Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Wenn ich auf andere Buchverrückte treffe, ist gleich nach „Was liest du?“ meine nächste Frage „Wie liest du?“. Die meisten Vielleser lassen sich schon längst nicht mehr auf die Entscheidung zwischen print oder digital einschränken. Allerdings bleibt offen, ob E-Reader, Smartphone oder Tablet die beste Wahl ist. Für mich ist mein Sony-Reader das einzige digitale Lesegerät gewesen. Bis jetzt.

A Story a Day

Screenshot: Die App ist ein Projekt des Voland und Quist Verlages.

Die Kurzgeschichten-App „A Story A Day“ vom jungen Verlag Voland & Quist hat mich erstmals zum Lesen ans Smartphone geholt. Der Dresdner Indie-Verlag hat unter anderem Lesebühnen-Autoren und Slam-Poeten wie Julius Fischer, Marc-Uwe Kling, Volker Strübing und Kirsten Fuchs im Programm. Mit der App „A Story A Day“ gibt es von diesen und weiteren Autoren, jeden Tag eine neue Geschichte aufs Handy. Der Download ist kostenlos, das Abonnement für die Geschichten kostet 3,95 Euro im Monat.

Vier Euro monatlich? Nein! – Doch! – Ah! Für jemanden wie mich, der Nachrichten für umme aus dem Internet schmarotzt, ist das ein Preis zum Grübeln. Es ist aber wohl kaum die Höhe des Preises, denn so viel kostet eine Halbe Bier in einer Münchener Kneipe oder ein Tagesticket für die U-Bahn. Es geht ums Prinzip. Es ist das Gefühl der monatlichen finanziellen Verbindlichkeit, das mir anfangs Unbehagen bereitet hat. Und trotzdem habe ich es probiert. Ich will lesen. Ich will Geschichten. Und wenn es ein interessantes Projekt von einem jungen Verlag mit tollen Autoren gibt, will ich es unterstützen.

Die App selbst ist leicht zu steuern: Auf dem Startbildschirm findet sich die Geschichte des Tages. Am Ende können Herzchen und Sternchen verteilt werden. Sie werden gespeichert und sind unter Autoren und Titeln später aufrufbar. „Die Favoriten“ zeigen die geherzten Geschichten, die sich zu einem übersichtlichen Best-of akkumulieren. Die Ladezeiten sind gering und der sanftgraue Hintergrund macht das Lesen angenehm am Smartphone-Bildschirm.

Favoriten

Screenshot: Die Lieblingsgeschichten werden gesammelt und übersichtlich angezeigt.

Das Wichtigste sind natürlich die Geschichten. Wer den Voland & Quist Verlag bereits kennt und liebt, dem muss ich wohl nicht mehr sagen außer: Großartigst! Es lohnt sich. Wem die Namen der Autoren erstmal nicht bekannt vorkommen, der bekommt mit den Geschichten einen Querschnitt von der Literatur abseits der großen Bestseller-Maschinen. Nachdenklich, kritisch, rotzig, experimentell, kurzweilig, ernst, klug und lustig kommen die Texte  daher.
Die Mischung ist abwechslungsreich, die Themen vielfältig. So beschreibt Kirsten Fuchs einen Elternabend im Kindergarten zum Kaputtlachen. Oder Jochen Schmidt parodiert in „Die Ideale Gutenachtgeschichte“ die große russische Literatur. Olja Savičević erzählt in „Straße, Pavillons“ von Liebe. Wenn an einem Tag kein großer Knaller dabei ist, ist am nächsten Tag die Neugier auf die neue Geschichte groß und auf der Homepage zur App findet sich ein Redaktionsplan mit den angekündigten Texten.

Wie lange ich das Abo laufen lasse, habe ich noch nicht festgelegt. Fürs erste sauge ich die Geschichten in mich auf und freue mich, dass es etwas Schönes auf meinem Smartphone zu lesen gibt. Wenn ich in der U-Bahn sitze oder in der Kneipe auf meine Verabredung warte, freue ich mich über die gut investierten vier Euro.

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Die Nachrichten sind voll Trauer und Verlust: Flugzeugabsturz, Wohnhausexplosion, Bomben im Nahen Osten, der Tod des schwedischen Nobelpreisträgers Tranströmer. Wir stehen dem Leid mit Hilflosigkeit gegenüber. Was bleibt uns übrig, als uns mit einem Buch in eine Decke zu kuscheln und uns in die Welt unserer Lieblingsromane zu verkriechen? Buchliebhaber wussten es irgendwie schon immer, was im kürzlich veröffentlichten Artikel der FAZ beschrieben wurde: Bücher sind heilsam.

Die Bücher und Erzählungen von Banana Yoshimoto thematisieren nicht selten den Verlust von nahestehenden Personen. Mit ihrem neuen Roman „Moshi Moshi“ erzählt die japanische Autorin die Geschichte von Yotchan und ihrer Mutter, die nach dem rätselhaften Suizid des Vaters und Ehemanns vor den Scherben ihres bisher gutbürgerlichen Lebens stehen. Yohimotos Sprache – wie ich sie bereits liebe – ist reflektiert, poetisch und großartig in den leisen Tönen. Moshi Moshi
Sie erzählt von einem Neuanfang in kleinen Schritten, für den die beiden Frauen sich nicht nur selbst, sondern auch ihre Beziehung zueinander neu erfinden müssen. Yotchan findet Trost in einer neuen Wohnung, viel Arbeit und Antworten auf ihre offenen Fragen. Ihre Mutter legt allmählig ihre Rolle als gutsituierte Oberschichts-Hausfrau ab und sucht in den Straßen von Shimokitazawa nach sich selbst. Auch wenn ich es an der Hauptfigur nicht schätze, dass sie mit Männern schläft, die sie an ihren Vatern erinnert. Insgesamt ist „Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto dennoch ein sehr schönes Buch, das uns sanft in Erinnerung ruft, dass es bei aller Tragik nicht hilft, sich selbst aufzugeben.

Auch die Protagonistin im Thriller „Die Falle“ von Melanie Raabe hat auf schlimmste Art und Weise ein Familienmitglied verloren. Denn die Bestseller-Autorin Linda Conrads ist Zeugin am Mord ihrer Schwester vor zwölf Jahren. Doch der Mörder wird nicht gefunden und sie zieht sich mit ihrem Schmerz von der Welt zurück. In der Abgeschiedenheit ihres Hauses fühlt sie sich sicher, bis sie das „Monster“ im Fernsehen wiedererkennt: Ein Journalist, den die Einsiedlerin mit ihrem neuen Roman zu sich locken will. Die traumatisierte Linda nimmt ihren Mut zusammen, schreibt einen Krimi, der die Ereignisse von damals aufarbeitet und bereitet das Interview vor, in dem sie sich ein Geständnis von dem Mörder ihrer Schwester erhofft. Debütautorin Melanie Raabe entwickelt ein psychologisch aufreibendes Verwirrspiel darum, wer Täter und wer Opfer ist. Die Falle
Der Leser wird von Melanie Raabes sensiblen Sprachgefühl in seinen Bann geschlagen, tappt in ihre Falle und zweifelt schließlich an sich selbst. Spannung und Erzählkunst stehen hier in einem so ausgewogenen Verhältnis, dass kleine Klischees verzeihlich sind. (Wie etwa das „tollpatschige Frau lässt was fallen, will es aufheben und stößt mit dem Kopf ihres hilfsbereiten Traummannes zusammen“-Klischee)  Die ansonsten durchweg inspirierende Erzählweise ist eine Freude. Melanie Raabe ist mit „Die Falle“ ein tolles Buch gelungen, das die Hauptfigur und den Leser an seine Grenzen bringt. Sie schildert nicht nur den Schmerz und die Trauer der Protagonistin eindrücklich, sondern auch ihren Weg, um sich davon zu befreien.

Die Erzählungen und Essays in „Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan verströmen trotz der traurigen Hintergrundgeschichte Hoffnung, Lebenslust und Kraft.  Die junge US-amerikanische Autorin kam nämlich kurz nach ihrem Studienabschluss in einem Autounfall ums Leben. Ihre großartigen Texte wurden posthum veröffentlicht und sind auf dem besten Weg, ein Bestseller zu werden. Denn die Tragik und all die düsteren „Was wäre wenn…?“-Gedanken treten bei der Lektüre schnell in den Hintergrund. Marina Keegans Sprachtalent, ihre großartigen Dialoge und ihr Gespür für Zwischenmenschliches haben mich einfach begeistert. Das Gegenteil von Einsamkeit
Die Geschehnisse sind zum Großteil sehr alltäglich, doch mit brillanter Beobachtungsgabe erzählt. Wie groß muss der Schmerz der Eltern sein, ihre talentierte Tochter zu verlieren? Was für eine große Autorin ist der Welt verloren gegangen? Diese Fragen kann der Leser nicht beantworten. Aber das Buch ist ihr Vermächtnis an uns und hat mich direkt angesprochen: Die Welt steht uns offen. Oft macht uns das Leben einen Strich durch unsere Rechnung, aber es ist am Ende das einzige, das wir haben.

Die Leipziger Buchmesse 2015 ist am Sonntag zu Ende gegangen. Von Donnerstag bis Samstag war ich dabei und habe neben schönen Erlebnissen, Entdeckungen und Begegnungen auch einige Mitbringsel nach Hause gebracht.
Mir fällt es schwer, die Messe mit denen, aus den vergangenen Jahren zu vergleichen, weil ich sie immer unterschiedlich erlebe. Mal war ich Fachbesucher, mal Austeller und in diesem Jahr zu allerersten Mal – Blogger.
Doch manche Dinge bleiben in jedem Jahr gleich: Der Koffer, der auf der Heimreise deutlich schwerer ist, als zuvor. Die schmerzenden Füße. Der Spaß, sich beim Auspacken über jedes neue Buch zu freuen. Und die Verwunderung, wie um alles in der Welt sich die ganzen Broschüren, Visitenkarten, Postkarten und Tüten angesammelt haben.

Beim Durchstreifen der Stände in den fünf Messehallen stehen natürlich Bücher und ihre Macher im Vordergrund. Neben Verlagen, die sich mit prall gefüllten Regalen und hübscher Deko präsentieren, stellen die Autoren höchst persönlich ihre Werke in Lesungen und Signierstunden vor. Die Buchmesse ist für mich immer die beste Gelegenheit, Autogramme zu ergattern und ein schüchternes Wörtchen mit den Schriftstellern zu wechseln. Autogramme
Ich konnte mir in diesem Jahr den Thriller „Die Falle“ von Melanie Raabe, „Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig“  von Kirsten Fuchs signieren lassen und dabei die sympathischen Autorinnen kennenlernen.

Bei rund 90.000 Neuerscheinungen im Jahr ist die Buchmesse auch ein guter Ort, um auf Entdecker-Tour zu gehen und die Wunschliste zu verlängern. Während man „Oh, wie interessant, das habe ich noch gar nicht gesehen“, murmelnd an den Regalen stöbert, wandern im Lauf der Zeit so manche der Leseproben und Verlagsvorschauen zu Recherchezwecken in die Tasche. Fast reflexartig greife ich auch schon nach Magazinen und Zeitschriften, die den Besuchern täglich kostenlos entgegen gestreckt werden. Zum „ZEIT“ Magazin oder zur Wirtschaftszeitschrift „brand eins“ konnte ich diesmal nicht Nein sagen. Am Ende des Tages hat sich ein beachtlicher Haufen Papier angesammelt, der sich beim Auspacken über das ganze Zimmer verteilt.

Papierkram

Die Leipziger Buchmesse hat mich außerdem wieder mit neuen Büchern versorgt. Beim Leser- und Bloggertreffen der Online-Plattform LovelyBooks und beim Bloggertreffen von buchhandel.de gab es großartige Goodiebags für die Teilnehmer mit Büchern und anderen schönen Kleinigkeiten. Der neue Lesestoff lohnt die anstrengende Schlepperei zum Glück bisher immer.

Meine größten Messehighlights sind aber vor allem die Veranstaltungen und Menschen. Beim Bloggertreffen, das die liebe Simone von Papiergeflüster in der neuen Bloggerlounge der Messe organisiert hat, habe ich zum ersten Mal die Gesichter hinter den Accounts kennengelernt und tolle Gespräche geführt. Beim LovelyBooks Usertreffen gab es einen Tag später Gelegenheit, nach der interessanten Podiumsdiskussion daran anzuknüpfen und einige bekannte Gesichter zu entdecken. Neuer Lesestoff
Viel mitgenommen habe ich auch aus dem Vortrag der jungen Verlagsmenschen, die ihre Umfrageergebnisse zur Situation des Branchennachwuchses präsentiert haben. Und auch wenn die Beine am Ende jedes Tages müde waren, hat sich das Durchhalten vor allem am Messe-Freitag gelohnt: Die Verlagsparty „Tanz Atlantik“ vom Atlantik Verlag im Leipziger „Telegraph“ hat mich mit sehr tanzbarer Musik und gemütlicher Location begeistert.

Schön, voll und bunt war die Leipziger Buchmesse 2015. Ein Ort, an dem Fachleute, Familien und schrill kostümierte Convention-Teilnehmer in einer Schlange für Cola und Pommes anstehen und sich vier Tage lang alles nur um eins dreht: Buchmenschen und Literatur. Die Mitbringsel werden ausgepackt und verstaut, die Erlebnisse im Kopf abgespeichert.
Ich möchte mich bei allen Kollegen, Freunden, Bloggern und bei der Leipziger Messe für die schöne Zeit bedanken und freue mich schon auf das nächste Jahr.

Stellt eure Faser auf Betäubung und begebt euch in eine aufrechte Position: Das ist das Science-Fiction Triple Feature. Mit Aldous Huxleys Klassiker „Schöne neue Welt“, dem Kultbuch „Metro 2033“ von Dimitry Glukhovsky und Leif Randts Neuling „Planet Magnon“ habe ich mich in den letzten Wochen in die Zukunft begeben und einen Querschnitt durch das Genre gewagt.

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„Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley erschien bereits 1932 und zählt noch immer zu den Standardwerken der Zukunftsromane. In diesem Szenario reproduzieren sich die Menschen, statt sich fortzupflanzen und werden auf ihre soziale Stellung und Arbeit genetisch genormt. Alter, Krankheit und Unzufriedenheit sind im System nicht vorgesehen, in dem die Familie abgeschafft wurde und ein Weltaufsichtsrat die Geschicke der Menschheit im Namen des Gottes des Kapitalismus lenkt.
Das faszinierende an dem kurzweiligen Roman ist, dass am Ende wirklich nicht klar ist, ob die Prognose eine düstere ist. Denn tatsächlich funktioniert das System. Dank Genetik, Drogen und effektiver Indoktrinierung im Schlaf ist es in dieser Zukunft einfach nicht mehr möglich, unglücklich zu sein.

„Metro 2033“ von Dimitry Glukhovsky erschien 2007 und spielt in einer Zukunft, in der ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht hat und die Überlebenden sich in den strahlensicheren Schächten der Moskauer Metro verschanzt haben. Der russische Autor schreibt in dem Roman, der als Vorlage für ein Computerspiel diente, von einer Gesellschaft im Untergrund, die nichts aus den Fehlern der alten Zivilisation gelernt hat. Ideologien wie Kommunismus, Faschismus und religiöser Fanatismus, sowie die damit verbundenen Konflikte spielen sich hier auf viel engerem Raum ab. Protagonist Artjom irrt mit seinem schicksalshaften Auftrag durch die verfeindeten Stationen, um seine Heimatstation vor einer unheimlichen Bedrohung zu bewahren. Glukhovsky schafft es dabei, dem Leser die beklemmende Dunkelheit der Tunnel bis in die Knochen kriechen zu lassen und die allzu glücklichen Fügungen für den Haupthelden in eine trotzdem mystisch-packende Romanhandlung zu gießen.

Leif Randt hat in diesem Jahr mit „Planet Magnon“ einen ganz neuen Sci-Fi Roman bei Kiepenheuer&Witsch veröffentlicht. In seinem Buch leben die Menschen in einem friedlichen Sonnensystem, in dem Kollektive das gesellschaftliche und intellektuelle Leben beeinflussen. Gelenkt wird die Bevölkerung der Planeten durch eine Technologie namens „ActualSanity“, die aufgrund statistischer Daten und Prognosen, die Politik und Wirtschaft des Sonnensystems steuert. Die „AS“ ist eine allmächtige und beinahe gottgleiche Macht, deren Entscheidungen die Planetenbewohner nicht immer nachvollziehen können, aber auf die alle vertrauen. Der Roman liest sich dabei flüssig und spannend. Hier stehen mehr Ideen und Überzeugungen im Mittelpunkt, als seitenlange Beschreibungen neuer Erfindungen. Besonders interessant ist dabei die Droge „Magnon“: Während in „Schöne neue Welt“ die Droge „Soma“ Sorgen und Zweifel der Menschen betäubt, fördert Magnon in Leif Randts Roman ein geschärftes, unabhängiges Denken.

Auch wenn die drei Romane nicht direkt miteinander vergleichbar sind, finden sich in ihnen gemeinsame Fragestellungen. Was macht das Menschsein aus? Und: Was ist Freiheit? Die Antworten fallen unterschiedlich aus, aber sind in den spannenden Geschichten zwischen den Zeilen verwoben. Alle drei Romane bieten Sätze, die sich im Kopf festsetzen und Romanhandlungen, die den Leser fesseln.
Es lohnt sich, den Blick in die Zukunft zu wagen. Nach dem Zuklappen der Buchdeckel ist zum Glück alles wieder beim Alten.

An Literaturpreisen mangelt es auf dem deutschen Buchmarkt nicht. Der Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung gehört vielleicht nicht zu den bekanntesten, dafür aber zu den wichtigsten und interessantesten Förderpreisen. Er ist eine Auszeichnung für Autoren, die selbst oder in zweiter Generation aus anderen Kulturen kommen, aber ihre Werke auf Deutsch verfassen und die deutsche Nationalliteratur mit ihren Einflüssen bereichern.
Gestern wurde der Adelbert-von-Chamisso-Preis zum 31. Mal verliehen und ich hatte die seltene Gelegenheit, dem Festakt 2015 in der Münchener Allerheiligen-Hofkirche beizuwohnen. wpid-wp-1425595648166.jpeg

In diesem Jahr durften die drei Autoren Martin Kordić, Olga Grjasnowa und Sherko Fatah die hoch dotierten Preise für ihre Romane entgegennehmen. Das eindrucksvoll ausgeleuchtete Gemäuer der Backsteinkirche bot eine perfekte Kulisse für die Präsentation und Würdigung der Romane, aus denen vor der jeweiligen Laudatio eine kurze Passage als Kostprobe vorgelesen wurde.

In „Wie ich mir das Glück vorstelle“ von Martin Kordić wird die Geschichte vom behinderten Viktor erzählt, der im ehemaligen Jugoslawien seine Lebensgeschichte in einem Heft verewigt und von seinen Begegnungen und Erinnerungen in der, vom Krieg geprägten Region im Präsens erzählt. Fünf Jahre arbeitete Kordić, dessen Familie aus Bosnien-Herzegowina kommt, an seinem Debüt.

Olga Grjasnowa wurde für ihren zweiten Roman ausgezeichnet. Nach ihrem gefeierten Erstling „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, erzählt sie in „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ die Geschichte von Leyla und Altay, die wie die Autorin, aus Aserbaidschan stammen und als Homosexuelle in einer Zweck-Ehe in Berlin leben.wpid-wp-1425595609973.jpeg

Preisträger Sherko Fatah wuchs als Sohn seines irakisch-kurdischen Vaters und seiner deutschen Mutter in der DDR auf. Den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2015 wurde ihm nun für sein Lebenswerk und seinen aktuellen Roman „Der letzte Ort“ verliehen. Sein literarisches Schaffen bekommt vor den jüngsten Ereignissen im Nahen Osten eine tragische Aktualität: In Fatahs fünftem Roman werden der Archäologe Albert und sein Übersetzer Osama im Irak entführt.

Die Autoren gaben in kurzen Filmen Einblick in ihr Schreiben und stellten sich auf der Bühne den Fragen der Moderatorin. So gab es beim Ausklang der Veranstaltung mit Wein und spanischen Häppchen reichlich Gesprächsstoff.
Ich freue mich außerdem über ein persönlich signiertes Exemplar von „Wie ich mir das Glück vorstelle“ und eine kurze Begegnung mit Hanser-Verleger Jo Lendle. Für mich war es das erste Mal, dass ich bei so einer Veranstaltung von diesem Format dabei sein durfte.
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Eine Preisverleihung würdigt die Bedeutung der Bücher viel eindrücklicher als die kleinen Sticker, die einen Roman in der Buchhandlung als Preisträger für den Leser erkenntlich machen. Der Adelbert-von-Chamisso-Preis 2015 war ein tolles Fest, bei dem nicht nur gute Romane im Mittelpunkt standen, sondern auch die interessanten Menschen, die hinter den Geschichten stehen.

Blogger sind Online-Menschen durch und durch. Beiträge werden auf Facebook und Twitter beworben, auf Bloglovin‘ und Co gelesen und für alles sammeln sich im Kopf verschiedenste Login Daten. Die große Frage: Was ist wichtig und was nicht? Welche Foren, Plattformen und Portale sind für Buchblogger bringen mich weiter? Die Antworten findet jeder Blogger für sich selbst, lernt jeden Tag dazu und wurschtelt sich durch. Jetzt, da Random House kürzlich auch sein Bloggerportal ans Netz geschaltet hat, ist es für mich eine gute Gelegenheit für eine kleine Zusammenfassung.

Blogger lesen gern andere Blogs. Die Gretchen-Frage ist dabei die, nach dem besten Feed-Dienst, der alle Lieblingsblogs egal ob bei Blogspot, WordPress oder unabhängig, plattformübergreifend anzeigt. Bloglovin Feedly oder Bloglovin‘ sind angenehm, um die neuesten Beiträge auf einen Blick zu checken, zu markieren und neue Blogger zu entdecken. Feed-Dienste helfen aber auch, die eigenen Beiträge besser zu verbreiten.

Blogger wollen gelesen werden. Egal ob wir unsere Beiträge auf Facebook, Twitter oder auf Google+ Profilen teilen, wichtig ist immer die Frage, wie unsere Leser auf unseren Beiträgen landen. Daneben gibt es einige Homepages, die Blogs zu einem bestimmten Thema sammeln und Beiträge der registrierten Blogger in ihrer Community teilen. Bücherblogs versucht, ein Verzeichnis für deutsche Buchblogger zu erstellen. Registrierte Blogger sind in Kategorien auffindbar und neue Beiträge werden auf dem Blog und auf Twitter geteilt. Geekblogs beschränkt sich auf Nerd-Themen. Unter „Literatur“ sind auch Buchblogger und Beiträge über Literatur willkommen. Hier bin ich noch nicht registriert, obwohl mir Aufmachung und Thema sehr gut gefallen.

Blogger reden gern übers Bloggen. Bislang dachte ich, Foren sind eher ein Relikt der 90er Jahre. Doch sie sind lebendig wie eh und je und bieten einen Ort für Gleichgesinnte, um sich themenbezogen austauschen zu können. Dafür habe ich kürzlich das Blogboard entdeckt. Blogboard Blogger aller Kategorien und unterschiedlicher Amibitionen diskutieren in dem 2014 gestarteten Forum über den Umgang mit ihrer Community, Coding-Probleme und andere Sorgen. Eine gute Gelegenheit um erfahrenere Kollegen um Rat zu fragen und übers Schreiben zu philosophieren.

Bloggen muss Spaß machen. Ob Leidenschaft hinter einem Blog steckt, ist den Texten schnell anzumerken.  Um sich neuen Input für seine Nische zu holen und mit Gleichgesinnten zu netzwerken, sind themenbezogene soziale Plattformen sehr hilfreich. LovelyBooks Bei LovelyBooks fühle ich mich als Buchblogger gut aufgehoben, um mein Hobby auszuleben. Ich kann außerdem mein Profil mit meiner virtuellen Bibliothek auf meinem Blog verlinken und muss nicht doppelt und dreifach Leselisten posten. Für internationale Buchliebhaber ist die Leser-Plattform von Amazon Goodreads sehr verbreitet. Auch hier können Rezensionen verfasst und Meinungen mit anderen Lesern ausgetauscht werden.

Buchblogger brauchen Kontakt zu Verlagen und Autoren. Wie intensiv jeder Blogger mit ihnen zusammenarbeiten will, entscheidet jeder für sich und ist nicht immer leicht. Leseexemplare oder Interviewmöglichkeiten sind wichtiger Input, werden aber nicht von jedem Verlag „einfach so“ gewährt. Bei der großen Zahl von Buchblogs ist die Konkurrenz groß und die Geduld der Kooperationspartner begrenzt. Trotzdem sind Buchblogger für die Verlage ein Stimmungsbarometer und wichtige „Multiplikatoren“. Bloggerportal Das hat auch die Verlagsgruppe Random House verstanden und ein eigenes Bloggerportal ins Leben gerufen. Hier können Leseexemplare angefragt, Buchvorschläge abgefragt und Zusatzmaterial heruntergeladen werden. Auf den ersten Blick gefällt mir die Umsetzung sehr gut und ist eine unbedingte Registrierungsempfehlung!

Die Blogosphäre ist ein lebendiger Organismus. Jedes Jahr gibt es neue Plattformen, neue Kanäle und neue Möglichkeiten, sich online zu präsentieren. Da kann man schnell den Überblick verlieren und seine Zeit im Handumdrehen versurfen. Jetzt bin ich natürlich neugierig: Welche Communities nutzt ihr? Was sind eure Tipps im Netz?

Der neue Roman des französischen Autors Michel Houellebecq „Unterwerfung“ bekommt derzeit viel Aufmerksamkeit. Ich bin ein großer Fan seiner Gedichte, hatte aber noch „Karte und Gebiet“ auf der Wunschliste. Meine Befürchtung: Wenn ich zuerst die umstrittene Neuerscheinung lese, versaue ich mir einen ungetrübten Blick auf den Rest seiner Romane. Mein Plan: Chronologisch vorgehen, denn sicher ist sicher. Das Ergebnis war ein kleiner Houellebecq-Sprint. In der Tram auf dem Weg zu Uni habe ich innerhalb einer Woche beide Romane durchgelesen und bin sehr zufrieden.

„Karte und Gebiet“ erzählt die Geschichte eines Künstlers in Paris und porträtiert damit nicht nur die Pariser Kunstszene, sondern liefert gleichzeitig einen kleinen Krimi indem der Autor Michel Houellebecq höchstpersönlich das Mordopfer ist. Aber es steckt noch viel mehr in diesem tollen Roman: Jed Martin ist ein schüchterner Eigenbrötler und verdient sich den Ruhm der Kunstwelt mit Ehrgeiz und Fleiß. Während er sich in seiner künstlerischen Arbeit stetig weiterentwickelt, bleibt er in seiner persönlichen Entwicklung allerdings völlig stehen. Theorie und Praxis in zwischenmenschlichen Dingen passen bei dem Protagonisten nicht zusammen. Die Bindung zwischen Eltern und Sohn, die Beziehung zu einer Frau oder Freundschaft unter Männern sind unstete Zwischenspiele. Er verewigt sich durch seine Arbeit im kollektiven Gedächtnis der Menschen, statt Sinn und Erfüllung für sein Leben im konventionellen Muster Frau-Kind-Haus zu suchen, das viel zu fragil und dessen Glück, wenn überhaupt, nur von kurzer Dauer ist.

„Unterwerfung“ ist ein Zukunfts-Szenario und dreht sich anfangs stark um den frustrierten Protagonisten: Einen in die Jahre gekommenen Junggesellen in Paris, der seiner einzigen nennenswerten Beziehung und seiner schwindenen Libido hinterher trauert. Außerhalb der Universität an der er Literaturwissenschaft lehrt, interessiert ihn Politik zunächst kaum. Doch die Wahlen im Jahr 2022 verändern die Gesellschaft von Frankreich grundlegend. Eine islamische Partei schafft es an die Spitze der Regierung und lässt Front National, sowie die identitäre Bewegung hinter sich. Der politische Führer ist ein moderner Muslim, der andere Religionen respektiert und versucht, sich von der Kontrolle der Öl-Staaten loszusagen. Allerdings setzt er mit seiner Partei schrittweise Neuerungen durch, die das Ende des Zeitalter des christlichen Abendlandes einläuten: Der Großteil der Bildungseinrichtungen wird muslimisch geprägt, die Rechte der Frauen eingeschränkt, Polygamie wird legalisiert.
Grusel, grusel. Das ist der Stoff aus dem die Träume von Verschwörungstheoretikern gemacht sind.

Die Unterwerfung

Michel Houellebecq
„Unterwerfung“
Dumont Verlag

Houellebecq beschreibt diese Entwicklung aber sehr natürlich. Der Protagonist wird Zeuge der Entwicklungen und macht dabei seine eigene Entwicklung durch. Er beginnt, sich mit gesellschaftlichen Vorgängen auseinanderzusetzen und sucht nach seinem Platz in der Welt. Dabei beschäftigt er sich auch mit dem Katholizismus, der ihm jedoch nichts mehr bieten kann. Am Ende, ACHTUNG SPOILER, fügt er sich schließlich ein, konvertiert zum Islam und wird Teil der neuen Gesellschaft mit muslimischer Prägung. Und mit ihm hängen die renommiertesten männlichen Akademiker ihr Fähnlein in den Wind.

So richtig begeistert bin ich von Houellebecqs neuestem Roman noch nicht. Der Hang zum jammernden Protagonisten, der die Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit des Lebens betrauert, ist besorgniserregend. In beiden Büchern werden die Hauptpersonen von ihrer einzigen Liebe verlassen und können sich für eine neue Beziehung nicht so recht begeistern. Der sexuell frustrierte Akademiker in „Unterwerfung“ wünscht sich doch „nur“ eine Frau, die gut kochen kann und eine Granate im Bett ist. Am Ende lockt die Polygamie mit genug Frauen um alle Bedürfnisse abzudecken – wie praktisch. In „Karte und Gebiet“ wirkt der Mangel an erotischer Leidenschaft allerdings wie eine Stärke, um sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu lösen.

Fest steht, dass Michel Houellebecq ein brillanter Erzähler ist. Es fällt schwer, die Romane auf ein einziges Thema festzunageln, wenn der Autor so vieles zur Sprache bringt – und allein das ist ein Genuss. Witz, Beobachtungsgabe und ein scharfer Verstand stehen hinter diesen Büchern, die den Leser an den Rand der Sinnkrise bringen: Es läuft alles auf Verfall, Verlust und Vergessen hinaus und die kurze Zeit, die wir haben, lassen wir uns von Konventionen und schlechter Politik versauen. Wo die Geschichten von Houellebecq aufhören, fängt das Nachdenken an. Über das Leben, über unsere eigene Passivität und über eine Zukunft, die so nicht eintreten muss – über die wir uns dennoch selbst klar werden müssen, wo wir stehen und wie wir miteinander umgehen.

Es gibt viele Geschichten darüber, wie Polens Hauptstadt zu ihrem Namen kam. Meine Lieblingsgeschichte handelt von der Nixe Sawa, die von Fischern an Jahrmarkthändler verkauft werden sollte, weil sie zu deren Missfallen Fische aus ihren Fangkörben freiließ. Doch ein junger Mann namens Wars verliebte sich in die schöne Meerjungfrau und befreite sie. Aus den Namen der beiden Verliebten soll „Warszawa“ abgeleitet sein. Das ist vielleicht keine realistische Version, aber in gut erzählten Geschichten spielt die Wahrheit manchmal eine kleinere Rolle.

Wer Geschichten und Bücher liebt, findet sie in Warschau zuhauf: Auf dem Weg zur Uni, unterwegs in den Supermarkt, oder in der Mittagspause in der Stadt stolpere ich immer wieder über die vielen Buchhandlungen. In Ermangelung ausreichender polnischer Sprachkenntnisse ist eine amerikanisch-englische Buchhandlung natürlich ein verlässlicher Versorgungspunkt. Neil Gaiman „The Ocean at the End of the Lane“ und Jeffrey Eugenides „Middlesex“ sind als Schnäppchen durchgegangen und haben mir die Tramfahrten zu meiner Fakultät in Ochota verkürzt.

Auf meiner ersten Buchsafari ist mir bereits der Filialist „matras“ aufgefallen. In Sachen Größe der Buchstapel und Anzahl der Filialen scheint die Kette „empik“ mit 190 Filialen laut Homepage ebenfalls ein Riese auf dem polnischen Buchmarkt zu sein. Sehr interessant finde ich das Konzept der Internetbuchhandlung „Bonito.pl“, deren kleine stationäre Abhol-Filialen platzsparend und unscheinbar in der Innenstadt verteilt sind. Ein Blick auf die Umsatzstatistik lässt die Augen allerdings groß werden: Der Umsatz des polnischen Online-Händlers ist in den letzten beiden Jahren sprunghaft angestiegen.

Buchsafari

Links oben: Die Amerikanisch-Englische Buchhandlung im Arkadia. Großes Sortiment und online gut aufgestellt: empik und Bonito.pl

Zum Glück gibt es daneben auch noch die Romantiker unter den Buchhändlern: Antiquariate, Straßenverkäufe und der kleine Laden um die Ecke  – mit Büchern zum Antatschen, Wieder-Weglegen und Dann-doch-Bezahlen-und-Mitnehmen. An einem antiquarischen Bücherstand im Foyer der Uni-Bibliothek hat mir ein leidenschaftlicher Buchhändler einen Gedichtband der polnischen Lyrikerin Halina Poswiatowska verkauft. Ein Ehrgeizprojekt, sobald ich „Die kleine Raupe Nimmersatt“ auf Polnisch endlich gemeistert habe. Als Lyrikfan muss ein literarisches Andenken an mein Auslandssemester unbedingt sein.

Buchsafari

Die Mischung macht’s: Straßenverkäufe und Buchhandlungen mit Herz dürfen nicht fehlen.

Und schaut mal was ich hier gefunden habe: Bei einer WG-Party einer polnischen Freundin sind mir übersetzte Ausgaben von Cornelia Funkes „Herr der Diebe“ auf Polnisch und Katharina Hagenas „Der Geschmack von Apfelkernen“ auf Französisch in die Hände gefallen. Das war mir auf jeden Fall einen heimlichen Schnappschuss wert.

Übersetzungen

Fundstücke: Perlen aus dem Regal meiner Gastgeberin.

Im Februar geht es wieder zurück nach Deutschland. Das halbe Jahr war gut gefüllt mit neuen Erfahrungen im fremdsprachigen Uni-Alltag, neuen Freunden und Entdeckungen. Jetzt stecke ich mitten in der Prüfungszeit, die in Anforderungen, Terminstress und Gejammer den deutschen Klausurenphasen in nichts nachsteht.
Schön war es auf jeden Fall und Warschau ist meine neue Herzstadt.

Wenn dem Dezember die Tage ausgehen und das Jahr von den ersten Jahresrückblick-Shows im Fernsehen verabschiedet wird, wird es für mich Zeit, die Verlagsvorschauen für das kommende Jahr durchzublättern. Manche gießen Blei, lesen Horoskope oder orakeln mit Haribo um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Ich schaue mir die angekündigten Bücher an, um zu wissen, wie das neue Jahr wird. Deshalb weiß ich jetzt schon: 2015 wird ein gutes Jahr!

Planet Magnon

Erscheint im Februar 2015
Leif Randt
„Planet Magnon“
KiepenheuerWitsch

Das Gegenteil von EInsamkeit

Erscheint im März 2015
Marina Keegan
„Das Gegenteil von Einsamkeit“
S.Fischer

Die Musik der Stille

Erscheint im Februar 2015
Patrick Rothfuss
„Die Musik der Stille“
Klett-Cotta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Die Musik der Stille“, die Nebengeschichte zu den „Königsmörder-Chroniken“ von Patrick Rothfuss erscheint im Februar. Ich hatte gehofft, es handelt sich dabei um den lang erwarteten dritten Teil. Aber als bekennender Fan nehme ich alles was ich kriegen kann, um mir die Wartezeit auf den letzten Band zu verkürzen! (Der liebe tinius hat mich auf meinen Irrtum hingewiesen. Danke!)

„Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan hat mich neugierig gemacht. Die Geschichte der Autorin ist tragisch: Wenige Tage nach ihrem Abschluss an der Universität, stirbt sie im Alter von 22 Jahren in einem Autounfall. Ihre Erzählungen sollen im März erscheinen.

Science-Fiction liegt derzeit im Kino aber auch auf dem Buchmarkt im Trend. „Planet Magnon“ von Leif Randt habe ich mir vorgemerkt, weil mir der Klappext sehr gut gefallen hat. Das wird ein Kracher!

Alles wird hell

Erscheint Februar 2015
Julia Jessen
„Alles wird hell“
Kunstmann 

Kleiner Versager

Erscheint im Juli 2015
Gary Shteyngart
„Kleiner Versager“
Rowohlt 

Moshi Moshi

Erscheint im Februar 2015
Banana Yoshimoto
„Moshi Moshi“
Diogenes 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Alles wird hell“ von Julia Jessen und „Kleiner Versager“ von Gary Shteyngart versprechen, großartige Lebenserzählungen zu werden. Ich hoffe auf hinreißende Charaktere und großes Lesevergnügen.

Banana Yoshimoto „Moshi Moshi“ ist für mich ein Muss. In meiner Buchhändler-Ausbildung wurde mir die japanische Autorin von einer Kollegin empfohlen. Es war Liebe auf der ersten Seite.

Literarische Reise durch Europa

Erscheint im Mai 2015
Thomas Geiger
“Luftsprünge”
DTV Premium

Durchzug eines Regenbandes

Erscheint im Februar 2015
Ulrich Zieger
„Durchzug eines Regenbandes“
S. Fischer

Gift

Erscheint im April 2015
IvoPala
„Gift – Der Tod kommt lautlos“
Blanvalet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei DTV Premium halte ich immer nach besonderen Perlen Ausschau. „Luftsprünge – Eine literarische Reise durch Europa“ von Thomas Geiger ist hoffentlich so eine Perle und erweist sich als kurzweilige und interessante Lektüre. Im Mai 2015 soll das Buch erscheinen, ich bin gespannt.

„Durchzug eines Regenbandes“ von Ulrich Zieger scheint dem Cover nach etwas für Bibliophile zu sein. Der Klappentext schreibt: „Drei Märchen der Brüder Grimm verwandelt Ulrich Zieger in ein Gesellschaftspanorama des ausgehenden 20. Jahrhunderts.“ Klingt wunderbar, finde ich. Ein Thriller darf nicht fehlen.

Ivo Pala „Gift – Der Tod kommt lautlos“ steht, nachdem mir der Vorgänger „H2O“ so gut gefallen hat, schon auf meiner Merkliste.

Ich denke, das hier ist nur die Spitze des Eisberges. Was sind eure Favoriten? Eine schwierige Entscheidung steht noch aus: Welches soll später in meinem Regal stehen, welches kann ich mir ausleihen und welches Buch lese ich lieber auf meinem Reader? Aber das sind Fragen, die mein Zukunfts-Ich im neuen Jahr beantworten muss. Mein Gegenwarts-Ich darf die reine Vorfreude genießen.

Bevor ich mich wortreich für so eine reißerische Überschrift rechtfertige, hoffe ich auf das Vertrauen meiner Leser und komme gleich zur Sache: Mit Ivo Palas Thriller „H2O – Das Sterben beginnt“ und dem Krimi „Ihr unschuldiges Herz“ (unter seinem Pseudonym „Richard Hagen“ veröffentlicht), habe ich seit langem Kriminalliteratur wieder für mich entdeckt. Ein guter Grund, öfter Romane abseits der gewohnten Genres zu lesen – vor allem wenn sie zeitgeschichtlich relevante Themen und aktuelle Diskussionen so spielerisch und spannend in die Handlung mit einbringen.

H2OIhr Unschuldiges Herz

Zu den Büchern: Großes Kopfkino! Wie schon bei der Elbenthal-Saga, läuft beim Lesen von Ivo Palas Büchern ein richtiger Film im Kopf mit. „Unvermittelter Einstieg“ ist wohl die liebste Disziplin des Autors. Das erste Kapitel von „Ihr unschuldiges Herz“ ist nichts für Zartbesaitete, wenn die letzten Minuten des Mordopfers beschrieben werden, wegen dessen brutaler Hinrichtung mitten im idyllischen Rheingau Staatsanwältin Inga Jäger und Polizist Kai Gebert einem Verbrechen auf die Spur kommen, das nicht nur lang in die Vergangenheit zurückreicht, sondern auch den Leser emotional an seine Grenzen bringt. „H2O“ ist von der ersten Seite an ein richtiger Action-Thriller mit politischen Machtspielen und einem erschreckenden Szenario, bei dem jedoch eine sehr reale Befürchtung zurückbleibt: Kann das alles stimmen? Die Antwort lautet: Ja.
Ivo Pala unterfüttert seine Romane mit ausführlicher Recherche. Egal ob geschichtliches Thema, wie die Verbrechen an der Menschheit durch die Nazis, oder aktuell diskutierte Ereignisse, wie Sicherheitslücken in Atommüll-Lagern – nach dem Umblättern der letzten Seite und Zuschlagen des Buches bleibt etwas hängen.
Aber Pala ist kein Moralapostel, der seinen Lesern Migräne bereitet. Die Themen sind Hintergrund für die flüssige Handlung und die authentischen Charaktere. Denn bei aller Relevanz, muss ein Roman meiner Meinung nach vor allem eins: unterhalten.

Besonders interessant an Palas Büchern, egal ob Fantasy, Thriller oder Krimi, finde ich die Art, mit Genre-Elementen zu spielen und sich vom üblichen Schwarz-Weiß von Gut und Böse zu trennen. Am Ende sind die Beweggründe der Täter plötzlich so etwas wie verständlich, auch wenn der Zweck die Mittel nicht heiligt. Oder doch? Ist es vertretbar in einer Notsituation das Wohl des Einzelnen zum Wohl der Mehrheit zu opfern? Wie viel Moral können wir uns leisten, wenn das ganze Land von Terroristen bedroht wird? Nach „Ihr unschuldiges Herz“ und „H2O“ muss der Leser sich die Antwort selbst geben.
Einen Bonuspunkt muss ich vor allem für die starken weiblichen Figuren in Palas Büchern geben. Hier sind die Frauen inspirierend moralisch integer, durchsetzungsstark und können sich von der grauen Masse von Stereotypen der Genreliteratur abheben. Aber auch hier ist die Balance zwischen Stärken und Schwächen ausgeglichen und an der Reibungsfläche der unterschiedlichen moralischen Standpunkte entwickelt der Leser sein eigenes Urteil.

Zum Glück gibt es zu beiden Teilen eine Fortsetzung, denn Ivo Palas Romane schreien nach ‚mehr‘. Richard Hagens „Bluthatz“, als zweiter Fall für Inga Jäger und Kai Gebert, ist bereits erschienen. Die Fortsetzung von „H2O“ ist für April 2015 unter dem Titel „Gift“ angekündigt.

Krimiherbst

Ich habe den Krimiherbst ausgerufen! Die Tage werden kürzer und das heißt, dass es nicht nur endlich kalt genug für den Lieblingspulli ist, sondern sich auch die richtige Stimmung für Mord und Totschlag zwischen den Buchdeckeln eingestellt hat. „Unendlicher Spaß“ hat erstmal Pause, während ich mich in „H20 – Das sterben beginnt“ von Ivo Pala vertiefe. Ich habe nun länger keine Krimis mehr gelesen und jetzt erst wird mir klar, was mir entgangen ist! Bisher liest es sich flott weg und der Hauptermittler ist ein richtig harter Hund. Vor ein paar Tagen habe ich den erschütternden Krimi „Ihr unschuldiges Herz“ zuendegelesen, der unter dem Pseudonym Richard Hagen erschienen ist. Ich sage nur soviel: Hartes Thema, packend erzählt! Habt ihr gerade ein paar interessante Krimis am Start?

Dzien dobry i pozdrawiam z Warszawie! Guten Tag und viele Grüße aus Warschau!

Die Präsentation meiner spärlichen Polnischkenntnisse soll dazu dienen, dem geneigten Leser zu verdeutlichen, dass ich nunmehr in Warschau wohne und als Erasmus-Studentin ein ganzes Semester in Polens schöner Hauptstadt verbringen werde. Mein Ziel: Informatik-Kurse belegen, die ich mir anrechnen lassen kann, die Landessprache lernen und Warschau erleben.
Jetzt sind die ersten zwei Wochen herum und die Organisationslawine beruhigt sich langsam. Die Stadt erlebt hier gerade einen sehr goldenen und warmen Herbst, den man in den vielen Parks oder am Weichselstrand genießen kann. In der Sommersaison werden am Chopin-Denkmal im Łazienki-Park Open-Air Klavierkonzerte gegeben. Einen Tag nach meiner Ankunft hatte ich das Glück, das letzte Konzert in diesem Jahr zu erwischen.

Polen-Lektüre

Meine wichtigsten Begleiter

Polnisch ist insgesamt eine sehr melodische Sprache, auch wenn sie für ungeübte Ohren erstmal etwas von Klingonisch hat. Mit Sprachkurs und Wörterbuch von Langenscheidt konnte ich mich bisher immer erfolgreich mit den Einheimischen verständigen. Es war beim Kofferpacken nicht leicht, sich für eine begrenzte Auswahl an Romanen vom SuB zu entscheiden, wenn schon Reiseliteratur und Sprachführer so viel Platz benötigen.

Beim Sightseeing durch die Stadt habe ich – selbstverständlich –  die Augen nach Buchhandlungen offen gehalten. Sobald das Wort „Księgarnia“ über einem Geschäft zu lesen war, bin ich auf Erkundungstour gegangen. In meinen ersten Tagen habe ich die polnische Version von „Die kleine Raupe Nimmersatt“ mit nach Hause genommen. Wenn kleine Kinder mit dem Buch ihre ersten Wörter üben können, dann wird das ja auch für eine Deutsche funktionieren, die nicht erheblich mehr als „Guten Tag“ auf Polnisch sagen kann.

Buchsafari

Best of Buchsafari in Warschau

Die süße Kinderbuchhandlung namens „Kalimba Kofifi“ hat mich auf dem Heimweg in einer Seitenstraße im familienfreundlichen Stadtteil Zoliborz mit seiner bunten Fassade angelockt. In Einkaufszentren und der Innenstadt sind oft Buchhandlungen der Kette „matras“ zu finden. Mich zieht es allerdings dann doch in die Cafés, in denen alte Bücher in dunklen Holzregalen stehen.

Meine Lieblingsbuchhandlung in Warschau habe ich allerdings durch Zufall und auf Empfehlung von meinem Mitbewohner aus Frankreich entdeckt. Nach einem Spaziergang auf dem Dachgarten der Uni-Bibliothek sind wir in einer Buchhandlung mit Kaffee gelandet, die nicht nur unheimlich gemütlich ist (Rote Ohrensessel! Rote. Ohrensessel. ‚Duh! ) und eine verdammt gute Karte hat (Snickers Tartelettes! Schoko-Kuchen! Quiche! ). Soweit ich das einschätzen konnte, hat mir das Sortiment genauso gut gefallen. Einige englische Bücher waren auch dabei und eine großartige Auswahl von Kunstbildbänden. Ich bin verliebt!

Lieblingsplatz

Meine Lieblingsbuchhandlung in Warschau

Bisher ist die Bilanz sehr positiv: Ich habe sehr offene und interessante Menschen kennengelernt, fühle mich in meinem kleinen Zimmer mit Blick auf einen schönen kleinen Garten sehr wohl und bin sehr optimistisch, das Chaos mit meinen Kursen und Dokumenten zu bändigen. Ich versuche einigermaßen regelmäßig Reisejournal zu führen und habe beim Sightseeing bereits einige Souvenirs und Postkarten eingesammelt.

Aber es gibt noch einige interessante Buch-Schaufenster, für die ich noch keine Zeit hatte. Die nächste Buchsafari kommt also ganz bestimmt.

Souvenirs

Souvenir-Collage mit Reisejournal

Am 12. Oktober ist es soweit, dann wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Jaron Lanier in einem offiziellen Festakt vergeben. Bis vor kurzem hatte ich keine Ahnung, wer das eigentlich ist und habe mich in einem Blogbeitrag im vergangenen Juni dem ungewöhnlichen Herren mit den Dreadlocks angenähert. Seine Thesen sind umstritten, seine Mahnungen zu den Gefahren des Internets polarisieren die Fachwelt. Sein Buch „Gadget“ aus dem Suhrkamp Verlag bietet einige Einsichten in die Gedankenwelt des Künstlers, Musikers und Informatikers.

In „Gadget“ stellt Jaron Lanier die Frage, ob auf die Schwarmintelligenz und die große Cloud wirklich Verlass ist. Statt Prozesse der Kreativität und Innovation anzukurbeln, wird Quantität zum neuen Maßstab für Qualität und die Bedeutung des Individuums wird gemindert. Lanier zeigt anhand einiger Beispiele, wie die von Menschen erschaffene Technik und Software uns selbst gefangen hält. Angefangen bei Dateiformaten, die – da sie sich als Standard durchgesetzt haben – statt durch zeitgemäßere Formate ausgetauscht werden, uns dazu bringen, uns diesen veralteten Formaten anzupassen, argumentiert er weiter mit Plattformen wie Facebook, die uns durch gleichförmige Profile und Kategorien zu „Multiple-Choice Identitäten“ machen. Die Open Culture betrachtet er ebenfalls kritisch und sucht nach Modellen, in denen Künstler durch das Internet tatsächlich eine Existenz aufbauen können.

Gadget

Jaron Lanier
„Gadget“
Suhrkamp Verlag

An dieser Stelle wird das Buch hochinteressant. Während er anfangs in kalenderspruchartigen Thesen vor Verlust von Individualität, Unabhängigkeit und Menschlichkeit warnt, geht Lanier im hinteren Teil des Buches auf konkrete Entwicklungen ein, untersucht bestehende Ideen und erklärt seine Vorschläge für ein Internet, in dem von Menschen gemachter Inhalt auch etwas Wert ist.

Ich bin sehr skeptisch an das Buch herangegangen. Etiketten wie „Mahner der Gefahren des Internets“ und „Kritiker der Open Source Bewegung“ machen keinen Menschen sympathisch. Darauf hat Lanier allerdings auch etwas zu erwidern:

„Manche vergleichen Zweifler wie mich mit den verrunzelten Kirchenoberen aus dem Mittelalter, die gegen die Druckerpresse des armen Johannes Gutenberg kämpften. […] Diese Kritiker übersehen jedoch, dass die Druckerpresse selbst noch keine Garantie für eine aufgeklärte Zukunft bot. Nicht Maschinen machten die Renaissance, sondern Menschen. […] Das Netz konstruiert sich nicht selbst. Wir konstruieren es.“

Mit dieser Klarstellung hat Lanier, so streitbar seine Ideen manch einer finden möchte, Respekt verdient. Er stellt seine Lösungsvorschläge nicht als absolut dar, sondern will zum Umdenken anregen. Stellenweise führt er seine Argumentation jedoch etwas zu oberflächlich. Was womöglich dem Zweck dienen soll, zu viel Fachjargon zu vermeiden, wirkt nachlässig und zu vereinfacht. Plakative Begriffe wie „Ideologie der Schwarmintelligenz“ und „Computationalismus“ tauchen nach meinem Geschmack etwas zu häufig auf und werden Laniers klugen Gedankengängen nicht gerecht.

Trotzdem ist „Gadget“ meine große Leseempfehlung für den Herbst. Hier werden wichtige Entwicklungen, die das Internet zu dem machen was es ist, reflektiert. Laniers zentrale Botschaft scheint simpel, doch kann nicht oft genug betont werden: Wir sollten uns nicht selbst dehumanisieren und die Verantwortung für die Gestaltung eines Internets übernehmen, in dem Platz für Individualität ist und Kunstschaffende von ihrer Kreativität leben können.
Dass der Friedenpreis des Deutschen Buchhandels nun Laniers Ideen würdigt, ist ein guter Anstoß für die Buchbranche, endlich mit dem jammern aufzuhören und sich endlich – bis auf den kleinsten und alteingesessensten Buchhändler an der Ecke – mit solchen Themen auseinander zu setzen.

Reinhard Jirgl und Georg Klein haben beide im gleichen Jahr zwei Romane veröffentlicht, die sich mit der Zukunft der Menschheit beschäftigen. Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ und Kleins „Die Zukunft des Mars“ erschienen 2013 und erzählen beide auf ihre Weise wie eine Zukunft aussieht, in der die Marsbesiedlung Realität geworden ist.  „Juhu, Marsbesiedlung“, dachte ich. „Juhu, Jirgl und Klein“, dachte ich. Also habe ich angefangen zu lesen.

In Reinhard Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ kehren die Menschen, die seit mehreren Generationen auf dem Mars leben zurück auf die Erde, denn das Terra-Forming Projekt muss nachgebessert werden. In ihrer Abwesenheit hat sich die Gesellschaft der Menschen jedoch stark verändert. Die Ländergemeinschaften sind isoliert voneinander, jegliche Art von Konflikt ist beigelegt, die menschliche Natur ist durch einen Eingriff in das Erbgut völlig frei von Aggressionen, sexuellen Bedürfnissen und der Notwendigkeit von emotionalen Bindungen. wpid-img_20140726_090633.jpg
Die Marsmenschen sind hingegen den heutigen Menschen in Sprache, Denkweisen und Temperament ähnlich geblieben. Sie reißen die Macht auf der Erde an sich, „korrigieren“ das veränderte Erbgut der schlaffen Erdenmenschen und verpflichten Zwangsarbeiter.
Jirgl erzählt sehr verdichtet, lyrisch und technisch vom großen Universum, in dessen Maßstab von Zeit und Raum der Mensch nur eine kleine Anomalie ist.

In Georg Kleins „Die Zukunft des Mars“ haben die Menschen ebenfalls versucht, den Mars zu besiedeln. Dieses Vorhaben wird jedoch als gescheitert betrachtet, da der Kontakt zu den Kolonisten nach einem schweren Unglück abbrach. Doch der Leser erfährt von einer Gesellschaft auf dem Mars, die sich ohne Kontakt zu den Vorvätern auf der Erde, eigenständig und mit zäher Ausdauer weiterentwickelt. Wechselnd erzählt Klein von dem entbehrungsreichen Leben auf dem Mars und dem Leben auf der Erde, das von Krieg, Mangel und Krankheiten gekennzeichnet ist. wpid-img_20140824_173405.jpg
Während der junge Hilfsarzt Porrporr in seinen heimlichen Aufzeichnungen Einblick in die Kultur auf dem Mars gibt, wird auf der Erde die Geschichte der Lehrerin Elussa und ihrer Tochter Alide erzählt. Georg Klein liefert einen spannenden Zukunftsroman, der ohne langatmige wissenschaftliche Ausführungen auskommt und dem Leser trotzdem ein geschlossenes Zukunftsbild zeichnet.

Brüder im Geiste: Georg Kleins und Reinhard Jirgl haben sich einem ganz ähnlichen Thema gewidmet. Schafft es der Mensch, den Mars zu kolonisieren? Was passiert mit den Menschen auf der Erde?
Jirgl beantwortet diese Fragen fast schon wissenschaftlich. Basierend auf heutigen Prognosen und Technologien extrapoliert er ein Zukunftsszenario, das teilweise denkbar aber nicht sehr reizvoll ist. Der Grundtenor ist ein alter Bekannter: Der Mensch richtet sich selbst zugrunde. Und: Geschichte wiederholt sich. Sein Hauptheld fügt sich in sein wechselhaftes Schicksal und steuert unaufhaltsam mit dem Rest der Menschheit auf die große Katastrophe zu. Dabei seziert Jirgl mit seiner verdichteten Sprache und seiner eigenwilligen Interpunktion unsere Kultur und Denkmuster. Entstanden durch einen unwiederholbaren Zufall, hinterlässt der Mensch eine Schneise der Zerstörung hinter sich und verschwindet schließlich von der Bildfläche.
Auch bei Klein ist die Zukunft keine goldene: Der Mensch verschenkt die Chancen der von ihm entwickelten Technologien, die Marsmission geht über Kriege und Konflikte in Vergessenheit. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass die Erdengesellschaft in Kleins Roman durch Krankheit, Krieg und Katastrophe sogar in die Vergangenheit zurückgeworfen wurde. Kleins Roman liest sich flüssiger als der kopflastige Roman von Jirgl. Er erzählt eine Zukunftsgeschichte mit sympathischen Haupthelden, überraschenden Wendungen und Happy-End, der Leser kann sich vollständig in der Atmosphäre des Romans verlieren. Beide Autoren sind hervorragende Erzähler. Jirgls Stil und Sprachgewalt überfordern den Leser auf angenehm anregende Weise.

Die Lektüre von Jirgls Buch hat allederdings weit mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich für ein Buch gleicher Stärke gewohnt war. „Juhuu“, habe ich erst wieder gedacht als ich es endlich durchgelesen hatte.

It’s a choice between a rock and a hard place

Tschüß Tastenhandy. Hallo Smartphone und ‚Hallo‘ auch an all die neuen Möglichkeiten, die mir Kamera, mobile Internetverbindung und hunderte Apps bieten. Seit einer Woche steckt die ganze Blogosphäre dank bloglovin-App in meiner Hosentasche, WhatsApp, Twitter und Instagram sind nur einen Wisch und einen kurzen Tipp mit der Fingerspitze entfernt.

Mit jeder heruntergeladenen App kann mein Telefon ein bisschen mehr und ich fühle ich mich nach dem Lesen der benötigten Daten jeder dieser Apps ein bisschen durchsichtiger. Bei den Nachrichten-Apps von Süddeutsche, Spiegel und ARD werde ich dann doch irgendwann stutzig. Die Süddeutsche Zeitung und die Tagesschau-App fordern neben Informationen über meine Identität gleich noch Zugriff auf meine Dateien/Fotos/Medien. Der Spiegel will hingegen nichts über meine Identität wissen und gibt sich „nur“ mit meinen Dateien/Fotos/Medien zufrieden.

Tagesschau-App

Als Nutzerin von WhatsApp, Facebook und Co sollte ich mich über die Praktiken der drei beispielhaft genannten Medienriesen wohl nicht beschweren dürfen. Trotzdem wünsche ich mir, das kleine Quadrat auf meinem Bildschirm wäre ein Türchen, hinter dem ein kleines graues Konzern-Männchen sitzt, das ich fragen kann, warum mein Fotoalbum so interessant ist, wenn ich einen Artikel über Netzpolitik, den Nahost-Konflikt oder die Unterwäsche von Rihanna lesen will. „Wozu wollen sie das wissen?“, würde ich immer wieder rufen, das Männchen an seinem grauen Hemdkragen packen und aus seinem Anzug schütteln, bis es mir endlich gesteht, die ganzen Daten ohne mein Wissen zu verkaufen.

Spiegel-App
Dabei habe ich meine Daten doch schon an zahlreichen anderen Stellen gedankenlos in fremde Hände gegeben, würde das Männchen verzweifelt jammern und ich würde tatsächlich mit dem wütenden Schütteln innehalten. Ich würde es auf ein Bier einladen und versuchen, seinen verknitterten Anzug wieder glattzustreichen. Eine wirkungslose, aber gut gemeinte Geste. Und dann, wenn wir beide am Tresen nebeneinander säßen – also ich auf einem Barhocker und der kleine graue Herr wie Pumuckl, aus einem Fingerhut trinkend auf dem Tresen – würde ich ganz ruhig und mit ein wenig müder Stimme sagen:

„Weißt du, von den anderen überrascht es mich nicht, aber ausgerechnet von dir hätte ich das einfach nicht erwartet.“

Habt ihr das auch: Ein besonderes Brett im Regal, das für ganz besondere Bücher reserviert ist? Wenn mich jemand nach meinem Lieblingsbuch fragt, antworte ich meist mit einer größeren Aufzählung, weil ich mich da nicht so einfach festlegen kann. Aber es gibt einige Ausgaben in meinem Regal, auf die passe ich ganz besonders auf. In meiner Mini-Serie „Meine Schätze“ nehme ich meine liebsten Stücke aus ihrem Schrein und stelle sie euch vor.

bullet

Den Anfang macht eine beinah ehrwürdige Eminenz, ein wegweisendes Exemplar, meine Flohmarktliebe der ersten Stunde :
„The Oxford Dictionary of Quotations“ (1954, Nachdruck von 1972) The Oxford Dictionary of Quotations

Diesen Schatz habe ich 2009 auf einem Flohmarkt gefunden. Ich hatte gerade meinen Ausbildungsvertrag in der Buchhandlung unterschrieben, meine Abiturprüfungen und einen letzten Sommer in der Heimat vor mir, als ich mit einer Freundin zwischen den Ständen entlang gebummelt bin. Das Buch kommt aus dem Bestand der Stadtbücherei in Heidelberg und enthält eine umfassende Aufzählungen von Zitaten aus Literatur und Sprachgebrauch, alphabetisch sortiert von A wie Anonymous bis Z bis Zola. Es ist in keinem besonders guten Zustand, hat einige Bleistiftmarkierungen und ist wohl nur einen symbolischen Euro wert.

Aber irgendwie hat mich dieser Riesenschatz an Textausschnitten in seinen Bann geschlagen. Ich habe tagelang darin geblättert, mir Lieblingsstellen gemerkt und verglichen, welcher Autor wie viel Einfluss hatte und welche Werke genau so bedeutsam waren, dass sie aufgenommen wurden.

Seitdem schimpfe ich bei jedem Umzug über das Gewicht von diesem dicken Wälzer im handlichen Ziegelstein-Format, der für mich meinen offiziellen Start in die Bücherwelt markiert hat.

nietzsche

Eigentlich ist es ziemlich ärgerlich, festzustellen, dass ich
immer noch imstande bin zu hoffen.

Gestalt des letzten Ufers

Michel Houellebecq „Gestalt des letzten Ufers“ Dumont Verlag

Der Mensch: Ein vergängliches, einfältiges Wesen im großen, kalten Universum. Der französische Autor Michel Houellebecq vermittelt in seinem Gedichtband „Gestalt des letzten Ufers“ das Gefühl von gleichzeitiger zynischer Klarheit und Verlorenheit. Er fängt Alltäglichkeiten in einem Kaleidoskop aus Vergänglichkeit, Körperlichkeit und Sehnsucht ein und verdichtet seine Gedanken zu schwerelos und greifbar wirkenden Versen.
Die beiden Übersetzer Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel haben im Deutschen den Sound des Dichters getroffen und darauf verzichtet, die französischen Reime auf Biegen und Brechen zu übernehmen. Da die Gedichte zweisprachig abgedruckt sind, kann der Leser selbst den Vergleich ziehen und zum einen die stimmigen Verse flüssig auf Deutsch lesen, zum anderen kann er mit ein wenig Französischkenntnissen ein eigenes Bild von Houellebecqs Sprachgefühl bekommen.

Gedicht

Mein Fazit

Ich bin ganz begeistert von meinem neuesten Zuwachs für mein Lyrik-Regal! Stilistisch würde ich Houellebecqs Gedichte zwischen der Lyrik von Bert Brecht, Charles Bukowski und Michael Lentz verorten. Wer sich gern einmal an moderne Lyrik heranwagen will und sich nicht gleich auf abgefahrene Sprachexperimente einlassen möchte, sollte sich diesen Band vornehmen. Ich lese Gedichtbände nie linear von vorn bis hinten. Ich nehme sie meistens abends zur Hand, lese ein bis drei Gedichte, lege sie wieder beiseite, schlage später an anderer Stelle auf, merke mir Lieblings-Passagen. In der wunderbaren Ausstattung von „Gestalt des letzten Ufers“ gibt es zum Glück neben einem Lesebändchen auch eine Klappe, mit der Lieblingsstellen eingemerkt werden können.
Auch ohne Vorkenntnis der Romane des Autors kann man mit diesen Gedichten Houellebecq-Fan werden. Zwischen den Zeilen hängt eine ganz besondere Melancholie, die nicht beschwert, sondern den Blick frei macht. Manchmal düster ohne Bitterkeit, manchmal radikal ohne viel Lärm – volle Punktzahl für „Gestalt des letzten Ufers“!

(ein moment der kosmologie)

Wenn die Nacht sich zerteilt zu verlangsamten Vögeln
Und die Tage keinerlei Alternative mehr bieten
Muss man aufhören zu leben, ohne Verzug und ohne Lärm
Das Nichts bietet uns relativen Frieden

Es sei denn, man stellte sich vor, dass wir weiterleben
Weiterleben ohne Bewusstsein, dass unsere idiotischen Atome
Redundant und rund wie Kugeln beim Lotto
Sich neu zusammensetzen wie die Seiten eines Buches

Das ein Arschloch schreibt
Und Schwachköpfe lesen

Inmitten zahlloser WM-Tweets ist dieser kleine Schatz in meinem Feed aufgetaucht:

 

palmer

 

Amanda Palmer: Seit 2006 meine Inspiration, meine Göttin, mein Vorbild. Ein Inbild einer intelligenten, starken und unabhängigen Frau. Neil Gaiman: Seine Sandman-Comics stehen auf Englisch vollzählig in einem eigenen Schrein in meinem Buchregal. Ein brillanter Autor, ein beeindruckender Künstler. Beide sind seit 2011 verheiratet und schreiben sich sowas auf Twitter. Hach. Schon ein bisschen kitschig. Aber Amanda Palmer und Neil Gaiman sind vielleicht die einzigen Menschen auf diesem Planeten, denen ich das glaube. Mit diesen zwei starken Persönlichkeiten kommen alle, die die Ehe als taugliches Modell für eine Beziehung anzweifeln, vielleicht ein bisschen ins Grübeln. Hier löst sich keiner im Anderen auf. Stattdessen unterstützen sich zwei der einflussreichsten Künstler in ihren Projekten und inspirieren dabei nicht nur sich gegenseitig, sondern ganz nebenbei auch einen riesigen Haufen Menschen.

Darauf ein Lied! „Who needs love when there’s Law and Order? Who needs love when there’s ‚Southern Comfort‘?“

Immer das gleiche. Wenn die Preisträger von diversen Nobel- oder (wie nun kürzlich) des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ausgerufen werden, sagen mir die Namen und Gesichter in den meisten Fällen – nichts. Ich Banause habe dann vom großen Beitrag zu unserer Gesellschaft und Kultur nichts geahnt. Aber wie singt schon Amanda Palmer: „I google you / When I’m alone in my room and I’ve got nothing to do“ Also nehme ich den Finger aus der Nase und setze mich an den Computer.

Ich google den diesjährigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Jaron Lanier und werde fündig – mit einem Beitrag über Google. Zur Debatte rund um das Internet-Thema „Ein Recht auf Vergessenwerden“ ist in der FAZ am 01. Juni ein interessanter Beitrag unter dem Titel „Die bittere Pille Demokratie“ in der Übersetzung von Michael Bischoff erschienen. Jaron Lanier stellt darin eine wichtige Frage:

Möchten wir, dass die Menschen sich online ehrlich äußern, oder möchten wir, dass sie aus diesem Beispiel lernen und lieber vorsichtig und unehrlich sind?

Wem gehört die Zukunft?

Jaron Lanier
„Wem gehört die Zukunft?“
Hoffmann und Campe Verlag

Lanier ist Informatiker, Autor, Musiker, Künstler und seines Zeichens Internetkritiker finde ich später heraus. Dass er überall als „Mahner für die Gefahren des Internets“ beschrieben wird, macht mich gleichermaßen misstrauisch und neugierig. Grusel grusel, böses Internet? In einem anderen Beitrag ist er mit Brille und erhobenen Zeigefinger zu sehen und wenig später lese ich, dass er in seinem Buch „You are Not a Gadget“ die Open Source-Bewegung kritisiert. Klingt nicht sehr sympathisch. Aber Gegenstimmen sind wichtig und auch wenn ich auf den ersten Blick nicht alle Thesen unterstützen würde, geht es natürlich darum, deren Bedeutung für unsere Gesellschaft zu diskutieren. Ich nehme mir vor: Ich sollte seine Bücher lesen, bevor ich vorschnell urteile. Im FAZ Beitrag heißt es abschließend:

Die Gesellschaft sollte ein Interesse an der Förderung eines echten, unparteiischen Internet haben, aber im Augenblick geschieht fast genau das Gegenteil. […] Und wenn wir zulassen, dass gigantische Unternehmen zur Clearingstelle für unser aller Identität werden, dann ist das eine Form zentralisierter Macht.
[…]
Deshalb ist Demokratie für manche idealistischen Nerds eine bittere Pille. Aber in der Demokratie geht es darum, dass Menschen mit anderen Menschen auskommen. Wenn wir nicht einmal die eher leichte Last tragen können, anderen Menschen Raum zur Selbstbestimmung zu geben, disqualifizieren wir uns für die Teilhabe an der Demokratie.

Jaron Laniers Thesen bekommen vor dem Hintergrund seines Lebenslaufes noch einen ganz anderen Aspekt. David Hugendick nennt ihn in der „Zeit“ einen der „Evangelisten des Silicon Valley“. Jaron Lanier kritisiert also Zustände, in deren Entstehungsprozess er eine zeitlang mitgewirkt hat. Als ehemaliger Insider hat er ganz andere Einblicke in die komplexe Thematik als viele andere. Was ihm auf der einen Seite Autorität verleiht, bringt ihm andererseits misstrauische Fragen der Netzgemeinde ein. Er polarisiert also und befeuert wichtige Debatten. Das wiederum finde ich hochsympathisch. Das aktuelle Buch „Wem gehört die Zukunft?“ steht schonmal auf meiner Leseliste. Dann google ich gleichmal ein paar Rezensionen.

Spannendes Konzept: Hier wird „Online-Buchhändler“ sehr wörtlich genommen. Auf der Plattform mybook können sich Buchkäufer auf der Suche nach einer Empfehlung beraten lassen. Wer auf „Los geht’s“ klickt, bekommt einige Fragen gestellt. Das Ziel: Am Ende bekommt der User eine Mail mit drei Vorschlägen von einem der „Buchexperten“ und einen Link zum Buchkauf auf mybooks.

„Baukasten-Beratung“, ist mir da zuerst verächtlich durch den Kopf geschossen, aber ich musste mich bremsen. Als Buchhändlerin höre ich von vielen Seiten bereits den Abgesang auf meinen Beruf und ich bin ein bisschen dünnhäutig geworden. Aber in meiner perfekten Welt würde sich „online“ und „Buchhandel“ besser vertragen und ich hätte eine Buchhandlung, in der man sich online beraten lassen kann und dann noch das Buch in den Briefkasten bestellen kann, das wäre eine prima Sache, dann wären alle glücklich, Buchhändler müssten nicht zum LKW-Fahrer umschulen, Amazon wäre ein kleines Licht und kurz gesagt: Ja, wir hätten natürlich Weltfrieden. Aber zurück zum Thema.

Jetzt kommt mybook des Weges und bietet statt eines Algorithmus also eine Beratung von jemandem der ein Gesicht und einen eigenen Kopf hat. Also keinen Empfehlungsautomaten, sondern einen Buchhändler mit mehr Möglichkeiten? Ich habe mich durch die Fragen geklickt und festgestellt: Die Mehrzahl der Fragen stelle ich den Kunden in einer Buchhandlung auch. Suchst du ein Buch für dich oder jemand anderen? Mann oder Frau? Welches Genre soll es sein?
Ich habe nach Beantwortung der Fragen drei Empfehlungen für neue Kurzgeschichten-Bücher erhalten.

Wassererzählungen

Wassererzählung: Hört sich gut an.

Drei Stühle

Drei Stühle: Das ist der Zonk!

Zehnter Dezember

Zehnter Dezember: Mein Favorit!

 

 

 

 

 

 

 

Das sieht nach einer ganz guten Quote aus: Von drei Empfehlungen, ist eins ganz okay und eins sogar interessant. Wenn ich Kunden drei Bücher empfehle und wenigstens eins davon als interessante Anregung in die engere Auswahl kommt, bin ich schon immer ganz zufrieden. Ein Vorschlag liegt allerdings soweit daneben, dass ich mich frage, ob meine angegebenen Lieblingsautoren und zwei Lieblingsbücher überhaupt beachtet wurden. Kulinarische Geschichten von Kreta? Äähm, nein danke!

Ich schätze, wenn es nach den Betreibern der Seite geht, sollten die, die sich dort beraten lassen auch idealerweise das Buch auf der selben Seite bestellen. Doch es bleibt zu befürchten, dass es mybooks so ergehen wird wie den Buchhandlungen im echten Leben auch: Von der netten Buchhändlerin beraten lassen, nach Hause gehen, woanders bestellen.

Wenn ich ehrlich bin, finde ich die Idee gut und bin gespannt, was man davon noch hören wird. Aber das sage ich natürlich nicht, weil ich eine Buchhändlerin mit Zukunftsängsten bin, die sich eigentlich nur Weltfrieden wünscht.