame Fragestellungen. Was macht das Menschsein aus? Und: Was ist Freiheit? Die Antworten fallen unterschiedlich aus, aber sind in den spannenden Geschichten zwischen den Zeilen verwoben. Alle drei Romane bieten Sätze, die sich im Kopf festsetzen und Romanhandlungen, die den Leser fesseln.
Es lohnt sich, den Blick in die Zukunft zu wagen. Nach dem Zuklappen der Buchdeckel ist zum Glück alles wieder beim Alten.

Rezension: Zukunftsromane von Jirgl und Klein

Reinhard Jirgl und Georg Klein haben beide im gleichen Jahr zwei Romane veröffentlicht, die sich mit der Zukunft der Menschheit beschäftigen. Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ und Kleins „Die Zukunft des Mars“ erschienen 2013 und erzählen beide auf ihre Weise wie eine Zukunft aussieht, in der die Marsbesiedlung Realität geworden ist.  „Juhu, Marsbesiedlung“, dachte ich. „Juhu, Jirgl und Klein“, dachte ich. Also habe ich angefangen zu lesen.

In Reinhard Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ kehren die Menschen, die seit mehreren Generationen auf dem Mars leben zurück auf die Erde, denn das Terra-Forming Projekt muss nachgebessert werden. In ihrer Abwesenheit hat sich die Gesellschaft der Menschen jedoch stark verändert. Die Ländergemeinschaften sind isoliert voneinander, jegliche Art von Konflikt ist beigelegt, die menschliche Natur ist durch einen Eingriff in das Erbgut völlig frei von Aggressionen, sexuellen Bedürfnissen und der Notwendigkeit von emotionalen Bindungen. wpid-img_20140726_090633.jpg
Die Marsmenschen sind hingegen den heutigen Menschen in Sprache, Denkweisen und Temperament ähnlich geblieben. Sie reißen die Macht auf der Erde an sich, „korrigieren“ das veränderte Erbgut der schlaffen Erdenmenschen und verpflichten Zwangsarbeiter.
Jirgl erzählt sehr verdichtet, lyrisch und technisch vom großen Universum, in dessen Maßstab von Zeit und Raum der Mensch nur eine kleine Anomalie ist.

In Georg Kleins „Die Zukunft des Mars“ haben die Menschen ebenfalls versucht, den Mars zu besiedeln. Dieses Vorhaben wird jedoch als gescheitert betrachtet, da der Kontakt zu den Kolonisten nach einem schweren Unglück abbrach. Doch der Leser erfährt von einer Gesellschaft auf dem Mars, die sich ohne Kontakt zu den Vorvätern auf der Erde, eigenständig und mit zäher Ausdauer weiterentwickelt. Wechselnd erzählt Klein von dem entbehrungsreichen Leben auf dem Mars und dem Leben auf der Erde, das von Krieg, Mangel und Krankheiten gekennzeichnet ist. wpid-img_20140824_173405.jpg
Während der junge Hilfsarzt Porrporr in seinen heimlichen Aufzeichnungen Einblick in die Kultur auf dem Mars gibt, wird auf der Erde die Geschichte der Lehrerin Elussa und ihrer Tochter Alide erzählt. Georg Klein liefert einen spannenden Zukunftsroman, der ohne langatmige wissenschaftliche Ausführungen auskommt und dem Leser trotzdem ein geschlossenes Zukunftsbild zeichnet.

Brüder im Geiste: Georg Kleins und Reinhard Jirgl haben sich einem ganz ähnlichen Thema gewidmet. Schafft es der Mensch, den Mars zu kolonisieren? Was passiert mit den Menschen auf der Erde?
Jirgl beantwortet diese Fragen fast schon wissenschaftlich. Basierend auf heutigen Prognosen und Technologien extrapoliert er ein Zukunftsszenario, das teilweise denkbar aber nicht sehr reizvoll ist. Der Grundtenor ist ein alter Bekannter: Der Mensch richtet sich selbst zugrunde. Und: Geschichte wiederholt sich. Sein Hauptheld fügt sich in sein wechselhaftes Schicksal und steuert unaufhaltsam mit dem Rest der Menschheit auf die große Katastrophe zu. Dabei seziert Jirgl mit seiner verdichteten Sprache und seiner eigenwilligen Interpunktion unsere Kultur und Denkmuster. Entstanden durch einen unwiederholbaren Zufall, hinterlässt der Mensch eine Schneise der Zerstörung hinter sich und verschwindet schließlich von der Bildfläche.
Auch bei Klein ist die Zukunft keine goldene: Der Mensch verschenkt die Chancen der von ihm entwickelten Technologien, die Marsmission geht über Kriege und Konflikte in Vergessenheit. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass die Erdengesellschaft in Kleins Roman durch Krankheit, Krieg und Katastrophe sogar in die Vergangenheit zurückgeworfen wurde. Kleins Roman liest sich flüssiger als der kopflastige Roman von Jirgl. Er erzählt eine Zukunftsgeschichte mit sympathischen Haupthelden, überraschenden Wendungen und Happy-End, der Leser kann sich vollständig in der Atmosphäre des Romans verlieren. Beide Autoren sind hervorragende Erzähler. Jirgls Stil und Sprachgewalt überfordern den Leser auf angenehm anregende Weise.

Die Lektüre von Jirgls Buch hat allederdings weit mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich für ein Buch gleicher Stärke gewohnt war. „Juhuu“, habe ich erst wieder gedacht als ich es endlich durchgelesen hatte.

Update zum Wochenende: Mein Lesestoff

Lesestoff

Ein Filet-Stück aus meinem SuB: Reinhard Jirgl „Nichts von euch auf Erden“ nimmt mich seit einer Woche ganz gefangen. Durch seine ungewöhnliche Interpunktion und seine unheimlich verdichte Sprache lese ich mich im Genießer-Tempo durch die Handlung: schön langsam. Ich bin hell begeistert. Eine Rezension folgt bald!

Rezension: MaddAddam Trilogie

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Band 1 „Oryx und Crake“ – Band 2 „Das Jahr der Flut“ – Band 3 „Die Geschichte von Zeb“

Die kanadische Autorin Margaret Atwood erzählt in ihrer MaddAddam Trilogie von einer Zukunft in der staatliche Regierungen durch Pharma-Konzerne abgelöst wurden. Deren Mitarbeiter leben abgeriegelt und keimfrei in großen konzerneigenen Komplexen, während die Menschen draußen im „Plebsland“ ums Überleben kämpfen. Neuartige Krankheiten, Naturkatastrophen und Rohstoffknappheit bestimmen den Alltag außerhalb der schützenden Mauern. Das Szenario wird ergänzt durch die Vorstellung, dass Wissenschaftler die menschliche DNA vollkommen entschlüsselt haben und Pflanzen und Tiere beliebig manipulieren und kreuzen können.

Diese Trilogie ist jedoch alles andere als eine dreibändige Gardinenpredigt darüber, wie wir unseren Planeten behandeln. Atwood erzählt eine spannende Geschichte und zeigt die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven, sodass sich am Ende ein vielschichtiges und keineswegs ausschließlich düsteres Zukunftsbild zeichnet. Galgenhumor und Wahnsinn sind ein ständiger Begleiter der Geschichte und machen alle drei Bände kurzweilig und lesenswert. Schließlich stellt sich – wie so oft – die Frage, was die menschliche Natur ausmacht. Neben Zerstörungswut und Eigennutz ist es am Ende auch immer die Fähigkeit zu Hoffen.

Die Reihe

Im ersten Band „Oryx und Crake“ begegnet der Leser Hauptfigur Jimmy, der nach einer Pandemie scheinbar allein mit einer neuen Menschen-Spezies aus dem Labor überlebt hat. Er erzählt in Rückblenden von seinem Leben in der Konzernwelt und wie er dorthin gekommen ist, wo er ist.
Im zweiten Band „Das Jahr der Flut“ werden Nebenfiguren aus dem ersten Band zu Hauptfiguren. Dabei konzentriert sich die Handlung auf die Geschehnisse im Plebsland. Hier hat sich eine Gruppe von christlichen Ökoaktivisten unter dem Namen „Gottesgärtner“ zusammengetan und begonnen, eine eigene Parallel-Gesellschaft aufzubauen. Unter ihnen Toby, die schnell merkt, dass die Gottesgärtner mehr und mehr zum Sammelbecken für Rebellen werden.
Der dritte Band „Die Geschichte von Zeb“ setzt am Endpunkt der beiden vorhergehenden Bände ein: Es sind nur noch wenige Menschen übrig, die sich zusammentun und versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Unter ihnen die neue Menschen-Spezies, die Toby nach den Eigenheiten der menschlichen Zivilisation befragt. Angefangen bei Fragen wie „Wozu braucht man Schuhe?“ bis hin zu fast philosophischen Fragen wie „Was ist Dankbarkeit?“ muss Toby den „Crakern“ alles beibringen, wovor sie abgeschirmt waren. So erzählt sie ihnen auch die Geschichte von Mad Adam: Zeb. Er ist fast von Anfang an bei den Gottesgärtnern gewesen, die von seinem Bruder Adam geführt werden. Nach dem ersten Band in der Komplexwelt und dem zweiten Band bei den Ökoaktivisten ist der dritte Band etwas stärker auf die Technik und die Überwachung durch die Konzerne fokussiert.

Mein Fazit

Ich habe die drei Bücher hintereinander in einem Monat gelesen. Besonders stark waren die ersten beiden Bände, die sich durch die Überschneidung der Erzählung sehr gut ergänzt haben. Band drei war noch einmal eine Zusammenführung und abschließende Betrachtung, angefangen bei Stunde Null. Hier habe ich ein paar Seiten gebraucht, um reinzukommen. Insgesamt lohnen sich alle drei Bände für Fans von Zukunftsszenarien mit Hintergrund. Die korrupten Pharma-Riesen, die kurzlebige Konsumgesellschaft und der wissenschaftliche Background zum Thema Genmanipulation sind Analogien zur heutigen Zeit und eine treffende Kritik.
Ich warne davor, die MadAddam Trilogie mit den zahllosen Dystopien über einen Kamm zu scheren, die im Moment den Markt überschwemmen. Der erste Band erschien bereits 2003 und Atwood bedient hier kein Genre-Schema. Hier gibt es keine Auserwählte, keine romantische Liebe in Zeiten von Unterdrückung und keine rasanten Verfolgungsjagden. Hier ist vielmehr ein Survival-Handbuch mit einem Gesellschaftsszenario gekreuzt und mit gleichermaßen witzigen und tragischen Charakteren besetzt worden. Einige Namen der Figuren wurden nach Spenden von Stiftungen vergeben. Ein besonderes Highlight: Die neue Menschen-Spezies: Die „Craker“.

Kurz gefasst

Klug, spannend, facettenreich und – lesenswert!