Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Die Nachrichten sind voll Trauer und Verlust: Flugzeugabsturz, Wohnhausexplosion, Bomben im Nahen Osten, der Tod des schwedischen Nobelpreisträgers Tranströmer. Wir stehen dem Leid mit Hilflosigkeit gegenüber. Was bleibt uns übrig, als uns mit einem Buch in eine Decke zu kuscheln und uns in die Welt unserer Lieblingsromane zu verkriechen? Buchliebhaber wussten es irgendwie schon immer, was im kürzlich veröffentlichten Artikel der FAZ beschrieben wurde: Bücher sind heilsam.

Die Bücher und Erzählungen von Banana Yoshimoto thematisieren nicht selten den Verlust von nahestehenden Personen. Mit ihrem neuen Roman „Moshi Moshi“ erzählt die japanische Autorin die Geschichte von Yotchan und ihrer Mutter, die nach dem rätselhaften Suizid des Vaters und Ehemanns vor den Scherben ihres bisher gutbürgerlichen Lebens stehen. Yohimotos Sprache – wie ich sie bereits liebe – ist reflektiert, poetisch und großartig in den leisen Tönen. Moshi Moshi
Sie erzählt von einem Neuanfang in kleinen Schritten, für den die beiden Frauen sich nicht nur selbst, sondern auch ihre Beziehung zueinander neu erfinden müssen. Yotchan findet Trost in einer neuen Wohnung, viel Arbeit und Antworten auf ihre offenen Fragen. Ihre Mutter legt allmählig ihre Rolle als gutsituierte Oberschichts-Hausfrau ab und sucht in den Straßen von Shimokitazawa nach sich selbst. Auch wenn ich es an der Hauptfigur nicht schätze, dass sie mit Männern schläft, die sie an ihren Vatern erinnert. Insgesamt ist „Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto dennoch ein sehr schönes Buch, das uns sanft in Erinnerung ruft, dass es bei aller Tragik nicht hilft, sich selbst aufzugeben.

Auch die Protagonistin im Thriller „Die Falle“ von Melanie Raabe hat auf schlimmste Art und Weise ein Familienmitglied verloren. Denn die Bestseller-Autorin Linda Conrads ist Zeugin am Mord ihrer Schwester vor zwölf Jahren. Doch der Mörder wird nicht gefunden und sie zieht sich mit ihrem Schmerz von der Welt zurück. In der Abgeschiedenheit ihres Hauses fühlt sie sich sicher, bis sie das „Monster“ im Fernsehen wiedererkennt: Ein Journalist, den die Einsiedlerin mit ihrem neuen Roman zu sich locken will. Die traumatisierte Linda nimmt ihren Mut zusammen, schreibt einen Krimi, der die Ereignisse von damals aufarbeitet und bereitet das Interview vor, in dem sie sich ein Geständnis von dem Mörder ihrer Schwester erhofft. Debütautorin Melanie Raabe entwickelt ein psychologisch aufreibendes Verwirrspiel darum, wer Täter und wer Opfer ist. Die Falle
Der Leser wird von Melanie Raabes sensiblen Sprachgefühl in seinen Bann geschlagen, tappt in ihre Falle und zweifelt schließlich an sich selbst. Spannung und Erzählkunst stehen hier in einem so ausgewogenen Verhältnis, dass kleine Klischees verzeihlich sind. (Wie etwa das „tollpatschige Frau lässt was fallen, will es aufheben und stößt mit dem Kopf ihres hilfsbereiten Traummannes zusammen“-Klischee)  Die ansonsten durchweg inspirierende Erzählweise ist eine Freude. Melanie Raabe ist mit „Die Falle“ ein tolles Buch gelungen, das die Hauptfigur und den Leser an seine Grenzen bringt. Sie schildert nicht nur den Schmerz und die Trauer der Protagonistin eindrücklich, sondern auch ihren Weg, um sich davon zu befreien.

Die Erzählungen und Essays in „Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan verströmen trotz der traurigen Hintergrundgeschichte Hoffnung, Lebenslust und Kraft.  Die junge US-amerikanische Autorin kam nämlich kurz nach ihrem Studienabschluss in einem Autounfall ums Leben. Ihre großartigen Texte wurden posthum veröffentlicht und sind auf dem besten Weg, ein Bestseller zu werden. Denn die Tragik und all die düsteren „Was wäre wenn…?“-Gedanken treten bei der Lektüre schnell in den Hintergrund. Marina Keegans Sprachtalent, ihre großartigen Dialoge und ihr Gespür für Zwischenmenschliches haben mich einfach begeistert. Das Gegenteil von Einsamkeit
Die Geschehnisse sind zum Großteil sehr alltäglich, doch mit brillanter Beobachtungsgabe erzählt. Wie groß muss der Schmerz der Eltern sein, ihre talentierte Tochter zu verlieren? Was für eine große Autorin ist der Welt verloren gegangen? Diese Fragen kann der Leser nicht beantworten. Aber das Buch ist ihr Vermächtnis an uns und hat mich direkt angesprochen: Die Welt steht uns offen. Oft macht uns das Leben einen Strich durch unsere Rechnung, aber es ist am Ende das einzige, das wir haben.

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