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Rezension: Meine Woche mit Michel Houellebecq

Der neue Roman des französischen Autors Michel Houellebecq „Unterwerfung“ bekommt derzeit viel Aufmerksamkeit. Ich bin ein großer Fan seiner Gedichte, hatte aber noch „Karte und Gebiet“ auf der Wunschliste. Meine Befürchtung: Wenn ich zuerst die umstrittene Neuerscheinung lese, versaue ich mir einen ungetrübten Blick auf den Rest seiner Romane. Mein Plan: Chronologisch vorgehen, denn sicher ist sicher. Das Ergebnis war ein kleiner Houellebecq-Sprint. In der Tram auf dem Weg zu Uni habe ich innerhalb einer Woche beide Romane durchgelesen und bin sehr zufrieden.

„Karte und Gebiet“ erzählt die Geschichte eines Künstlers in Paris und porträtiert damit nicht nur die Pariser Kunstszene, sondern liefert gleichzeitig einen kleinen Krimi indem der Autor Michel Houellebecq höchstpersönlich das Mordopfer ist. Aber es steckt noch viel mehr in diesem tollen Roman: Jed Martin ist ein schüchterner Eigenbrötler und verdient sich den Ruhm der Kunstwelt mit Ehrgeiz und Fleiß. Während er sich in seiner künstlerischen Arbeit stetig weiterentwickelt, bleibt er in seiner persönlichen Entwicklung allerdings völlig stehen. Theorie und Praxis in zwischenmenschlichen Dingen passen bei dem Protagonisten nicht zusammen. Die Bindung zwischen Eltern und Sohn, die Beziehung zu einer Frau oder Freundschaft unter Männern sind unstete Zwischenspiele. Er verewigt sich durch seine Arbeit im kollektiven Gedächtnis der Menschen, statt Sinn und Erfüllung für sein Leben im konventionellen Muster Frau-Kind-Haus zu suchen, das viel zu fragil und dessen Glück, wenn überhaupt, nur von kurzer Dauer ist.

„Unterwerfung“ ist ein Zukunfts-Szenario und dreht sich anfangs stark um den frustrierten Protagonisten: Einen in die Jahre gekommenen Junggesellen in Paris, der seiner einzigen nennenswerten Beziehung und seiner schwindenen Libido hinterher trauert. Außerhalb der Universität an der er Literaturwissenschaft lehrt, interessiert ihn Politik zunächst kaum. Doch die Wahlen im Jahr 2022 verändern die Gesellschaft von Frankreich grundlegend. Eine islamische Partei schafft es an die Spitze der Regierung und lässt Front National, sowie die identitäre Bewegung hinter sich. Der politische Führer ist ein moderner Muslim, der andere Religionen respektiert und versucht, sich von der Kontrolle der Öl-Staaten loszusagen. Allerdings setzt er mit seiner Partei schrittweise Neuerungen durch, die das Ende des Zeitalter des christlichen Abendlandes einläuten: Der Großteil der Bildungseinrichtungen wird muslimisch geprägt, die Rechte der Frauen eingeschränkt, Polygamie wird legalisiert.
Grusel, grusel. Das ist der Stoff aus dem die Träume von Verschwörungstheoretikern gemacht sind.

Die Unterwerfung

Michel Houellebecq
„Unterwerfung“
Dumont Verlag

Houellebecq beschreibt diese Entwicklung aber sehr natürlich. Der Protagonist wird Zeuge der Entwicklungen und macht dabei seine eigene Entwicklung durch. Er beginnt, sich mit gesellschaftlichen Vorgängen auseinanderzusetzen und sucht nach seinem Platz in der Welt. Dabei beschäftigt er sich auch mit dem Katholizismus, der ihm jedoch nichts mehr bieten kann. Am Ende, ACHTUNG SPOILER, fügt er sich schließlich ein, konvertiert zum Islam und wird Teil der neuen Gesellschaft mit muslimischer Prägung. Und mit ihm hängen die renommiertesten männlichen Akademiker ihr Fähnlein in den Wind.

So richtig begeistert bin ich von Houellebecqs neuestem Roman noch nicht. Der Hang zum jammernden Protagonisten, der die Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit des Lebens betrauert, ist besorgniserregend. In beiden Büchern werden die Hauptpersonen von ihrer einzigen Liebe verlassen und können sich für eine neue Beziehung nicht so recht begeistern. Der sexuell frustrierte Akademiker in „Unterwerfung“ wünscht sich doch „nur“ eine Frau, die gut kochen kann und eine Granate im Bett ist. Am Ende lockt die Polygamie mit genug Frauen um alle Bedürfnisse abzudecken – wie praktisch. In „Karte und Gebiet“ wirkt der Mangel an erotischer Leidenschaft allerdings wie eine Stärke, um sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu lösen.

Fest steht, dass Michel Houellebecq ein brillanter Erzähler ist. Es fällt schwer, die Romane auf ein einziges Thema festzunageln, wenn der Autor so vieles zur Sprache bringt – und allein das ist ein Genuss. Witz, Beobachtungsgabe und ein scharfer Verstand stehen hinter diesen Büchern, die den Leser an den Rand der Sinnkrise bringen: Es läuft alles auf Verfall, Verlust und Vergessen hinaus und die kurze Zeit, die wir haben, lassen wir uns von Konventionen und schlechter Politik versauen. Wo die Geschichten von Houellebecq aufhören, fängt das Nachdenken an. Über das Leben, über unsere eigene Passivität und über eine Zukunft, die so nicht eintreten muss – über die wir uns dennoch selbst klar werden müssen, wo wir stehen und wie wir miteinander umgehen.

Rezension: Gestalt des letzten Ufers

Eigentlich ist es ziemlich ärgerlich, festzustellen, dass ich
immer noch imstande bin zu hoffen.

Gestalt des letzten Ufers

Michel Houellebecq „Gestalt des letzten Ufers“ Dumont Verlag

Der Mensch: Ein vergängliches, einfältiges Wesen im großen, kalten Universum. Der französische Autor Michel Houellebecq vermittelt in seinem Gedichtband „Gestalt des letzten Ufers“ das Gefühl von gleichzeitiger zynischer Klarheit und Verlorenheit. Er fängt Alltäglichkeiten in einem Kaleidoskop aus Vergänglichkeit, Körperlichkeit und Sehnsucht ein und verdichtet seine Gedanken zu schwerelos und greifbar wirkenden Versen.
Die beiden Übersetzer Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel haben im Deutschen den Sound des Dichters getroffen und darauf verzichtet, die französischen Reime auf Biegen und Brechen zu übernehmen. Da die Gedichte zweisprachig abgedruckt sind, kann der Leser selbst den Vergleich ziehen und zum einen die stimmigen Verse flüssig auf Deutsch lesen, zum anderen kann er mit ein wenig Französischkenntnissen ein eigenes Bild von Houellebecqs Sprachgefühl bekommen.

Gedicht

Mein Fazit

Ich bin ganz begeistert von meinem neuesten Zuwachs für mein Lyrik-Regal! Stilistisch würde ich Houellebecqs Gedichte zwischen der Lyrik von Bert Brecht, Charles Bukowski und Michael Lentz verorten. Wer sich gern einmal an moderne Lyrik heranwagen will und sich nicht gleich auf abgefahrene Sprachexperimente einlassen möchte, sollte sich diesen Band vornehmen. Ich lese Gedichtbände nie linear von vorn bis hinten. Ich nehme sie meistens abends zur Hand, lese ein bis drei Gedichte, lege sie wieder beiseite, schlage später an anderer Stelle auf, merke mir Lieblings-Passagen. In der wunderbaren Ausstattung von „Gestalt des letzten Ufers“ gibt es zum Glück neben einem Lesebändchen auch eine Klappe, mit der Lieblingsstellen eingemerkt werden können.
Auch ohne Vorkenntnis der Romane des Autors kann man mit diesen Gedichten Houellebecq-Fan werden. Zwischen den Zeilen hängt eine ganz besondere Melancholie, die nicht beschwert, sondern den Blick frei macht. Manchmal düster ohne Bitterkeit, manchmal radikal ohne viel Lärm – volle Punktzahl für „Gestalt des letzten Ufers“!

(ein moment der kosmologie)

Wenn die Nacht sich zerteilt zu verlangsamten Vögeln
Und die Tage keinerlei Alternative mehr bieten
Muss man aufhören zu leben, ohne Verzug und ohne Lärm
Das Nichts bietet uns relativen Frieden

Es sei denn, man stellte sich vor, dass wir weiterleben
Weiterleben ohne Bewusstsein, dass unsere idiotischen Atome
Redundant und rund wie Kugeln beim Lotto
Sich neu zusammensetzen wie die Seiten eines Buches

Das ein Arschloch schreibt
Und Schwachköpfe lesen