Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Beiträge mit Schlagwort ‘piper’

Rezension: Euphorie und Dystopie

Es ist das Jahr der schlechten Aussichten: Flüchtlingskrise, Klimaprobleme und Ebola-Epidemie haben 2015 die Nachrichten bestimmt. Kein Wunder, dass die Literatur diese Themen aufnimmt und den Faden weiterspinnt: Wie lange hält unsere Gesellschaft das aus? Die Antwort liefern uns dystopische Romane, wie etwa die Bücher von Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ oder „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle. Beide Bücher sind im September 2015 erschienen und behandeln das selbstverschuldete Ende unserer Zivilisation.

wpid-img_20151021_092416.jpgEmily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ erzählt von einer verheerenden Pandemie aus unterschiedlichen Persepktiven. Das Schicksal der Hauptfiguren ist verbunden durch die Bekanntschaft mit dem Schauspieler Arthur, dem die Gnade zuteil wurde, am Vorabend der Apokalypse an einem Herzinfarkt zu sterben. Danach bricht über die Protagonisten das Ende der Welt herein: Die hochansteckende „Georgische Grippe“ verbreitet sich in unserer globalisierten Welt rasend schnell und löscht beinah die gesamte Menschheit aus. Die wenigen Überlebenden wühlen sich durch wertlos gewordene Autowracks, tote Elektrogeräte und übrig gebliebene Luxusgüter. Was in der neuen Welt zählt, sind Gewehre, Nahrung und gute Abwehrkräfte. Flugzeuge, die am Boden bleiben und Handys, die nie mehr klingeln, werden zum Symbol vergangener Zeiten.
Die kanadische Autorin Emily St. John Mandel philosophiert locker und leicht, während sie die Handlung mit Rückblenden in das Leben von Arthur vor der Pandemie entschleunigt und gleichzeitig anhand seiner Erlebnisse die Dekadenz und Selbstentfremdung der Menschen in unserer modernen Welt zeigt. „Das Licht der letzten Tage“ ist definitiv kein fesselndes Schreckensszenario und kein dystopischer-Thriller. Dafür ist Mandels Roman eine Studie über das Wesen der Menschen im Ausnahmezustand. Während auf der einen Seite das Hauen und Stechen um Ressourcen und Macht beginnt, gibt es andererseits eine fahrende Truppe Schauspieler, die nach dem Motto „Überleben allein ist unzureichend“ durch das Land zieht und die Menschen an das Schöne und Wahre erinnert. Auch wenn die Erinnerungen an die „alte Welt“ schwindet, gibt es am Ende eine Hoffnung auf den Wiederaufbau der Zivilisation.

„Eigentlich müssten wir tanzen“ liest sich im Vergleich dazu desillusionierter, härter und gefährlicher. Heinz Helle landete mit seinem Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. In der Geschichte verbringt eine Gruppe Männer ein heiteres Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurück kommen, in der Erwartung in ihre Jobs als Architekt, Mikrobiologen, Kaufmann oder Versicherungsvertreter zurückkehren zu müssen, ist allerdings die menschliche Zivilisation zerstört. wpid-20151029_180508.jpgWas ist passiert? Heinz Helle erschafft mit wenigen Worten und sprachlich dichten Sätzen ein Mosaik aus Erlebnissen vor – und nach der Katastrophe mit viel Spielraum für eigene Theorien. Die Männer werden zu einem Rudel wilder Tiere, einem „Wir“, das gemeinsam ums Überleben ringt. Aber wofür Weiterleben? Sie streifen durch Süddeutschland und finden verbrannte Städte und verbrannte Leichen. Unsere Zivilisation, so scheint es in Helles Roman, hat sich überhitzt und hat ihr Verfallsdatum einfach überschritten. Die Protagonisten sind nicht daran gestorben, aber vom „Glück“ zu Überleben spricht niemand. Sie leben von Resten aus Supermärkten, suchen Brennmaterial für ein bisschen Wärme und durchwühlen Schrott nach Brauchbarem, das auf ihrem endlosen Fußmarsch schließlich doch wertloser Ballst wird. Papiergeld taugt nur noch, um damit Feuer zu machen und die toten Smartphones sind Erinnerungsstücke an ein früheres Leben mit weichen Betten, Räuschen in Nachtclubs und Jobs mit nervigen Kunden. Besitz und Mitgefühl wirken im Abglanz der Zerstörung wie schlechte Angewohnheiten. Heinz Helles sprachlich ausgefeilte Dystopie ist ein Schlag in die Magengrube, aber ein intelligenter Roman zum Nachdenken.

Beide Bücher fördern Unmenschliches nach der Apokalypse zutage. In den Romanen „Das Licht der letzten Tage“ und „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist Menschlichkeit ein Luxus mit Halbwertzeit. Auch wenn der Stil und die Prognosen der Bücher von Emily St. John Mandel und Heinz Helle nicht miteinander zu vergleichen sind, haben doch beide Bücher eine Gemeinsamkeit: Es geht ihnen nicht darum, Nervenkitzel mit Spannungsbogen zu liefern, sondern sie zeigen die Selbstverständlichkeit unseres Komforts und wie fragil unsere moralischen Ansprüche im Ausnahmezustand sind. Aber egal wie wir untergehen, ich möchte es halten wie eine der Figuren aus „Das Licht der letzten Tage“. Am Ende möchte ich in den Spiegel blicken und sagen können: „Ich bereue nichts.“

Advertisements