Bücher, Netzwelt und Stimmen in meinem Kopf

Immer das gleiche. Wenn die Preisträger von diversen Nobel- oder (wie nun kürzlich) des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ausgerufen werden, sagen mir die Namen und Gesichter in den meisten Fällen – nichts. Ich Banause habe dann vom großen Beitrag zu unserer Gesellschaft und Kultur nichts geahnt. Aber wie singt schon Amanda Palmer: „I google you / When I’m alone in my room and I’ve got nothing to do“ Also nehme ich den Finger aus der Nase und setze mich an den Computer.

Ich google den diesjährigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Jaron Lanier und werde fündig – mit einem Beitrag über Google. Zur Debatte rund um das Internet-Thema „Ein Recht auf Vergessenwerden“ ist in der FAZ am 01. Juni ein interessanter Beitrag unter dem Titel „Die bittere Pille Demokratie“ in der Übersetzung von Michael Bischoff erschienen. Jaron Lanier stellt darin eine wichtige Frage:

Möchten wir, dass die Menschen sich online ehrlich äußern, oder möchten wir, dass sie aus diesem Beispiel lernen und lieber vorsichtig und unehrlich sind?

Wem gehört die Zukunft?

Jaron Lanier
„Wem gehört die Zukunft?“
Hoffmann und Campe Verlag

Lanier ist Informatiker, Autor, Musiker, Künstler und seines Zeichens Internetkritiker finde ich später heraus. Dass er überall als „Mahner für die Gefahren des Internets“ beschrieben wird, macht mich gleichermaßen misstrauisch und neugierig. Grusel grusel, böses Internet? In einem anderen Beitrag ist er mit Brille und erhobenen Zeigefinger zu sehen und wenig später lese ich, dass er in seinem Buch „You are Not a Gadget“ die Open Source-Bewegung kritisiert. Klingt nicht sehr sympathisch. Aber Gegenstimmen sind wichtig und auch wenn ich auf den ersten Blick nicht alle Thesen unterstützen würde, geht es natürlich darum, deren Bedeutung für unsere Gesellschaft zu diskutieren. Ich nehme mir vor: Ich sollte seine Bücher lesen, bevor ich vorschnell urteile. Im FAZ Beitrag heißt es abschließend:

Die Gesellschaft sollte ein Interesse an der Förderung eines echten, unparteiischen Internet haben, aber im Augenblick geschieht fast genau das Gegenteil. […] Und wenn wir zulassen, dass gigantische Unternehmen zur Clearingstelle für unser aller Identität werden, dann ist das eine Form zentralisierter Macht.
[…]
Deshalb ist Demokratie für manche idealistischen Nerds eine bittere Pille. Aber in der Demokratie geht es darum, dass Menschen mit anderen Menschen auskommen. Wenn wir nicht einmal die eher leichte Last tragen können, anderen Menschen Raum zur Selbstbestimmung zu geben, disqualifizieren wir uns für die Teilhabe an der Demokratie.

Jaron Laniers Thesen bekommen vor dem Hintergrund seines Lebenslaufes noch einen ganz anderen Aspekt. David Hugendick nennt ihn in der „Zeit“ einen der „Evangelisten des Silicon Valley“. Jaron Lanier kritisiert also Zustände, in deren Entstehungsprozess er eine zeitlang mitgewirkt hat. Als ehemaliger Insider hat er ganz andere Einblicke in die komplexe Thematik als viele andere. Was ihm auf der einen Seite Autorität verleiht, bringt ihm andererseits misstrauische Fragen der Netzgemeinde ein. Er polarisiert also und befeuert wichtige Debatten. Das wiederum finde ich hochsympathisch. Das aktuelle Buch „Wem gehört die Zukunft?“ steht schonmal auf meiner Leseliste. Dann google ich gleichmal ein paar Rezensionen.

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