Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Reinhard Jirgl und Georg Klein haben beide im gleichen Jahr zwei Romane veröffentlicht, die sich mit der Zukunft der Menschheit beschäftigen. Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ und Kleins „Die Zukunft des Mars“ erschienen 2013 und erzählen beide auf ihre Weise wie eine Zukunft aussieht, in der die Marsbesiedlung Realität geworden ist.  „Juhu, Marsbesiedlung“, dachte ich. „Juhu, Jirgl und Klein“, dachte ich. Also habe ich angefangen zu lesen.

In Reinhard Jirgls „Nichts von euch auf Erden“ kehren die Menschen, die seit mehreren Generationen auf dem Mars leben zurück auf die Erde, denn das Terra-Forming Projekt muss nachgebessert werden. In ihrer Abwesenheit hat sich die Gesellschaft der Menschen jedoch stark verändert. Die Ländergemeinschaften sind isoliert voneinander, jegliche Art von Konflikt ist beigelegt, die menschliche Natur ist durch einen Eingriff in das Erbgut völlig frei von Aggressionen, sexuellen Bedürfnissen und der Notwendigkeit von emotionalen Bindungen. wpid-img_20140726_090633.jpg
Die Marsmenschen sind hingegen den heutigen Menschen in Sprache, Denkweisen und Temperament ähnlich geblieben. Sie reißen die Macht auf der Erde an sich, „korrigieren“ das veränderte Erbgut der schlaffen Erdenmenschen und verpflichten Zwangsarbeiter.
Jirgl erzählt sehr verdichtet, lyrisch und technisch vom großen Universum, in dessen Maßstab von Zeit und Raum der Mensch nur eine kleine Anomalie ist.

In Georg Kleins „Die Zukunft des Mars“ haben die Menschen ebenfalls versucht, den Mars zu besiedeln. Dieses Vorhaben wird jedoch als gescheitert betrachtet, da der Kontakt zu den Kolonisten nach einem schweren Unglück abbrach. Doch der Leser erfährt von einer Gesellschaft auf dem Mars, die sich ohne Kontakt zu den Vorvätern auf der Erde, eigenständig und mit zäher Ausdauer weiterentwickelt. Wechselnd erzählt Klein von dem entbehrungsreichen Leben auf dem Mars und dem Leben auf der Erde, das von Krieg, Mangel und Krankheiten gekennzeichnet ist. wpid-img_20140824_173405.jpg
Während der junge Hilfsarzt Porrporr in seinen heimlichen Aufzeichnungen Einblick in die Kultur auf dem Mars gibt, wird auf der Erde die Geschichte der Lehrerin Elussa und ihrer Tochter Alide erzählt. Georg Klein liefert einen spannenden Zukunftsroman, der ohne langatmige wissenschaftliche Ausführungen auskommt und dem Leser trotzdem ein geschlossenes Zukunftsbild zeichnet.

Brüder im Geiste: Georg Kleins und Reinhard Jirgl haben sich einem ganz ähnlichen Thema gewidmet. Schafft es der Mensch, den Mars zu kolonisieren? Was passiert mit den Menschen auf der Erde?
Jirgl beantwortet diese Fragen fast schon wissenschaftlich. Basierend auf heutigen Prognosen und Technologien extrapoliert er ein Zukunftsszenario, das teilweise denkbar aber nicht sehr reizvoll ist. Der Grundtenor ist ein alter Bekannter: Der Mensch richtet sich selbst zugrunde. Und: Geschichte wiederholt sich. Sein Hauptheld fügt sich in sein wechselhaftes Schicksal und steuert unaufhaltsam mit dem Rest der Menschheit auf die große Katastrophe zu. Dabei seziert Jirgl mit seiner verdichteten Sprache und seiner eigenwilligen Interpunktion unsere Kultur und Denkmuster. Entstanden durch einen unwiederholbaren Zufall, hinterlässt der Mensch eine Schneise der Zerstörung hinter sich und verschwindet schließlich von der Bildfläche.
Auch bei Klein ist die Zukunft keine goldene: Der Mensch verschenkt die Chancen der von ihm entwickelten Technologien, die Marsmission geht über Kriege und Konflikte in Vergessenheit. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass die Erdengesellschaft in Kleins Roman durch Krankheit, Krieg und Katastrophe sogar in die Vergangenheit zurückgeworfen wurde. Kleins Roman liest sich flüssiger als der kopflastige Roman von Jirgl. Er erzählt eine Zukunftsgeschichte mit sympathischen Haupthelden, überraschenden Wendungen und Happy-End, der Leser kann sich vollständig in der Atmosphäre des Romans verlieren. Beide Autoren sind hervorragende Erzähler. Jirgls Stil und Sprachgewalt überfordern den Leser auf angenehm anregende Weise.

Die Lektüre von Jirgls Buch hat allederdings weit mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich für ein Buch gleicher Stärke gewohnt war. „Juhuu“, habe ich erst wieder gedacht als ich es endlich durchgelesen hatte.

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Kommentare zu: "Rezension: Zukunftsromane von Jirgl und Klein" (3)

  1. Du hast meine ganze Bewunderung dafür, dass du dieses Buch gelesen hast. 😀 Ich werde es wohl nie lesen, dazu klingt es einfach zu abgedreht … du sprichst von einer angenehmen Überforderung, aber ich befürchte, dass die sich bei mir nicht einstellen würde. 😉

    • Danke, ich denke, so schnell lese ich auch erstmal keinen Jirgl wieder. Es gab sehr gute Stellen in der er viel von Büchern redet und menschlicher Vorstellungskraft, die diese ganzen wissenschaftlichen Abhandlungen etwas aufgelockert haben. Aber es kostet wirklich viel Kraft 🙂

  2. Beide Bücher klingen sehr spannend, vor allem im Vergleich wird bewusst, wie sehr der Mars ein Sehnsuchtsort für die Menschen ist, nicht nur in der Literatur.

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